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Ohne Zollstock oder erhobenen Zeigefinger

Ergonomie nachhaltig vermitteln
Ohne Zollstock oder erhobenen Zeigefinger

Gabriele Hiessl und Tom Schuster leiten das dreitägige Seminar, in dem Theorie und Praxis eng miteinander verzahnt sind. Nach der Ausbildung mit schriftlicher Prüfung erhalten die Teilnehmer zum Abschluss das Zertifikat. (Foto: Konradin, Petra Jauch)
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Im kom­menden Jahr ermöglicht die Si-Akademie wieder Inter­essen­ten, sich als Ergonomie-Coachs Ver­wal­tung zer­ti­fizieren zu lassen. Wir sprachen mit Ref­er­entin Gabriele Hiessl über den Sinn und Zweck der Fort­bil­dung, den Auf­bau des Sem­i­nars und warum sich Beschäftigte mit dem The­ma Ergonomie bisweilen schw­er tun.

Frau Hiessl, zusam­men mit Tom Schus­ter bilden Sie im kom­menden Jahr wieder Ergonomie-Coachs für Ver­wal­tungsar­beit­splätze aus. Heißt das, die Teil­nehmer sollen nicht nur selb­st etwas ler­nen, son­dern dieses Wis­sen anschließend an Beschäftigte im Büro weitergeben?

Ja, das ist richtig: An den drei Sem­i­narta­gen ver­mit­teln wir den Teil­nehmern nicht nur fach­liche Inhalte, son­dern befähi­gen und motivieren sie auch dazu, ihr Wis­sen und ihre neu gewonnenen Erken­nt­nisse zu ver­bre­it­en. Dazu erhal­ten sie von uns das nötige Handw­erk­szeug, zum Beispiel Argu­men­ta­tion­shil­fen und Ansätze für eine gelun­gene Kommunikation.

Kommt denn das The­ma Ergonomie bis­lang so schlecht an?

Es wurde vielle­icht zu sehr als Weißkit­tel- oder Zoll­stock­er­gonomie wahrgenom­men, sprich, der Arbeitsmedi­zin­er hebt mah­nend den Zeigefin­ger oder der Sicher­beauf­tragte fuchtelt mit dem Zoll­stock – jet­zt mal über­spitzt dargestellt. Damit erhält die The­matik einen Anstrich von Krankheit, wom­öglich ver­bun­den mit Maßregelung oder Tadel, weil man etwas falsch gemacht hat. Tat­säch­lich geht es aber um etwas Pos­i­tives, näm­lich um die Fähigkeit, seine Gesund­heit aus eigen­er Kraft aufrechtzuer­hal­ten und zu fördern. Dazu sollen die Men­schen ermuntert werden.

Die kün­fti­gen Ergonomie-Coachs ver­mei­den also den erhobe­nen Zeigefin­ger und bieten stattdessen Hil­fe zur Selbsthilfe?

Ja, das kann man so sagen. Sie geben die notwendi­gen Impulse und bieten indi­vidu­elle Unter­stützung. Das steckt ja auch im Begriff Coach.

Worum geht es denn nun konkret: Was ist Gegen­stand der Büro-Ergonomie?

Ein enormer Belas­tungs­fak­tor in der Ver­wal­tung ist das lange Sitzen. Mit der Bild­schir­mar­beit und dem demografis­chen Wan­del hat das The­ma noch mehr Gewicht bekom­men: Die Men­schen bewe­gen sich erwiesen­er­maßen immer weniger, verän­dern nicht ein­mal mehr regelmäßig ihre Sitz­po­si­tion. Dafür ist unser Kör­p­er aber nicht gemacht – eigentlich ist Sitzen über­haupt nicht in unser­er Phys­i­olo­gie angelegt. Langzeit­stu­di­en aus Aus­tralien und Eng­land bele­gen inzwis­chen mit konkreten Dat­en, dass Dauer­sitzen die Lebenser­wartung verkürzt. Das drückt sich auch in dem inzwis­chen häu­fig zitierten Satz „Sitzen ist das neue Rauchen“ aus. Aber natür­lich geht es bei der Büro-Ergonomie auch noch um andere Fak­toren wie Lärm, Luft und Licht.

Wirk­lich neu ist das Wis­sen um falsche Kör­per­hal­tun­gen und die enorme Schädlichkeit von Dauer­sitzen ja nicht. Im Arbeit­sall­t­ag geht es aber trotz­dem oft unter. Wie wollen Sie das verhindern?

Durch Visu­al­isieren. Ich bringe beim Ergonomie Coach­ing meinen Kun­den einen Apfel mit, den ich ihnen als Kro­ne auf­set­ze. Um den Apfel auf dem Kopf zu bal­ancieren, müssen sie ver­schiedene Sitzhal­tun­gen ein­nehmen. Das heißt, sie sind in Bewe­gung. Einen Apfel verbinden Men­schen zudem mit Gesund­heit. Oft essen sie ihn gle­ich auf. Nicht sel­ten höre ich auch später, dass sie an mich denken, wenn sie beim Einkaufen Äpfel sehen oder kaufen. So entste­ht eine Gedächtnis-Brücke.

