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Fit durch die Nacht

Schichtarbeiter
Fit durch die Nacht

Eigentlich ist der Mensch nachts auf Ruhe programmiert. Foto: Bertold Werkmann - Fotolia.com
Damit die Leben­squal­ität und die Gesund­heit von Men­schen in Schichtar­beit langfristig gewährleis­tet bleiben, sind Betriebe und Beschäftigte gle­icher­maßen gefordert. Ins­beson­dere bei Nacht- oder Wech­selschicht­en ist Vor­sicht geboten. Auf Fak­toren wie ungestörter Schlaf, Ernährung und Bewe­gung kön­nen die Arbei­t­en­den sel­ber Ein­fluss nehmen. Andere Fak­toren wie die Schicht­plangestal­tung kön­nen Arbeit­nehmer nur im Ein­klang mit dem Arbeit­ge­ber und den Arbeit­nehmervertretern beeinflussen.

Schichtar­beit, Nacht- und Woch­enen­dar­beit bet­rifft zwar immer noch vor­wiegend Beschäftigte im pro­duzieren­den Gewerbe, aber auch immer mehr Dien­stleis­tungs­berufe. Nicht mehr nur Maschi­nen sollen rund um die Uhr laufen, die Men­schen erwarten auch Sicher­heit, medi­zinis­che Ver­sorgung und Pflege rund um die Uhr. Und natür­lich wollen sie als Kun­den König sein, nicht zu ein­er gewis­sen Uhrzeit, son­dern 24 Stun­den, sieben Tage die Woche. Dr. Brigitte Steinke, Ref­er­entin für Betrieblich­es Gesund­heits­man­age­ment bei der Tech­niker Krankenkasse, bemerkt: „In der ständig wachen Welt haben die Tageszeit­en als natür­lich­es Sig­nal für Wach­sein und Schlafen stark an Bedeu­tung ver­loren. Ursprünglich hat die Natur den Men­schen als tagak­tives Lebe­we­sen vorge­se­hen. Entsprechend ist der Men­sch tagsüber auf Aktiv­ität und nachts auf Ruhe programmiert.“

Innere Uhr steuert den Körper
Jed­er Men­sch hat eine innere Uhr, die wichtige Kör­per­funk­tio­nen wie Herz­schlag, Stof­fwech­sel, Ver­dau­ung und Kör­pertem­per­atur steuert. Die innere Uhr sagt dem Men­schen nicht nur, dass er gegen Abend müde wird, sie teilt auch jedem inneren Organ den indi­vidu­ellen Schicht­plan zu. Alle Kör­per­rhyth­men greifen nach dieser Uhr ineinan­der. Die einzel­nen Funk­tio­nen sind aufeinan­der abges­timmt und wieder­holen sich tagein, tagaus, immer zur gle­ichen Tages- oder Nachtzeit. Dabei tick­en nicht alle Men­schen gle­ich, son­dern die Eigen­schaften der inneren Uhr sind von den Genen bes­timmt. Es gibt also ver­schiedene Typen von Men­schen: Die Eulen, die gerne spät zu Bett gehen und mor­gens eher schlecht aus dem Bett kom­men und die Lerchen, die Frühauf­ste­her, die früh am Mor­gen aktiv sind, dafür sich aber schon früher am Abend zur Ruhe leg­en. „Bei den ver­schiede­nen Typen funk­tion­iert der indi­vidu­elle Schicht­plan unter­schiedlich“, weiß Steinke.
