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Nudging: sanftes Anstupsen in die richtige Richtung

Verhalten und Gesundheit
Nudging: sanftes Anstupsen in die richtige Richtung

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Falsche Ernährung, Rauchen, wenig Bewe­gung – die Anzahl der Men­schen, die ihrer Gesund­heit schadet, wird nicht weniger. Bis­lang beschränk­te sich die Poli­tik auf Geset­ze oder Steuer­erhöhun­gen, um die Bürg­er von ihrer unge­sun­den Lebens­führung abzubrin­gen. Heute set­zen Poli­tik und Unternehmen ver­mehrt auf einen diame­tral anderen Lösungsansatz: das Nudg­ing, das „san­fte Anstupsen”. Was sich dahin­ter ver­birgt und wie es die betriebliche Gesund­heit sowie die Gesund­heit­spoli­tik verän­dern kann, beant­worten Eva Kuhn und Pro­fes­sorin Ale­na Buyx vom Insti­tut für Geschichte und Ethik der Medi­zin an der TU München.

Das Inter­view für “Sicher­heitsin­ge­nieur”, (Link kosten­los­es Probe­heft) führte Dr. Joerg Hen­siek

Was ste­ht hin­ter dem Konzept von Nudg­ing – mit beson­der­er Berück­sich­ti­gung der Anwen­dung in der Arbeitswelt?

Buyx: Nudges, also ‚Stupse‘, sind Impulse, die auf san­fte Weise eine Hand­lung bee­in­flussen sollen. Dafür sind sie so konzip­iert, dass sie ihre Adres­satin­nen und Adres­sat­en in eine bes­timmte, vorherse­hbare Rich­tung lenken. Sie set­zen nicht auf Zwang oder harte Incen­tives, und ver­bi­eten keine Hand­lung­sop­tio­nen. Deshalb ist dieses Instru­ment ins­beson­dere für Unternehmen inter­es­sant, die ihre Beschäftigten nicht über Ver­bote in Schranken weisen wollen oder kön­nen.

Kuhn: Ein viel disku­tiertes Beispiel ist die Ein­führung ein­er Lebens­mit­te­lam­pel, die the­o­retisch auch jedes Unternehmen in der Betrieb­skan­tine instal­lieren kön­nte. Und in unserem BMBF-geförderten Drittmit­tel­pro­jekt GESIOP — Gesund­heits­man­age­ment aus inter-organ­i­sa­tionaler Per­spek­tive — hat sich gezeigt, dass es etwa ein sehr wirk­samer Nudge ist, wenn eine Maß­nahme während der Arbeit­szeit ange­boten wird und die Beschäftigten also zwis­chen beispiel­sweise ‚Aktiv­er Pause‘ oder nor­malem Weit­er­ar­beit­en wählen kön­nen.

Warum ist Nudg­ing wichtig?

Buyx: Eine Rei­he von Stu­di­en zu Essver­hal­ten oder auch zur Entschei­dungs­find­ung ganz all­ge­mein zeigen, dass unser Ver­hal­ten stärk­er als lange angenom­men von Umge­bungs­fak­toren wie beispiel­sweise der Innengestal­tung oder der baulichen Infra­struk­tur bee­in­flusst wird. Solche Fak­toren kön­nen durch pri­vate oder staatliche Akteure ziel­gerichtet verän­dert wer­den. Pub­lic Health Akteure kön­nten sich dies zunutze machen und durch Verän­derun­gen der soge­nan­nten Entschei­dungsar­chitek­tur das Ziel der Bevölkerungs­ge­sund­heit effek­tiv­er ver­fol­gen, indem sie das Ver­hal­ten der Bürg­erin­nen und Bürg­er san­ft zu steuern ver­suchen. Nudg­ing ist hier beson­ders deshalb reizvoll, weil der Staat oder ein Unternehmen nicht strafend, sank­tion­ierend und damit pater­nal­is­tisch auftritt, son­dern ‚lib­ertär pater­nal­is­tisch‘, wie die Begrün­der des Nudg­ing, Richard H. Thaler und Cass R. Sun­stein, es nen­nen. Das bedeutet, dass das Ver­hal­ten der Bürg­erin­nen und Bürg­er nach wie vor ihrer freien Entschei­dung unter­ste­ht, zugle­ich aber nicht ignori­ert beziehungsweise als gegeben genom­men wird.

