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Rück­blick: 2. Praxis­kon­gress Recht – Wie Rich­ter urtei­len und verur­tei­len

10. Dezember 2019, Heidelberg
Rück­blick: 2. Praxis­kon­gress Recht – Wie Rich­ter urtei­len und verur­tei­len

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Jura gilt gemein­hin als staub­tro­cken. Alles andere als das war der Praxis­kon­gress Recht 2019 in Heidel­berg: 65 Teil­neh­mer genos­sen einen span­nen­den Einblick in die gericht­li­che Bewer­tung von Fällen aus dem Arbeits­schutz, der manches Kopf­schüt­teln, einige Lacher und viele Aha-Effekte nach sich zog. Etli­che Nach­fra­gen und Anmer­kun­gen zeig­ten, dass recht­li­che Aspekte der Unfall­ver­si­che­rung, Haftung und Arbeits­welt 4.0 den Nerv des fach­kun­di­gen Publi­kums trafen.

Mit einem lehr­rei­chen Diskurs über die Aner­ken­nung von Arbeits- oder Dienst­un­fäl­len machte Tanja Saut­ter den Anfang. Wer ist in Sachen Unfall­schutz besser­ge­stellt – Beamte oder Angestellte/Arbeiter? Zwar gibt es Unter­schiede in der Verwaltungs- und Sozi­al­ge­richts­bar­keit, doch summa summa­rum sei hier keine Beschäf­ti­gungs­gruppe im Vorteil, bilan­zierte die erfah­rene Juris­tin von der BG Verkehr. „Das ist mal so mal so – unterm Strich gleicht es sich aus.“

Die Refe­ren­ten und Ihre Themen:

Arbeits­un­fall versus Dienst­un­fall

Ein „gravie­ren­der Unter­schied“ bestehe im Meldepflicht-Verfahren. Unfälle müssen grund­sätz­lich beim Versi­che­rungs­trä­ger ange­zeigt werden – bei einem Arbeits­un­fall der Unfall­kasse oder Berufs­ge­nos­sen­schaft, bei einem Dienst­un­fall dem jewei­li­gen Dienst­herrn. Der Knack­punkt: Während ein Arbeits­un­fall in Ausnah­me­fäl­len auch nach langer Zeit noch gemel­det und aner­kannt werden kann, ist das bei einem Dienst­un­fall ausge­schlos­sen, wie die Refe­ren­tin anhand von Urtei­len belegte: Im Fall eines 72-jährigen Gleis­bau­hel­fers ermög­lichte ein glaub­wür­di­ger Zeuge die Aner­ken­nung eines 50 Jahre zurück­lie­gen­den Arbeits­un­falls, in dessen Folge der Arbei­ter den klei­nen Finger seiner linken Hand verlor. „Ein Beam­ter wäre hier leer ausge­gan­gen. Für Dienst­un­fälle gilt eine Ausschluss­frist von zwei Jahren, in Ausnah­men erhöht auf zehn Jahre. Danach geht nichts mehr“, so die Juris­tin.

Toilet­ten­raum und Kantine

Besser dran sind Beamte, wenn sie bei der Verrich­tung der Notdurft oder beim Essen einen Unfall erlei­den: Sie genie­ßen im gesam­ten Dienst­ge­bäude Versi­che­rungs­schutz – inklu­sive Toilette und Kantine. Bei Ange­stell­ten und Arbei­tern zählen diese Hand­lun­gen hinge­gen nicht zur versi­cher­ten Tätig­keit. „Der Toilet­ten­auf­ent­halt und die Nahrungs­auf­nahme gelten in der Sozi­al­ge­richts­bar­keit als Privat­sa­che“, erklärte Tanja Saut­ter „Das ist ein biss­chen verrückt, aber es ist so“, kommen­tierte die Juris­tin diese klei­nen, aber feinen Unter­schiede im Sozi­al­ge­setz­buch VII und Beam­ten­ver­sor­gungs­ge­setz.

Okto­ber­fest: Mal privat, mal dienst­lich

Kopf­schüt­teln lösten auch zwei Urteile in Zusam­men­hang mit dem legen­dä­ren Okto­ber­fest in München aus: Nicht versi­chert war der Fest­be­such eines Monteurs, bei dem sich dieser in alko­ho­li­sier­tem Zustand einen Hals­wir­bel brach. Die Begrün­dung: Der Ausflug mit den Kolle­gen einer Braue­rei, für die der Mann tätig gewor­den war, war keine Betriebs­ver­an­stal­tung.

