Mit Rotation zum Erfolg. In Hagen arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen -
Startseite » Fachbeiträge » Archiv SB » Mit Rota­tion zum Erfolg

In Hagen arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen

Mit Rota­tion zum Erfolg

Anzeige
In der Inte­gra­ti­ons­ab­tei­lung des Unter­neh­mens Spring­tec, Schrimpf & Schö­ne­berg arbei­ten 16 Menschen mit Behin­de­rung. Die Männer und Frauen sind ein selbst­ver­ständ­li­cher Teil der 70-köpfigen Beleg­schaft. Geför­dert wurde die Abtei­lung vom Land­schafts­ver­band Westfalen-Lippe (LWL) und dem NRW-Landesprogramm „Inte­gra­tion unter­neh­men!“.

Bei Knut Schus­ter war es der Vater, der ihm klar­machte, dass Menschen mit Behin­de­run­gen ebenso große Chan­cen wie nicht­be­hin­derte Menschen haben soll­ten. Schon, weil sein Vater an einer offe­nen Tuber­ku­lose litt und eine Wirbel­säu­len­ver­krüm­mung sowie eine dementspre­chende Körper­hal­tung hatte.

„Wenn die ande­ren Kinder mir mal sagten, dass er sich aber komi­sch bewe­gen würde, habe ich immer nur geant­wor­tet, dass er genauso ein Papa wie alle ande­ren ist“, erin­nert sich der 41-Jährige, der in Hagen-Hohenlimburg die Geschäfte der „Spring­tec Group, Schrimpf und Schö­ne­berg“ führt. Deshalb, so sagt er heute, ist es für ihn auch selbst­ver­ständ­lich, dass in seinem Unter­neh­men, das Federn aus Stahl­draht und andere Stanz- und Biege­teile für die Auto-, Luftfahrt-, Elektrotechnik- und Sani­tär­in­dus­trie herstellt, Menschen mit Handi­caps arbei­ten.
Sascha Thiele ist einer der 16 Mitar­bei­ter mit Behin­de­rung, die in der Inte­gra­ti­ons­ab­tei­lung des Unter­neh­mens einen festen Arbeits­platz haben. In der Halle, in der der 32-Jährige tätig ist, spucken Dutzende Maschi­nen im Sekun­den­takt Federn aus, drei­fach, fünf­fach, zehn­fach gedreht, abge­win­kelt, gestanzt, zwischen eini­gen Milli­me­tern und mehre­ren Zenti­me­tern groß. Thiele stellt sie mit geüb­tem Griff in ausge­bohrte Löcher eines runden Stahl­tel­lers, der sich unauf­hör­lich dreht. In der Maschine fährt ein Schleif­tel­ler über die Federn und nivel­liert sie, so dass sie an beiden Seiten eben werden. Peni­bel achtet er darauf, dass alle Löcher besetzt sind und die Federn gerade stehen.
Sascha Thiele hat die Sonder­schule besucht und dann im Inte­gra­ti­ons­un­ter­neh­men „Proin­te­gra­tion“ – eben­falls in Hagen-Hohenlimburg – eine Ausbil­dung zum Gärt­ner gemacht. Danach hat er mehr­fach den Arbeit­ge­ber gewech­selt. „Das hat oft nicht gepasst“, sagt Thiele, der „lang­sa­mer lernt als andere“, wie er selbst sagt. Er scheint lange für jede Antwort zu über­le­gen, wirkt schüch­tern.
Bei Spring­tec gilt Thiele als „zuver­läs­sig und sehr akku­rat“. Einen Führer­schein hat er auch. Den hatte er schon im ersten Job gemacht. Thiele ist inte­griert, „komplett“, wie Knut Schus­ter stolz erzählt. Die Männer und Frauen mit psychi­schen oder körper­li­chen Behin­de­run­gen sind ein selbst­ver­ständ­li­cher Teil der 70-köpfigen Beleg­schaft am Stand­ort gewor­den. „Am Anfang haben sich die Kolle­gen zwar erst einmal beäugt“, erin­nert sich der drei­fa­che Vater Schus­ter an die Grün­dung der Inte­gra­ti­ons­ab­tei­lung im Jahr 2009, die der Land­schafts­ver­band Westfalen-Lippe (LWL) sowie das NRW-Landesprogramm „Inte­gra­tion unter­neh­men!“ förder­ten. „Mit der Gewohn­heit aber fielen alle Schran­ken“, erzählt er. „Heute haben sich Fahr­ge­mein­schaf­ten gebil­det, hilft einer mit Lkw-Führerschein dem behin­der­ten Kolle­gen beim Umzug, verbrin­gen Mitar­bei­ter mit und ohne Behin­de­rung die Mittags­pause gemein­sam.“
Die Betreue­rin
