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Besondere Strukturen und Wirksamkeit

Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit im öffent­li­chen Dienst

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Im öffent­li­chen Dienst in Deutsch­land sind laut Statis­ti­schem Bundes­amt etwa 4,7 Mio. Menschen beschäf­tigt (einschließ­lich Beamte/innen, Richter/innen und Soldaten/innen). Der öffent­li­che Dienst ist gekenn­zeich­net durch beson­dere struk­tu­relle Bedin­gun­gen und befin­det sich in einem weit­rei­chen­den und dyna­mi­schen Wandel. Der folgende Beitrag beschäf­tigt sich damit, wie Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit in den Verwal­tun­gen und Betrie­ben des öffent­li­chen Diens­tes tätig werden, unter welchen Rahmen­be­din­gun­gen sie wirk­sam werden und welche Konse­quen­zen sich hier­aus für das Handeln der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit erge­ben. (Dieser Beitrag ist die Lang­ver­sion eines Beitrags aus Sicher­heits­in­ge­nieur 5/2019; zwei kosten­lose Probe­hefte von Sicher­heits­in­ge­nieur können Sie hier bestel­len)

Autoren: Werner Hama­cher, Sebas­tian Riebe

ASiG‐Betreuung im öffent­li­chen Dienst

Der Öffent­li­che Dienst umfasst eine Viel­zahl von hete­ro­gen Betrie­ben mit zum Teil völlig unter­schied­li­chen Struk­tu­ren. Neben den klas­si­schen Verwal­tungs­be­trie­ben in Bund und Land sowie und den kommu­na­len Behör­den mit Betrie­ben wie Bauhö­fen, Stra­ßen­un­ter­hal­tung, Abwasser‐ und Abfall­wirt­schaft, Veran­stal­tungs­stät­ten, Park‐ und Garten­an­la­gen, sind es Insti­tu­tio­nen wie Kran­ken­häu­ser, Schu­len, Hoch­schu­len, Forschungs­ein­rich­tun­gen, Kinder­ta­ges­stät­ten, Berufs‐ und frei­wil­lige Feuer­weh­ren, Groß­flug­hä­fen wie Frank­furt und München und vieles andere mehr.

Für alle Beschäf­tigte in diesen Betrie­ben sind eine ange­mes­sene Betreu­ung durch Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit (Sifa) und Betriebs­ärzte zu gewähr­leis­ten und Leis­tun­gen gemäß der DGUV Vorschrift 2 zu erbrin­gen. In der Vergan­gen­heit ist dies häufi­ger aufgrund der Formu­lie­rung „gleich­wer­tig“ im § 16 ASiG in Frage gestellt worden. Das Bundes­ar­beits­ge­richts­ur­teil vom 15.12.2009 (AZ: 9 AZR 769/08) hat klar­ge­stellt, dass das ASiG auch für die Betriebe und Dienst­stel­len des öffent­li­chen Diens­tes umset­zen ist. Das Gericht begrün­det dies vor allem damit, dass gemäß § 16 ASiG im Bereich der öffent­li­chen Verwal­tun­gen von Bund, Ländern und Gemein­den sowie den sons­ti­gen Körper­schaf­ten, Anstal­ten und Stif­tun­gen des öffent­li­chen Rechts ein den Grund­sät­zen des ASiG gleich­wer­tige sicher­heits­tech­ni­sche und betriebs­ärzt­li­che Betreu­ung wie in der gewerb­li­chen Wirt­schaft zu gewähr­leis­ten ist. Den öffent­li­chen Arbeit­ge­bern sollte mit § 16 ASiG die glei­chen Verpflich­tun­gen aufer­legt werden, wie den priva­ten Arbeit­ge­bern (siehe BAG‐Urteil vom 15.12.2009 Rn 39). Sie sollen dadurch verpflich­tet werden, inner­halb ihres Zustän­dig­keits­be­reichs einheit­li­che Rege­lun­gen unter Einbe­zie­hung der Beam­ten zu schaf­fen. Gleich­wer­tig bedeu­tet, dass hinsicht­lich des Inhalts der Verpflich­tun­gen des ASiG kein gerin­ge­rer Stan­dard als in der Privat­wirt­schaft geschaf­fen werden darf. Das heißt, die in den §§ 1 bis 11, 18,19 ASiG enthal­te­nen Grund­sätze sind durch entspre­chende Rege­lun­gen umzu­set­zen (siehe BAG‐Urteil vom 15.12.2009 Rn 42).

Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit in Betrie­ben der öffent­li­chen Hand

Ange­stellt bei einem Mitglieds­un­ter­neh­men eines Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gers der öffent­li­chen Hand sind circa 5.600 Sifas (vgl. Barth et al. 2017, S. 69). Im Bereich der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gern der öffent­li­chen Hand wurden seit 1980 insge­samt circa 4.500 Sifas ausge­bil­det, von denen heute noch rund 50% berufs­tä­tig sind. Tätig im öffent­li­chen Bereich sind weiter­hin Sifas, die bei den gewerb­li­chen Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten oder von einem freien Ausbil­dungs­trä­ger ausge­bil­det wurden, oder ihre Ausbil­dung an einer Hoch­schule mit entspre­chen­dem Studi­en­gang absol­viert haben. Neben ange­stell­ten Sifas erfolgt die Betreu­ung auch im Bereich der öffent­li­chen Hand über über­be­trieb­li­che Dienste oder in gerin­ge­rem Umfang über frei­be­ruf­li­che Sifas.

In der Sifa‐Langzeitstudie wurden Sifas, die ab 2001 ausge­bil­det wurden in einem Zeit­raum von 2003 bis 2011 befragt: Wenn man die Fach­kräfte aus dem öffent­li­chen Dienst und der gewerb­li­chen Wirt­schaft mitein­an­der vergleicht, ergibt sich folgen­des Bild:

  • Jeweils knapp 60% arbei­ten als Teil­zeit­fach­kräfte.
  • Die über­wie­gende Mehr­heit ist in dem betreu­ten Betrieb ange­stellt (96% öD bzw. 86% gewerb­li­che Wirt­schaft) und betreuen ausschließ­lich intern diesen Betrieb (73% bzw. 63%).
  • Der Anteil von Fach­kräf­ten aus Groß­be­trie­ben ist im öffent­li­chen Dienst deut­lich höher als in der gewerb­li­chen Wirt­schaft (59% vs. 34%).
  • Mittel­große Unter­neh­men (51–250 Mitar­bei­ter) finden sich dage­gen etwas häufi­ger bei Sifas aus Mitglieds­be­trie­ben von Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten (vgl. Abschluss­be­richt Sifa‐Langzeitstudie, 2012, S. 14).
  • Klein‐ und Kleinst­be­triebe sind im Bereich der öffent­li­chen Hand vergleichs­weise selten. Dies entspricht den unter­schied­li­chen Struk­tu­ren in den beiden Wirt­schafts­sek­to­ren.

Struk­tu­relle Einbin­dung der Sifas in den Betrie­ben der öffent­li­chen Hand

Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit und Betriebs­arzt in Betrie­ben der öffent­li­chen Hand sind unmit­tel­bar dem Dienst­stel­len­lei­ter oder Behör­den­lei­ter zu unter­stel­len (vgl. hierzu auch Anzinger/Bieneck: Kommen­tar zum Arbeits­si­cher­heits­ge­setz, Heidel­berg, 1998, S. 231). Das Arbeits­si­cher­heits­ge­setz fordert in § 8 Abs. 2:

Betriebs­ärzte und Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit oder, wenn für einen Betrieb mehrere Betriebs­ärzte oder Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit bestellt sind, der leitende Betriebs­arzt und die leitende Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit, unter­ste­hen unmit­tel­bar dem Leiter des Betriebs.“

