Startseite » Allgemein »

Krisen souverän meistern

Produktions- und Geschäftsprozesse sichern
Krisen souverän meistern

Foto: © Currenta GmbH & Co. OHG

Ob Großbrände, Über­flu­tun­gen durch heftige Regen­fälle oder IT-Aus­fälle durch Hack­eran­griffe: Indus­trie­un­ternehmen müssen den Ern­st­fall gedanklich und prak­tisch im Blick haben, um Pro­duk­tions- und Geschäft­sprozesse zu sich­ern und wirtschaftliche Ein­bußen zu min­imieren. Damit im Ern­st­fall die richti­gen Entschei­dun­gen getrof­fen wer­den, müssen effek­tive Struk­turen, gut aus­ge­bildete Men­schen und leis­tungs­fähige Tech­nik eng verzah­nt sein. Neue Ansätze und aktuelle Trends zu diesem The­ma präsen­tiert die A+A 2019 vom 5. bis 8. Novem­ber in Düsseldorf.

Beim Großbrand der Kathe­drale Notre Dame in Paris gelang es der Feuer­wehr nach etwa vier Stun­den, das Feuer auf den hölz­er­nen Dachstuhl zu begren­zen und so wertvolle Kunst­werke und die reiche Innenausstat­tung trotz Beschädi­gun­gen durch Hitze, Ruß und Löschwass­er zu retten.

„Eine Leis­tung, die nur dem organ­isierten Krisen­man­age­ment der Paris­er Feuer­wehr zu ver­danken ist“, meint Raimund Büch­er, Direc­tor of Fire Brigade bei Henkel in Düs­sel­dorf. „Die Größe des Objek­ts war sich­er eine der beson­deren Her­aus­forderun­gen. Außer­dem erforderte das Wis­sen, dass uner­set­zliche Kul­turgüter gefährdet waren, spezielle Schutz­maß­nah­men. Gott­sei­dank waren die Ein­gangstüren zum Zeit­punkt des Feuers schon geschlossen, so dass das Unglück keine Men­schen betraf.“

Gerüstet sein für komplexe Anforderungen

Effek­tives Krisen­man­age­ment wie bei diesem Ereig­nis erfordert ein per­fekt einge­spieltes Team mit trans­par­enter Führungsstruk­tur, mod­ern­er Sicher­heit­saus­rüs­tung und leis­tungs­fähi­gen tech­nis­chen Hilfsmitteln.

„Ziel ist es, Men­schen auf den Fall der Fälle vorzu­bere­it­en, auch wenn es nicht für jede mögliche Sit­u­a­tion eine Vor­bere­itung geben kann“, sagt Nor­bert Jet­ten, Leit­er Tech­nik bei der BYK-Chemie in Wesel. „Die Anforderun­gen sind dabei kom­plex: Schließlich gilt es, einen Brand oder Stof­faus­tritt inner­halb eines Betriebs genau­so bewälti­gen zu kön­nen wie einen Hack­eran­griff oder die Auswirkun­gen ein­er Naturkatastrophe.“

Klar definierte Aufgaben

Das A und O ist ein Team, bei dem jed­er weiß, was zu tun ist. „Je nach Größe eines Unternehmens gibt es feste Funk­tions­bere­iche oder Fach­abteilun­gen, die involviert sind“, berichtet Stephan Hum­mel, Leit­er des Brand­schutzes von Cur­renta. Das Unternehmen ist Man­ag­er und Betreiber des Chempark mit drei Stan­dorten in Lev­erkusen, Dor­ma­gen und Krefeld. Wer Infor­ma­tio­nen intern und extern weit­ergibt, ist genau­so fest­gelegt wie die Analyse des Geschehens. Welche Gefahren sind für Men­schen und Umwelt vorhan­den, welch­es Are­al ist betrof­fen, wie sieht die Prog­nose aus – das sind Fra­gen, die in diesem Zusam­men­hang schnell­st­möglich gek­lärt wer­den müssen. Davon hän­gen auch die Maß­nah­men ab wie War­nung und Infor­ma­tion der Bevölkerung, Pla­nung der Gefahren­ab­wehr und der hierzu benötigten per­son­ellen und tech­nis­chen Ressourcen.

