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Gehörschutz richtig auswählen: die wichtigsten Kriterien

Lärmschwerhörigkeit wird nach wie vor unterschätzt
Gehörschutz richtig auswählen: die wichtigsten Kriterien

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Bei den anerkan­nten Beruf­skrankheit­en ste­ht Lärm­schw­er­hörigkeit seit langem an erster Stelle, Ten­denz steigend. Unter­schätzt wer­den oft der kri­tis­che Lärm­pegel und die Empfind­lichkeit unseres Gehörs, dem auch eine gerin­gere Lärm­be­las­tung bleiben­den Schaden zufü­gen kann, wenn sie andauert. Das muss nicht sein: Als wirk­samer Gesund­heitss­chutz in diesem Bere­ich ist eine große Band­bre­ite an Arbeitss­chutzpro­duk­ten auf dem Markt. Dabei kommt es auf die richtige Auswahl an.

Lärmempfind­en ist indi­vidu­ell ver­schieden: Ob Geräusche „nur“ unan­genehm sind oder schon die Gesund­heit beein­trächti­gen, kann man selb­st kaum ein­schätzen. Während die Schmerz­gren­ze bei rund 120 dB(A) liegt, entste­hen Gehörschä­den schon bei weitaus gerin­ger­er Belas­tung. Zudem entwick­eln sich Hörschä­den meist so langsam, dass die Betrof­fe­nen sie zunächst nicht bemerken. Aus diesen Grün­den bew­erten viele die Auswirkun­gen von Lärm – nicht nur – am Arbeit­splatz als zu ger­ing. Es sind nicht allein die bleiben­den Gehörschä­den: Schon bevor es dazu kommt, reagiert der men­schliche Kör­p­er auf Lärm mit Stress, Herz-Kreis­lauf-Erkrankun­gen wie Bluthochdruck, mit Ner­vosität, Schlaf­störun­gen oder Magen-Darm-Beschw­er­den. Das beein­trächtigt nicht nur die Leben­squal­ität, son­dern auch die Leistungsfähigkeit.
Betra­chtet man die Entwick­lung bei den Beruf­skrankheit­en, hält die Lärm­schw­er­hörigkeit seit Jahren einen beden­klichen Reko­rd. Allein im Jahr 2011 wur­den mehr als 12.000 Ver­dachts­fälle angezeigt und rund 6.300 von ihnen anerkan­nt. In der Häu­figkeit fol­gen ihnen Asbestose mit gut 1.800 und Silikose mit knapp 1.100 anerkan­nten Fällen.
Die Sta­tis­tik zeigt außer­dem: Seit 2007 (gut 5.000 Fälle) ist die Fal­lzahl bei Lärm­schw­er­hörigkeit kon­tinuier­lich gestiegen.
Es ist Auf­gabe des Unternehmers, die Beschäftigten vor Lärm zu schützen; unter­stützt wird er dabei durch Fachkräfte für Arbeitssicher­heit und durch Sicher­heits­beauf­tragte. Die Lärm- und Vibra­tions-Arbeitss­chutzverord­nung regelt unter anderem: Ist ein Arbeit­nehmer über eine Dauer von acht Stun­den einem Lärm­pegel von über 85 dB(A) aus­ge­set­zt, muss das Unternehmen tech­nis­che, organ­isatorische beziehungsweise per­sön­liche Maß­nah­men zur Lär­m­min­derung ergreifen. Als wesentliche Auswahlkri­te­rien für geeigneten Gehörschutz gel­ten der Lärm­pegel am Arbeit­splatz und die Akzep­tanz des per­sön­lichen Gehörschutzes aus der Sicht der Mitar­bei­t­erin­nen und Mitarbeiter.