Anders im Fall der beam­te­ten Lehre­rin, die mit ihren Schü­le­rin­nen auf einer Klas­sen­fahrt das Okto­ber­fest besuchte. Beim Tanzen auf der Bier­bank kam sie zu Fall und verletzte sich am Rücken. Ihr Dienst­herr sah zwar keinen Zusam­men­hang mit den eigent­li­chen Dienst­auf­ga­ben der Lehr­kraft, das Verwal­tungs­ge­richt Stutt­gart hinge­gen schon: Das „durch­aus übli­che, kollek­tive Tanzen auf den Bänken zur Musik“ sei mit dem „pädago­gi­schen Gesamt­auf­trag“ verein­bar. Demnach ereig­nete sich der Unfall in Ausübung des Diens­tes.

Drei Juris­ten, vier Meinun­gen

Auch bei den soge­nann­ten Wege­un­fäl­len und bei der Aner­ken­nung von Renten bezie­hungs­weise Unfallausgleich-Bezügen treibt die Recht­spre­chung Blüten. Nicht selten kommen die verschie­de­nen Instan­zen auch hier zu unter­schied­li­chen Bewer­tun­gen. „Sie kennen ja den Spruch: Drei Juris­ten, vier Meinun­gen“, frot­zelte Saut­ter.

An dieser Stelle erschien es der Juris­tin von der BG Verkehr jedoch ange­bracht, auf ein verbrei­te­tes Vorur­teil hinzu­wei­sen. Solche spezi­el­len Gerichts­ver­fah­ren und ‑urteile erweck­ten leicht den Anschein, dass die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger möglichst viele Ansprü­che abzu­schmet­tern versuch­ten. Dieses Bild sei jedoch verzerrt: „In den aller­meis­ten Fällen zahlt die Berufs­ge­nos­sen­schaft ohne Umstände. Nur tauchen diese Fälle nicht in der Bericht­erstat­tung auf“, gab Saut­ter zu beden­ken.

Haftung und Verant­wor­tung

Als schwie­ri­ges Terrain voller Stol­per­fal­len stellte sich auch die Frage der Haftung und Verant­wor­tung im Arbeits­schutz dar. Zu welchen Entschei­dun­gen Gerichte in drei Fällen mit Todes­op­fern kamen, ging Rechts­an­walt Prof. Dr. Thomas Wilrich mit den Versam­mel­ten durch. Auch hier gab es einige Über­ra­schun­gen: Die Rich­ter mach­ten Verant­wort­li­che quer durch die betrieb­li­che Hier­ar­chie aus. Gericht­lich belangt wurde in einem Fall sogar der Sicher­heits­be­auf­tragte. „Hier fallen Sie gleich in Ohnmacht“, warnte Wilrich. Doch zunächst nutzte der Rechts­an­walt ein Verfah­ren mit einem gut begrün­de­ten Urteil für einige grund­le­gende Erläu­te­run­gen. Der Sach­ver­halt: Im Mai 2007 fuhr ein Laster mit Notstrom­ge­ne­ra­to­ren auf den Hof einer Metall­wa­ren­fa­brik in Gemmin­gen. Ein Stap­ler­fah­rer bekam den Auftrag, die Gene­ra­to­ren abzu­la­den. Das schwerste Aggre­gat geriet auf dem Stap­ler ins Rutschen und fiel zu Boden. Es traf dabei den Last­wa­gen­fah­rer, der noch auf dem Hof der Firma verstarb.

Ein Leiter muss leiten

Ange­klagt wurden vier Unter­neh­mens­mit­ar­bei­ter: der Geschäfts­füh­rer, der Abtei­lungs­lei­ter der Strom­erzeu­ger­fer­ti­gung, der Lager- und Versand­lei­ter und der Gabel­stap­ler­fah­rer. Wodurch wurden diese Perso­nen für das Gericht juris­tisch greif­bar? „Es gibt grund­sätz­lich drei Arten von Arbeitsschutz- und Sicher­heits­ver­ant­wor­tung: die Handlungs- und Fach­ver­ant­wor­tung, die Perso­nal­ver­ant­wor­tung und die Betrei­ber­ver­ant­wor­tung. Aus diesen drei Grund­sät­zen können sich Pflich­ten spei­sen“, erläu­terte Wilrich. So auch in diesem Fall: Der Gabel­stap­ler­fah­rer als Ausfüh­ren­der trägt Verant­wor­tung für sein fehler­haf­tes Tun. Der Lager- und Versand­lei­ter als Vorge­setz­ter ist für seine Anwei­sun­gen verant­wort­lich. Über­ge­ord­nete Führungs­kräfte wie der Abtei­lungs­lei­ter und der Geschäfts­füh­rer müssen für Fehler in der Arbeits­schutz­or­ga­ni­sa­tion bezie­hungs­weise im Arbeits­schutz­sys­tem gera­de­ste­hen. Der Unter­neh­mer ist hier­bei umfas­send für den gesam­ten Betrieb verant­wort­lich, der Abtei­lungs­lei­ter für die Abläufe in seiner Abtei­lung. „Ein Leiter muss leiten – damit ist er verant­wort­lich.“

