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Sind Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe Einmal­hand­schuhe?

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Sind Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe Einmal­hand­schuhe?

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Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe bieten eine zeit­lich begrenzte Barriere gegen Chemi­ka­lien. Der Einsatz „dicker“ Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe, die „lange halten“ und daher oft mehrere Tage lang verwen­det werden, ist in der Praxis oft die Regel – und falsch! Selbst wenn der Hand­schuh über einen derart langen Zeit­raum weder Fehl­stel­len oder Löcher hat, ist er mit hoher Wahr­schein­lich­keit nicht mehr chemi­ka­li­en­be­stän­dig. Jeder flüs­sig­keits­dichte Hand­schuh ist ein Einmal­hand­schuh, der nach Benut­zung entsorgt werden muss, solange der Herstel­ler keine beweis­kräf­ti­gen Anga­ben zur Wieder­ver­wen­dung trifft.

Frank Zuther E‑Mail: zuther@frankzuther.de

Die meis­ten flüs­sig­keits­dich­ten Schutz­hand­schuh­mo­delle werden als Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe ausge­lobt. Es gibt hundert­tau­sende verschie­de­ner Chemi­ka­lien mit den unter­schied­lichs­ten Eigen­schaf­ten. Auch gibt es Hunderte von flüs­sig­keits­dich­ten Hand­schuh­mo­del­len aus unter­schied­li­chen Mate­ria­lien und in verschie­de­nen Wand­stär­ken. Jede Chemi­ka­lie kann reagie­ren und wech­sel­wir­ken – auch mit dem Hand­schuh­ma­te­rial. Dies führt zu einer Begren­zung der Schutz­dauer und des Schutz­um­fangs abhän­gig von folgen­den Fakto­ren:
  • Art der Chemi­ka­lie,
  • Kontakt­art der Chemi­ka­lien mit dem Hand­schuh­ma­te­rial (Voll­kon­takt / Teil- oder Spritz­kon­takt),
  • Kontakt­dauer, Kontakt­menge und Kontakt­häu­fig­keit der Chemi­ka­lie mit dem Hand­schuh­ma­te­rial,
  • Tempe­ra­tur,
  • Hand­schuh­ma­te­rial und der Bauart des Hand­schuhs.
Ein Praxis­test kann zwar Hinweise zur Auswahl mit Blick auf die Anfor­de­rung an die Grif­fig­keit, das Tast­emp­fin­den, den mecha­ni­schen und ther­mi­schen Schutz geben. Die Gefähr­dung durch Chemi­ka­lien und die Bestän­dig­keit eines Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhs gegen­über Stof­fen oder Stoff­ge­mi­schen ist jedoch in den meis­ten Fällen weder sicht- noch spür­bar und im Praxis­test kaum ermit­tel­bar.
Hinter­gründe zu Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schu­hen
Ein Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuh soll seinen Nutzer vor dem Haut­kon­takt mit einem Stoff (Chemi­ka­lie), mehre­ren Stof­fen oder Gemi­schen schüt­zen. Dabei geht es nicht in erster Linie um eine gesunde, schöne Haut, sondern um den Schutz vor ernst­haf­ten, teil­weise lebens­be­droh­li­chen Erkran­kun­gen der Organe oder des Blutes, die oft erst viele Jahre nach der Expo­si­tion ausbre­chen.
Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe müssen die Anfor­de­run­gen der Euro­päi­schen Richt­li­nie 89–686/EWG (PSA-Hersteller-Richtlinie) erfül­len. In Deutsch­land erfolgt die Umset­zung dieser Richt­li­nie im Produkt­si­cher­heits­ge­setz (ProdSG), wobei Rege­lun­gen spezi­ell für PSA in der 8. Verord­nung zum Produkt­si­cher­heits­ge­setz (8. ProdSV ) doku­men­tiert sind.