Nach einem Urteil des Landes­ar­beits­ge­richts Köln gehört die Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit zum Stab. Sie darf weder orga­ni­sa­to­risch noch diszi­pli­na­risch einem Abtei­lungs­lei­ter unter­stellt werden (Az: 10 (1) Sa 1231/02).[1] Die unmit­tel­bare Unter­stel­lung der Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit unter den Dienststellen‐ oder Behör­den­lei­ter dient zum einen der Siche­rung der erfor­der­li­chen fach­li­chen Unab­hän­gig­keit der Fach­kraft (vgl. § 8 Abs. 1 ASiG) und zum ande­ren der Heraus­stel­lung der beson­de­ren Bedeu­tung der Stabs­stelle. Der Einfluss als nicht in die Lini­en­or­ga­ni­sa­tion einge­bun­de­ner Beauf­trag­ter, der den Arbeit­ge­ber und seine Führungs­kräfte in allen Fragen des Arbeits­schut­zes berät und unter­stützt, wird damit gestärkt. Dies gehört zu den Grund­sät­zen des ASiG, die auch im öffent­li­chen Dienst zu gewähr­leis­ten sind (siehe BAG‐Urteil vom 15.12.2009 Rn 44).

Insge­samt sind im öffent­li­chen Dienst und der gewerb­li­chen Wirt­schaft zusam­men­ge­nom­men etwa 80 % der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit der Unter­neh­mens­lei­tung (1.Ebene) oder dem Leiter des Betriebs (2. Ebene) direkt unter­stellt und etwa 20 % einer Fach­ab­tei­lung. Zwischen gewerb­li­cher Wirt­schaft und der öffent­li­chen Hand zeigen sich aber deut­li­che Unter­schiede. Sifas im öffent­li­chen Dienst sind eher einer Fach­ab­tei­lung unter­stellt und beklei­den keine Stab­stelle (siehe Abbil­dung 1; ebd. S. 325f.).

Abb. 1: Unter­stel­lungs­ver­hält­nis und Zuge­hö­rig­keit zu einem Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger (Quelle: Sifa‐Langzeitstudie)

Zugang zur Unter­neh­mens­lei­tung über die Teil­nahme an Sitzun­gen, regel­mä­ßige Gesprä­che und Berichte

Neben der forma­len Stel­lung der Sifas im Orga­ni­gramm lohnt sich auch ein Blick darauf, ob tatsäch­lich ein Zugang zur Unter­neh­mens­lei­tung besteht. Fast die Hälfte (46,8%) der Sifas aus der öffent­li­chen Verwal­tung werden nicht zu Sitzun­gen der Unter­neh­mens­lei­tung einge­la­den, führen keine direk­ten Gesprä­che mit der Unter­neh­mens­lei­tung und erstat­ten der Leitung auch keine münd­li­chen Berichte. Damit haben Sifas aus der öffent­li­chen Verwal­tung bran­chen­über­grei­fend den schlech­tes­ten Zugang zur Unter­neh­mens­lei­tung (durch­schnitt­lich haben etwa 37% der Sifas keinen Zugang zur Unter­neh­mens­lei­tung bei den drei oben genann­ten Zugangs­mög­lich­kei­ten) (Sifa‐Langzeitstudie, S. 334f.).

Sowohl die formale Unter­stel­lung als noch stär­ker der direkte Zugang zur Leitung sind wesent­li­che Einfluss­grö­ßen auf die Wirk­sam­keit von Sifas. Hier besteht in vielen Betrie­ben der öffent­li­chen Hand Nach­hol­be­darf.