Lär­m­analyse
Aus­gangspunkt ein­er Lär­m­analyse ist die Unter­suchung der Lär­mumge­bung und die Klärung dieser Fra­gen: Wie laut ist es an den einzel­nen Arbeit­splätzen? Wie lange sind die Beschäftigten dem Lärm aus­ge­set­zt? Bei welchen Fre­quen­zen liegt der Lärm? Kön­nen tech­nis­che oder organ­isatorische Maß­nah­men zur Lär­mver­mei­dung real­isiert werden?
Unter­stützung bei der Klärung dieser Fra­gen kann das von 3M entwick­elte Dien­stleis­tung­spro­gramm „Smart Safe­ty“ geben. Nach ein­er Lär­mmes­sung wird im Rah­men ein­er detail­lierten Gefährdungs­beurteilung ein Lärmkataster erstellt. Auf dieser Grund­lage erhält das Unternehmen eine auf seine Gegeben­heit­en abges­timmte Empfehlung für Lär­m­min­derungs­maß­nah­men und Unter­stützung bei der Umsetzung.
Eine Über­sicht über die ver­schiede­nen Meth­o­d­en zur Ermit­tlung des geeigneten Gehörschutzes bietet die Deutsche Geset­zliche Unfal­lver­sicherung (DGUV) in ihrer Regel „Benutzung von Gehörschutz“ vom Mai 2011:
  • Die Oktavband-Meth­ode ist ein genaues, aber sehr aufwendi­ges Ver­fahren, das die Ken­nt­nis der einzel­nen Oktavband-Schall­druck­pegel erfordert. Es sollte angewen­det wer­den, wenn im Einzelfall die Schutzwirkung möglichst genau zu bes­tim­men ist, z.B. durch Vor­gaben im Rah­men ein­er arbeitsmedi­zinis­chen Überwachung.
  • Die HML-Meth­ode ist mit ihren drei für jeden Gehörschützer­typ angegebe­nen Dämmw­erten für hohe (H), mit­tlere (M) und tiefe (L) Fre­quen­zen ein Auswahlver­fahren, das die Fre­quen­z­ab­hängigkeit der Schalldäm­mung eben­falls berück­sichtigt. Als Infor­ma­tion über das Geräusch am Arbeit­splatz muss der A- und C‑bewertete Schall­druck­pegel bekan­nt sein. Diese Meth­ode ist zu empfehlen, wenn keine Oktavband-Analyse vor­liegt und trotz­dem im Einzelfall die Schutzwirkung möglichst genau bes­timmt wer­den soll.
  • Der HML-Check ist eine Kurz­form der HML-Meth­ode und wird in der betrieblichen Prax­is am häu­fig­sten angewen­det. Er liefert im All­ge­meinen aus­re­ichende Ergeb­nisse, wenn keine zusät­zlichen Infor­ma­tio­nen zur Fre­quenz­zusam­menset­zung zur Ver­fü­gung stehen.
  • Die SNR-Meth­ode ver­wen­det einen einzi­gen Dämmw­ert (SNR-Wert). Dieser Wert charak­ter­isiert als Ein­zahlken­nwert die Schalldäm­mung nur grob, da die Fre­quenz­zusam­menset­zung des Arbeit­slärms nicht aus­re­ichend berück­sichtigt wird. Bei der Auswahl­meth­ode erhält man den A‑bewerteten Restschallpegel am Ohr durch Sub­trak­tion des SNR-Wertes vom C‑bewerteten Schallpegel am Arbeit­splatz. Der SNR-Wert liegt durch­schnit­tlich um 3 bis 4 dB(A) über dem M‑Wert.