Worin besteht die Pflicht­ver­let­zung?

Die Verant­wort­lich­keit der vier Ange­klag­ten ist somit klar. Sie müssen dem Gericht Rede und Antwort stehen, damit dieses über ihre persön­li­che Schuld befin­den kann. „In dem Begriff Verant­wor­tung steckt Antwort“, erklärte Wilrich. Voraus­set­zung für eine Verur­tei­lung wegen fahr­läs­si­ger Tötung ist eine Pflicht­ver­let­zung. In diesem Fall habe das Gericht „sauber abge­ar­bei­tet“, worin die Pflicht­ver­let­zung der einzel­nen Akteure bestand: So ließen der Geschäfts­füh­rer und Abtei­lungs­lei­ter zu, dass alle drei grund­le­gen­den Instru­mente zur Gewähr­leis­tung ausrei­chend siche­rer Arbeit fehl­ten: Sie „sorg­ten nicht“

  • für eine „Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung hinsicht­lich des Abla­de­vor­gangs“
  • für eine „dies­be­züg­li­che Betriebs­an­wei­sung“
  • dafür, „dass die im Betrieb einge­setz­ten Stap­ler­fah­rer die jähr­lich vorge­schrie­bene Sicher­heits­un­ter­wei­sung erhiel­ten, obwohl dies bereits am 31.1.2007 vom Sicher­heits­be­auf­trag­ten abge­mahnt worden war, da die letzte Unter­wei­sung 2005 durch­ge­führt worden war“.

Trotz dieser Arbeits­schutz­wid­rig­keit „dulde­ten“ sie den Abla­ge­vor­gang.

Strafe setzt Schuld voraus

An die Frage der Verant­wort­lich­keit und Pflicht­ver­let­zung schließt sich die Schuld­frage an, denn jede Strafe setzt Schuld voraus. „Schuld ist persön­li­che Vorwerf­bar­keit“, defi­nierte Wilrich. Die Schuld des Geschäfts­füh­rers und der beiden Leiter bestand darin, dass sie den Unfall vorher­se­hen und vermei­den hätten können. Sie handel­ten also fahr­läs­sig. Auch den Gabel­stap­ler­fah­rer trifft Schuld: Bei Einhal­tung seiner Sorg­falts­pflich­ten wäre der Unfall eben­falls vermeid­bar gewe­sen – wenn er die Last nach dem Abla­den bis kurz über den Boden abge­las­sen und den Hofraum berg­sei­tig mit zurück­ge­neig­tem Hubmast befah­ren hätte.

Während der Geschäfts­füh­rer und der Gabel­stap­ler­fah­rer den Straf­be­fehl akzep­tier­ten, erho­ben die beiden Leiter Einspruch. Das Amts­ge­richt Heil­bronn stellte die Straf­ver­fah­ren gegen sie ein – beim Abtei­lungs­lei­ter ohne Auflage, beim Lager- und Versand­lei­ter gegen die Zahlung von 1.000 Euro an die Neben­klä­ge­rin. Ein solcher „Deal“ sei nicht verwerf­lich und komme „erstaun­lich häufig“ zustande, meinte Wilrich. Gerichte müss­ten zwischen Ertrag und Aufwand abwä­gen.

Nicht immer nah am Gesetz

Der bespro­chene Fall sei vom Gesche­hen her zwar alles andere als gut, aber aus recht­li­cher Sicht tadel­los begrün­det und damit zur Erläu­te­rung der Haftung und Verant­wor­tung im Arbeits­schutz geeig­net, befand Wilrich. Dies sei aller­dings keines­wegs die Regel. Bei einem ande­ren Verfah­ren, von dem er in der Zeitung las, sei er zunächst von einem jour­na­lis­ti­schen Lapsus ausge­gan­gen: Für einen Unfall wurde ein Sicher­heits­be­auf­trag­ter straf­recht­lich zur Verant­wor­tung gezo­gen.

