Startseite » Akademie » Akademie-Meldungen »

Die Realität sieht anders aus

Arbeiten in Großraumbüros
Die Realität sieht anders aus

Überleben im Büro - gar nicht so einfach so hin und wieder. Foto: © Kaspars Grinvalds - stock.adobe.com

Die mas­siv­en Verän­derun­gen in der Arbeitswelt – organ­isatorisch, inhaltlich, tech­nol­o­gisch, sozial – führen auch dazu, dass viele Auf­gaben in Organ­i­sa­tio­nen nicht mehr von Indi­viduen, son­dern von Pro­jek­t­grup­pen, Teams, wech­sel­nden Zusam­men­stel­lun­gen von Mitar­bei­t­en­den bewältigt wer­den. Prog­nosen sagen voraus, dass dieser Trend weit­erge­hen wird und dass im Mit­telpunkt zukün­ftiger Bürotätigkeit­en nicht mehr das Erledi­gen von Rou­tin­ear­beit­en ste­ht, son­dern eine kom­plexe Wis­sensver­ar­beitung, das Agieren in virtuellen Net­zw­erken und das Arbeit­en in Teams.

Teams in Organ­i­sa­tio­nen erleben heute sich drastisch verän­dernde Rah­menbe­din­gun­gen für ihre Arbeit. Die schnelle Entwick­lung der Infor­ma­tions- und Kom­mu­nika­tion­stech­nolo­gien sowie zunehmend glob­ale Märk­te sind nur zwei von vie­len Aspek­ten, die die Unternehmen von heute nach­haltig verän­dern. Flex­i­bil­ität und Mobil­ität sind Schlüs­selkom­pe­ten­zen dieser Arbeitswelt – und sie drück­en sich zunehmend auch in der Gestal­tung der Arbeit­sumge­bun­gen von Teams und ganzen Abteilun­gen aus. Men­schen arbeit­en heute in immer wieder anders zusam­menge­set­zten Teams, die sowohl räum­lich als auch zeitlich flex­i­bel sein müssen, da häu­fig gar nicht alle Team­mit­glieder zur sel­ben Zeit am sel­ben Ort arbeit­en. Unter dem Begriff des „non-ter­ri­to­ri­alen Bürokonzepts“ wer­den Arbeitswel­ten ver­standen, die ver­suchen, diesen Prozessen gerecht zu wer­den, indem sie sowohl zeitlich als auch räum­lich völ­lig flex­i­ble Arbeit­splätze für alle oder einen Teil der Mitar­beit­er anbi­eten. Zu diesem The­menkom­plex befragten wir den Experten Dr. Ste­fan Pop­pel­reuter (Leit­er Analy­sen & Befra­gun­gen HR Con­sult­ing, TÜV Rhein­land Akademie GmbH) für den Newslet­ter von www.sifa-sibe.de. 

 

Herr Dr. Pop­pel­reuter, mod­erne Großraum­büros, Open-Space, Agilität, schöne neue Welt? Hat sich die Men­schheit weit­er­en­twick­elt, gab es einen Evo­lu­tion­ss­chub, sind wir alle voll resilient, immer motiviert und trotzen den Her­aus­forderun­gen der dig­i­tal­en und glob­al­isierten Welt ohne Mühe?

Schön wär‘s ja schon, aber die Real­ität sieht etwas anders aus. Es stimmt, dass sich die Tech­nolo­gie mit atem­ber­auben­dem Tem­po – im wahrsten Sinne des Wortes – weit­er­en­twick­elt hat und immer auch noch weit­er­en­twick­eln wird. Alles geht schneller, wird vor­läu­figer, änderungsan­fäl­liger. Kon­ti­nu­ität, Struk­turi­ertheit und Ein­deutigkeit nehmen ab. Verän­derte Mark­tbe­din­gun­gen ver­lan­gen verän­derte Prozesse, und das nicht nur in der Pro­duk­tions­branche, son­dern auch in der Dien­stleis­tung. Und der arbei­t­ende Men­sch? Hechelt dem hin­ter­her, wird zunehmend verun­sichert und hil­flos­er, wie es scheint. Der Grund dafür liegt aber eher darin, dass sich der Men­sch in den let­zten Jahrzehn­ten, vielle­icht sog­ar Jahrhun­derten „ein­gerichtet“ hat, er ist anspruchsvoller, risikoa­vers­er und sicher­heits­fa­natis­ch­er gewor­den. Das flex­i­ble Reagieren auf sich ändernde Sit­u­a­tio­nen war früher über­leben­snotwendig. Durch tech­nol­o­gis­che Fortschritte gelang es dem Men­schen, Risiken zu reduzieren, mehr Sicher­heit zu bekom­men. Soziale Sicherungssys­teme tat­en ein Übriges. In der mod­er­nen Arbeitswelt nehmen diese Sicher­heit­en wieder ab, was nicht nur an der Tech­nolo­gie liegt. Auch die Glob­al­isierung und der soziode­mographis­che Wan­del tra­gen dazu bei. Der Wet­tbe­werb wird größer, der Druck wächst. Zuver­läs­sige und vor allem auch nach­haltige Antworten auf die Her­aus­forderun­gen der Gegen­wart und Zukun­ft zu find­en, ist nicht mehr möglich, wenn es das über­haupt jemals war. Wir sind also nicht aufge­fordert, neue Stärken zu entwick­eln, son­dern alte Resilien­zen wieder zu aktivieren. Von unseren Eltern und Großel­tern kön­nen wir da eine Menge ler­nen, speziell hier in Deutschland.