Tätig­keit von Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit im öffent­li­chen Dienst

Der Einsatz von Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit soll einen möglichst hohen Wirkungs­grad der Arbeits­schutz­maß­nah­men erzie­len. Durch den Einsatz von Fach­kräf­ten und Betriebs­ärz­ten soll erreicht werden, dass die Arbeits­schutz­vor­schrif­ten entspre­chend den beson­de­ren Betriebs­ver­hält­nis­sen ange­wandt, die gesi­cher­ten arbeits­me­di­zi­ni­schen und sicher­heits­tech­ni­schen Erkennt­nisse verwirk­licht werden und die Arbeits­schutz­maß­nah­men einen möglichst hohen Wirkungs­grad erzie­len (§ 1 ASiG).

Die Rechts­vor­schrif­ten zum Arbeits­schutz legen dem Arbeit­ge­ber in einem hohen Maße eigen­ver­ant­wort­li­ches Handeln zur Planung und Durch­füh­rung der in seinem Betrieb erfor­der­li­chen Maßnah­men des Arbeits­schut­zes auf. Die DGUV Vorschrift 2 fordert in Anlage 2 in den Aufga­ben­ka­ta­lo­gen von den Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit und Betriebs­ärz­ten eine entspre­chende inhalt­lich umfas­sende Unter­stüt­zungs­tä­tig­keit.

In der Sifa‐Langzeitstudie wurden vor diesem Hinter­grund für über 80 verschie­dene Tätig­kei­ten abge­fragt (z. B. Unter­stüt­zung bei Unter­wei­sun­gen, Betriebs­an­wei­sun­gen oder Durch­füh­ren von Gefähr­dungs­er­mitt­lun­gen), wie inten­siv sich die Fach­kräfte mit diesem Thema befas­sen (von 1=gar nicht bis 5=sehr inten­siv). Diese Tätig­kei­ten wurden dann kompri­miert in sieben Tätig­keits­fel­dern zusam­men­ge­fasst, was einen besse­ren Über­blick ermög­licht. Wie werden Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit vor dem Hinter­grund dieser struk­tu­rel­len Beson­der­hei­ten des öffent­li­chen Diens­tes tätig?

Im Ergeb­nis kann hinsicht­lich der selbst einge­schätz­ten Tätig­keits­in­ten­si­tä­ten zusam­men­fas­send fest­ge­stellt werden (siehe Abbil­dung 2), dass die Unter­schiede zwischen den Sifas aus dem öffent­li­chen Dienst und dem gewerb­li­chen Bereich rela­tiv klein sind. Sifas aus dem öffent­li­chen Dienst fallen gering­fü­gig ab in den Tätig­keits­fel­dern: T1 Verhal­tensprä­ven­tion, T2 Analy­sen von Gefähr­dungs­fak­to­ren, T4 technisch‐organisatorische Arbeits­sys­tem­ge­stal­tung und T7 Ereig­nis­ana­ly­sen. Diese Unter­schiede werden jedoch alle statis­tisch signi­fi­kant. Das bedeu­tet: Sie sind nicht zufäl­lig.

Eine besorg­nis­er­re­gende Erkennt­nis aus der Studie ist aller­dings auch: Die Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit beschäf­ti­gen sich bran­chen­über­grei­fend kaum oder wenig mit der Bera­tung und Unter­stüt­zung zu zeit­ge­mä­ßen und moder­nen Themen des Arbeits­schut­zes vor dem Hinter­grund des Wandels der Arbeit und der Mega­trends (z. B. Gestal­tung der Arbeits­be­din­gun­gen für Ältere, Perso­nal­ent­wick­lung, Arbeits­zeit­ge­stal­tung, Verkehrs­si­cher­heit). Die Bera­tung zur perso­nen­ori­en­tier­ten Gestal­tung von Arbeits­sys­te­men wird sehr stief­müt­ter­lich behan­delt.

