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Dokumentationspflicht eindämmen

Expertenrunde diskutierte
Dokumentationspflicht eindämmen

Müssen die Anwen­der Kurse in Juris­ten­deutsch besuchen, wenn sie den Beipackzettel zu einem Pro­dukt ver­ste­hen wollen? Wer hat im Fall eines Fall­es den Schwarzen Peter und haftet für Unfälle? Diese und andere Fra­gen disku­tierte eine Experten­runde, die den Sinn ein­er ausufer­n­den Doku­men­ta­tion­spflicht kri­tisch hin­ter­fragte und prag­ma­tis­che Lösungsan­sätze entwick­elte. Dazu ein­ge­laden hat­te der VTH Ver­band Tech­nis­ch­er Han­del e.V..

VTH Ver­band Tech­nis­ch­er Han­del e.V. www.vth-verband.de

Das Pro­duk­t­sicher­heits­ge­setz (ProdSG) „Gesetz über die Bere­it­stel­lung von Pro­duk­ten auf dem Markt“ nimmt in Deutsch­land Regelun­gen zu den Sich­er-heit­san­forderun­gen von tech­nis­chen Arbeitsmit­teln und Ver­braucher­pro­duk­ten vor. Es erset­zt seit 1. Dezem­ber 2011 das alte Geräte- und Pro­duk­t­sicher­heits­ge­setz (GPSG) und set­zt mit dieser Neu­fas­sung ins­ge­samt 13 EU-Richtlin­ien um.
Das ProdSG regelt gemäß § 1 „das Inverkehrbrin­gen und Ausstellen von Pro­duk­ten, das selb­ständig im Rah­men ein­er wirtschaftlichen Unternehmung erfol­gt“. Nach § 4 des Geset­zes darf ein Pro­dukt nur in den Verkehr gebracht wer­den, wenn es so beschaf­fen ist, dass bei bes­tim­mungs­gemäßer Ver­wen­dung oder vorherse­hbar­er Fehlanwen­dung Sicher­heit und Gesund­heit von Ver­wen­dern oder Drit­ten nicht gefährdet wer­den. Das Gesetz sieht im § 6 für Her­steller und Händler umfassende Infor­ma­tions- und Iden­ti­fika­tion­spflicht­en vor. Jedes Pro­dukt muss ein­deutig seinem Her­steller zuzuord­nen sein, außer­dem muss der Ver­brauch­er über alle möglichen Gefährdun­gen sein­er Sicher­heit, die sich aus dem Gebrauch oder der vorherse­hbaren Falschan­wen­dung ergeben, hin­re­ichend aufgek­lärt wer­den. So weit, so schlecht.
Die Fol­gen für die Arbeitss­chutz- und PSA-Indus­trie, den Tech­nis­chen Han­del und seine Kun­den sind fatal. Es muss zu jedem Pro­dukt eine umfassende Anleitung erstellt wer­den, die alle Even­tu­al­itäten eines fehler­haften Gebrauchs the­ma­tisiert. Und da als poten­zieller Anwen­der zwar ein gewerblich­er Kunde gemeint ist, aber nicht ver­hin­dert wer­den kann, dass so ein Pro­dukt in die Hände von fach­lich nicht vorge­bilde­ten pri­vat­en End­ver­brauch­ern gerät, muss die Anleitung auch den fehler­haften Gebrauch durch Laien erfassen. Legit­imer­weise hat die Indus­trie ein Inter­esse daran, ihre Pro­duk­te auch außer­halb des deutschen Sprachraums zu verkaufen, während der Tech­nis­che Han­del und die Anwen­derindus­trie sich­er­stellen müssen, dass diese häu­fig in sper­rigem Fachdeutsch geschriebe­nen Anleitun­gen auch von Kun­den­mi­tar­beit­ern mit nicht so guten Deutschken­nt­nis­sen ver­standen wer­den. Die Folge: Es entste­hen dick­leibige Kon­vo­lute in allen 26 Verkehrssprachen der EU, die die Indus­trie dem Tech­nis­chen Han­del mitliefern muss, die der Tech­nis­che Han­del seinem Kun­den aushändi­gen muss und die der Anwen­der lesen muss. Wofür er aber bei einem Schrift­grad von 8 pt. erst ein­mal – so vorhan­den – die geschlif­f­ene Arbeitss­chutzbrille auf­set­zen muss.
Infor­ma­tion für „die Tonne“
Die Prax­is: Das Pro­dukt wird gekauft, die Ver­pack­ung aufgeris­sen, und noch während die Sicher­heitss­chuhe ange­zo­gen oder der Helm aufge­set­zt wer­den, wan­dert die Pro­duk­t­doku­men­ta­tion zusam­men mit der Ver­pack­ung in den Abfall.