In der PSA-Herstellerrichtlinie werden Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tun­gen abhän­gig vom Risiko, gegen das sie schüt­zen sollen, in drei Kate­go­rien einge­teilt. Je höher die PSA einge­stuft wird, umso umfang­rei­cher sind die Bedin­gun­gen, die bei der Herstel­lung zu beach­ten und im Produkt zu reali­sie­ren sind. Diese Kate­go­ri­sie­rung hat nichts mit der Schutz­funk­tion zu tun. Sie bestimmt die Anfor­de­run­gen an die Kenn­zeich­nung und Einhal­tung der für ein Produkt gelten­den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen. Man unter­schei­det:
  • Kate­go­rie I: Einfa­che PSA (Schutz gegen gering­fü­gige Risi­ken)
  • Kate­go­rie II: PSA zum Schutz vor mitt­le­ren Risi­ken
  • Kate­go­rie III: Komplexe PSA (Schutz vor tödli­chen Gefah­ren oder erns­ten und irrever­si­blen Gesund­heits­schä­den)
Im beruf­li­chen Bereich – insbe­son­dere im Chemi­ka­li­en­schutz – sind Kate­go­rie III-Handschuhe Produkte der Wahl! Für diese Kate­go­rie wird vom Herstel­ler ein nach­weis­lich geeig­ne­tes Leis­tungs­pro­fil sowie eine hohe Produk­ti­ons­re­gel­mä­ßig­keit verlangt, damit die von einem akkre­di­tier­ten und noti­fi­zier­ten Prüf­in­sti­tut ermit­tel­ten Leis­tungs­da­ten mit gleich blei­bend hoher Quali­tät in den Einsatz gelan­gen. Erkenn­bar sind Kategorie-III-Handschuhe an der vier­stel­li­gen Nummer am CE-Zeichen, das stell­ver­tre­tend für das noti­fi­zierte Prüf­in­sti­tut steht.
Dieses Prüf­in­sti­tut ermit­telt die Leis­tungs­da­ten des Hand­schuhs anhand der stan­dar­di­sier­ten Prüf­me­tho­den der einschlä­gi­gen Normen. Entspricht das Produkt den Normen­an­for­de­run­gen, so wird „vermu­tet“, dass die PSA auch den grund­sätz­li­chen Anfor­de­run­gen der Euro­päi­schen Richt­li­nie entspricht (Konfor­mi­täts­ver­mu­tung).
Für Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe sind insbe­son­dere folgende Normen rele­vant:
  • EN 420 „Allge­meine Anfor­de­run­gen an Schutz­hand­schuhe“
  • EN 374 „Schutz­hand­schuhe gegen Chemi­ka­lien und Mikro­or­ga­nis­men“
Teil 1: Termi­no­lo­gie und Leis­tungs­an­for­de­run­gen
Teil 2: Bestim­mung des Wider­stan­des gegen Pene­tra­tion
Teil 3: Bestim­mung des Wider­stan­des gegen Perme­a­tion von Chemi­ka­lien
EN 388 „Schutz­hand­schuhe gegen mecha­ni­sche Risi­ken“
Maßgeb­lich für die Bewer­tung, ob es sich um einen flüs­sig­keits­dich­ten, bzw. um einen Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuh handelt oder nicht, ist die EN 374, Teil 1–3.
In EN 374, Teil 1 werden dabei u. a. allge­meine Anfor­de­run­gen und Maßga­ben für Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe behan­delt. Hier ist beispiels­weise fest­ge­legt, dass der Hand­schuh eine flüs­sig­keits­dichte Mindest­länge haben muss, um als Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuh klas­si­fi­ziert werden zu können.
Teil 2 beinhal­tet die Prüfun­gen auf Flüs­sig­keits­dich­tig­keit. Hierzu werden der Wasser-Leck-Test und der Luft-Leck-Test heran­ge­zo­gen.
In Teil 3 ist schließ­lich das Prüf­ver­fah­ren zur Bestän­dig­keit gegen­über Chemi­ka­lien, d.h. die Methode zur Ermitt­lung der Durch­bruch­zeit von Chemi­ka­lien durch das Hand­schuh­ma­te­rial beschrie­ben.