Ab­b. 2: Inten­si­tät des Tätig­wer­dens in den sieben Tätig­keits­fel­dern für Sifas der UVT der öffent­li­chen Hand und Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten (Quelle: Sifa‐Langzeitstudie)

Wirk­sam­keit von Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit im öffent­li­chen Dienst

Werfen wir auf einen Blick auf die Wirk­sam­keit der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit aus dem öffent­li­chen Dienst. Wirk­sam­keit der eige­nen Bera­tung und Unter­stüt­zung der Betriebe wird erzielt, z. B. durch

  • eine Verbes­se­rung der orga­ni­sa­tio­na­len und kultu­rel­len Bedin­gun­gen (bessere Rege­lun­gen im Arbeits­schutz, Führungs­kul­tur, Betriebs­klima etc.)
  • eine Redu­zie­rung der Unfall‐ und Gesund­heits­ri­si­ken,
  • das Erzeu­gen eines betrieb­li­chen Nutzens (z. B. durch Prozess­op­ti­mie­rung, weni­ger Fehler, Image­ver­bes­se­rung)
  • eine menschen­ge­rech­ten Arbeits­ge­stal­tung

Im Durch­schnitt schät­zen die befrag­ten Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit aus dem Bereich der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger der öffent­li­chen Hand ihre Wirk­sam­keit auf allen vier Feldern mit teil­weise erkenn­bar ein (siehe Abbil­dung 3). Sie unter­schei­den sich im Mittel nur wenig von Sifas in der gewerb­li­chen Wirt­schaft. Signi­fi­kante Unter­schiede liegen für die Wirk­sam­keits­fel­der W1 Arbeitsschutzorganisation‐ und -kultur und W3 Betrieb­li­cher Nutzen vor. Hier wird die Wirk­sam­keit etwas höher beur­teilt als im öffent­li­chen Dienst.

Abb. 3: Einschät­zung der mitt­le­ren Wirk­sam­keit auf den vier Wirk­sam­keits­fel­dern (Quelle: Sifa‐Langzeitstudie)

Mega­trends und Wandel im öffent­li­chen Dienst

Mega­trends und der Wandel der Arbeit machen auch vor dem öffent­li­chen Dienst keinen Halt. Das DGUV‐Risikoobservatorium (https://www.dguv.de/ifa/fachinfos/arbeiten-4.0/risikoobservatorium/index.jsp) beschreibt für öffent­li­che Verwal­tun­gen eine Viel­zahl an Schwerpunkt‐Entwicklungen (vgl. Hauke/Neitzner 2017, S. 2ff.). Hierzu zählen beispiels­weise:

  • Arbeits­ver­dich­tung, längere Arbeits­zei­ten und Verant­wor­tungs­aus­wei­tung
  • Demo­gra­fi­scher Wandel und unaus­ge­wo­gene Alters­struk­tur und Fach­kräf­te­man­gel
  • Informations‐ und Kommu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien und vernetzte Auto­ma­ti­sie­rung
  • Flexi­bi­li­sie­rung von Arbeit (z. B. durch Arbeits­zeit­mo­delle und wech­selnde Arbeits­orte)
  • Lang­an­hal­tende und/oder einsei­tige Bean­spru­chung des Muskel‐Skelett‐Systems
  • Seeli­sche Gewalt (z. B. Mobbing, Cyber­mob­bing) und körper­li­che bei versi­cher­ten Tätig­kei­ten
  • Mobile Arbeit und Mobilitätsanforderungen/Verkehrsdichte (z. B. durch Pendeln, Dienst­rei­sen, mobile Arbeit usw.)
  • Notwen­dig­keit zum lebens­lan­gen und inter­dis­zi­pli­nä­ren Lernen
  • Cyber‐Angriffe auf digi­ta­li­sierte Systeme