Doch Medi­en­schelte war hier fehl am Platz: Tatsäch­lich lag der Fehler nicht bei dem Bericht­erstat­ter, sondern beim „völli­gen Miss­ver­ständ­nis der Posi­tion eines Sicher­heits­be­auf­trag­ten“ vor Gericht. „Man hätte dessen Verant­wor­tung aus seiner Schicht­lei­ter­po­si­tion herlei­ten müssen, nicht aus seinem Ehren­amt“, stellte Wilrich klar.

Heraus­for­de­rung Arbeits­welt 4.0

Noch schwe­rer tut sich die Recht­spre­chung mit den neuen Beschäf­ti­gungs­for­men im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung, wie Rechts­an­walt Matthias Klagge ausführte. Die damit verbun­dene Entgren­zung der Arbeit sorgt für viele Frage­zei­chen: Immer mehr Tätig­kei­ten sind compu­ter­ge­steu­ert, die Arbeits­leis­tung erfolgt zuneh­mend zeit- und orts­un­ge­bun­den. Die Arbeits­pro­zesse werden agil, Hier­ar­chien entfal­len. „Mobile Arbeit und Tele­ar­beit lassen sich meines Erach­tens nicht geset­zes­kon­form gestal­ten“, brachte Klagge das Dilemma auf den Punkt.

Vorga­ben für Tele­ar­beit

Konkre­tere Vorga­ben gebe es bislang nur für die soge­nannte Tele­ar­beit: Der „sper­rige Begriff“ aus der Arbeits­stät­ten­ver­ord­nung beinhalte die Einrich­tung eines Bild­schirm­ar­beits­plat­zes im häus­li­chen Bereich inklu­sive Mobi­liar durch den Arbeit­ge­ber mit verein­bar­ter wöchent­li­cher Arbeits­zeit. Das Problem: Der Arbeit­ge­ber hat keinen dauer­haf­ten Einblick in die Verhält­nisse vor Ort und damit ein Infor­ma­ti­ons­de­fi­zit. Er könne nur die Erst­ein­rich­tung sowie eine Unter­wei­sung und Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung für Bild­schirm­ar­beits­plätze vorneh­men. Ohne Einver­ständ­nis des Arbeit­neh­mers dürfe er dessen Wohn­raum nicht betre­ten. Auch Ehepart­ner, Kinder oder Groß­el­tern, die mit dem Arbeit­neh­mer zusam­men­leb­ten, könn­ten ihr Recht auf Unver­letz­lich­keit der Wohnung geltend machen, verwies Klagge auf eine weitere Schwie­rig­keit.

Informations- und Nach­fra­ge­pflicht

Wie kompli­ziert sich dieses Thema in der Praxis gestal­tet, zeig­ten die vielen Nach­fra­gen aus dem Publi­kum: „Ist es möglich, dass ein Arbeit­neh­mer die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung selbst vornimmt?“, erkun­digte sich etwa ein Teil­neh­mer. „Auf Vertrau­ens­ba­sis schon, aber das Risiko trägt der Arbeit­ge­ber“, erklärte Klagge. Aller­dings gelte das Prin­zip der Verhält­nis­mä­ßig­keit. Da der Arbeit­ge­ber nicht mehr alle Arbeits­be­din­gun­gen unter Kontrolle habe, sei er stär­ker auf die Mitwir­kung der Arbeit­neh­mer ange­wie­sen – umso mehr bei mobi­len Arbeits­for­men. Für den Mitar­bei­ter ergebe sich daraus eine erhöhte Infor­ma­ti­ons­pflicht, für den Arbeit­ge­ber eine detail­lierte Nach­fra­ge­pflicht zur Über­prü­fung mögli­cher Gefähr­dun­gen. Wenn der Arbeit­ge­ber mit Unter­wei­sun­gen, strik­ten Vorga­ben und regel­mä­ßi­gen Nach­fra­gen an das Thema heran­gehe, begehe er keine Pflicht­ver­let­zung und könne auf die Voll­stän­dig­keit und Rich­tig­keit der Anga­ben des Mitar­bei­ters vertrauen. „Ich habe hier noch von keiner Ordnungs­strafe gehört.“