Kuhn: Im Bere­ich der Pub­lic Health ist Nudg­ing ins­beson­dere für Präven­tion­s­maß­nah­men das Mit­tel der Wahl. Schließlich geht es diesem Ansatz ‚lediglich‘ darum, das Ver­hal­ten der Bürg­erin­nen und Bürg­er zu bee­in­flussen, nicht aber das Ergeb­nis eines bes­timmten Ver­hal­tens zu bew­erten. Konkret heißt das, dass wir beispiel­sweise durch eine Lebens­mit­te­lam­pel dazu ‚anges­tupst‘ wer­den sollen, uns gesün­der zu ernähren. Es fol­gen aber keine Kon­se­quen­zen, wenn wir auf diesen Nudge nicht einge­hen und eine entwick­elte Adi­posi­tas möglicher­weise zu weit­eren Begleit­erkrankun­gen und teuren medi­zinis­chen Behand­lun­gen führt.

Ist Nudg­ing nicht auch Manip­u­la­tion oder sog­ar Bevor­mundung?

Kuhn: Dieser Vor­wurf wird Nudg­ing und dem lib­ertären Pater­nal­is­mus immer wieder gemacht. In der Tat ist es ein schmaler Grat zur Manip­u­la­tion, der aber durch Ein­hal­tung gewiss­er Spiel­regeln umschifft wer­den kann. Erstens gilt hier, wie in vie­len anderen Fällen auch, das Dik­tum der Trans­parenz. Den Adres­satin­nen und Adres­sat­en von Nudges muss bewusst sein und bewusst gemacht wer­den, dass sie andere Wahlmöglichkeit­en haben und wie diese anderen Möglichkeit­en ausse­hen. Bei der Wahl zwis­chen Aufzug und Treppe liegt dies auf der Hand. Schwieriger ist es, wenn aus ver­schiede­nen Optio­nen schon eine voraus­gewählt ist, in der Betrieb­skan­tine beispiel­sweise die kleine Por­tion stan­dard­mäßig aus­gegeben wird. In solchen Fällen ist, zweit­ens, darauf zu acht­en, dass die Transak­tion­skosten zur Wahl der Alter­na­tive für die oder den Genudgten möglichst ger­ing sind.

Buyx: Aus ethis­ch­er Sicht geht es bei der Abwä­gung zwis­chen Nudg­ing und Manip­u­la­tion beziehungsweise Bevor­mundung um die Frage, ob die Autonomie, also die Selb­st­bes­tim­mung der oder des Einzel­nen gewahrt wird und sie oder er eine echte Wahl­frei­heit hat. Dies bet­rifft nicht nur den Nudge selb­st, son­dern auch die Reak­tion auf die Ver­hal­tenswahl: Wird von den Kol­legin­nen, Kol­le­gen oder Vorge­set­zten eine bes­timmte Wahl erwartet oder jede Entschei­dung akzep­tiert?

Welche Ansätze des Nudg­ing haben sich in der Arbeitswelt schon beson­ders erfol­gre­ich bewährt?

Buyx: Hier ist zuerst ein­mal die Gestal­tung der Infor­ma­tion­sar­chitek­tur zu nen­nen. Nudges, die durch die Bere­it­stel­lung von Infor­ma­tio­nen wirken, sind rel­a­tiv ein­fach umzuset­zen. Neben Hin­weisen direkt dort, wo Ver­hal­ten geän­dert wer­den soll – also attrak­tiv gestal­tete Denkhin­weise an Aufzü­gen, dass Trep­pen­steigen Gesund­heit fördert und der Umwelt zugutekommt – hat es sich ins­beson­dere bewährt, über das Ver­hal­ten ander­er zu informieren. Zum Beispiel kön­nen dies, selb­stver­ständlich vor­ab vali­dierte, Angaben dazu sein, dass sieben von zehn Beschäftigten bere­its am Ange­bot der betrieblichen Gesund­heits­förderung teil­nehmen. Solche infor­ma­tionellen Nudges machen sich die ‚Her­den­men­tal­ität‘ des Men­schen, sein soziales Wesen zunutze.