Licht macht aktiv
Auss­chlaggebend für den kör­pereige­nen Schicht­plan ist das Licht. Es spielt für die Aktiv­ität eine große Rolle. Bei Son­nenauf­gang wer­den Kör­p­er und Geist hochge­fahren. „Ein winziger Zell­haufen im Gehirn reagiert darauf, welch­es Licht in welch­er Menge auf das Auge trifft und startet das entsprechende Pro­gramm durch die Auss­chüt­tung von Hor­mo­nen“, erk­lärt Steinke. Der Ablauf des 24-Stun­den-Rhyth­mus kann dabei nicht verän­dert wer­den, vielmehr kön­nen die Kör­per­rhyth­men nur mit der aktuellen Umwelt syn­chro­nisiert wer­den. Deshalb ist die Anpas­sung des Men­schen an Nachtar­beit und Wech­selschicht mit Prob­le­men behaftet. Die Umwelt sig­nal­isiert eine Ruhep­ause, während der Schicht­plan Aktiv­ität fordert. Hier kann mit kün­stlichem Licht Abhil­fe geschaf­fen wer­den. Licht alleine reicht jedoch nicht aus, um den Men­schen gegen seine innere Uhr zur Aktiv­ität zu bewe­gen. „Was den Men­schen zur Schichtar­beit oder vielmehr zur Nachtar­beit befähigt, ist sein Wille“, führt Steinke aus.
Nachtar­beit ist anstrengender
Der Men­sch ist also dur­chaus in der Lage, die innere Uhr zu ignori­eren und nachts aktiv zu wer­den, er muss es nur wollen und sich dafür entscheiden.
Das Prob­lem ist aber: Trotz des Wil­lens läuft der kör­pereigene Rhyth­mus weit­er: Mor­gens wer­den pünk­tlich die Auf­ste­hhor­mone aus­geschüt­tet, auch wenn der Schichtar­beit­er ger­ade erst von der Schicht nach Hause gekom­men ist und eigentlich schlafen möchte. Gle­ich­es gilt auch für Leis­tungstiefs. Ein Leis­tungstief find­et beispiel­sweise nachts um drei Uhr statt, egal ob der Men­sch im Bett liegt oder an der Mas­chine steht.
Nachtar­beit­er müssen gegen Fak­toren wie Leis­tungstiefs ankämpfen, dadurch wird Nachtar­beit anstren­gen­der als Tagar­beit. Steinke erläutert: „Wer nachts die gle­iche Leis­tung brin­gen will wie tagsüber, muss sich stärk­er anstren­gen, das kostet zusät­zliche Energie und kann auf Dauer die Gesund­heit beein­trächti­gen.“ Zahlen bele­gen den Anstren­gungs­fak­tor ein­deutig: Die phys­i­ol­o­gis­che Arbeits­beanspruchung bei gle­ich­er Tätigkeit beträgt in der Früh­schicht 100 Prozent, in der Spätschicht 113 Prozent und in der Nachtschicht 156 Prozent.
Schutzrechte für Nachtarbeiter
Damit auch bei Schichtar­beit die Gesund­heit und Sicher­heit der Arbei­t­en­den best­möglich gewährleis­tet wer­den kann, gibt der Geset­zge­ber mit dem Arbeit­szeit­ge­setz einen Rah­men vor, in dem bes­timmt wird, wer, wann und wie lange arbeit­en darf oder muss. Ein­er­seits dient das Gesetz der Sicher­heit und dem Gesund­heitss­chutz der Beschäftigten, indem es die max­i­male tägliche Arbeit­szeit eben­so fes­tlegt wie die Min­de­struhep­ausen während der Arbeit. Ander­er­seits trägt das Gesetz dem Bedürf­nis nach mehr Möglichkeit­en zur Flex­i­bil­isierung der Arbeit­szeit und damit zur Verbesserung der Wet­tbe­werb­s­fähigkeit Rech­nung. Deshalb räumt es das Recht ein, in eini­gen Punk­ten abwe­ichende Regeln festzule­gen. Diese Punk­te beziehen sich auf Pausen­regelun­gen, auf Ruhezeit­en, Aus­gle­ich­szeit­en und der­gle­ichen. Solche Abwe­ichun­gen kön­nen dazu beitra­gen, mehr Spiel­räume und mehr per­sön­liche Hand­lungs­frei­heit zu lassen. Entsprechende Regelun­gen wer­den in ein­er Betrieb­svere­in­barung oder einem Tar­ifver­trag getrof­fen. Nachtar­beit­er genießen bes­timmte Schutzrechte. Dazu zählen Arbeit­nehmer, die nor­maler­weise Nachtar­beit in Wech­selschicht oder Nachtar­beit an min­destens 48 Tagen im Kalen­der­jahr leisten.