Was genau läuft in Großraum­büros oder Open-Space-Büros immer wieder schief?

Der Men­sch ist zwar ein soziales Wesen, aber immer auch ein Einzel­we­sen. Wir brauchen die Gemein­schaft, wir brauchen aber auch Dis­tanz und Intim­sphäre, auch und ger­ade am Arbeit­splatz. Zu große soziale Dichte tut uns nicht gut. Großraum­büros wer­den häu­fig an diesen Bedürfnis­sen vor­bei geplant und umge­set­zt. Sie sind zu eng, zu laut, zu unruhig, zu dys­funk­tion­al. Konzen­tra­tion und zuver­läs­siges Arbeit­en erfordern bes­timmte Rah­menbe­din­gun­gen, die in Großraum­büros häu­fig nicht gegeben sind. Ganz zu schweigen von den Gestal­tun­gen der Arbeit­splätze. Die vor allem in Star­tups gepflegte Devise, möglichst viele Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er mit Lap­top an einen Tisch zu pferchen, fördert ungün­stige Kör­per­hal­tun­gen und sub­op­ti­male Arbeits­be­din­gun­gen. So laugt man schneller aus, macht mehr Fehler, ist mit­tel- und langfristig nicht mehr leis­tungs­fähig. Ein Kick­er im Großraum­büro mag den Teamgeist fördern, aber nur den der­er, die ger­ade spie­len. Ich bin immer wieder über­rascht, wie sehr von Großraum­bürokonzepten geschwärmt wird….von denen, die nicht darin arbeit­en müssen. Angesichts von steigen­den Zahlen von ADHS-Prob­le­men ger­ade in den nachrück­enden Gen­er­a­tio­nen sollte man sich genau über­legen, ob man solcher­art belastete Men­schen auch noch zusät­zlich konzen­tra­tionshin­der­lichen Rah­menbe­din­gun­gen aus­set­zen möchte.

Woran liegt es, dass die psy­chis­chen Belas­tun­gen in der Arbeitswelt im Durch­schnitt steigen? Und: was kön­nen Unternehmen und jed­er einzelne Men­sch, Angestell­ter und Führungskraft wirk­lich tun?

Dieser Anstieg hat ver­schiedene Gründe: Zum einen nimmt der Druck tat­säch­lich zu. In kürz­eren Zeiträu­men müssen mehr Arbeitss­chritte erledigt wer­den, Inno­va­tio­nen müssen schneller auf den Markt gebracht wer­den, die Zusam­me­nar­beit mit immer wieder neuen Kol­legin­nen und Kol­le­gen, ggf. auch noch aus anderen Kul­turkreisen und in anderen Zeit­zo­nen arbei­t­end, wird wichtiger und alltäglich­er. Die Arbeit wird mobil­er, man kann sie über­all hin mit­nehmen, sie kann einen aber auch über­all hin ver­fol­gen. Arbeit und Freizeit ver­schwim­men wieder mehr, was Kom­pe­ten­zen zum Abschal­ten und Nein sagen auf Seit­en der arbei­t­en­den Bevölkerung erfordert. Darin kann sich ein jed­er Einzel­ner üben. Und die Unternehmen kön­nen hier auch unter­stützend sein, zum Beispiel in Form von Train­ings, ein­er Unternehmen­skul­tur, die die Rel­e­vanz von Pausen am Tag, in der Woche, im Jahr betont, durch Einzel­coach­ings, die dazu beitra­gen kön­nen, über­bor­dende Arbeits­be­las­tun­gen durch Selb­st­man­age­ment abzufedern.

Die Zunahme der diag­nos­tizierten psy­chis­chen Belas­tun­gen ist aber auch Resul­tat ein­er sen­si­bleren Intro­spek­tion bei gle­ichzeit­ig steigen­der Anspruchshal­tung und reduziert­er Belast­barkeit manch­er Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er. Die Tat­sache, dass Burnout zu ein­er Massen­erkrankung hochge­jiz­zt wurde, verdeut­licht dies sehr schön. Ich betra­chte solche Entwick­lun­gen sehr skep­tisch, denn sie schaden den wirk­lich Erkrank­ten. Wie groß das Prob­lem ist zeigt sich an der Tat­sache, dass man auf eine psy­chol­o­gis­che oder psy­chi­a­trische Ther­a­pie in Deutsch­land inzwis­chen monate­lang wartet. Das liegt nicht daran, dass es zu wenig Ther­a­peuten gibt. Son­dern daran, dass die ver­meintlich Aus­ge­bran­nten den tat­säch­lich von den beru­flichen Belas­tun­gen Erkrank­ten die Ther­a­pieplätze wegnehmen.

 


Übri­gens: Mit den sich aus räum­lichen Verän­derun­gen ergeben­den Belas­tun­gen und Beanspruchun­gen beschäftigt sich auch das aktuell erschienene Buch “Psy­chis­che Belas­tun­gen in der Arbeitswelt 4.0” von Prof. Dr. Kat­ja Mierke und Dr. Ste­fan Poppelreuter.


 

Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Gewinnspiel
Meistgelesen
Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 12
Ausgabe
12.2021
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 11
Ausgabe
11.2021
ABO

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de