Flüs­sig­keits­dichte Schutz­hand­schuhe tragen entwe­der das Pikto­gramm „Becher­glas“ oder „Erlen­mey­er­kol­ben“. Beide Pikto­gramme symbo­li­sie­ren den Schutz vor flüs­si­gen Stof­fen. Der Herstel­ler beschei­nigt damit, dass die Hand­schuhe flüs­sig­keits­dicht sind. Zur Chemi­ka­li­en­be­stän­dig­keit hält er weitere Daten bereit.
Das Pikto­gramm Erlen­mey­er­kol­ben bedeu­tet: Schutz gegen mindes­tens drei Stoffe aus drei Stoff­grup­pen einer Liste von 12 Stof­fen (EN 374) mit einer Durch­bruch­zeit von mehr als 30 Minu­ten nach EN 374–3. Wenn ein Hand­schuh zwar flüs­sig­keits­dicht nach EN 374 ist, die Durch­bruch­zeit gegen mindes­tens drei Stoffe auf der Liste nach EN 374–3 jedoch weni­ger als 30 Minu­ten beträgt, wird er aktu­ell mit dem Pikto­gramm Becher­glas gekenn­zeich­net. Das ist jedoch nicht gleich­be­deu­tend mit „minder­wer­ti­gem Schutz“, denn er könnte nach Gefähr­dungs­er­mitt­lung durch­aus ausrei­chend lange gegen Durch­drin­gung der poten­ti­el­len Kontakt­stoffe einge­setzt werden.
Betrieb­li­che Aspekte zum Chemi­ka­li­en­schutz
Für die Anwen­dung im Betrieb muss ein Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuh so ausge­wählt werden, dass er in einer bestimm­ten Arbeits­si­tua­tion ausrei­chend gut und lange genug schützt. Es gilt zu klären, ob der Schutz unter den betrieb­li­chen Rahmen­be­din­gun­gen auch gege­ben ist.
Trifft eine Chemi­ka­lie auf das Hand­schuh­ma­te­rial, so kommt es mögli­cher­weise auch zu einer Reak­tion oder Wech­sel­wir­kung, die den Hand­schuh zerstö­ren oder das Leis­tungs­pro­fil des Hand­schuhs verän­dern und ihn unbrauch­bar machen kann. Dazu gehö­ren:
  • 1. Zerstö­rung (z.B. Zerset­zung von Natur­kau­tschuk durch oxidie­rende Säuren)
  • 2. Mate­ri­al­ver­än­de­rung (Degra­dation, z.B. Quel­lung)
  • 3. Pene­tra­tion (Durch­drin­gung aufgrund von Fehl­stel­len im Hand­schuh­ma­te­rial)
  • 4. Perme­a­tion (Durch­drin­gung aufgrund der „Wande­rung“ von Mole­kü­len durch das Hand­schuh­ma­te­rial)
Die Zerstö­rung des Hand­schuhs durch Chemi­ka­lien ist teil­weise gut – wenn auch meist zu spät – erkenn­bar. Nicht erkenn­bar ist jedoch die Durch­drin­gung (Perme­a­tion). Die Mole­kül­wan­de­rung durch das Hand­schuh­ma­te­rial sowie gege­be­nen­falls auch die zerstö­rende Wirkung beginnt prak­tisch schon beim ersten Kontakt mit der chemi­schen Substanz und schrei­tet auch dann weiter fort, wenn der weitere Kontakt zwischen dem Hand­schuh und dem Gefahr­stoff zeit­wei­lig oder ganz unter­bro­chen wird. Dieser Effekt ist für die Frage nach der Wieder­ver­wen­dung von Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schu­hen von entschei­den­der Bedeu­tung. Er ist der Grund dafür, dass jeder Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuh als Einmal­hand­schuh zu benut­zen und nach Verwen­dung zu entsor­gen ist, sofern der Herstel­ler keine ande­ren Anga­ben trifft.
Hat die Chemi­ka­lie das Hand­schuh­ma­te­rial komplett durch­wan­dert, so ist die soge­nannte „Durch­bruch­zeit“ erreicht. Die Chemi­ka­lie kann dann über die Haut in den Körper gelan­gen, sich dort unter Umstän­den anrei­chern und wirken.