Sicher­lich gibt es Unter­schiede. Ein erk­lärungs­bedürftiges High-Tech-Pro­dukt wie ein Gasmess­gerät lässt sich der Anwen­der bere­itwillig von seinem Fach­ber­ater im Tech­nis­chen Han­del erk­lären oder liest die Pro­duk­t­doku­men­ta­tion sog­ar sel­ber durch. Aber bei einem Ohrstöpsel lässt die Bere­itschaft spür­bar nach, sich mit den Gefahren ein­er Fehlanwen­dung zu befassen, die bei gesun­dem Men­schen­ver­stand nicht vorkommt. Und wer will das dem Anwen­der verdenken?
Ander­er­seits: Das Anliegen des Pro­duk­t­sicher­heits­ge­set­zes (ProdSG) ist aller Ehren wert. Es geht um Sicher­heit, es geht darum, Risiken auszuschließen, und von diesem Ziel will zu Recht nie­mand abrück­en. Die Frage bleibt nur: Wie kommt man diesem Ziel wirk­lich nahe? Wie set­zen Indus­trie und Han­del ihre Bringschuld beleg- und nach­weis­bar um, und wie helfen sie dem Anwen­der, sein­er Holschuld nachzukom­men? Unter den Prak­tik­ern beste­ht weit­ge­hende Einigkeit darin, dass ausufer­nde Pro­duk­t­in­for­ma­tio­nen den Anwen­der in den meis­ten Fällen abschreckt, sich über­haupt mit den teil­weise ja vernün­fti­gen Hin­weisen zu befassen. Am effek­tivsten wäre die Beratung „face-to-face“, wie sie ja die ure­igene Fachkom­pe­tenz des Tech­nis­chen Han­dels ist. Aber es gibt auch noch andere Ver­trieb­swege, bei denen diese Beratung nicht gewährleis­tet wäre.
Am sin­nvoll­sten wäre es, das Pro­dukt mit ein­er Net­zadresse zu verse­hen, aber nicht jed­er Anwen­der ver­fügt über einen Inter­net­zu­gang am Arbeitsplatz.
Zukun­ftsweisend wäre auch die Infor­ma­tion via App, aber nicht jed­er Mitar­beit­er ver­fügt über ein Smartphone.
Ganz abge­se­hen davon würde sich im Haf­tungs­fall die Frage stellen: Wo ist doku­men­tiert, dass die Doku­men­ta­tion beim Anwen­der ankam und von ihm zur Ken­nt­nis genom­men wurde? Und an welch­er Stufe lan­det der Schwarze Peter?
OPI ist die Lösung
Papi­er muss sein. Darin waren sich die Teil­nehmer der Wies­baden­er Experten­runde einig. Aber nicht in Form von dick­en Broschüren. Son­dern in Form ein­er One-Page-Infor­ma­tion (OPI), also eines Blattes, das ein­er­seits die Basis­in­for­ma­tio­nen mit den vier, fünf oder sechs wichtig­sten Hin­weisen enthält, ander­er­seits einen Link zu aus­führlichen Infor­ma­tion im Netz. Ide­al­er­weise als Branchen­stan­dard. Sicher­heit­späd­a­gogisch ist das die vernün­ftig­ste Lösung. Feld­ver­suche mit OPI haben ergeben, dass die Lese­bere­itschaft von 3 auf 90% steigt. Außer­dem ist die Chance, dass bei fünf Punk­ten etwas hän­gen bleibt, um ein Vielfach­es höher als bei fünf oder gar zehn Seiten.
Nun ist es alles andere als leicht, beste­hende Geset­ze zugun­sten ein­er vernün­fti­gen Lösung zu ändern. Wenn über­haupt, funk­tion­iert das nur über eine konz­ertierte Aktion. Hier müssen sich Tech­nis­ch­er Han­del, Indus­trie und Beruf­sgenossen­schaften ver­bün­den und alle diese gemein­same Lösung vertreten. Umzuset­zen ist dies nur durch eine Ini­tia­tive über die europäis­che Kom­mis­sion. Dafür wird der VTH ein Konzept erar­beit­en und vorstellen!

Die wichtigsten Forderungen
  • Es geht nicht darum, bei einem Unfall den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, son­dern den Unfall zu vermeiden
  • Her­steller sollen kom­mu­nika­tions­fähige Doku­men­ta­tio­nen vor­legen, die der Tech­nis­che Han­del nicht über­ar­beit­en muss
  • prak­tis­che Doku­men­ta­tion durch Konzen­trat der wichtig­sten fünf Punk­te (OPI)
  • grundle­gende Doku­men­ta­tion im Internet
  • über­greifende Plat­tfor­men schaf­fen für Branchenstandards
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