Startseite » Aktuelles » Recht und Regelwerk »

Vermeidbare Todesfälle

Urteile zu Mängeln beim Arbeitsschutz
Vermeidbare Todesfälle

crack_of_glass_window_for_background
Foto: © kwanchaift - stock.adobe.com
Anzeige
Immer wieder wird in Unternehmen gegen Sicher­heitsvorschriften ver­stoßen. Dies kann zu schw­eren Unfällen führen und im schlimm­sten Fall sog­ar tödlich enden, wie die fol­gen­den bei­den tragis­chen Beispiele zeigen.

Beispiel 1: Mangelhafte Organisation

Der 19-jährige Mar­vin stirbt im Feb­ru­ar 2017 bei einem Arbeit­sun­fall in der Stuttgarter Schley­er­halle. Der junge Mann besserte als Büh­nen­hil­f­sar­beit­er sein Taschen­geld auf. Am Unfall­t­ag hat­te er beim Abbau nach einem Konz­ert geholfen. Bei der Demon­tage der Dachkon­struk­tion stürzte ein Profik­let­ter­er aus 17 Metern Höhe auf ihn herab.

Mar­vin erlitt dadurch ein offenes Schädel-Hirn-Trau­ma und ver­starb noch vor Ort. Der Unfal­lverur­sach­er über­lebte schw­er ver­let­zt. Er wurde vom Amts­gericht Stuttgart-Bad Cannstatt wegen fahrläs­siger Tötung zu sechs Monat­en Haft auf Bewährung verurteilt. Er hat­te bei den Abbauar­beit­en zwar einen Auf­fang­gurt getra­gen, war aber zum Unfal­lzeit­punkt nicht gesichert gewe­sen. Der Vater des ver­stor­be­nen Büh­nen­helfers hat den Arbeit­ge­ber und den Konz­ertver­anstal­ter auf Zahlung von Schmerzens­geld und Schadenser­satz verk­lagt. Er wirft den Beklagten vor, gegen Sicher­heitsvorschriften ver­stoßen und dadurch den Tod seines Sohnes verur­sacht zu haben. Dies habe das Gutacht­en der zuständi­gen Beruf­sgenossen­schaft (BG) bestätigt.

Unko­or­diniert­er Ablauf

Mar­vin kön­nte noch leben, wenn die Arbeit­en in luftiger Höhe und am Boden zeitlich oder räum­lich ver­set­zt vorgenom­men wor­den wären. Das ist sog­ar zwin­gend vorgeschrieben, schließlich kön­nten auch Gegen­stände her­ab­fall­en. Büh­nen­helfer und Profik­let­ter­er hät­ten sich aber nicht abges­timmt, bemän­gelte die BG. Von den Fir­men sei außer­dem kein Auf­sichts­führer bes­timmt wor­den, um die Arbeit­en zu koor­dinieren. Als dritte Unfal­lur­sache neben dem Verzicht auf Eigen­sicherung und Abstim­mungs­de­fiziten wer­den „fehlende Ein­rich­tun­gen zum Auf­fan­gen von abstürzen­den Per­so­n­en“ genan­nt. Beispiel­sweise hätte eine Hubar­beits­bühne einge­set­zt wer­den kön­nen. Ob die Beschäftigten für die Ver­anstal­tung eine Ein­weisung erhiel­ten, kon­nte nicht mehr gek­lärt werden.

Beispiel 2: Unsichere Maschine

Man­gel­nde Sicher­heitsvorkehrun­gen an ein­er Mas­chine in einem Werkzeug­baube­trieb kosteten einen 36-jähri­gen Beschäftigten das Leben. Das Amts­gericht Han­nover hat deswe­gen den Geschäfts­führer und den Werk­meis­ter wegen fahrläs­siger Tötung zu Geld­strafen verurteilt.

Nach Überzeu­gung des Gerichts sind sie maßge­blich dafür ver­ant­wortlich, dass im Juni 2017 ein Fir­men­mi­tar­beit­er in ein­er Klinik an den Fol­gen eines Arbeit­sun­falls starb. Den Angeklagten wurde vorge­wor­fen, eine Pro­duk­tion­s­mas­chine ent­ge­gen der Sicher­heits­bes­tim­mungen in Betrieb genom­men zu haben, obwohl diese auf­grund eines fehlen­den Panz­er­glases nicht mehr betrieb­ssich­er war, und so den Tod des Angestell­ten mit verur­sacht zu haben.

Einige Wochen zuvor hat­te sich ein Met­all­stück gelöst und war gegen die Sicherungss­cheibe geflo­gen – diese zer­sprang und war nicht mehr ein­set­zbar. Das Panz­er­glas wurde lediglich durch eine Plex­i­glass­cheibe ersetzt.

Die Angeklagten sollen hier­bei gewusst haben, dass eine Kun­st­stoff­scheibe nicht in der Lage sein würde, die Wucht eines fliegen­den Werk­stücks aufz­u­fan­gen und die Arbeit­er zu schützen. Die Mas­chine entsprach durch diese Verän­derung auch nicht mehr den tech­nis­chen Anforderun­gen und hätte aus Grün­den des Arbeitss­chutzes gar nicht mehr betrieben wer­den dür­fen. Auch das soll den Ver­ant­wortlichen bekan­nt gewe­sen sein.

Von Met­all­teil getroffen

Eine Ersatzscheibe wurde zwar schnell geliefert, aber nicht gle­ich einge­baut. Dann geschah das Unglück: Ein Mitar­beit­er arbeit­ete an der Drehmas­chine. Beim Bear­beit­en eines Met­all­stück­es zer­sprang dieses. Das cir­ca zehn Kilo schwere Met­all­teil durch­schlug die Kun­st­stoff­scheibe der Drehmas­chine und wurde dem Arbeit­er an den Kopf geschleud­ert. Dem Mann wur­den Schädeldecke und Stirn zertrüm­mert und ein Auge schw­er ver­let­zt. Trotz sofor­tiger ärztlich­er Hil­fe ver­starb er später in der Klinik. Die Staat­san­waltschaft hat­te eine Frei­heitsstrafe beantragt. Die Richter entsch­ieden jedoch dage­gen, weil die Angeklagten nicht vorbe­straft sind und der ver­stor­bene Arbeit­er über den Sicher­heit­szu­s­tand der Mas­chine Bescheid wusste.

 

Autorin:

Tan­ja Saut­ter, Juristin bei der BG Verkehr

 

Anzeige
Gewinnspiel

Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Meistgelesen

Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 11
Ausgabe
11.2020
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 11
Ausgabe
11.2020
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de