Auf der A+A 2019 in Düs­sel­dorf ste­ht Krisen­man­age­ment im Fokus von fünf Kurzvorträ­gen. Hier geht es unter anderem um die Bedeu­tung der Gefahren­ab­wehr für kleine, mit­tlere und große Unternehmen, um das The­ma Dig­i­tal­isierung und die Rolle der sozialen Medi­en im Rah­men der Krisenkom­mu­nika­tion. Experten ste­hen am Stand des Vere­ins zur Förderung des Deutschen Brand­schutzes (vfdb) für den Dia­log mit Fachbe­such­ern bere­it. Vertreten sind unter anderem Cur­renta, Henkel und der Werk­feuer­wehrver­band Deutschland.

Soge­nan­nte Multi­user-Stan­dorte erken­nen mehr und mehr den Vorteil der engen Ver­net­zung. Große Unternehmen wie Cur­renta verbinden ver­schiedene Stan­dorte mit mehreren Sicher­heit­szen­tralen. Gle­iche EDV-Pro­gramme erle­ichtern die Kom­mu­nika­tion, aufeinan­der abges­timmte Abläufe und Prozesse sich­ern den Überblick. Die Leis­tun­gen wer­den mit Hil­fe mod­ern­er Leit­stel­len­soft­ware weit­er opti­miert – damit kön­nen geset­zliche Meldepflicht­en zukün­ftig noch schneller erfüllt sowie organ­isatorische Prozesse und das gesamtes Infor­ma­tions- und Ein­satz­man­age­ment ges­trafft werden.

Robotik, Drohnen, moderne Löschfahrzeuge

Wenn es vor Ort bei Brän­den oder Naturkatas­tro­phen für den Men­schen zu gefährlich wird, machen sich Robot­er nüt­zlich. Wie bei einem Brand in den Mergel­grot­ten südlich von Maas­tricht im Juli 2017. Ein Bauer hat­te dort Heu gelagert, das in Brand ger­at­en war. Wegen Ein­sturzge­fahr kon­nten Helfer die Höhlen nicht betreten. Die Feuer­wehr in Aachen forderte bei der Chempark-Werk­feuer­wehr in Lev­erkusen den Manip­u­la­tor, einen fer­nges­teuerten Robot­er, an. Das Spezial­gerät lieferte wichtige Bilder aus dem Höhenin­neren, mit dem man sich ein Bild vom Brandgeschehen machen konnte.

Auch Drohnen spie­len bei der Beurteilung eines Ereigniss­es oder bei der kon­tinuier­lichen Überwachung von Anla­gen eine immer wichtigere Rolle. „Auf­nah­men in großer Höhe oder in schw­er zugänglichen Bere­ichen lassen sich unkom­pliziert und schnell real­isieren“, erk­lärt Joachim Bey­er, Leit­er Secu­ri­ty von Cur­renta-Chempark & Sicher­heit (CPS). „Wir set­zen Drohnen regelmäßig für Inspek­tions­flüge, Wärme­bil­dauf­nah­men ein und sam­meln mit ihrer Hil­fe Dat­en, um Anla­gen zu optimieren.“

Bei Cur­renta soll Ende 2019 ein deutsch­landweit ein­ma­liges Tur­binen­löschfahrzeug zum Ein­satz kom­men. Ein Hochleis­tungstrieb­w­erk pro­duziert einen feinen Löschnebel, der bis zu 150 Meter weit gesprüht wird und speziell bei Indus­triebrän­den in der Chemiein­dus­trie helfen soll. „Weniger Löschmit­tel, weniger Wass­er bei gle­ich­er Wirkung – das trägt zu mehr Nach­haltigkeit und ein­er verbesserten Leis­tung der Feuer­wehr bei“, fasst Hum­mel zusammen.

