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Nein meint Nein

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz
Nein meint Nein

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Mehr als die Hälfte aller Frauen haben es schon einmal selbst erlebt: Anzüg­li­che Witze, porno­gra­fi­sche Darstel­lun­gen, einen Klaps auf den Po. Durch so ein Verhal­ten wird die Würde von Frauen – und Männern – am Arbeits­platz beein­träch­tigt. Sexu­elle Beläs­ti­gun­gen finden in allen Bran­chen statt. Und ganz oft wird darüber geschwie­gen …

Chris­tine B., 16 Jahre, Schü­le­rin, jobbt in ihren Ferien im Betriebs­hof. Die Kolonne, mit der sie arbei­tet, ist für die Pflege der städ­ti­schen Park­an­la­gen zustän­dig. Der Vorge­setzte und eine Gärt­ne­rin sind mitt­le­ren Alters, die zweite Gärt­ne­rin Mitte 20. Das Team versteht sich gut und nimmt Chris­tine offen auf.
Die Mittags­pause verbrin­gen alle Mitar­bei­ter des Betriebs­ho­fes gemein­sam im Sozi­al­raum. Die einzel­nen Kolon­nen mischen sich, es wird viel erzählt und gelacht. Die meis­ten Mitar­bei­ter sind Männer. Wenn die weni­gen Frauen mit im Raum sind, fällt schon einmal eine „schlüpf­rige“ Bemer­kung. Scho­ckiert ist die Schü­le­rin Chris­tine über den Wand­ka­len­der mit porno­gra­phi­schen Darstel­lun­gen junger Frauen. Als sie sagt, dass sie den nicht gut fände, lachen die Männer, die Frauen winken ab: Lass mal!
Am nächs­ten Tag zieht Chris­tine das Poster eines nack­ten Mannes aus der Tasche und hängt es neben den Kalen­der. Die Frauen lachen. Die Männer rufen: Nimm den Schwein­kram weg. Nach eini­gem Hin und Her werden Poster und Kalen­der abge­hängt.
Das sagt das Gesetz
Seit 2006 regelt das Allge­meine Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) auch den Schutz vor sexu­el­ler Beläs­ti­gung am Arbeits­platz. In § 3 Abs. 4 heißt es: „Eine sexu­elle Beläs­ti­gung ist eine Benach­tei­li­gung in Bezug auf § 2 Abs. 1 Nr. 1 bis 4, wenn ein uner­wünsch­tes, sexu­ell bestimm­tes Verhal­ten, wozu auch uner­wünschte sexu­elle Hand­lun­gen und Auffor­de­run­gen zu diesen, sexu­ell bestimmte körper­li­che Berüh­run­gen, Bemer­kun­gen sexu­el­len Inhalts sowie uner­wünsch­tes Zeigen und sicht­ba­res Anbrin­gen von porno­gra­phi­schen Darstel­lun­gen gehö­ren, bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betref­fen­den Person verletzt wird, insbe­son­dere wenn ein von Einschüch­te­run­gen, Anfein­dun­gen, Ernied­ri­gun­gen, Entwür­di­gun­gen oder Belei­di­gun­gen gekenn­zeich­ne­tes Umfeld geschaf­fen wird.“
Als sexu­elle Beläs­ti­gung gewer­tet werden unter ande­rem:
  • unver­schämte Blicke und Anstar­ren,
  • anzüg­li­che Witze,
  • Beläs­ti­gun­gen am Tele­fon,
  • anzüg­li­che Bemer­kun­gen über die Figur,
  • Anspie­lun­gen auf das sexu­elle Verhal­ten im Privat­le­ben,
  • uner­wünsch­tes Zeigen und sicht­ba­res Anbrin­gen von porno­gra­phi­schen Darstel­lun­gen,
  • obszöne Bild­schirm­scho­ner,
  • unnö­tige körper­li­che Berüh­run­gen,
  • Auffor­de­rung oder Nöti­gung zu sexu­el­len Hand­lun­gen.
Sexu­elle Beläs­ti­gung ist eine Erschei­nungs­form von Gewalt. Die Betrof­fe­nen fühlen sich dadurch verun­si­chert und in ihrer Würde verletzt. Als Folgen können Angst, Verlust der Arbeits­mo­ti­va­tion, innere Kündi­gung, psychi­sche Erkran­kun­gen wie zum Beispiel Depres­sio­nen ausge­löst werden.