In Verbindung mit der Lebenswelt der Beschäftigten und herun­terge­brochen auf über­schaubare Zeit­ein­heit­en kön­nen der­ar­tige Infor­ma­tio­nen noch wirkungsvoller wer­den. Ein Beispiel für einen Hin­weis aus dem Sicher­heit­skon­text kön­nte hier laut­en: „x Handw­erk­erin­nen und Handw­erk­er ver­let­zen sich pro Monat am Fuß, weil sie keine Sicher­heitss­chuhe tra­gen. Von diesen kön­nen anschließend y Prozent auf­grund bleiben­der Schä­den nicht mehr Fußball spie­len.“

Kuhn: Neben solche ein­fach umzuset­zen­den Nudges tritt in let­zter Zeit häu­fig Nudg­ing durch soge­nan­nte ‚Gam­i­fi­ca­tion‘. Vor allem in den ver­gan­genen zwei Jahren haben viele Unternehmen Schrittzäh­ler-Chal­lenges durchge­führt, in denen einzelne Beschäftigte oder Teams gegeneinan­der antreten und für einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen ihre Schritte track­en. Der spielerische Charak­ter wird durch Zielset­zun­gen ver­stärkt, beispiel­sweise virtuell alle Unternehmens­stan­dorte abzuge­hen oder als Gesam­tun­ternehmen ein­mal den Äqua­tor zu umrun­den. Zusät­zlich motiviert auch der Wet­tbe­werb­s­gedanke Mitar­bei­t­ende, die weniger sportaf­fin sind. Dieser Wet­tbe­werb birgt allerd­ings gle­ichzeit­ig die Gefahr, dass der soziale Druck der Kol­legin­nen und Kol­le­gen so hoch wird, dass die Teil­nahme für das einzelne Team-Mit­glied im End­ef­fekt nicht mehr wirk­lich frei­willig ist. Dass ein solch­es Ange­bot zu Unruhen unter den Mitar­bei­t­en­den führen sowie Stig­ma­tisierung und soziale Aus­gren­zung befeuern kann, muss von den Ver­ant­wortlichen im Betrieblichen Gesund­heits­man­age­ment in jedem Fall mit­berück­sichtigt wer­den.

Weniger auf den Ver­gle­ich mit anderen zahlt die bere­its kurz erwäh­nte Default-Option ein. In diesem Fall wird den Adres­satin­nen und Adres­sat­en des Nudges eine Stan­dar­d­op­tion präsen­tiert, die vor­eingestellt ist und solange Anwen­dung find­et, bis eine aktive Entschei­dung für eine andere Option getrof­fen wird. Ver­schiedene Unternehmen etwa bieten ihren Mitar­bei­t­en­den für die Zeit ihres Urlaubs als Maß­nahme der Förderung der psy­chis­chen Gesund­heit die Option an, einge­hende E‑Mails zu löschen und die Absenderin oder den Absender in ein­er Abwe­sen­heit­sno­tiz darauf hinzuweisen. Wie viele Beschäftigte diese Option nutzen, hängt von der konkreten Aus­gestal­tung des Nudges ab. Durch Stu­di­en erwiesen gilt, dass deut­lich mehr an ein­er vor­eingestell­ten Option fes­thal­ten als wenn sie diese Option aktiv wählen müssen. In unserem Beispiel wür­den also deut­lich mehr Per­so­n­en ihre E‑Mails löschen lassen, wenn diese Option vor­eingestellt wäre.