Bei der Ermitt­lung der Durch­bruch­zeit nach EN 374–3 wird im enge­ren Sinne nicht nur die Mole­kül­wan­de­rung einer Chemi­ka­lie durch das Hand­schuh­ma­te­rial – also die Perme­a­tion – bestimmt, sondern gleich­zei­tig auch die Pene­tra­tion, das heißt die Zerstö­rung des Hand­schuh­ma­te­ri­als durch Chemi­ka­lien sowie die Mate­ri­al­ver­än­de­rung durch die Chemi­ka­lien (Degra­dation). Ein Beispiel: Trifft konzen­trierte Schwe­fel­säure auf einen elas­to­me­ren Hand­schuh, so wird die Säure nicht durch den Hand­schuh hindurch­wan­dern, sondern ihn allen­falls zerstö­ren, so dass dann die Säure durch die entstan­de­nen Kanäle hindurch­flie­ßen kann. Diese Mate­ri­al­zer­stö­rung kann man teil­weise optisch verfol­gen, insbe­son­dere bei hellen Hand­schu­hen (Schwärzung des Hand­schuh­ma­te­ri­als).
Bei der Einwir­kung von orga­ni­schen Stof­fen kann die Mole­kül­wan­de­rung auch mit einer Ände­rung der Mate­ri­al­ei­gen­schaf­ten einher­ge­hen. Dies ist oft nicht so deut­lich zu erken­nen. Teil­weise kann nach einer gewis­sen Kontakt­zeit eine Mate­ri­al­quel­lung beob­ach­tet werden. Damit ändern sich nicht nur die mecha­ni­schen Leis­tungs­da­ten, sondern auch die Wande­rungs­ge­schwin­dig­keit der Chemi­ka­lien durch das Hand­schuh­ma­te­rial. Das kann bedeu­ten, dass eine Durch­bruch­zeit von 60 Minu­ten plötz­lich auf 10 Minu­ten redu­ziert wird. Diese Verän­de­rung der Eigen­schaf­ten wird auch als Degra­dation bezeich­net. Die Degra­dation kann rever­si­bel sein, d.h. nach Unter­bre­chung des Chemi­ka­li­en­kon­tak­tes wieder verge­hen. Sie kann jedoch auch zu irrever­si­blen Verän­de­run­gen führen, die auch nach Unter­bre­chung des Chemi­ka­li­en­kon­tak­tes oder nach Abwa­schen weiter bestehen blei­ben.
Kennt­nisse zur Degra­dation eines Hand­schuhs sind von hoher Bedeu­tung für die Einschät­zung der Schutz- und Einsatz­zeit und die Möglich­keit der Wieder­ver­wen­dung des Hand­schuhs. Bisher werden von eini­gen Herstel­lern zwar Anga­ben zur Degra­dation getrof­fen, jedoch sind diese Anga­ben bisher nicht stan­dar­di­siert und daher auch nicht vergleich­bar.
Es ist geplant, die EN 374 um einen Teil 4 zu erwei­tern und darin eine Methode zur Bestim­mung des Degra­dati­ons­aus­ma­ßes zu haben. Es bleibt abzu­war­ten, ob sich Indus­trie und Prüf­in­sti­tute auf eine Methode und Bewer­tung eini­gen, die tatsäch­lich eine Aussage zur Verwen­dung absi­chert und Antwort auf eine mögli­che Wieder­ver­wen­dung zulässt.
In Exper­ten­krei­sen herrscht Einig­keit, dass ein Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuh nach Kontakt mit einem Stoff zu entsor­gen ist, solange der Herstel­ler keine klaren Aussa­gen zur Wieder­ver­wen­dung in der defi­nier­ten Anwen­dung trifft.
Wie erklärt, durch­drin­gen Chemi­ka­lien Hand­schuhe nicht nur durch Fehl­stel­len und Löcher. Die Mole­kül­wan­de­rung und die Mate­ri­al­ver­än­de­run­gen erfol­gen oft unmerk­lich. Durch das mehrmalige/mehrtägige Tragen von Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schu­hen „bis sie kaputt sind“ wird für den Anwen­der eine zusätz­li­che Gefähr­dung geschaf­fen, die nicht akzep­tiert werden kann. Der Anwen­der fühlt sich geschützt, jedoch ist das Gegen­teil der Fall. Glei­ches gilt für die in vielen Betrie­ben leider immer noch üblich zu sein schei­nende Vorgabe zum Hand­schuh­aus­tausch „alt gegen neu“.
