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Die Corona-Krise verschärft die sozialen Ungleichheiten in Deutschland

Corona-Krise
Soziale Ungleichheit verschärft sich

Kurzarbeitergeld wird bei Beziehern niedriger Einkommen seltener aufgestockt. (Foto: © magele-picture – stock.adobe.com)
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Die Coro­na-Krise in Deutsch­land ver­schärft auch nach der weit­ge­hen­den Lockerung der Kon­tak­tbeschränkun­gen beste­hende Ungle­ich­heit­en bei Einkom­men und beru­flichen Möglichkeit­en. Erwerb­stätige mit ohne­hin schon niedrigeren Einkom­men haben deut­lich mehr unter neg­a­tiv­en wirtschaftlichen Fol­gen der Coro­na-Krise zu lei­den als Men­schen mit höheren Einkommen.

Bezieher niedriger Einkom­men haben beispiel­sweise während der Pan­demie spür­bar häu­figer schon an Einkom­men einge­büßt, bei Kurzarbeit erhal­ten sie deut­lich sel­tener eine Auf­s­tock­ung des Kurzarbeit­ergeldes, und sie fürcht­en etwa dop­pelt so häu­fig, als Folge der Pan­demie ihren Arbeit­splatz zu ver­lieren. Das zeigen erste Ergeb­nisse ein­er neuen Online-Befra­gung, für die im Auf­trag der Hans-Böck­ler-Stiftung zwis­chen Mitte und Ende Juni 6.309 Erwerb­stätige inter­viewt wor­den sind. Müt­ter übernehmen weit­er­hin deut­lich häu­figer als Väter den Haupt­teil der anfal­l­en­den Betreu­ungsar­beit. Der Anteil der Män­ner scheint im Ver­gle­ich zu ein­er Vorgänger­be­fra­gung vom April sog­ar leicht rück­läu­fig zu sein. Der Abstand zwis­chen den durch­schnit­tlichen Arbeit­szeit­en von Vätern und Müt­tern ist weit­er­hin deut­lich größer als vor Beginn der Krise.

Generell bessere Per­spek­tiv­en in der Krise haben Beschäftigte in Unternehmen mit Tar­ifver­trag und/oder Mitbes­tim­mung: So erhal­ten beispiel­sweise im Fall von Kurzarbeit 54 Prozent der Befragten mit Tar­ifver­trag eine Auf­s­tock­ung des Kurzarbeit­ergeldes, während es ohne Tar­ifver­trag nur 31 Prozent sind. In Betrieben mit Betrieb­srat existieren deut­lich häu­figer feste Regeln für das Home­of­fice als in Betrieben ohne Mitbes­tim­mung. Gibt es eine solche Vere­in­barung, empfind­en Befragte die Arbeitssi­t­u­a­tion im Home­of­fice als weniger belas­tend. Zudem find­en in Betrieben mit Betrieb­srat in allen Qual­i­fika­tion­s­grup­pen häu­figer Weit­er­bil­dun­gen der Beschäftigten statt.

Schaut man auf alle Befragten, ist der Anteil der­jeni­gen, die bere­its Einkom­men­sein­bußen erlit­ten haben, zwis­chen April und Juni von 20 auf 26 Prozent gestiegen. Dage­gen ist die Quote der Men­schen, die sich Sor­gen um ihre wirtschaftliche Zukun­ft oder ihren Job machen, etwas zurück­ge­gan­gen. Erfolge bei der Eindäm­mung der Epi­demie in Deutsch­land und die Anti-Krisen­poli­tik von Bund und Län­dern wer­den also offen­sichtlich pos­i­tiv wahrgenom­men. Nach wie vor sind ins­ge­samt rund zwei Drit­tel der Befragten eher oder voll zufrieden mit dem Krisen­man­age­ment, allerd­ings sind auch hier die Unter­schiede erhe­blich. Die Zus­tim­mungswerte steigen mit dem Einkom­men und liegen zwis­chen 46 Prozent bei Erwerb­stäti­gen mit einem monatlichen Haushalt­snet­toeinkom­men unter 1500 Euro und 72 Prozent bei einem Haushalt­snet­to über 3200 Euro. Zudem kön­nen sich 39 Prozent aller Befragten auch vorstellen, dass die Pan­demie „benutzt wird, um die Inter­essen von Reichen und Mächti­gen durchzuset­zen.“ Dieser Ver­dacht ist unter Men­schen mit niedri­gen Einkom­men eben­falls über­durch­schnit­tlich ver­bre­it­et: Hier stim­men 50 Prozent zu.

„Angesichts der enor­men weltweit­en Erschüt­terun­gen durch die Pan­demie zeigt sich die deutsche Gesellschaft bis­lang ver­gle­ich­sweise sta­bil. Ein hand­lungs­fähiger Sozial­staat, belast­bare Arbeit­nehmer­rechte mit Tar­ifverträ­gen und Mitbes­tim­mung, eine lösung­sori­en­tierte Poli­tik und ein meist sozial­part­ner­schaftlich­er Ansatz zwis­chen Arbeit­ge­bern und Arbeit­nehmern wirken ganz offen­sichtlich pos­i­tiv. Aber unsere Sta­bil­ität ist frag­il. Sie kann ins Kip­pen ger­at­en, wenn diejeni­gen, die schon vorher finanziell und sozial schlechter gestellt waren, in der Krise noch weit­er zurück­fall­en“, sagt Prof. Dr. Bet­ti­na Kohlrausch. Die Wis­senschaftliche Direk­torin des Wirtschafts- und Sozial­wis­senschaftlichen Insti­tuts (WSI) der Hans-Böck­ler-Stiftung und Sozi­olo­giepro­fes­sorin an der Uni­ver­sität Pader­born hat die neue Befra­gung aus­gew­ertet. Möglichst große soziale Bal­ance müsse ein primäres Ziel der Anti-Krisen-Strate­gie sein, und zwar auch über die akute Pan­demiesi­t­u­a­tion hin­aus, sagt Kohlrausch: „86 Prozent der Befragten äußern Sor­gen, dass die soziale Ungle­ich­heit in Deutsch­land weit­er steigt. Wir hät­ten ein großes Prob­lem, wenn sich der Ein­druck fest­set­zen würde: Der Staat hat die Wirtschaft mit Mil­liar­den gerettet, aber dafür müssen die sprich­wörtlichen kleinen Leute zahlen. Wir sehen in unseren Befra­gungs­dat­en Anze­ichen für solche Nar­ra­tive, in denen sich nachvol­lziehbare Äng­ste und Ver­schwörungserzäh­lun­gen ver­mis­chen kön­nen. Die Poli­tik hat es in der Hand, sie zu entkräften oder zu verstärken.“

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