Digitale Helfer und autonome Technologien

Ursachen von Krisen kön­nen zunehmend mit Hil­fe der Dig­i­tal­isierung bes­timmt wer­den. Laut ein­er Umfrage aus dem Jahr 2019 des Krisen­nav­i­ga­tors – Insti­tut für Krisen­forschung, ein Spin-Off der Uni­ver­sität Kiel – beschäfti­gen sich Krisen­man­ag­er zunehmend mit Daten­in­tegritätsver­let­zun­gen, Black­outs, IT-Aus­fällen sowie Shit­storms und Online-Protesten. Gle­ichzeit­ig eröff­nen immer mehr dig­i­tale Pro­duk­te und Tech­nolo­gien neue Chan­cen für eine umfassende Infor­ma­tion und opti­mierte Organisation.

Im Räu­mungs­fall muss die Werk­feuer­wehr beispiel­sweise sich­er sein, dass alle Per­so­n­en den Betrieb ver­lassen haben. Erst dann kön­nen zum Beispiel Brand­bekämp­fungs­maß­nah­men in vollem Umfang ges­tartet wer­den. Bei Cur­renta set­zt man dabei auf ein neues elek­tro­n­is­ches Melde­buch. Es reg­istri­ert, wann ein Mitar­beit­er das Betrieb­s­gelände betritt oder ver­lässt. Ganz sim­pel wird dies über ein dig­i­tales Sys­tem erfasst, bei dem jed­er Mitar­beit­er einen speziellen Ausweis vor ein Lesegerät hält. Seit Dezem­ber 2018 arbeit­et man mit dem Ver­fahren im Chempark Dormagen.

Schnell die Infor­ma­tion­shoheit zu gewin­nen und sie auch zu behal­ten, gelingt mit neuen dig­i­tal­en Tools. Über hin­ter­legte Textmod­ule lassen sich inner­halb von Minuten Pressemel­dun­gen ver­fassen. Mit Hil­fe von Alarmierungsservern kön­nen per Mausklick die Mit­glieder eines Krisen­stabs benachrichtigt werden.

„Der Blick in die Zukun­ft ver­spricht selb­st­s­teuernde Drohnen, die eigen­ständig eine Lage sondieren“, prog­nos­tiziert Hum­mel. „Selb­st­fahrende Fahrzeuge wer­den es ermöglichen, schon auf der Fahrt zum Ein­sat­zort zeitop­ti­miert Infor­ma­tio­nen auszuw­erten. Und kün­stliche Intel­li­genz wird sich­er ganz neue Poten­ziale beispiel­sweise bei Erkun­dungssys­te­men erschließen.“ Auch Exoskelette, also sta­bil­isierende und kraftun­ter­stützende Ele­mente, ver­sprechen verbesserte Schutz­funk­tio­nen und neue Ein­satzmöglichkeit­en wie das Heben größer­er Lasten.

Manch­mal helfen ein­fach nur Papi­er und Farb­s­tifte: Bei dem Han­dling ein­er Schadenslage spie­len kon­ven­tionelle Hil­f­s­mit­tel nach wie vor eine wichtige Rolle. „Papi­er und Farb­mark­er ste­hen noch hoch im Kurs“, so BYK-Tech­nikleit­er Jet­ten. „Sie sind von jed­er­mann nutzbar und funk­tion­ieren auch dann, wenn der Strom aus­fällt. Wo ste­hen bei Cyber-Attack­en bedro­hte Serv­er, welche Bere­iche sind bei einem Brand oder Stof­faus­tritt gefährdet, wo ver­laufen zum Beispiel Wasser‑, Abwass­er- oder Strom­leitun­gen. Die Visu­al­isierung ist von zen­traler Bedeu­tung, damit jed­er sofort sieht, welche Auswirkun­gen ein Geschehen auf den Betrieb oder auch das Umfeld ger­ade hat.“ Auch die auf dem Lage­bild auf­bauende Kom­mu­nika­tion ist wichtig: klar, ver­ständlich und frei von Speku­la­tio­nen soll sie sein. Schließlich soll ein Kom­mu­nika­tion­sspezial­ist eine Aus­sage auf Anhieb genau­so gut ver­ste­hen wie ein EDV- oder Umwelt-Experte.

