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Gut gesi­chert trotz gefähr­li­cher Kanten

Interview
Gut gesi­chert trotz gefähr­li­cher Kanten

Bei ebenerdiger Fixierung des Anwenders muss das Verbindungsmittel besonders strapazierfähig sein, damit es bei einem Sturz über die Kante nicht reißt. Fotos: Capital Safety
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Abstürze aus der Höhe sind eine der Haupt­ur­sa­chen für Todes­fälle am Arbeits­platz: Jeden Tag stirbt daran in Europa mindes­tens ein Mensch. Die Hälfte passiert auf dem Bau und bei ähnli­chen Tätig­kei­ten. Beson­ders leicht kommt es in der Nähe einer Kante zum Absturz. Welche Belas­tun­gen Höhen­si­che­run­gen aushal­ten müssen, wenn Arbeit­neh­mer in der Umge­bung von Kanten agie­ren, beruhte bislang auf Empfeh­lun­gen. Wieso sich das bald ändern könnte und was Sicher­heits­be­auf­tragte beach­ten soll­ten, erklärt Stefan Haase, Coun­try Mana­ger Germany vom Fall­schutz­spe­zia­lis­ten Capi­tal Safety, im Inter­view*.

Herr Haase, weshalb ist Höhen­si­che­rung in der Nähe von Kanten so kompli­ziert?

Haase: In vielen Bran­chen ist es alltäg­lich, in der Umge­bung von Kanten zu arbei­ten, zum Beispiel in der Bauin­dus­trie. Wer über Trapez­ble­che, Metall­dä­cher oder Stahl­trä­ger stol­pert, kann sich schmerz­hafte Verlet­zun­gen zuzie­hen. Das allein ist noch kein gravie­ren­des Sicher­heits­pro­blem. Doch wenn die Arbei­ten in hoher Höhe statt­fin­den, droht Lebens­ge­fahr. Denn wenn ein Arbei­ter stürzt und sein Verbin­dungs­mit­tel – also das Seil zur Siche­rung – durch eine Kante bean­sprucht wird, kann es passie­ren, dass es durch­reißt.
Welche Fakto­ren erhö­hen das Risiko, dass das Seil reißt?
Haase: Das Risiko ist beson­ders hoch, wenn die Siche­rung hori­zon­tal einge­setzt wird. Das heißt, dass sich der Anschlags­punkt, also der Punkt, an dem die Siche­rung befes­tigt ist, auf Höhe der Füße des Anwen­ders befin­det. Das ist beispiels­weise bei Arbei­ten auf einem Stahl­trä­ger oder bei Dach­ar­bei­ten üblich. Viele Verbin­dungs­mit­tel sind aber nur für den verti­ka­len Einsatz, also einen Anschlags­punkt ober­halb vom Kopf des Anwen­ders, geprüft. Bei einer hori­zon­ta­len Siche­rung ist die Ausrüs­tung einer höhe­ren Belas­tung ausge­setzt, wenn der Gesi­cherte stürzt. Denn der Anwen­der fällt eine weitere Stre­cke, bis zu 1,50 Meter legt er im freien Fall zurück. Höhen­si­che­rungs­ge­räte sind in der Regel aber nur für eine Fall­stre­cke bis 60 Zenti­me­ter getes­tet. Die zusätz­li­che Bean­spru­chung durch die Kante belas­tet das Mate­rial weiter. Außer­dem kann die Reibung an der Kante dazu führen, dass die Fangstoß­kraft, also die Kraft, die auf den Anwen­der einwirkt, wenn der Fall abge­fan­gen wird, sich über die maxi­mal zuläs­si­gen sechs Kilo­new­ton erhöht. Allein dadurch kann der Gesi­cherte sich verlet­zen.
Gibt es Unter­su­chun­gen dazu, wie die Verbin­dungs­mit­tel sich im Falle dieser erhöh­ten Belas­tung verhal­ten?
Haase: Ja, das Sach­ge­biet PSA gegen Absturz/Rettungsausrüstungen im Fach­be­reich PSA der Deut­schen Gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung (DGUV) hat in Test­ver­fah­ren fest­ge­stellt, dass bei derar­ti­gen Stür­zen die bislang übli­chen Chemie­fa­ser­seile mit einem Durch­mes­ser von zwölf bezie­hungs­weise 16 Milli­me­ter reißen können – in der Versuchs­reihe war das in über der Hälfte der Tests der Fall. Verbin­dungs­mit­tel aus verzink­tem Stahl­draht­seil mit einem Durch­mes­ser von fünf Milli­me­ter versag­ten sogar komplett beim Sturz über die Kante. Gurt­band­ma­te­rial von Verbin­dungs­mit­teln mit Band­fall­dämp­fer versagte nur selten, ein Drit­tel der getes­te­ten Gurte wies jedoch nach dem Test schwere Beschä­di­gun­gen auf. Außer­dem wurde im Durch­schnitt eine um 40 Prozent erhöhte Fangstoß­kraft gemes­sen. Ein so gesi­cher­ter Anwen­der hat also ein hohes Risiko, abzu­stür­zen oder sich durch den Fall schwere Verlet­zun­gen zuzu­zie­hen. Von Höhen­si­che­run­gen, die nur für die verti­kale Verwen­dung geprüft wurden, kann ich also nur drin­gend abra­ten.