Den Kontakt zu Spring­tec verdankt Sascha Thiele einer Betreue­rin, die ihn schon während der Lehre beglei­tet hatte. „Sie hat mir von der Arbeit hier erzählt und ist mit mir auch zum Vorstel­lungs­ge­spräch gegan­gen. Der Job hier gefällt mir gut“, sagt Thiele. Mehr Geld verdiene er auch. Er fühle sich wohl im Team und mit seinen Chefs. Das klingt nach einem gelun­ge­nen Start, bedeu­tet aber auch viel Arbeit, macht Knut Schus­ter klar. Für die 16 Kolle­gen mit Behin­de­rung ist in der Verwal­tung vor allem Monika Gloer­feld zustän­dig. „Bei manchen weiß ich zum Beispiel, dass es ihnen sehr gut tut, wenn ich sie alle paar Tage anspre­che und nach ihrem Wohl­be­fin­den frage“, berich­tet die 59-Jährige, die Indus­trie­kauf­frau gelernt hat und später Mutter-Kind-Kuren orga­ni­sierte. „Ich bin deswe­gen öfter als üblich auch mal in der Produk­tion unter­wegs, unter­halte mich mit den Kolle­gen und schaffe so eine ange­nehme Atmo­sphäre.“
Sascha Thiele führt die Betreue­rin Monika Gloer­feld gerne als Beispiel an. „Da zeigt sich, was es ausmacht, wenn ein Mitar­bei­ter an der rich­ti­gen Stelle einge­setzt wird und ihm seine Arbeit zusagt.“ Sie freut sich, wenn Arbeit und Mensch zuein­an­der passen. „Bei unse­ren Mitar­bei­tern mit Behin­de­rung ist der Kran­ken­stand zwar leicht höher als bei den nicht­be­hin­der­ten“, sagt sie verständ­nis­voll, „weil viele Kolle­gen nun mal eine ange­schla­gene Gesund­heit haben.“ Sascha Thiele aber hat in zwei Jahren kein einzi­ges Mal gefehlt.
Den gehan­di­cap­ten Kolle­gen bedeute die Arbeit viel, ergänzt sein Chef. „Wenn die Leute erst einmal bei uns anfan­gen, dann blei­ben sie auch“, sagt Knut Schus­ter, der ein drei- bis vier­wö­chi­ges Prak­ti­kum vor die Fest­ein­stel­lung setzt. „Beide Seiten müssen sehen, ob sie zuein­an­der passen. Wir sind ein Wirt­schafts­un­ter­neh­men, das im harten Wett­be­werb steht. Da können wir es uns nicht erlau­ben, dass unsere Mitar­bei­ter stän­dig wech­seln.“
Der Unter­neh­mer
Die Entschei­dung für die Inte­gra­ti­ons­ab­tei­lung bei Spring­tec sei auch aus unter­neh­me­ri­schen Grün­den gefal­len – „die Alter­na­tive wären Arbeits­plätze im Ausland gewe­sen, die aber wohl nicht die Quali­tät hervor­ge­bracht hätten, die wir benö­ti­gen.“ Dass sie eine Inte­gra­ti­ons­ab­tei­lung gegrün­det haben, bereuen Schus­ter und sein Mitge­schäfts­füh­rer Jürgen Hammer­meis­ter nicht. Ein Grund für das Gelin­gen: Das Unter­neh­men arbei­tet seit mehr als 15 Jahren mit den Iser­loh­ner Werk­stät­ten für Menschen mit Behin­de­rung zusam­men. 2003 rich­tete die Springtec-Group in den eige­nen Hallen Außen­ar­beits­plätze der Werk­statt ein, aus denen auch mit Hilfe des vom LWL bezahl­ten Inte­gra­ti­ons­fach­diens­tes Hagen die Inte­gra­ti­ons­ab­tei­lung erwach­sen ist.
Wobei die Inklu­sion (das Fach­wort für Einbe­zie­hung und Einschluss) in der Springtec-Group sogar noch weiter geht. „Wir lassen unsere Mitar­bei­ter mit und ohne Behin­de­rung in den Abtei­lun­gen an den glei­chen Maschi­nen rotie­ren“, sagt Schus­ter. „Auf diese Weise wächst das Team noch besser zusam­men.“
Über 100 Inte­gra­ti­ons­be­triebe
In 113 Inte­gra­ti­ons­un­ter­neh­men in Westfalen-Lippe arbei­ten Menschen mit und ohne Behin­de­rung zusam­men. Die Firmen sorgen für Inklu­sion im Arbeits­le­ben, müssen sich auf dem freien Markt bewei­sen – und sind im Schnitt um die Hälfte kosten­güns­ti­ger als die Plätze in den Werk­stät­ten für Menschen mit Behin­de­run­gen. Die Inte­gra­ti­ons­be­triebe arbei­ten in Indus­trie, Hand­werk und Handel – und bieten eine erstaun­li­che Viel­falt an Produk­ten und Dienst­leis­tun­gen an. Super­märkte, Garten­bau­be­triebe, Hotels, Cafés, Radsta­tio­nen, ein Golf­platz und sogar eine Braue­rei werden von Beleg­schaf­ten betrie­ben, in denen auch Menschen mit Behin­de­run­gen arbei­ten.
Anzeige

Sicher­heits­be­auf­trag­ter

Sicher­heits­in­ge­nieur

Anzeige

Industrie.de Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de