Neue Pflichten für KMU

Mit dem im August 2018 vorgelegten Entwurf zur neuen DIN ISO Norm 22320 (Sicher­heit und Resilienz – Gefahren­ab­wehr – Leit­faden für Organ­i­sa­tion der Gefahren­ab­wehr bei Schadensereignis­sen) wer­den auch kleine und mit­tlere Unternehmen zum The­ma Krisen­man­age­ment in die Pflicht genom­men. „Zukün­ftig müssen Betriebe, die sich zer­ti­fizieren lassen möcht­en, eine entsprechende Organ­i­sa­tion­sstruk­tur nach­weisen und qual­i­fiziertes Per­son­al ein­stellen“, weiß Henkel-Feuer­wehrleit­er Raimund Büch­er. „Hier­für sind natür­lich dann auch Bud­gets zur Ver­fü­gung zu stellen.“

Risikofaktor Mensch

Wenn Adren­a­lin bei Gefahr in die Blut­bahn schießt, wird der Men­sch in seinen Hand­lun­gen beein­trächtigt. Das Gehirn scheint nur noch sehr träge zu funk­tion­ieren – ratio­nale Denkmuster sind nicht mehr präsent, die Merk­fähigkeit lässt nach und wohl über­legte Aktio­nen fall­en schw­er. Je öfter Men­schen etwas gemacht haben, desto schneller kann die Chaos-Phase über­brückt wer­den. „Kon­tinuier­liche Übun­gen trainieren Rou­ti­nen, die auch im Gefahren­fall schnell abgerufen wer­den kön­nen“, weiß Jet­ten. Er set­zt deshalb mit seinen Kol­le­gen auf das „Zirkel­train­ing“, wie er es nen­nt. Gemeint sind damit real­ität­sna­he Übun­gen mit ver­schiede­nen Anforderun­gen, die auf dem Werkgelände aufge­baut sind. „Der Rol­len­wech­sel inner­halb der Posi­tio­nen schärft das Bewusst­sein für unter­schiedliche Per­spek­tiv­en von Men­schen in der gle­ichen Sit­u­a­tion. Dabei wird alles möglichst echt insze­niert – mit Polizei, Feuer­wehr, Rettungskräften.“

Bevölkerung sensibilisieren

Krisen machen aber nicht vor dem Werk­tor halt. „Nor­men, Geset­zge­bun­gen und betrieb­sin­terne Übun­gen alleine helfen nicht. Aus­ge­sprochen wichtig ist, die Bevölkerung zu sen­si­bil­isieren, damit diese im Ern­st­fall richtig reagiert“, hebt Raimund Büch­er her­vor. In Nor­drhein-West­falen gibt es seit 2018 deshalb den lan­desweit­en Warn­tag. An diesem wer­den Sire­nen getestet und Probe­warn­mel­dun­gen zum Beispiel über die Warn-App ‚Nina‘, der Not­fall-Infor­ma­tions- und Nachricht­en-App des Bun­des, versendet.

Auch über­re­gion­al find­en Übun­gen statt. „LÜKEX ste­ht für ‚Län­derüber­greifende Krisen­man­age­men­tübung‘“, führt der Experte aus. „Ziel der prax­is­nah­men Übun­gen ist es, das Man­age­ment von nationalen Krisen zu verbessern.“ Beteiligt sind Organ­i­sa­tio­nen auf Regierungs- und Län­derebene. Wichtige Helfer bei der Infor­ma­tion bre­it­er Bevölkerungss­chicht­en sind außer­dem die Feuer­wehr und Organ­i­sa­tio­nen wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK), der Mal­teser-Hil­fs­di­enst oder Arbeit­er-Samarit­er-Bund, die regelmäßig Katas­tro­phen­schutzübun­gen durchführen.

Auf der A+A 2019 ste­hen Experten für Fra­gen und Diskus­sio­nen zum The­ma Krisen­man­age­ment bere­it. Denn eins ist klar – Krisen man­a­gen geht nur mit dem Willen zu gemein­samen Lösungen.

www.aplusa.de

Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Gewinnspiel
Meistgelesen
Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 12
Ausgabe
12.2021
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 11
Ausgabe
11.2021
ABO

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de