Wie kann vermie­den werden, dass das Seil reißt?
Haase: Abhilfe verschaf­fen beson­ders wider­stands­fä­hige Mate­ria­lien. Das Problem ist jedoch momen­tan, dass das Prüf­ver­fah­ren, mit dem Herstel­ler die Kanten­sta­bi­li­tät ihrer Verbin­dungs­mit­tel testen und bele­gen müssen, derzeit nicht verbind­lich defi­niert ist. Kanten­ge­prüf­tes Mate­rial kann demnach unter Umstän­den unter­schied­li­chen Anfor­de­run­gen entspre­chen. Das muss sich ändern.
Welche Initia­ti­ven gab es bisher, um die Prüf­kri­te­rien zu verein­heit­li­chen?
Haase: Der deut­sche Normen­aus­schuss hat auf Initia­tive der BG Bau bereits vor vielen Jahren Prüf­grund­sätze zur „Über­prü­fung der Bean­spru­chung von Höhen­si­che­rungs­ge­rä­ten“ für Arbeits­si­tua­tio­nen in der Nähe von Kanten erar­bei­tet. Die euro­päi­schen Prüf­stel­len für Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tun­gen gegen Absturz sind diesem Ansatz gefolgt und haben die Empfeh­lung CNB 11.060 der so genann­ten Verti­kal­gruppe 11 erar­bei­tet.
Was legt die Empfeh­lung ENB 11.060 genau fest?
Haase: Die Empfeh­lung CNB 11.060 regelt die Abmes­sun­gen inner­halb des Prüf­ver­fah­rens. Der Kanten­ra­dius der Prüf­kante soll bei 0,5 Milli­me­ter liegen und das Mate­rial aus Stahl sein. Außer­dem legt die Norm fest, dass Herstel­ler in der Gebrauchs­an­lei­tung auf die Eignung der Verbin­dungs­mit­tel auf Grund­lage des Prüfungs­ver­fah­rens einge­hen sollen.
Ist diese Empfeh­lung für die Herstel­ler bindend?
Haase: Nein, das ist sie leider nicht. Die Herstel­ler können die Prüfung nach diesen Krite­rien optio­nal durch­füh­ren und sie mit einer Konfor­mi­täts­er­klä­rung bestä­ti­gen. Bislang hat ledig­lich die deut­sche Gerüst­bau­bran­che den Einsatz kanten­ge­prüf­ter Verbin­dungs­mit­tel, basie­rend auf den deut­schen Grund­sät­zen, in bestimm­ten Situa­tio­nen als bindend fest­ge­legt. Außer­dem sind Unter­neh­men in Deutsch­land derzeit auf Grund der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung verpflich­tet, ihre Mitar­bei­ter mit kanten­ge­prüf­ten Verbin­dungs­mit­teln auszu­stat­ten. Die Siche­rungs­sys­teme von Capi­tal Safety werden anhand der empfoh­le­nen Prüf­kri­te­rien getes­tet. Ich würde jedem raten, sich beim Herstel­ler der Siche­rung zu infor­mie­ren, ob dieser die Normen bei der Prüfung auch anwen­det.
Wird sich an dieser Situa­tion in abseh­ba­rer Zeit etwas ändern?
Haase: Diese recht­li­che Grau­zone könnte noch in diesem Jahr verschwin­den. Auf EU-Ebene wird derzeit die Produkt­norm für Höhen­si­che­rungs­ge­räte DIN EN 360 über­ar­bei­tet. Dabei wird die Empfeh­lung CNB 11.060 voraus­sicht­lich über­nom­men und somit bindend. Auch die Über­ar­bei­tung der Norm für Fall­dämp­fer DIN EN 355 sowie für „Mitlau­fende Auffang­ge­räte einschließ­lich beweg­li­cher Führung“ DIN EN 353–2 stehen in diesem Jahr an. Damit werden Herstel­ler recht­lich verpflich­tet, die Verfah­ren für kanten­ge­prüfte Verbin­dungs­mit­tel gemäß der Empfeh­lung umzu­set­zen und auszu­wei­sen.
Was wäre der Vorteil einer einheit­li­chen Prüf­norm?
Haase: Wenn sich eine euro­pa­weit einheit­li­che Prüf­norm für die Bean­spru­chung über eine Kante tatsäch­lich durch­setzt, wird die Auswahl eines kanten­ge­prüf­ten Produk­tes für den Anwen­der trans­pa­ren­ter. Außer­dem wäre das ein großer Fort­schritt, um ein grenz­über­schrei­ten­des Sicher­heits­ni­veau bei Höhen­ar­bei­ten fest­zu­le­gen – auch wenn die Norm im euro­päi­schen Raum erst der Anfang sein kann.