Ein wich­ti­ges Thema für den öffent­li­chen Dienst ist die Perso­nal­si­che­rung. Neuere Daten lassen erah­nen, welche Heraus­for­de­run­gen auf den öffent­li­chen Dienst zukom­men: Bis 2030 droht eine Perso­nal­lü­cke von etwa 730.000 Beschäftigten.[2] Betrof­fen werden insbe­son­dere Führungs­kräfte auf der mitt­le­ren Führungs­ebene der Unterabteilungs‐ oder Refe­rats­lei­ter sein. Neben der oberen Entscheider‐Ebene sind gerade mitt­lere Führungs­kräfte zentrale Ansprech­part­ner der Sifas, wenn es um betrieb­li­che Arbeits­schutz­pro­jekte geht oder wenn es konkret in die Umset­zung und Beglei­tung von Arbeits­schutz­maß­nah­men geht. Diese Entwick­lun­gen wirken sich auf die Orga­ni­sa­tion, Kultur und Führung sowie auf die Arbeits­be­din­gun­gen der Beschäf­tig­ten in den öffent­li­chen Verwal­tun­gen aus. Daraus erge­ben sich Konse­quen­zen für das Handeln der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit, die bisher in der Wirk­sam­keits­for­schung zu Sifas noch wenig berück­sich­tigt wurden.

Zusam­men­fas­sung und Empfeh­lun­gen

  • Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit sind als Stabs­stelle beim Leiter des Betriebs anzu­sie­deln – das gilt auch für den öffent­li­chen Dienst. Dieses Prin­zip findet noch nicht in allen Betrie­ben des öffent­li­chen Diens­tes Anwen­dung. Fast 30% der in der Sifa‐Langzeitstudie befrag­ten Sifas aus dem öffent­li­chen Dienst sind – entge­gen den Forde­run­gen aus dem ASiG und der Recht­spre­chung – orga­ni­sa­to­risch einer Fach­ab­tei­lung ange­glie­dert. Fast die Hälfte der Sifas im öffent­li­chen Dienst haben keinen (infor­mel­len) Zugang zur Unter­neh­mens­lei­tung.
  • Zeit­ge­mäße Arbeits­schutz­the­men (z. B. perso­nen­ori­en­tierte Arbeits­ge­stal­tung, psychi­sche und physi­sche Belas­tung, Arbeits­zeit­ge­stal­tung, Verkehrs­si­cher­heit, demo­gra­fi­scher Wandel) werden durch die Sifas mit einer gerin­ge­ren Inten­si­tät bear­bei­tet wie klas­si­sche Themen des Arbeits­schut­zes.
  • Bei der Wirk­sam­keit schät­zen sich Sifas aus dem öffent­li­chen Dienst weni­ger wirk­sam ein. Sie erzie­len nicht die gewünsch­ten Effekte in den Berei­chen zur Verbes­se­rung der Arbeits­schutz­or­ga­ni­sa­tion und -Kultur und erzie­len einen gerin­ge­ren betrieb­li­chen Nutzen.

Welche Empfeh­lun­gen lassen sich daraus für Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit ablei­ten?

Sifas können selbst etwas zur Verbes­se­rung des eige­nen Handelns beitra­gen, indem sie ihr Tätig­wer­den und ihre Aufga­ben­wahr­neh­mung stär­ker reflek­tie­ren, das bedeu­tet beispiels­weise:

  • Betreu­ungs­ver­hält­nisse durch Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit und Betriebs­ärzte soll­ten im öffent­li­chen Dienst lang­fris­tig ange­legt werden, um struk­tu­relle Hürden zu bewäl­ti­gen
  • stär­kere Ausrich­tung am tatsäch­li­chen betrieb­li­chen Betreu­ungs­be­darf und den konkre­ten Erfor­der­nis­sen in Verwal­tun­gen, z. B. Unter­stüt­zung bei Perso­nal­ent­wick­lung, alters‐ und alterns­ge­rechte Arbeits­ge­stal­tung, Arbeits­zeit­ge­stal­tung und Mobi­li­tät
  • weni­ger unter­wei­sen und Unfall­ana­ly­sen machen, viel mehr präven­tiv tätig werden z. B. bei Planun­gen, Beschaf­fun­gen und weite­ren Inves­ti­ti­ons­pro­zes­sen
  • mehr mit Unter­stüt­zung zur Verbes­se­rung der Orga­ni­sa­tion und Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung beschäf­ti­gen (z. B. ISO 45001 – Arbeits­schutz­ma­nage­ment­sys­tem), Verän­de­rungs­pro­zesse beglei­ten (Change Manage­ment) und bei der Imple­men­tie­rung von Konzep­ten zur Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung unter­stüt­zen
  • Bera­tung und Unter­stüt­zung im Arbeits­schutz ganz­heit­lich ange­hen, z. B. auch Themen und über­be­trieb­li­che Kampa­gnen berück­sich­ti­gen zur Präven­ti­ons­kul­tur, betrieb­li­chen Gesund­heits­för­de­rung und gesund­heits­ge­rech­ter Führung
  • Regel­mä­ßige Fort­bil­dung, die nicht nur fach­lich orien­tiert ist, sondern alle Kompe­tenz­be­rei­che berück­sich­tigt, z. B. auch zur Verbes­se­rung der Selbst­or­ga­ni­sa­tion, Koope­ra­tion mit ande­ren Akteu­ren, Gesprächs­füh­rung
  • Regel­mä­ßige Gesprä­che und Kontakte mit Führungs­kräf­ten (insbe­son­dere neuen Führungs­kräf­ten) pfle­gen und Aufbau von Netz­wer­ken im Betrieb, Vernet­zung mit weite­ren Beauf­trag­ten voran­trei­ben (z. B. QM‐Beauftragte)

Was bedeu­tet das für die Betriebe des öffent­li­chen Diens­tes?

  • Arbeit­ge­ber müssen viel stär­ker auf ihre Sifas zurück­grei­fen und auch dafür sorgen, dass die orga­ni­sa­to­ri­schen Rahmen­be­din­gun­gen und der Zugang zur Unter­neh­mens­lei­tung für Sifas besser werden. Führungs­kräfte sollen die Bera­tung und Unter­stüt­zung durch die Sifas und Betriebs­ärzte aktiv in Anspruch nehmen und die Möglich­kei­ten nutzen, sich bei der Orga­ni­sa­tion des Arbeits­schut­zes, Umset­zung von Arbeits­schutz­maß­nah­men und Mitar­bei­ter­füh­rung unter­stüt­zen zu lassen.
  • Die Poten­tiale der Sifas besser nutzen: Sifas können einen großen Teil dazu beitra­gen, die Attrak­ti­vi­tät des öffent­li­chen Diens­tes als Arbeit­ge­ber zu erhö­hen, in dem durch ihr Tätig­wer­den ein betrieb­li­cher Nutzen erzeugt und das Image verbes­sert wird.

Was bedeu­tet das für die Träger und Insti­tu­tio­nen des Arbeits­schut­zes?

  • Aus‐ und Fort­bil­dung der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit müssen auch weiter­hin bran­chen­spe­zi­fi­sche Beson­der­hei­ten des öffent­li­chen Diens­tes – insbe­son­dere die spezi­fi­schen Struk­tu­ren – hinrei­chend berück­sich­ti­gen
  • Noch stär­kere Ausrich­tung der Präven­ti­ons­pro­dukte und Quali­fi­zie­rungs­an­ge­bote auf die Gruppe der Unter­neh­mens­lei­tung und Führungs­ebene im öffent­li­chen Dienst, um zu sie für die Belange des Arbeits­schut­zes sensi­bi­li­sie­ren und zu gewin­nen.