Doch ist jeder „Herren­witz“ eine sexu­elle Beläs­ti­gung? Und was ist mit einer zufäl­li­gen Berüh­rung? Manch­mal kann es sich um ein Miss­ver­ständ­nis handeln. Deshalb ist es wich­tig, umge­hend nach dem Vorfall ein klären­des Gespräch zu führen. Denn nicht jedes Fehl­ver­hal­ten ist eine sexu­elle Beläs­ti­gung und nicht jeder, der so ein Verhal­ten erlebt, fühlt sich davon auch betrof­fen. Fühlt sich jedoch jemand von einem sexu­ell bestimm­ten Verhal­ten belei­digt oder abge­wer­tet, sollte dies offen ange­spro­chen werden. Denn ein dummer Scherz oder ein unge­schick­ter Annä­he­rungs­ver­such erfüllt nicht den Tatbe­stand einer sexu­el­len Beläs­ti­gung.
Wer beläs­tigt wen?
Sexu­elle Beläs­ti­gung ist immer eine Macht­de­mons­tra­tion. Sie ist in allen Bran­chen und beruf­li­chen Posi­tio­nen verbrei­tet. Frauen werden häufi­ger beläs­tigt als Männer. Jede zweite Frau, so ein Bericht der Inter­na­tio­na­len Arbeits­or­ga­ni­sa­tion (ILO) hat schon einmal uner­wünsch­tes sexu­el­les Verhal­ten am Arbeits­platz erlebt. Vor allem in tradi­tio­nel­len Männer­do­mä­nen und Berei­chen, in denen fast nur Frauen arbei­ten und die Führungs­kräfte Männer sind, kommen solche Über­griffe häufi­ger vor. Beson­ders gefähr­det sind jugend­li­che Auszu­bil­dende sowie Frauen, die keine beruf­li­che Quali­fi­ka­tion haben, sich noch in der Probe­zeit befin­den oder neu im Betrieb sind.
Sich dage­gen wehren
2013 wirft die Jour­na­lis­tin Laura Himmel­reich dem Spit­zen­po­li­ti­ker Rainer Brüderle sexis­ti­sches Verhal­ten ihr gegen­über vor und bringt dadurch eine Debatte ins Rollen. Es zeigt sich, wie schwie­rig es ist, sexu­elle Beläs­ti­gung publik zu machen. Beide werden danach massiv ange­grif­fen. Auf der einen Seite versucht man das Gesche­hen herun­ter­zu­spie­len, auf der ande­ren Seite gehen die Verbal­at­ta­cken „unter die Gürtel­li­nie“.
Solche nega­tive Reak­tio­nen erle­ben Betrof­fene oft auch, wenn sie sich im Betrieb an die Verant­wort­li­chen – ob Vorge­setz­ter, Betriebs­rat oder Arbeit­ge­ber – wenden. Aus Angst davor, schwei­gen viele, wenn sie am Arbeits­platz sexu­ell beläs­tigt werden. Oft wissen sie auch gar nicht, an wen sie sich wenden sollen. Beson­ders schwie­rig wird es, wenn der Peini­ger der eigene Chef ist.
Doch was soll man tun, wenn man sexu­ell beläs­tigt wird, sich durch Verhal­tens­wei­sen von Vorge­setz­ten, Kolle­gen oder Kunden bedrängt fühlt? Und was kann jemand unter­neh­men, der so etwas mitbe­kommt? Und vor allem: Was muss der Arbeit­ge­ber unter­neh­men?
Gren­zen setzen …
Wer sexu­ell beläs­tigt wird, sollte etwas dage­gen unter­neh­men. Denn jeder hat das Recht, Gren­zen zu setzen und darf von ande­ren verlan­gen, dass sie diese respek­tie­ren. Wird nichts unter­nom­men, wertet der Verur­sa­cher dies als Zustim­mung und ändert sein Verhal­ten nicht. Wirkungs­voll ist meist eine sofor­tige Reak­tion.
  • Unver­züg­lich Abwehr­maß­nah­men ergrei­fen, denn meist bleibt es nicht bei einem Vorfall.
  • Aufdring­lich­keit sofort ener­gisch zurück­wei­sen.
  • Mit lauter Stimme „Nein“ sagen, so dass es andere hören können. (Wer zunächst sprach­los ist, sollte das Fehl­ver­hal­ten schrift­lich – per E‑Mail oder Brief – gegen­über dem Verur­sa­cher anspre­chen.)
  • Mit Kolle­gen, denen man vertraut, dem Betriebs- oder Perso­nal­rat, der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten darüber spre­chen.
  • Mit ande­ren Betrof­fe­nen reden.
  • Beweis­ma­te­rial sichern und sich Noti­zen machen.
  • Vorge­setzte münd­lich oder schrift­lich infor­mie­ren.
  • Gege­be­nen­falls eine Beschwerde einrei­chen.