Wie sind die Prüf­ver­fah­ren in ande­ren Ländern gere­gelt?
Haase: In Asien und in Austra­lien sind kanten­ge­prüfte Schutz­maß­nah­men zum Beispiel noch über­haupt kein Thema – zum Nach­teil der Anwen­der. Umso erfreu­li­cher ist die wach­sende Nach­frage nach kanten­ge­prüf­ten Verbin­dungs­mit­teln in Skan­di­na­vien, Öster­reich, der Schweiz, den Nieder­lan­den, Frank­reich und Groß­bri­tan­nien.
Wann sind kanten­ge­prüfte Verbin­dungs­mit­tel notwen­dig?
Haase: Ob und in welcher Form ein kanten­ge­prüf­tes Verbin­dungs­mit­tel zum Einsatz kommen muss und wie ein Unter­neh­mer seine Arbei­ter best­mög­lich sichert, muss er im vorhin­ein im Rahmen der bei Höhen­ar­bei­ten anste­hen­den Risi­ko­ana­lyse klären. Diese umfasst die Über­prü­fung der Gefahr­stel­len einer Baustelle im Hinblick, wie gefähr­li­che Kanten, unebene Flächen, den hori­zon­ta­len Abstand zu festen Bautei­len sowie die Beschaf­fen­heit der Aufschlag­flä­che. Außer­dem muss der Frei­raum unter­halb des Stand­plat­zes der Arbei­ter beach­tet werden. Denn dieser spielt eine große Rolle für die Auswahl des geeig­ne­ten Siche­rungs­sys­tems. Während Höhen­si­che­rungs­ge­räte schon bei Höhen ab drei Metern einge­setzt werden können, ohne dass das Risiko besteht, dass der Anwen­der auf den Boden aufprallt, sind Verbin­dungs­mit­tel mit Fall­dämp­fern erst ab einer Höhe von 6,75 m unter­halb des Gesi­cher­ten sinn­voll, wenn sich sein Anschlag­punkt auf Fußhöhe befin­det. In der Regel gilt außer­dem, dass für die sichere Benut­zung kanten­ge­prüf­ter Verbin­dungs­mit­tel die Lage des Anschlag­punk­tes und der Winkel der Umlen­kung an der Kante zu beach­ten sind. Der Anschlag­punkt des Auffang­sys­tems darf nicht unter­halb der Stand­platz­ebene des Anwen­ders liegen. Der Winkel der Umlen­kung an der Kante muss mindes­tens 90 Grad betra­gen.
Wie kann sicher­ge­stellt werden, dass die persön­li­che Schutz­aus­rüs­tung von den Arbeit­neh­mern rich­tig ange­wandt wird?
Haase: Der Arbeit­ge­ber muss die Beschäf­tig­ten ausrei­chend und ange­mes­sen unter­wei­sen. Bei Persön­li­chen Schutz­aus­rüs­tun­gen der Kate­go­rie 3 – also für den Schutz gegen tödli­che Gefah­ren – muss er außer­dem Übun­gen durch­füh­ren, die das rich­tige Anle­gen und Benut­zen der Ausrüs­tung sicher­stel­len. Diese Übun­gen müssen außer­dem unter vergleich­ba­ren Arbeits­be­din­gun­gen statt­fin­den. Das bietet Capi­tal Safety zum Beispiel auch im Trai­nings­cen­ter in Hamburg an oder vor Ort mit Hilfe unse­rer mobi­len Übungs­fahr­zeuge.
Wie kann gewähr­leis­tet werden, dass die persön­li­che Schutz­aus­rüs­tung keine Mängel aufweist?
Haase: Der Arbeit­ge­ber muss den gebrauchs­fä­hi­gen Zustand der persön­li­chen Schutz­aus­rüs­tung sicher­stel­len. Die PSA gegen Absturz muss nach DIN EN 365 mindes­tens einmal pro Jahr von einem Sach­kun­di­gen über­prüft werden. Darüber hinaus muss der Anwen­der vor jeder Benut­zung seine Ausrüs­tung auf even­tu­elle Mängel über­prü­fen.
Welche Tipps können Sie den Anwen­dern von Höhen­si­che­rungs­ge­rä­ten noch geben?
Haase: Sie soll­ten in jedem Fall die Gebrauchs­an­lei­tung des jewei­li­gen Produk­tes gründ­lich durch­le­sen und die Anwei­sun­gen und Vorga­ben des Herstel­lers immer einhal­ten – nur so ist die Siche­rung auch wirk­lich sicher und schützt vor schwe­ren Verlet­zun­gen.
*Mit freund­li­cher Unter­stüt­zung von Wolf­gang Schäper, Leiter des Sach­ge­bie­tes „PSA gegen Absturz/ Rettungs­aus­rüs­tun­gen“ im Fach­be­reich PSA der Deut­schen Gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung (DGUV).
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