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„Sicherheitsbeauftragte sind Augen und Ohren eines Betriebs“

Interview
„Sicherheitsbeauftragte sind Augen und Ohren eines Betriebs“

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Welche Rolle übernehmen Sicher­heits­beauf­tragte im Betrieb und wie kön­nen sie sich in die betriebliche Verkehrssicher­heit ein­brin­gen? Wir sprachen mit Karl­heinz Kalen­berg, Geschäfts­führer des VDSI – Ver­band für Sicher­heit, Gesund­heit und Umweltschutz bei der Arbeit, darüber. Im Inter­view schildert Karl­heinz Kalen­berg auch die Entste­hung des Wet­tbe­werbs „Unter­wegs – aber sich­er!“ und wie die Vision Zero weit­er in die Fachöf­fentlichkeit trans­portiert wer­den kann.

Das Inter­view führte Nina Sawod­ny.

Herr Kalen­berg, Sie sind selb­st lange Zeit in der Indus­trie als Präven­tions­fach­mann tätig gewe­sen. Wenn Sie zurück­blick­en: Wie kön­nen sich Ihrer Erfahrung nach Sicher­heits­beauf­tragte in die betriebliche Verkehrssicher­heit­sar­beit ein­brin­gen?
Kalen­berg: Die Sicher­heits­beauf­tragten sind beim Arbeits- und Gesund­heitss­chutz – im über­tra­ge­nen Sinne – Augen und Ohren eines Betriebs. Ihr großer Vorteil beste­ht darin, dass sie häu­fig einen per­sön­lichen Zugang zu den Beschäftigten haben und als Kol­le­gen unter Kol­le­gen viel bewirken kön­nen. Sie sind in den betrieblichen All­t­ag einge­bun­den und ken­nen die Risiken in den Arbeitsabläufen, die sich oft­mals durch kleine Pan­nen oder Beina­he­un­fälle äußern. Vor diesem Hin­ter­grund kön­nen sich die Sicher­heits­beauf­tragten auf vielfältige Weise als Ideenge­ber in der betrieblichen Verkehrssicher­heit betäti­gen. Vielle­icht wird dies mit einem Beispiel deut­lich­er: Als ich in der Indus­trie tätig war, gab es einen Betrieb, in dem die Verkehrs­führung erneuert wor­den ist. Bei den Bauar­beit­en wurde der Straßen­be­lag erneuert, ohne die Rand­steine an ein­er Stelle der neuen Verkehrs­führung kon­se­quent anzu­passen. Für die Aut­o­fahrerin­nen und ‑fahrer, die über diese Stelle gefahren sind, war dies unkri­tisch. Ein Sicher­heits­beauf­tragter hat aber gemerkt, dass hier eine Gefährdung für Rad­fahrerin­nen und Rad­fahrer vor­liegt. Die Stelle wurde daraufhin auch für diese Gruppe der Verkehrsteil­nehmerin­nen und ‑teil­nehmer instand geset­zt.
Wie beurteilen Sie die Zusam­me­nar­beit zwis­chen Fachkräften für Arbeitssicher­heit und Sicher­heits­beauf­tragten? Wo läuft es gut und wo beste­ht Verbesserungs­be­darf?
Kalen­berg: Aus mein­er Erfahrung ist vor allem ein Ver­trauensver­hält­nis zwis­chen Fachkräften für Arbeitssicher­heit und Sicher­heits­beauf­tragten wichtig. Fachkräfte für Arbeitssicher­heit soll­ten sich daher regelmäßig von der aktuellen Arbeit der Sicher­heits­beauf­tragten bericht­en lassen und diese regelmäßig über alle rel­e­van­ten Neuerun­gen informieren. Sicher­heits­beauf­tragte benöti­gen manch­mal spez­i­fis­che Fachken­nt­nisse, um ihre Auf­gaben gut wahrnehmen zu kön­nen; Fachkräfte für Arbeitssicher­heit soll­ten sich dafür ein­set­zen, dass die Sicher­heits­beauf­tragten diese auch bekom­men. Die Anerken­nung und Wertschätzung ihrer ehre­namtlichen Tätigkeit, auch durch die direk­ten Vorge­set­zten und die Stan­dortlei­t­erin­nen und ‑leit­er, stellt eine wichtige Moti­va­tion für die Sicher­heits­beauf­tragten dar.