Aktuelles Urteil zur Schichtarbeit
Ein Urteil vom 9. April 2014 des Bun­de­sar­beits­gerichts (BAG) zeigt, dass Schichtar­beit­er, die aus gesund­heitlichen Grün­den keine Nachtar­beit mehr aus­führen kön­nen, nicht generell arbeit­sun­fähig sind. Geklagt hat­te eine Kranken­schwest­er, die von 1983 bis 2012 im Schicht­di­enst tätig war. Im Jahr 2012 erkrank­te sie und musste Medika­mente ein­nehmen, die sie schläfrig macht­en, weshalb sie die Nachtschicht­en nicht mehr ausüben kon­nte. Ihr Arbeit­ge­ber schick­te sie wegen Nacht­di­en­stun­tauglichkeit nach Hause, ihr Ange­bot, nur noch am Tag einge­set­zt zu wer­den, lehnte er ab.
Das Arbeits­gericht hat nun geurteilt, dass das Ver­hal­ten des Arbeit­ge­bers nicht recht­mäßig war: Wed­er sei die Kranken­schwest­er arbeit­sun­fähig krank noch sei ihr die Arbeit­sleis­tung generell unmöglich. Vielmehr müsse das Kranken­haus bei der Ein­teilung der Schicht­en auf die angeschla­gene Gesund­heit der Klägerin Rück­sicht nehmen. Steinke fasst zusam­men: „Arbeit­nehmer, die gesund­heitlich nicht mehr in der Lage sind, in Nachtschicht­en zu arbeit­en, haben nach dem aktuellen Urteil einen Anspruch darauf, von den Nachtschicht­en befre­it zu wer­den.“ Arbeit­nehmer, die nur für Nachtschicht­en eingestellt wer­den, lösen dieses Prob­lem nicht. Denn auch sie haben einen Anspruch auf einen Tage­sar­beit­splatz, wenn ihre Gesund­heit dies erfordert.

Checkliste für Unternehmen
Einige Erken­nt­nisse zur Schichtar­beit haben sich durchge­set­zt, dazu zählt beispiel­sweise, dass auf eine Nachtschicht­en­phase eine Erhol­ungsphase fol­gen sollte. Anhand der fol­gen­den Punk­te kön­nen Ver­ant­wortliche im Unternehmen check­en, ob sie die Schichtar­beit möglichst gesund­heits­förder­lich gestalten.
    • Ver­fährt das Unternehmen nach dem Grund­prinzip: Möglichst wenig aufeinan­der­fol­gende Nachtschicht­en und gibt es max­i­mal drei Nachtschicht­en hintereinander?
    • Ste­hen den Mitar­beit­ern nach ein­er Nachtschicht­en­phase min­destens zwei frei Tage zur Ver­fü­gung, damit sie eine möglichst lange Erhol­ungszeit haben?
    • Wird bei der Schicht­pla­nung darauf geachtet, dass die Mitar­beit­er möglichst viele freie Woch­enen­den haben oder dass sie min­destens 48 Stun­den freie Zeit am Stück haben mit min­destens einem Woch­enend­tag frei?
    • Ver­hin­dert das Unternehmen lange Schichtro­ta­tio­nen und bevorzugt es vor­wärt­srotierende Schichtpläne?
    • Begin­nt die Früh­schicht möglichst spät?
    • Haben die Beschäftigten eine möglichst kon­stante Wochenarbeitszeit?
    • Hängt die Länge ein­er Schicht von der Belas­tung der Tätigkeit ab?
    • Wurde eine Belas­tungs­analyse durchge­führt, so dass die Ver­ant­wortlichen wis­sen, wie anstren­gend welche Tätigkeit­en in welch­er Schicht sind?