Stechuhr-Urteil versus Vertrauen

Neben der örtli­chen Entgren­zung erschwert die zeit­li­che Entgren­zung der Arbeit die rechts­kon­forme Gestal­tung mobi­ler und agiler Beschäf­ti­gungs­for­men. Dies wird durch das soge­nannte „Stechuhr-Urteil“ des Euro­päi­schen Gerichts­hofs noch verschärft. „Arbeit­ge­ber sind verpflich­tet, ein objek­ti­ves, verläss­li­ches und zugäng­li­ches System zur Arbeits­zeit­er­fas­sung einzu­füh­ren. Hinter­grund ist die Einhal­tung der Ruhe­zei­ten“, erläu­terte Klagge. Um den moder­nen Arbeits­for­men Rech­nung zu tragen, müsse der Gesetz­ge­ber aus seiner Sicht hier mehr Spiel­raum schaf­fen. Denk­bar wäre zum Beispiel, die Ruhe­zeit nach reiner Bild­schirm­ar­beit auf acht statt regu­lär elf Stun­den zu begren­zen oder ledig­lich eine pauschale Wochen­ar­beits­zeit von 48 Stun­den fest­zu­le­gen. Doch an das „Arbeits­recht 4.0“ traue sich derzeit niemand heran.

Probleme mit dem Daten­schutz

Ein weite­res Span­nungs­feld ergibt sich aus der Verwen­dung von Weara­bles, Daten­bril­len, Exoske­let­ten und Co.: Diese tech­ni­schen Hilfs­mit­tel erleich­tern die Arbeit, führen aber gleich­zei­tig zu einer Über­wa­chungs­mög­lich­keit des Arbeit­neh­mers. „Es ist recht­lich ein Problem, perso­nen­be­zo­gene Daten zu erhe­ben und zu spei­chern. Das berührt das infor­ma­tio­nelle Selbst­be­stim­mungs­recht, das gesetz­lich geschützt ist“, erklärte Klagge. Grund­sätz­lich werde zwischen drei Persön­lich­keits­sphä­ren unter­schie­den: der Intim‑, der Privat- und der Sozi­al­sphäre. In jedem Fall ein No-Go sei die Total­über­wa­chung. Ansons­ten bewege man sich auf „schwan­ken­dem Boden“: „Es gibt hier keine feste Scha­blone zur recht­li­chen Bewer­tung, sondern alles wird in Rela­tion zum Zweck beur­teilt.“

In der Zwick­mühle

So sei der Arbeit­ge­ber berech­tigt, zum Zweck des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses Daten wie etwa Name, Alter und Fami­li­en­stand der Beschäf­tig­ten zu erhe­ben. In die Zwick­mühle gerate er, wenn zum Beispiel ein Exoske­lett Infor­ma­tio­nen zum Gesund­heits­zu­stand des Trägers liefere. Auf der einen Seite habe der Arbeit­ge­ber eine Fürsor­ge­pflicht gegen­über den Arbeit­neh­mern, auf der ande­ren Seite dürf­ten die Persön­lich­keits­rechte der Beschäf­tig­ten nicht verletzt werden. Dies sei jedoch ein Verbot mit Erlaub­nis­vor­be­halt: Willige der Beschäf­tigte in die Daten­er­he­bung ein, sei diese recht­mä­ßig. Er könne seine Erlaub­nis jedoch jeder­zeit wider­ru­fen.

Demo­gra­fi­scher Wandel

Poten­zi­elle Konflikte mit dem Daten­schutz schränk­ten Unter­neh­men auch darin ein, tech­ni­sche Hilfs­mit­tel zuguns­ten älte­rer Beschäf­tig­ter einzu­set­zen, ergänzte Katrin Zitt­lau im Abschluss­vor­trag zum Thema „alter(n)sgerechte Arbeit“. Theo­re­tisch gebe es hier viele Möglich­kei­ten, etwa eine auto­ma­tisch verstärkte Beleuch­tung oder vergrö­ßerte Buch­sta­ben auf dem Bild­schirm, so die Sicher­heits­in­ge­nieu­rin.