Auch kann nicht grund­sätz­lich ange­nom­men werden, dass ein dick­wan­di­ger Hand­schuh chemi­ka­li­en­be­stän­di­ger ist, als ein dünner Hand­schuh. Hier kommt es immer auf das Zusam­men­spiel Chemi­ka­lie – Hand­schuh­ma­te­rial an. Ein „dünner“ Hand­schuh kann durch­aus eine bessere Chemi­ka­li­en­be­stän­dig­keit haben, als ein dicker Hand­schuh, der noch dazu einen schlech­te­ren Trage­kom­fort bietet. Mate­rial und Bauart sind entschei­dend!
Herstel­ler stel­len soge­nannte Bestän­dig­keits­ta­bel­len zur Verfü­gung, in denen die Ergeb­nisse der Messun­gen nach EN 374–3 (Bestim­mung der Perme­a­tion) verschie­de­ner Chemi­ka­lien mit ihren Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schu­hen gelis­tet sind. Die ermit­tel­ten Durch­bruch­zei­ten werden im Labor unter stan­dar­di­sier­ten Bedin­gun­gen bei Raum­tem­pe­ra­tur durch­ge­führt. Sie bieten einen Anhalts­punkt zur Auswahl eines geeig­ne­ten Hand­schuhs. Sie dienen zur verglei­chen­den Leis­tungs­be­schrei­bung.
Eine 1:1‑Übertragung dieser im Labor ermit­tel­ten Durch­drin­gungs­zei­ten auf die Bestän­dig­keit in der Praxis gibt es leider nicht. Unter Praxis­be­din­gun­gen können die Chemi­ka­lien das Hand­schuh­ma­te­rial auch schnel­ler durch­wan­dern. Ohne eine Abstim­mung mit dem Herstel­ler sollte der Hand­schuh bei einem Chemi­ka­li­en­kon­takt sicher­heits­hal­ber nach etwa 50% der im Labor bestimm­ten Durch­bruchs­zeit entsorgt werden (Anwen­dungs­zeit = 50% der Durch­bruch­zeit nach EN 374–3). Das bedeu­tet: Wurde für die Kombi­na­tion Hand­schuh / Chemi­ka­lie nach EN 374–3 eine Durch­bruch­zeit von 60 Minu­ten bestimmt, sollte der Hand­schuh in der betrieb­li­chen Praxis 30 Minu­ten nach dem ersten Chemi­ka­li­en­kon­takt entsorgt werden.
Dies ist nur als Faust­re­gel zu sehen und gilt gewiss nicht für alle Stoffe und Gemi­sche. Die Zusam­men­ar­beit mit dem Herstel­ler oder Liefe­ran­ten ist bei der Beur­tei­lung der Schutz­wir­kung und Schutz­zeit von höchs­ter Bedeu­tung! Gibt es keinen quali­fi­zier­ten Service oder ist dieser nicht zu errei­chen, sollte von der Verwen­dung der Marke drin­gend abge­se­hen werden.
Grund­sätz­lich sind flüs­sig­keits­dichte elas­to­mere Hand­schuhe mit Wand­stär­ken unter 0,15 mm nur für den Kurz­zeit­kon­takt konzi­piert. Nach Benet­zung mit Chemi­ka­lien sind diese in der Regel sehr schnell (inner­halb weni­ger Minu­ten) zu wech­seln.
Wand­dünne Hand­schuhe von 0,1 mm („klas­si­sche“ Einmal­hand­schuhe) sind keine ausrei­chend geeig­ne­ten Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe. Wenn über­haupt, stel­len sie eine nur zeit­lich sehr begrenzte Barriere gegen­über orga­ni­schen Chemi­ka­lien dar, die im einstel­li­gen Minu­ten­be­reich anzu­sie­deln ist.
