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Hier werden Handschuhe zum Verhängnis

Unfälle an Maschi­nen mit rotie­ren­den Teilen

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Bei Arbeiten mit rotierenden Teilen, so etwa beim Bohren, Drehen oder Fräsen, sollten keine Handschuhe getragen werden. Foto: © Photocreo Bednarek - stock.adobe.com
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Das Tragen von Schutz­hand­schu­hen ist durch die verbes­ser­ten Eigen­schaf­ten heute verfüg­ba­rer Produkte schon fast zur Selbst­ver­ständ­lich­keit gewor­den. Doch Schutz­hand­schuhe sind nicht immer ein wirk­sa­mer Schutz, sondern können bei bestimm­ten Tätig­kei­ten auch zu einer Gefahr werden.

Noch vor eini­gen Jahren waren Schutz­hand­schuhe bei Beschäf­tig­ten in der metall­ver­ar­bei­ten­den Indus­trie äußerst unbe­liebt, da die verwen­de­ten Hand­schuh­ma­te­ria­lien wie Leder oder Baum­woll­stoff mit Leder­be­satz kein gutes Hand­ling ermög­lich­ten und Gummi‐ oder Latex­hand­schuhe die Hände schwit­zen lassen. Das änderte sich schlag­ar­tig mit dem Aufkom­men neuer Hand­schuh­ma­te­ria­lien wie zum Beispiel Faser­strick­ma­te­rial: Die Hand­schuhe wurden weicher, erhiel­ten das Tast­ge­fühl und schütz­ten durch die Beschich­tun­gen der Finger und Innen­hand­flä­chen vor Feuch­tig­keit und Verschmut­zun­gen.

In vielen Berei­chen des metall­ver­ar­bei­ten­den Gewer­bes – auch in der mecha­ni­schen Bear­bei­tung und ande­ren Tätig­keits­be­rei­chen – wurden Schutz­hand­schuhe somit immer belieb­ter. Dabei gerie­ten die Gefah­ren durch das Tragen von Hand­schu­hen bei bestimm­ten Tätig­kei­ten schnell in Verges­sen­heit und es kommt immer wieder zu Unfäl­len, die mit etwas Umsicht und Nach­den­ken zu vermei­den wären.

Unfall­bei­spiel eins:

  • Zur Instand­set­zung einer Pumpe machte sich ein Mitar­bei­ter daran, die an den Dicht­stel­len einge­lau­fene Welle zu glät­ten und neu zu polie­ren. Dazu spannte er die Welle in eine Dreh­ma­schine ein und über­drehte sie leicht. Hier­bei trug er weiter­hin seine Mechaniker‐Schutzhandschuhe. Zum anschlie­ßen­den Polie­ren drückte er ein Stück Schmir­gel­l­ein­wand mit der linken Hand an die weiter rotie­rende Welle. Der Hand­schuh wurde dabei von der Welle erfasst und einge­zo­gen. Der Beschäf­tigte erlitt Verlet­zun­gen in Form von Haut­ab­schür­fun­gen und Prel­lun­gen an der Hand.

Unfall­bei­spiel zwei:

  • Ein Mitar­bei­ter wollte auf dem Maschi­nen­tisch einer Univer­sal­fräs­ma­schine eine Vorrich­tung aufbauen, um danach einige Teile bear­bei­ten zu können. Nach dem Montie­ren der Vorrich­tung musste er die korrekte Ausrich­tung prüfen und nahm dazu die Maschine in Betrieb. Für die Montage hatte er Mechaniker‐Schutzhandschuhe ange­zo­gen und diese auch weiter anbe­hal­ten als die Maschine lief. Bei einer notwen­di­gen Korrek­tur griff er über den Maschi­nen­tisch und wurde durch die rotie­rende Fräs­welle (noch ohne Werk­zeug) erfasst und der Hand­schuh der linken Hand einge­zo­gen. Der Mitar­bei­ter konnte noch die Maschine mit dem NOT‐Halt‐Schalter abschal­ten. Er erlitt schwere Verlet­zun­gen an der linken Hand und am Unter­arm.

Unfall­bei­spiel drei:

  • Ein Mitar­bei­ter hatte den Auftrag, Werk­zeug­ab­la­gen aus Schicht­holz­plat­ten herzu­stel­len. Dazu muss­ten die Plat­ten mit unter­schied­lich großen Bohrun­gen verse­hen werden. Er nutzte für diese Arbei­ten eine Stän­der­bohr­ma­schine und Bohrer verschie­de­ner Ausfüh­run­gen und Durch­mes­ser. Um sich keine Split­ter der Bohr­späne in die Hand einzu­zie­hen, trug der Mitar­bei­ter Schutz­hand­schuhe aus einem Faser­ge­strick mit beschich­te­ter Handin­nen­flä­che. Bei einem notwen­di­gen Bohrerwech­sel griff er mit der rech­ten Hand an die noch laufende Bohr­spin­del, um den Schnell­wech­sel­me­cha­nis­mus auszu­lö­sen. Hier wurde der Hand­schuh von der Gummi­be­schich­tung des Schnell­wechs­lers erfasst und einge­zo­gen. Der Mitar­bei­ter erlitt Finger­brü­che und schwere Abschür­fun­gen an der Hand.