Buyx: Das bekan­nteste Beispiel für Nudg­ing im Unternehmen­skon­text ist wohl aber nach wie vor Google. Die Fir­men­nieder­las­sun­gen durchzieht eine umfassende und bis ins Detail durch­dachte Entschei­dungsar­chitek­tur, die ver­schieden­ste Nudges ein­schließt. In den Mikro-Küchen und Cafe­te­rien wer­den nicht nur Lebens­mit­te­lam­peln einge­set­zt, son­dern generell gesunde Speisen in den Mit­telpunkt gerückt. Die Mitar­bei­t­en­den haben zwar weit­er­hin Zugang zu kosten­los bere­it­gestell­ten Süßigkeit­en, allerd­ings find­en diese sich im entle­gen­sten Winkel des Großraum­büros und sind bere­its in kleinen Por­tio­nen vor­abgepackt. Auch Desserts sind in der Cafe­te­ria unschein­bar platziert; eine Por­tion entspricht drei Bis­sen. Außer­dem ist Wass­er in durch­sichti­gen Kühlschränken auf Augen­höhe ver­füg­bar, während Limon­aden sowie andere zuck­er­haltige Getränke darunter und hin­ter Milch­glas ste­hen.

Eine so umfassende Bee­in­flus­sung des Ver­hal­tens von Beschäftigten erfordert wie viele andere Maß­nah­men der Ver­hält­nis­präven­tion einige per­son­ellen und auch finanziellen Ressourcen, und erfordert Trans­parenz, um von den Mitar­bei­t­en­den angenom­men zu wer­den. Vieles lässt sich jedoch auch erst ein­mal in ein­er Abteilung oder an einem Unternehmens­stan­dort imple­men­tieren und dann ausweit­en.

Wird in der deutschen Gesund­heit­spoli­tik schon mit Nudg­ing-Konzepten beziehungsweise ver­hal­tensökonomis­chen Ansätzen gear­beit­et?

Buyx: Zuerst ist natür­lich an den jüng­sten Vorstoß von Gesund­heitsmin­is­ter Jens Spahn zu denken, die Organspende über die Wider­spruch­slö­sung zu regeln. Hin­ter dieser Diskus­sion, die übri­gens auch noch ein­mal die Rel­e­vanz des Nudg­ing im Kon­text der Pub­lic Health unter­stre­icht, ste­ht das Konzept der Default-Option: Haben die Bürg­erin­nen oder Bürg­er aktiv ein­er Organspende zu wider­sprechen oder, wie dies bish­er in Deutsch­land geregelt ist, aktiv ein­er Organspende zuzus­tim­men? Hier zeigt sich natür­lich auch wieder die Kon­tro­verse um den zuläs­si­gen Grad staatlich­er Bee­in­flus­sung: Während für einige die Wider­spruch­slö­sung ein­er nicht akzept­ablen staatlichen Bevor­mundung gle­ichkommt, weisen andere darauf hin, dass die Entschei­dung für oder wider die Spende nach wie vor frei bleibt und eine solche Regelung trans­par­ent einge­führt wer­den kann und sollte.

Ein anderes Beispiel: Bere­its kurz nach Erweiterung des Beratungsstabs der Bun­desregierung um ein kleines Team aus Verhaltensökonom*innen und ‑psycholog*innen im Jahr 2014 stellte Chris­t­ian Schmidt seine Strate­gie gegen Adi­posi­tas vor. Zen­tral war hier seine Forderung, dass die Ver­pack­un­gen unge­sun­der Nahrungsmit­tel zukün­ftig weniger attrak­tiv gestal­tet wer­den. Ein klas­sis­ches Beispiel hier­für sind die War­nun­gen auf Zigaret­ten­pack­un­gen, die als infor­ma­tioneller Nudge Raucher*innen nicht das Rauchen ver­bi­eten, aber sie zum Aufhören ‚stupsen‘ sollen.

Vie­len Dank für das Gespräch.


Nudg­ing ist ins­beson­dere für Unternehmen inter­es­sant, die ihre Beschäftigten nicht über Ver­bote in Schranken weisen wollen oder kön­nen.

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