Warum verschwand die Lepra in Europa? Selektion scheint dies bewirkt zu haben
Startseite » Aktuelles » Warum verschwand die Lepra bei uns?

Isolation und Selektion

Warum verschwand die Lepra bei uns?

Forscher fanden Hinweise darauf, warum die Lepra in Europa im Mittelalter plötzlich verschwand.
Warum verschwand die Lepra in Europa im 16. Jahrhundert? Foto: ©DjiggiBodgi.com - stock.adobe.com
Anzeige

Die Opfer versteck­ten ihre entstel­len Körper unter Banda­gen und wurden gemie­den – lange hat die gespens­ti­sche Lepra die Bevöl­ke­rung Euro­pas heim­ge­sucht. Doch im 16. Jahr­hun­dert verschwand die Infek­ti­ons­krank­heit lang­sam. Warum? Forscher präsen­tie­ren nun gene­ti­sche Hinweise darauf, dass die Anfäl­lig­keit gegen­über Lepra in der euro­päi­schen Bevöl­ke­rung gesun­ken war, sodass sie sich schließ­lich nicht mehr halten konnte.

 

Heute gilt Lepra als eine typisch tropi­sche Erkran­kung: Die inzwi­schen heil­bare Infek­tion mit dem Erre­ger Myco­bac­te­rium leprae betrifft jähr­lich welt­weit noch über 200.000 Menschen, vor allem in Brasi­lien, Indien und Indo­ne­sien. Im Mittel­al­ter war Lepra hinge­gen auch eine weit­ver­brei­tete Plage in Europa – vom Süden bis in den hohen Norden.

Ein berüch­tig­tes Merk­mal der Erkran­kung ist ihr entstel­len­der Effekt: Im fort­ge­schrit­te­nen Stadium bilden sich Geschwüre, die Knochen, Muskeln und andere Organe zerfal­len lassen. Im Mittel­al­ter reagierte die Gesell­schaft mit Abscheu: Die Betrof­fe­nen wurden isoliert, sie muss­ten eine Warn­glo­cke tragen und wurden sogar auf sepa­ra­ten Fried­hö­fen beer­digt.

Dem Verschwin­den der Lepra auf der Spur

Bis heute ist unklar, warum die einst so weit­ver­brei­tete Erkran­kung im 16. Jahr­hun­dert aus Europa weit­ge­hend verschwand, bevor Behand­lungs­maß­nah­men wie etwa Anti­bio­tika einen Effekt gehabt haben könn­ten. Am Erre­ger hat es offen­bar nicht gele­gen, ging bereits aus einer frühe­ren Studie hervor: Die gene­ti­sche Ausstat­tung bezie­hungs­weise Aggres­si­vi­tät von Myco­bac­te­rium leprae hat sich im Laufe der Zeit nicht wesent­lich geän­dert. Nun zeich­net sich hinge­gen ab, dass die Ursa­che des Rück­gangs in der Entwick­lung der gene­ti­schen Merk­male der euro­päi­schen Bevöl­ke­rung zu suchen ist.

Im Rahmen ihrer Studie haben die Forscher um Almut Nebel von der Univer­si­tät Süddä­ne­mark in Vejle das Erbgut von 85 Lepra-Kranken aus dem däni­schen Odense des 12. und 13. Jahr­hun­derts unter­sucht. Es gelang ihnen, den Über­res­ten DNA für Analy­sen zu entlo­cken. Die gene­ti­schen Merk­male vergli­chen sie mit denen von Proben von 223 mittel­al­ter­li­chen däni­schen und nord­deut­schen Skelet­ten, die keine Spuren von Lepra aufwie­sen sowie mit gene­ti­schen Infor­ma­tio­nen heuti­ger Menschen aus Nord­deutsch­land.

Anpas­sung zeich­net sich ab

In ihren Analy­se­er­geb­nis­sen zeich­nete sich ab, dass offen­bar eine bestimmte Vari­ante eines Immun-Gens die Menschen beson­ders anfäl­lig für Lepra gemacht hat. Die Ergeb­nisse spre­chen dafür, dass die gene­ti­sche Anfäl­lig­keit gegen­über Lepra im Lauf der Zeit aus der euro­päi­schen Bevöl­ke­rung schwand. Selek­tion könnte dafür verant­wort­lich gewe­sen sein: Lepra­kranke gaben die gene­ti­schen Risi­ko­fak­to­ren nicht weiter, da sie isoliert wurden und keine Nach­kom­men hervor­brach­ten. „Die Anpas­sung des Menschen an dieses Bakte­rium über Jahr­hun­derte könnte dazu geführt haben, dass die Krank­heit lang­sam verschwand“, erklärt Co-Autor Ben Krause-Kyora vom Insti­tut für Klini­sche Mole­ku­lar­bio­lo­gie (IKMB) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Dies spricht dafür, dass die Lepra und auch andere Epide­mien der Vergan­gen­heit die heutige Zusam­men­set­zung unse­res Genoms nach­hal­tig beein­fluss­ten“, so die Wissen­schaft­le­rin. In Zukunft möch­ten die Forscher diesem Forschungs­thema treu blei­ben: Sie wollen weitere Erkran­kun­gen des Mittel­al­ters in verschie­de­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen Euro­pas erfor­schen, um zu beleuch­ten, inwie­weit sie das Erbgut der Menschen geprägt haben könn­ten.

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Nature Commu­ni­ca­ti­ons doi: 10.1038/s41467-018–03857-x

 

Anzeige

News­let­ter

Unsere Dosis Wissens­vor­sprung für Sie. Jetzt kosten­los abon­nie­ren!

Jobs

Sicher­heits­be­auf­trag­ter

Titelbild Sicherheitsbeauftragter 10
Ausgabe
10.2018
LESEN
ARCHIV
ABO

Sicher­heits­in­ge­nieur

Titelbild Sicherheitsingenieur 10
Ausgabe
10.2018
LESEN
ARCHIV
ABO
Anzeige

Industrie.de Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de