    • Ist die Schicht­plangestal­tung für alle Beteiligten möglichst vorherse­hbar und durchschaubar?
    • Wer­den spon­tane Verän­derun­gen möglichst ver­mieden und Verän­derun­gen im Schicht­plan möglichst frühzeit­ig angekündigt?
    • Bekom­men die jew­eili­gen Schichtar­beit­er den Schicht­plan möglichst frühzeit­ig ausgehändigt?
    • Erlaubt das Unternehmen Flex­i­bil­ität? Kön­nen die Schichtar­beit­er Schicht­en ver­schieben oder tauschen?

Tipps für Schichtarbeiter
Wie Schichtar­beit­er die alltäglichen Prob­leme des Schicht­di­en­sts in den Griff bekom­men und dabei noch möglichst gesund bleiben, zeigen die fol­gen­den Tipps.
    • Wählen Sie für Ihr Schlafz­im­mer den ruhig­sten Raum in der Wohnung.
    • Stellen Sie Tele­fon und Türklin­gel ab.
    • Ver­suchen Sie Nachtbe­din­gun­gen in Ihrem Schlafz­im­mer herzustellen. Hal­ten Sie es kühl und dunkel.
    • Schauen Sie im Bett nicht fern, lesen, essen und arbeit­en Sie nicht im Bett.
    • Gehen Sie je Schicht zu ein­er fes­ten Zeit ins Bett und ste­hen Sie eben­so zu ein­er bes­timmten Zeit auf.
    • Ver­suchen Sie, nach der let­zten Nachtschicht möglichst schnell wieder in den nor­malen Rhyth­mus zu kommen.
    • Lassen Sie Ihren Tagschlaf nicht durch andere Verpflich­tun­gen zu kurz kommen.
    • Ihre Hauptschlaf­phase sollte nicht kürz­er als vier Stun­den sein. Ins­ge­samt sind sieben Stun­den Schlaf pro Tag wichtig für Gesund­heit, Wohlbefind­en und Leistungsfähigkeit.
    • Pro­bieren Sie den Schlaf in Schicht­en. Schlafen Sie vier Stun­den, unternehmen Sie dann etwas mit Ihrer Fam­i­lie und leg­en Sie am späten Nach­mit­tag eine zweite Schlaf­schicht ein.
    • Verzicht­en Sie vier Stun­den vor dem Schlafenge­hen auf kof­fein­haltige Getränke.
    • Ver­mei­den Sie Alko­hol und Schlafmit­tel als Ein­schlafhelfer. Diese min­dern den Erhol­ungswert des Schlafes.
    • Essen Sie min­destens drei und am besten fünf kleine Mahlzeit­en am Tag.
    • Nehmen Sie kurz vor dem Schlafenge­hen nicht zu große Men­gen zu sich.
    • Trinken Sie min­destens zwei bis drei Liter täglich.
    • Treiben Sie Sport und sor­gen Sie für regelmäßige Bewe­gung. Viele Sportarten wie Joggen oder Rad­fahren kön­nen Sie zu beliebi­gen Uhrzeit­en ausüben ohne auf Mit­stre­it­er oder Öff­nungszeit­en angewiesen zu sein.
    • Suchen Sie nach einem Sport­part­ner in ihrer Schicht, so lassen sich gemein­same sportliche Aktiv­itäten gut koordinieren.
    • Wenn Ihr Arbeit­ge­ber einen Fit­ness­raum oder Betrieb­ss­port anbi­etet, dann nutzen Sie diese Angebote.
    • Inte­gri­eren Sie Bewe­gung in Ihren All­t­ag: Nehmen Sie die Treppe statt des Fahrstuhls.
    • Ver­suchen Sie, so oft wie es geht, an den gemein­samen Mahlzeit­en in der Fam­i­lie teilzunehmen.
    • Gle­ichen Sie die fehlende Quan­tität mit Qual­ität aus, pla­nen Sie frühzeit­ig schöne Aus­flüge, sodass diese auch bei Ihrem Schicht­plan einge­hal­ten wer­den können.
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