 

Lite­ra­tur­liste

  • Barth, C. et al. (2017): Bedarf an Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit in Deutsch­land (Abschluss­be­richt). 1. Auflage. Dort­mund: Bundes­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin (Projekt­num­mer: F 2388)
  • Hauke, A.; Neit­z­ner, I. (Hrsg.: DGUV, 2019): Öffent­li­che Verwal­tung: Ausführ­li­ches Bran­chen­bild aus dem Risi­koob­ser­va­to­rium der DGUV. Link: https://www.ipa-dguv.de/medien/ifa/de/fac/arbeiten_4_0/branchenbild_oeffentliche_-verwaltung.pdf (Zugriff am 26. März 2019)
  • Hama­cher, W.; Eick­holt, C.; Riebe, S.: Betrieb­li­che und über­be­trieb­li­che Einfluss­grö­ßen auf die Tätig­keit und Wirk­sam­keit von Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit – Ergeb­nisse der Sifa‐Langzeitstudie und der GDA‐Betriebsbefragung 2011 (Gutach­ten im BAuA‐Forschungsprojekt F 2342 „Trei­ber und Hemm­nisse der Umset­zung im Arbeits‐ und Gesund­heits­schutz“). Dort­mund, Berlin, Dres­den, 2015.
  • Riebe, S. et al. (2018): Aufbruch in eine neue Arbeits­welt – Wirk­same Arbeits­schutz­be­treu­ung heute und in der Zukunft. In: Trends und Inno­va­tio­nen im Arbeits­schutz 2018/19. Sonder­aus­gabe der Zeit­schrif­ten Betrieb­li­che Präven­tion und sicher ist sicher. S. 22–28. Erich‐Schmidt‐Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
  • Trim­pop, R. et al.: Sifa Lang­zeit­stu­die: Tätig­kei­ten und Wirk­sam­kei­ten von Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit (Abschluss­be­richt). Ein Projekt der Deut­schen Gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung e. V. (DGUV). Projekt des Fach­aus­schus­ses „Orga­ni­sa­tion des Arbeits­schut­zes“ –FB ORG. Sankt Augus­tin, 2012.

 

[1]     Aus: VDSI‐Positionspapier zur recht­li­chen Stel­lung der Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit im Unter­neh­men vom 15. Juli 2010. Down­load unter: http://www.vdsi.de/files/1500/6038/1/wc2mgmAM.pdf (Zugriff am 28.02.2012)

[2] Vgl. hierzu Beitrag Daten einer McKinsey‐Studie https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/nachwuchsmangel-im-oeffentlichen-dienst-droht-eine-personalluecke-von-730–000-beschaeftigten/24172726.html

 

Autoren: Werner Hama­cher, Sebas­tian Riebe

System­kon­zept, Köln

Kontakt:

werner.hamacher@systemkonzept.de

sebastian.riebe@systemkonzept.de


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Ende 2016 verab­schie­dete der Münch­ner Stadt­rat unter dem Eindruck des rechts­ex­tre­mis­tisch moti­vier­ten Atten­tats am und im Olympia‐Einkaufszentrum ein Sicher­heits­kon­zept für die städ­ti­schen Dienst­ge­bäude. Michael Birk­horst, der den Fach­dienst für Arbeits­si­cher­heit leitet und Sicher­heits­in­ge­nieur Simon Kirn­ber­ger, der die Beschäf­tig­ten­si­cher­heit koor­di­niert, ziehen nach gut zwei Jahren eine Zwischen­bi­lanz.

Schutz ist notwen­dig und mach­bar – Solare Expo­si­tion von Beschäf­tig­ten im öffent­li­chen Dienst
Viele Millio­nen Beschäf­tigte in Deutsch­land sind während ihrer Tätig­kei­ten sola­rer ultra­vio­let­ter (UV‐) Strah­lung ausge­setzt. Ob sie dadurch gefähr­det sind, muss eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung erge­ben. Um diese fakten­si­cher durch­füh­ren zu können, ist die Verwen­dung von Mess­wer­ten sehr hilf­reich. Das Insti­tut für Arbeits­schutz der DGUV (IFA) hat die in den vergan­ge­nen Jahren aufge­nom­me­nen Forschungs­an­stren­gun­gen weiter inten­si­viert und auf viele Berufe ausge­dehnt. Auch im öffent­li­chen Dienst gibt es Tätig­kei­ten, bei denen UV‐Schutzmaßnahmen ange­wen­det werden soll­ten.

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