Um die Leis­tungs­fä­hig­keit der Beschäf­tig­ten möglichst lange zu erhal­ten und dem Fach­kräf­te­man­gel entge­gen­zu­wir­ken, plädierte die Refe­ren­tin für „demo­gra­fie­spe­zi­fi­sche Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen“, in denen auch ein geziel­tes Augen­merk auf die Bedürf­nisse älte­rer Mitar­bei­ter gelegt werde. Dies sei grund­sätz­lich ein Gewinn für alle: „Was für Ältere gut ist, kann für Jüngere nicht schlecht sein.“ Als Arbeits­hil­fen empfahl Zitt­lau die prädemo Facts­he­ets zur Demo­gra­fie­be­ra­tung, die auf der Website der Offen­sive Mittel­stand unter www.offensive-mittelstand.de zum Down­load bereit­ste­hen.

www.praxiskongress-recht.de

Petra Jauch


Foto: Jauch

Ich habe hier sehr gute Vorträge gehört, die mir helfen, im tägli­chen Leben die rich­ti­gen Argu­mente zu finden. Wir von der Arbeits­si­cher­heit werden ja oft gefragt, wie ist das mit dem Recht? Ich bin von Hause aus aber keine Juris­tin, sondern Tech­ni­ke­rin. Die span­nen­den Fall­bei­spiele, die hier erör­tert werden, erleich­tern die Risi­ko­ein­schät­zung. Dass die Gerichte offen­bar selbst um manche Urteile ringen, ist für mich okay. Ein gewis­ser Frei­heits­grad muss sein, vor allem hinsicht­lich der neuen Arbeits­for­men. So auch bei uns: Unser Arbeits­schutz­pro­gramm, das auf eindeu­tig gefähr­li­che Tätig­kei­ten zuge­schnit­ten ist, lässt sich nicht einfach komplett auf agil arbei­tende Projekt­grup­pen über­tra­gen. Es braucht auch hier ein gewis­ses Maß der Dinge, aber wenn ein solches Team in einer heißen Phase einmal länger arbei­tet als acht Stun­den, schril­len bei mir nicht sofort alle Alarm­glo­cken. Die Welt verän­dert sich, das muss man beach­ten. Die Impulse, die ich hier dazu bekom­men habe, sind in jedem Fall sehr hilf­reich.“

Dipl.-Ing. Pia Dell­mann, Leitung des Bereichs Arbeits­si­cher­heit und vorbeu­gen­der Brand­schutz, EnBW Ener­gie Baden-Württemberg AG


Foto: Jauch

Wir bezie­hen die Fach­zeit­schrift Sicher­heits­in­ge­nieur und so bin ich auf dieses Semi­nar aufmerk­sam gewor­den. Recht­li­che Aspekte inter­es­sie­ren mich – vor allem, seit­dem eine Sifa vor Gericht in einem Mani­pu­la­ti­ons­fall an die Hammel­beine genom­men wurde. Das Eis, auf dem sich eine Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit bewegt, ist offen­bar noch dünner als gedacht, und man muss entspre­chend aufpas­sen. Die Veran­stal­tung war inter­es­sant und als solche gut orga­ni­siert. Das Thema Haftung war mein Favo­rit, aber auch die Urteile zu den Dienst- und Arbeits­un­fäl­len fand ich span­nend. Diese Infor­ma­tio­nen sind gut für das Allge­mein­wis­sen einer Sifa. Ich gehe abso­lut zufrie­den von hier weg und komme gerne wieder.“

Dipl.-Chem. Frank Toma, Sicher­heits­fach­kraft, Envi­safe Consul­ting GmbH


Foto: Jauch

In meiner beruf­li­chen Tätig­keit liegt der Fokus auf der Präven­tion von Arbeits­un­fäl­len und arbeits­be­ding­ten Gesund­heits­ge­fah­ren. Ein hoher Prozent­satz der Unter­neh­men ist für unsere Anlie­gen aufge­schlos­sen. Für einen klei­ne­ren Teil der Unter­neh­men wünscht man sich zusätz­li­che über­zeu­gende Argu­mente, um arbeits­recht­li­chen Verpflich­tun­gen mit Nach­druck Wirkung zu verlei­hen. Gerichts­ur­teile sind dazu ein gutes Mittel. Sie zeigen, dass die verant­wort­li­chen Unter­neh­mer auch zur Rechen­schaft gezo­gen werden können. Beson­ders Rechts­an­walt Dr. Thomas Wilrich greift diese Thema­tik auf.“

Dr. Isabella Marx, Abtei­lungs­lei­te­rin Präven­tion / Unter­neh­mens­be­treu­ung, VBG, Bezirks­ver­wal­tung Würz­burg

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