Wie ist das Sem­i­nar konzipiert?

Am ersten Tag ste­hen the­o­retis­che Grund­la­gen und Prax­is in Anatomie und Ergonomie auf dem Pro­gramm, gefol­gt von einem Tandem­tag mit Coach­ing-Inhal­ten und Vorstel­lung des T.O.P Mod­ells. Wir nen­nen diesen Tag Tandem­tag, weil wir ihn zu zweit im Wech­sel gestal­ten. Am drit­ten Tag kommt dann der Abschluss mit Prü­fung und noch ein­mal viel Praxis.

Drei Tage Pro­gramm – das ist schon recht zeit­in­ten­siv. Was spricht gegen ein Tagesseminar?

Wir bieten einen großen The­o­rie- und Prax­is­teil und geben den Teil­nehmern ein Erleb­nis mit auf den Weg, das dauer­haft nach­wirkt. Ver­hal­tensän­derun­gen sind nun ein­mal nicht auf die Schnelle möglich. Ein dre­itägiges Sem­i­nar hat zudem den Vorteil, dass sich die Teil­nehmer rege untere­inan­der aus­tauschen. Am ersten Tag beschnup­pern sie sich zunächst, aber ab Tag 2 ist der Erfahrungs- und Wis­sensaus­tausch erfahrungs­gemäß sehr inten­siv und macht auch einen Teil des Sem­i­nars aus. Die unter­schiedliche Teil­nehmer­struk­tur trägt eben­falls dazu bei – sofern „Spezial­is­ten“ mit beson­deren Qual­i­fizierun­gen dabei sind, ver­suche ich, diese einzu­binden. Im let­zten Sem­i­nar war dies zum Beispiel eine Dame mit ein­er Sehschule. Gutes Sehen und Übun­gen dazu sind mein The­ma. Als ich sie um Ergänzun­gen dazu gebeten habe, wurde das äußerst pos­i­tiv aufgenommen.

Im let­zten Prax­is­train­ing geht es um Kurzentspan­nung. Was hat Ergonomie mit Stress zu tun?

Durch einen gut organ­isierten Schreibtisch und fol­glich funk­tion­ierende Abläufe, durch ergonomis­che Büromö­bel und Hil­f­s­mit­tel, wird der Stress aus den Ver­hält­nis­sen min­imiert. Mit den vorgestell­ten unter­schiedlichen Entspan­nungsmeth­o­d­en wird das Ver­hal­ten bee­in­flusst. So entste­ht ein entspan­ntes Arbeit­en am Schreibtisch.

Wer ist die Ziel­gruppe für das Sem­i­nar und mit wie vie­len Teil­nehmern wird gerechnet?

Ange­sprochen Sicher­heits­beauf­tragte oder Men­schen, die sich mit betrieblich­er Gesund­heits­förderung beziehungsweise Betrieblichem Gesund­heits­man­age­ment beschäfti­gen. Die Grup­pen­stärke beträgt ide­al­er­weise 12 bis 16, die Min­dest­teil­nehmerzahl liegt bei acht Personen.

Der Wech­sel zwis­chen The­o­rie und Prax­is, zwis­chen Grup­pe­nar­beit und Einzel­beiträ­gen, die regelmäßige Wieder­hol­ung des Stoffs und der inten­sive Aus­tausch – ste­hen diese Ele­mente auch für einen hohen didak­tis­chen Anspruch?

Das Konzept ist durch­dacht und geht auf, es hat sich sehr gut bewährt. So machen wir das schon seit rund drei Jahren – mit stets zufriede­nen Teilnehmern.

Dann ist bis­lang offen­bar kein­er durch die Prü­fung gefallen?

Nein, das ist noch nie passiert und das muss auch wirk­lich nie­mand befürcht­en. Wer aufmerk­sam am Pro­gramm teil­nimmt, bekommt mit Sicher­heit sein Zer­ti­fikat. Und nicht nur das: Er bekommt etwas fürs Leben!

Sie wollen “Ergonomie-Coach Ver­wal­tung (IGR e.V. zert.)” werden?

Hier geht es zu den Terminen!


Die Ref­er­enten des Seminars:

Gabriele Hiessl arbeit­et als freiberu­fliche Ref­er­entin für Büro-Ergonomie und ist als Coach im Bere­ich der betrieblichen Gesund­heits­förderung tätig. Ihre Konzepte set­zt sie bun­desweit um und ver­mit­telt neben the­o­retis­chen Hin­ter­grün­den vor allem prak­tis­che Zugänge zum direk­ten Ein­stieg in die Thematik.

Tom Schus­ter lebt in der Schweiz und ist selb­st­ständi­ger Innenar­chitekt, Büro­plan­er und Ergonomieber­ater. Er gibt Sem­i­nare in den Bere­ichen Büro­pla­nung, Gestal­tung und Ergonomie. Sein Cre­do: „Büros sind Räume zum Leben und Arbeite. Sie sollen funk­tion­ierende, motivierende und ästhetis­che Ein­rich­tun­gen sein, in denen der Men­sch im Vorder­grund steht.“

 

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