 

All diese Unfälle wären bei rich­ti­gem Verhal­ten der betrof­fe­nen Mitar­bei­ter vermeid­bar gewe­sen: Bei Arbei­ten an rotie­ren­den Maschi­nen dürfen keine Schutz­hand­schuhe getra­gen werden bezie­hungs­weise im Fall 1 wären die Schmir­gel­ar­bei­ten von Hand ganz zu unter­las­sen gewe­sen.

Die beson­dere Gefahr bei Arbei­ten mit rotie­ren­den Teilen ist seit Beginn der Unfall­ver­hü­tung bekannt und wird auch immer wieder in Unter­wei­sun­gen und Schu­lun­gen thema­ti­siert. Bei den Veröf­fent­li­chun­gen der Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten und Unfall­kas­sen findet sich insbe­son­dere in der DGUV Infor­ma­tion 209–066 (alt: BGI 5003) „Maschi­nen der Zerspa­nung“ im Kapi­tel 2.5 „Beson­dere Gefähr­dun­gen und Schutz­maß­nah­men beim Betrei­ben“ der Hinweis auf das Verbot des Tragens von Schutz­hand­schu­hen bei Arbei­ten mit rotie­ren­den Teilen.

Warum wird das Verbot miss­ach­tet?

Viele Beschäf­tigte sind sich der Gefähr­dun­gen, die durch das Tragen von Schutz­hand­schu­hen bei diesen Tätig­kei­ten auftre­ten können, nicht bewusst. Auch wird in Betriebs­an­wei­sun­gen für diese Tätig­kei­ten oder in Unter­wei­sun­gen nicht deut­lich genug darauf hinge­wie­sen – insbe­son­dere auf die Gefahr, dass das Hand­schuh­ma­te­rial einge­zo­gen werden könnte. Es ist kaum bekannt, dass die feinen Gestri­cke und die Beschich­tun­gen der Finger und Handin­nen­flä­chen bereits von kleins­ten Rauig­kei­ten der Teile­ober­flä­chen erfasst und dann mit hoher Geschwin­dig­keit aufge­wi­ckelt werden. Der Betrof­fene hat in diesem Fall kaum eine Möglich­keit, sich dem Vorgang zu entzie­hen.

Inzwi­schen haben auch die Herstel­ler von Schutz­hand­schu­hen auf das Problem reagiert und die ersten Mechaniker‐Schutzhandschuhe mit Soll­bruch­stel­len (Abriss­stel­len) im Bereich der Finger auf den Markt gebracht. Diese Schutz­hand­schuhe sind aber nur für bestimmte, in den Bedien­an­lei­tun­gen des Herstel­lers beschrie­bene Anwen­dungs­fälle, so zum Beispiel beim Benut­zen von Schrau­bern, sicher. Für den Einsatz an Bohr­ma­schi­nen, Dreh‐ und Fräs­ma­schi­nen oder Schleif­ma­schi­nen sind sie weiter­hin unge­eig­net!

Weitere Maßnah­men sind der Einsatz von Schutz­ab­de­ckun­gen und Schnellstop‐Einrichtungen an den Maschi­nen.

Die sicherste Methode, Unfälle an Maschi­nen mit rotie­ren­den Teilen zu vermei­den, ist aber immer noch der Verzicht auf das Tragen von Schutz­hand­schu­hen.


Autor:

Dipl.-Ing. Ulf‐J. Schapp­mann

Sicher­heits­in­ge­nieur VDSI

SIMEBU Thürin­gen GmbH

Foto: © Foto­stu­dio City Color Munschke, Weimar

Tipps für die Praxis: Das können Sie tun

  • Kontrol­lie­ren Sie regel­mä­ßig, ob das Trage­ver­bot von Schutz­hand­schu­hen bei Tätig­kei­ten mit rotie­ren­den Maschi­nen einge­hal­ten wird.
  • Spre­chen Sie Mitar­bei­ter, die Schutz­hand­schuhe bei Tätig­kei­ten mit rotie­ren­den Teilen tragen, umge­hend darauf an. Weisen Sie darauf hin, wie gefähr­lich dieses Verhal­ten ist, indem Sie die Schwere mögli­cher Verlet­zun­gen aufzei­gen.
  • Machen Sie mit prak­ti­schen Demons­tra­tio­nen die Gefahr erkenn­bar und begreif­bar: Die verhee­rende Wirkung lässt sich zum Beispiel vorfüh­ren, indem Sie einen Mechaniker‐Schutzhandschuh an einer Leiste mit einer Klam­mer befes­ti­gen und an ein rotie­ren­des Teil in einer Dreh‐ oder Bohr­ma­schine halten.
  • Spre­chen Sie das Thema im Rahmen von Unter­wei­sun­gen und Sicher­heits­kurz­ge­sprä­chen an und tragen Sie so dazu bei, dass sich rich­ti­ges Verhal­ten einprägt und durch­setzt.

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