Erfol­gre­iche Präven­tion­sar­beit set­zt finanzielle, per­son­elle und zeitliche Ressourcen voraus. Mit welchen Argu­menten lässt sich Ihrer Erfahrung nach die „Chef-Etage“ am nach­haltig­sten von Pro­jek­ten in der betrieblichen Verkehrssicher­heit­sar­beit überzeu­gen?
Kalen­berg: Führungskräfte denken oft in Zahlen. Insofern ist es rat­sam, sich vor entschei­den­den Gesprächen mit Vorge­set­zten überzeu­gende, zahlen­basierte Argu­mente zurechtzule­gen. So hat zum Beispiel die Beruf­sgenossen­schaft Energie Tex­til Elek­tro Medi­enerzeug­nisse (BG ETEM) aus­gew­ertet, wodurch die bis­lang zehn teuer­sten Unfälle in ihren Mit­glied­sun­ternehmen verur­sacht wor­den sind. Laut Sta­tis­tik gehen 80 Prozent der zehn teuer­sten Unfälle auf das Kon­to von Wege- und Dienst­wege­un­fällen. Die Kosten für diese acht Wege- und Dienst­wege­un­fälle liegen bei 21,4 Mil­lio­nen Euro. Diese Zahlen zeigen exem­plar­isch am Beispiel der BG ETEM, dass Wege- und Dienst­wege­un­fälle auch mas­sive Kosten bei den Unfal­lver­sicherungsträgern verur­sachen. Sie führen außer­dem sehr häu­fig zu lan­gen Aus­fal­lzeit­en von Beschäftigten an der Arbeitsstätte. Jed­er Aus­fall­t­ag verur­sacht in einem Unternehmen eben­falls hohe Kosten. Hinzu kommt, dass inner­be­triebliche Abläufe gestört wer­den. Bei Unfällen im Liefer­verkehr muss eventuell sog­ar beschädigtes Mate­r­i­al nach­pro­duziert wer­den, so dass Ter­min­schwierigkeit­en gegenüber dem Kun­den auftreten kön­nen. Unter Umstän­den ste­ht das Image als zuver­läs­siger Liefer­ant auf dem Spiel. Ein Wege- oder Dienst­wege­un­fall kann also ein ganzes Bün­del an neg­a­tiv­en Fol­gen für ein Unternehmen mit sich ziehen. Unternehmen, die in betriebliche Verkehrssicher­heit investieren, tra­gen damit auch zur Verbesserung ihrer betrieblichen Abläufe bei.
Welchen Zusam­men­hang sehen Sie zwis­chen Präven­tion­sar­beit ein­er­seits und Unternehmen­skul­tur ander­er­seits?
Kalen­berg: Ins­ge­samt geht es bei der Präven­tion­sar­beit darum, die Unternehmen­skul­tur so zu verän­dern, dass sicheres Arbeit­en das ober­ste Ziel ist. Sicher­heit muss „von oben“ vorgelebt wer­den und darf kein Lip­pen­beken­nt­nis sein. Die Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er merken schnell, ob ihnen hier durch die Vorge­set­zten etwas vorge­spielt wird.
Wie kann der VDSI seine Mit­glieder in dieser Hin­sicht unter­stützen?
Kalen­berg: Wir möcht­en unsere Mit­glieder dabei unter­stützen, beru­fliche Anforderun­gen noch effizien­ter zu bewälti­gen und den Wert von Präven­tions­di­en­stleis­tun­gen ziel­gerichtet – zum Beispiel gegenüber Führungskräften und Geschäfts­führung – darzustellen. Dieses Ziel passt auch zu unser­er VDSI-Ver­bandsstrate­gie, die das The­men­feld „Coach­ing und Mar­ket­ing“ in den Mit­telpunkt rückt. Wir haben deshalb beschlossen, zusät­zliche Ser­viceange­bote zu entwick­eln. Zum einen wird es einen VDSI-Baukas­ten geben, der Werkzeuge umfasst, mit denen man Präven­tion­s­the­men im Unternehmen ansprechen und umset­zen kann. Außer­dem pla­nen wir Beratungs- und Train­ingsleis­tun­gen in Form von Coach­ing-Ein­heit­en. Den konkreten Unter­stützungs­be­darf unser­er Mit­glieder haben wir Som­mer 2014 in ein­er Online-Umfrage ermit­telt. Als Inhalte des VDSI-Baukas­tens wur­den vor allem „Rollen in der Arbeitss­chut­zor­gan­i­sa­tion“ und „Kenn­zahlen“ gewün­scht, bei den Coach­ing-Ein­heit­en wurde das The­ma „Sozialkompetenz/Konfliktmanagement“ favorisiert. Wir prüfen außer­dem die Frage, inwieweit der VDSI indi­vidu­elle juris­tis­che Beratung für Mit­glieder anbi­eten kann.