  • Gehen die Beläs­ti­gun­gen von einem Vorge­setz­ten aus, sollte man sich an die nächst höhere Stelle wenden.
Von Rechts­we­gen gilt: Wer sexu­ell beläs­tigt wird, hat das Recht sich bei den betrieb­li­chen Stel­len und beim Betriebs­rat zu beschwe­ren.
Konse­quen­zen aufzei­gen und umset­zen
Viele wiegeln bei dem Thema ab und sehen keinen Hand­lungs­be­darf in ihrem Unter­neh­men. Das mag auch daran liegen, dass oft Männer in den Führungs­po­si­tio­nen sind und sich sexu­elle Gewalt häufi­ger gegen Frauen wendet. Gerade im Bereich der Präven­tion ist noch viel Nach­hol­be­darf. Damit es gar nicht erst zu miss­ver­ständ­li­chem Verhal­ten kommen kann, sollte jeder im Betrieb mindes­tens das Gleich­be­hand­lungs­ge­setz kennen. Und die Mitar­bei­ter soll­ten wissen, bei wem sie sich im Falle eines Falles beschwe­ren können.
Wenn Vorfälle bekannt werden, es aber noch keine Beschwerde gibt, sollte umge­hend gehan­delt werden. Das bedeu­tet:
  • Den Betrof­fe­nen ernst nehmen.
  • Das Vorge­fal­lene nicht verharm­lo­sen.
  • Den Täter darauf hinwei­sen, dass sein Verhal­ten gegen das Gesetz verstößt und im Unter­neh­men nicht gebil­ligt wird.
  • Auf mögli­che disziplinar- bzw. arbeits­recht­li­che Konse­quen­zen hinwei­sen.
Bei Verstö­ßen gegen das Gleich­be­hand­lungs­ge­setz müssen der Arbeit­ge­ber und der Betriebs­rat aktiv werden. Sie müssen die Beschwerde prüfen und den Betrof­fe­nen das Ergeb­nis mittei­len. Gegen den Täter sind Maßnah­men wie Abmah­nung, Umset­zung, Verset­zung oder in schwe­ren Fällen eine Kündi­gung zu ergrei­fen.
Erfolgt die Beläs­ti­gung durch einen Drit­ten, also zum Beispiel einen Liefe­ran­ten oder Kunden, ist der Arbeit­ge­ber eben­falls verpflich­tet, dage­gen einzu­schrei­ten. Eine Konse­quenz könnte sein, die Geschäfts­kon­takte abzu­bre­chen oder bestehende Verträge zu kündi­gen.
Unter­lässt ein Arbeit­ge­ber seine Pflich­ten, muss er je nach Fall sogar Scha­dens­er­satz zahlen.
Auch Kolle­gen können sich einmi­schen. Sie können …
  • Hilfe anbie­ten.
  • betrof­fene Perso­nen unter­stüt­zen und ihnen zur Seite stehen.
  • den Beläs­ti­ger mit den Worten „Lassen Sie das“ anspre­chen.
  • die betrof­fene Person zu einer Bera­tungs­stelle beglei­ten.
  • den Vorgang vertrau­lich behan­deln, damit sich der Konflikt nicht auswei­tet.
Das sollte jeder Betrieb veran­las­sen
Falls das Thema im Unter­neh­men noch ein Tabu­thema ist, sollte man es thema­ti­sie­ren. Außer­dem ist es hilf­reich, in einer Betriebs­ver­ein­ba­rung klare Vorga­ben zum Umgang mit sexu­el­ler Beläs­ti­gung fest­zu­le­gen. Zudem kann man einen Betriebs­an­ge­hö­ri­gen als Ansprech­part­ner schu­len lassen. Des Weite­ren ist es sinn­voll, sexu­elle Beläs­ti­gung zum Schu­lungs­thema für Führungs­kräfte, Betriebs- bzw. Perso­nal­rat und Lehr­lings­be­auf­trag­ten zu machen und auch in der Aus- und Weiter­bil­dung aufzu­grei­fen. Bera­tung und Unter­stüt­zung durch externe Exper­ten können es erleich­tern, das Thema im Betrieb anzu­ge­hen und umzu­set­zen.
Weitere Infor­ma­tio­nen und Hilfe gibt es
  • im Allge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG),
  • bei den Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten der Städte und Kommu­nen,
  • beim Bundes­mi­nis­te­rium für Fami­lie, Sozia­les und
  • beim Hilfe­te­le­fon „Gewalt gegen Frauen“ unter der kosten­lo­sen Tele­fon­num­mer 08000–116016.

Bettina Brucker

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