Ist die erforder­liche Schalldäm­mung ermit­telt, kann der geeignete Gehörschutz aus­gewählt wer­den. Dabei spie­len auch weit­ere Fak­toren eine Rolle: Umfeld, Tragedauer, Kom­pat­i­bil­ität mit ander­er per­sön­lich­er Schutzaus­rüs­tung, per­sön­liche Vor­lieben und unternehmensin­terne Vor­gaben. Es muss also gek­lärt wer­den: Han­delt es sich um eine eher saubere oder schmutzige Umge­bung? Muss der Gehörschutz per­ma­nent oder nur in Lär­minter­vallen getra­gen wer­den? Benötigt der oder die Beschäftigte zusät­zlich einen Helm und/oder eine Schutzbrille? In welchem Kosten­rah­men kann in Gehörschutzpro­duk­te investiert wer­den? Unbe­d­ingt soll­ten die betr­e­f­fend­en Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er in die Pro­duk­tauswahl ein­be­zo­gen wer­den: In Tragetests kön­nen sie aus­gewählte Pro­duk­te im prak­tis­chen Ein­satz bew­erten. Das wirkt sich erfahrungs­gemäß äußerst pos­i­tiv auf die Akzep­tanz des Gehörschutzes und die Trage­quote aus.
Drei Arten, viele Varianten
Grund­sät­zlich teilen sich Gehörschutz-Pro­duk­te in drei Arten auf, die jew­eils spez­i­fis­che Vorteile bieten.
Gehörschutzstöpsel eignen sich ins­beson­dere für Arbeit­sumge­bun­gen mit hohen Tem­per­a­turen, bei langer Tragedauer und in Kom­bi­na­tion mit ander­er per­sön­lich­er Schutzaus­rüs­tung. Die am häu­fig­sten ver­wen­de­ten Pro­duk­te beste­hen aus dehn­barem, rück­ver­for­men­dem Poly­mer­schaum; sie bieten hohen Tragekom­fort und Schutz im Rah­men unter­schiedlich­er Dämmw­erte. Es gibt Vari­anten zum ein­ma­li­gen oder mehrfachen Gebrauch, vorge­formt oder vorzu­for­men sowie mit Stiel oder Bügel. Die Pro­duk­te mit Stiel sind beson­ders hygien­isch und empfehlen sich für Arbeit­splätze in stark ver­schmutzter Umge­bung. Bügel-Gehörschutzstöpsel sind beson­ders prak­tisch, weil unkom­pliziert auf- und abzusetzen.
Kapsel­ge­hörschützer wer­den in der Regel mit einem Bügel über dem Kopf getra­gen, daneben gibt es Nack­en- und Helmkapseln. Weiche gepol­sterte Dich­tungsringe sor­gen für einen guten Tragekom­fort. Option­al ermöglichen soge­nan­nte Kom­mu­nika­tion­slö­sun­gen mit Mikrophon-Laut­sprech­er-Sys­te­men in den Head­sets eine klare Ver­ständi­gung selb­st bei extremem Lärm, auch über inte­gri­erte Funkgeräte oder Tele­fon­verbindun­gen. Kapsel­ge­hörschützer eignen sich zum Ein­satz in schmutzi­gen Arbeits­be­din­gun­gen und sind für Men­schen mit druck­empfind­lichem Gehör­gang eine Alter­na­tive zu Gehörschutzstöpseln. Zudem sor­gen sie für den Schutz der Ohren bei niedri­gen Temperaturen.
Oto­plas­tiken sind indi­vidu­ell angepasste Gehörschützer: nach einem Abdruck des Gehör­gangs maßge­fer­tigte Unikate. Fol­glich sitzen sie druck­frei, selb­st wenn sie den ganzen Tag über getra­gen wer­den. Ihre Trage-Akzep­tanz ist beson­ders hoch. Je nach Mod­ell sorgt ein Uni­ver­sal­fil­ter oder ein Fil­ter mit wählbar­er Leis­tung für die gewün­schte Schalldäm­mung. Ihre Lan­glebigkeit mit ein­er Nutzungs­dauer von mehreren Jahren macht die Anschaf­fung der indi­vidu­ellen Gehörschützer zudem wirtschaftlich.
Joao Rosario
Anwen­dung­stech­niker Gehörschutzprodukte
3M Deutsch­land GmbH
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