Kom­men wir zum Wet­tbe­werb „Unter­wegs – aber sich­er!“, den der VDSI zusam­men mit dem Deutschen Verkehrssicher­heit­srat (DVR) im Jahr 2012 ins Leben gerufen hat. Wie ist es dazu gekom­men?
Kalen­berg: Der VDSI ist seit 2011 Mit­glied im DVR, weil uns die Verkehrssicher­heit als wichtige Kom­po­nente im Arbeitss­chutz ein großes Anliegen ist. Es lässt sich immer wieder fest­stellen, dass Wege- und Dienst­wege­un­fälle im Mit­tel zu län­geren Aus­fal­lzeit­en führen als Arbeit­sun­fälle. Während das Risiko am Arbeit­splatz zu verunglück­en in den ver­gan­genen Jahren zurück­ge­gan­gen ist, haben wir bei den Wege- und Dienst­wege­un­fällen noch viel Arbeit vor uns. Wet­tbe­werbe wie „Unter­wegs – aber sich­er!“ kön­nen für zusät­zliche Impulse sor­gen. Es gibt viele Unternehmen, die sehr gute Pro­jek­te in der betrieblichen Verkehrssicher­heit­sar­beit umset­zen; diese sind jedoch wenig bekan­nt. Mit dem Wet­tbe­werb möcht­en wir einen Wis­senstrans­fer für alle inter­essierten Per­so­n­en her­stellen, unab­hängig davon, ob diese in der Indus­trie, im Gewerbe, im öffentlichen Dienst oder auch in Schulen oder Uni­ver­sitäten tätig sind.
Der Wet­tbe­werb soll auch die Strate­gie der Vision Zero weit­er in der Fachöf­fentlichkeit ver­ankern. Welche Fak­toren sind aus Ihrer Sicht für die Umset­zung der Vision Zero wichtig?
Kalen­berg: Wichtig ist, dass wir von der Sicher­heit­sar­beit zur Sicher­heit­skul­tur kom­men. Sicher­heit muss in alle Prozesse und in das Ver­hal­ten jedes Einzel­nen inte­gri­ert wer­den. Wir befür­worten deshalb den Ansatz des DVR, eine fehler­tol­er­ante Infra­struk­tur zu schaf­fen. Men­schen machen Fehler – wir müssen sich­er­stellen, dass diese nicht zu ern­sthaften oder sog­ar zu tödlichen Unfällen führen. Im Hin­blick auf die Verkehrssicher­heit sind zum Beispiel Fahrersys­teme zu nen­nen oder der Unter­fahrschutz bei Leit­planken, der das Leben von Motor­rad­fahrerin­nen und ‑fahrern ret­ten kann. Es geht also darum, Ver­hal­ten sich­er zu machen und eine zusät­zliche Sicher­heit­sre­serve über die Infra­struk­tur zu schaf­fen.
Vie­len Dank!

Karl­heinz Kalen­berg ist seit 2010 Geschäfts­führer des VDSI. Zuvor hat er für einen Auto­mo­bilzulief­er­er viele Jahre die weltweit zuständi­ge Zen­tral­abteilung EHS (Envi­ron­ment, Health & Safe­ty) geleit­et und als Leit­er eines sicher­heit­stech­nis­chen Dien­stes Erfahrung in der über­be­trieblichen Betreu­ung gesam­melt. Der VDSI ist deutsch­landweit der größte Ver­band für Sicher­heit, Gesund­heit und Umweltschutz bei der Arbeit. Seine rund 5.500 Mit­glieder – Fach­leute aus ver­schiede­nen Branchen und Berufen – ver­fol­gen das Ziel, Gefahren und Belas­tun­gen in der Arbeitswelt nach­haltig zu reduzieren. Der VDSI bietet ihnen eine Plat­tform für den Aus­tausch und Hil­fe für den Beruf­sall­t­ag.
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