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Unangenehmer Geruch im Flugzeug

Fume-Event“ (k)ein Arbeits­un­fall?

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Foto: © kasto - stock.adobe.com
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Seit eini­gen Jahren berich­ten Pilo­ten, Stewar­des­sen und Flug­be­glei­ter vermehrt über Erkran­kun­gen aufgrund der Kabi­nen­luft. Denn in Flug­zeu­gen treten immer wieder und aus unter­schied­li­chen Ursa­chen Gerü­che auf, die die Betrof­fe­nen als unan­ge­nehm empfin­den.

Bei der Zufuhr von Frisch­luft für Kabine und Cock­pit kann es vorkom­men, dass die Luft, die ins Innere des Flug­zeugs gelei­tet wird, mit schäd­li­chen Gasen vermischt wird. Denn bei den meis­ten Verkehrs­flug­zeu­gen stammt die Kabi­nen­luft aus den Trieb­wer­ken, wo sich unter Umstän­den Rück­stände von Kero­sin oder Ölen sammeln können. Diese Öle wiederum setzen bei hohen Tempe­ra­tu­ren gesund­heits­schä­di­gende Stoffe frei, die sich durch einen beißen­den, miefi­gen Geruch bemerk­bar machen.

Die Wissen­schaft bezeich­net das als „Fume-Event“. Umstrit­ten ist, ob sich daraus Gefähr­dun­gen für die Gesund­heit von Crew­mit­glie­dern und Passa­gie­ren erge­ben können. Als Ursa­che wird Trik­re­syl­p­hos­phat (TCP), ein Orga­no­phos­phat und chemi­scher Zusatz­stoff des Turbi­nen­öls, genannt. Dieser steht im Verdacht, gesund­heit­li­che Beschwer­den auszu­lö­sen.

Flug­be­glei­te­rin reicht Klage ein

Ob es sich bei einem „Fume-Event“ um einen Arbeits­un­fall handelt, hatte kürz­lich das Sozi­al­ge­richt (SG) Gießen zu entschei­den. Geklagt hatte eine Flug­be­glei­te­rin, die sich im Okto­ber 2011 in ärzt­li­che Behand­lung bege­ben musste. Nach ihren Anga­ben war es am 09.10.2011 bei einem Lang­stre­cken­flug zu einem „Fume-Event“ an Bord ihres Flug­zeugs gekom­men.

Die zustän­dige Berufs­ge­nos­sen­schaft (BG) lehnte die Aner­ken­nung als Arbeits­un­fall ab, weil nicht fest­stehe, dass gesund­heits­ge­fähr­dende Gefahr­stoffe in das Flug­zeug einge­tre­ten seien. Das Sozi­al­ge­richt gab der BG nach umfas­sen­den medi­zi­ni­schen Ermitt­lun­gen Recht. Das Auftre­ten eines Geruchs („Fume-Event“) in einem Flug­zeug recht­fer­tige für sich allein nicht die Aner­ken­nung als Arbeits­un­fall.

Viel­mehr müsse der Versi­cherte voll bewei­sen, dass eine mit diesem Geruch verbun­dene chemisch-toxische Belas­tung bei ihm einge­tre­ten ist. Eine Beweis­erleich­te­rung oder Beweis­last­um­kehr komme bei Flügen mit vielen Besat­zungs­mit­glie­dern und mehre­ren hundert Passa­gie­ren höchs­tens dann in Betracht, wenn eine Viel­zahl von Versi­cher­ten oder Passa­gie­ren in engem zeit­li­chen Zusam­men­hang mit dem Flug erkranke, so die Begrün­dung.

Kein Beweis für toxi­sche Belas­tung

Nach Auffas­sung des Gerichts konnte nicht fest­ge­stellt werden, dass eine toxi­sche Einwir­kung auf dem Flug statt­ge­fun­den habe. Voraus­set­zung für die Fest­stel­lung eines Arbeits­un­fal­les sei aber, dass die versi­cherte Tätig­keit, die schä­di­gen­den Einwir­kun­gen sowie die Erkran­kung, wegen der Entschä­di­gungs­leis­tun­gen bean­sprucht werden, nach­ge­wie­sen seien. Dage­gen genüge für die Aner­ken­nung einer Gesund­heits­stö­rung als Folge schä­di­gen­der Einwir­kun­gen die Wahr­schein­lich­keit des ursäch­li­chen Zusam­men­hangs. Der Voll­be­weis sei dann geführt, wenn die beweis­be­dürf­tige Tatsa­che mit Gewiss­heit nach­ge­wie­sen sei. Hieran fehle es.

Passa­giere nicht erkrankt

Zwar seien zahl­rei­che Aspekte in Zusam­men­hang mit „Fume-Events“ noch unge­klärt oder umstrit­ten. Dies könne aber nicht dazu führen, dass bei sämt­li­chen subjek­tiv oder objek­tiv wahr­ge­nom­me­nen Geruchs­ver­än­de­run­gen während eines Fluges eine Beweis­erleich­te­rung oder sogar eine Beweis­last­um­kehr eintrete, entschied das Gericht. Passa­giere und Versi­cherte in größe­rer Zahl seien auf dem streit­ge­gen­ständ­li­chen Flug nicht erkrankt. Fest stehe ledig­lich, dass ein unan­ge­neh­mer Geruch von der Kläge­rin und ande­ren Crew­mit­glie­dern wahr­ge­nom­men worden sei. Eine chemisch-toxische Belas­tung sei weder während des Fluges noch danach gesi­chert worden.

(Urteil des Sozi­al­ge­richts Gießen vom 01.02.2019, Az. S 1 U 61/15)

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