Einmal­hand­schuhe sind durch­aus im Labor­be­reich und in vielen ande­ren Berei­chen geeig­net, jedoch soll­ten sie nur von infor­mier­ten Mitar­bei­tern verwen­det werden, die genau wissen, dass diese nach Chemi­ka­li­en­kon­takt kurz­fris­tig gewech­selt werden müssen. Die Zeit, bis die auf den Hand­schuh aufge­trof­fene Chemi­ka­lie das Mate­rial durch­dringt und auf der Haut auftrifft, beträgt oft nur eine Minute. Diese Produkte soll­ten daher allen­falls bei mögli­chen Spritz­ge­fähr­dun­gen einge­setzt und nach Kontakt mit Chemi­ka­lien sofort entsorgt werden. Darüber hinaus sind die meis­ten Einmal­hand­schuhe mit maxi­mal 270 mm Länge inklu­sive Stulpe zu kurz für einen ausrei­chen­den Schutz gegen Flüs­sig­kei­ten.
Beim Schutz­be­darf gegen biolo­gi­sche Stoffe (Bakte­rien, Viren) sollte man eine geeig­nete Bestä­ti­gung über die Schutz­zeit vom Liefe­ran­ten anfor­dern. Diese Hand­schuhe soll­ten der EN 374 und der EN 455 (medi­zi­ni­sche Hand­schuhe) entspre­chen.
Hinsicht­lich der Mate­ria­lien werden in der Praxis leider immer noch zu häufig Einmal­hand­schuhe aus Vinyl (weich­ge­mach­tes PVC) und gepu­derte, quali­ta­tiv oft mangel­hafte Natur­la­tex­hand­schuhe einge­setzt. Beide Hand­schuh­ty­pen sind für die Anwen­dung nicht zu empfeh­len. Vinyl­hand­schuhe enthal­ten im Allge­mei­nen hohe Konzen­tra­tio­nen (bis zu 60%) an Weich­ma­chern, die von orga­ni­schen Lösungs­mit­teln leicht heraus­ge­löst werden können und den Hand­schuh so brüchig machen, dass Fehl­stel­len entste­hen. Weiter­hin sind Vinyl­hand­schuhe mecha­nisch sehr insta­bil – so reißen viele wand­dünne Vinyl­hand­schuhe schon beim Anzie­hen.
Die Verwen­dung gepu­der­ter Naturlatex-Handschuhe ist in Deutsch­land unter­sagt. Diese Typen bieten keinen Schutz vor orga­ni­schen Lösungs­mit­teln, Kohlen­was­ser­stof­fen oder Ölen. Dage­gen haben sich auch im Bereich der Einmal­hand­schuhe Nitril- und Neopren-Typen sehr bewährt.
Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe und Normung – Ausblick und Tenden­zen
Die Über­ar­bei­tung der EN 374 wird bereits seit eini­ger Zeit disku­tiert und einige Ände­run­gen sind durch­aus auf dem Weg der Umset­zung. Noch nicht beschlos­sen, aber wahr­schein­lich verwirk­licht werden folgende Punkte:
  • Es soll nur noch ein Pikto­gramm für Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe geben. Das Pikto­gramm Becher­glas soll wegfal­len, der Erlen­mey­er­kol­ben bleibt bestehen.
  • Es ist eine Klas­si­fi­zie­rung in drei Hand­schuh­ty­pen vorge­se­hen, die mit A, B oder C zu kenn­zeich­nen sind.
  • Die bishe­rige Liste mit den 12 Chemi­ka­lien aus den verschie­de­nen chemi­schen Grup­pen wird um sechs weitere Chemi­ka­lien ergänzt. Diese werden die Klas­si­fi­zie­rung flüs­sig­keits­dich­ter Hand­schuhe zu Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schu­hen erheb­lich verein­fa­chen.
  • AQL – als Qualitätslevel- soll ersatz­los gestri­chen werden. Dies wurde bisher jedoch bei einer Baumus­ter­prü­fung auch nicht über­prüft.
  • Die Prüfung nach EN 388 (mecha­ni­sche Risi­ken) soll für Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe nicht mehr obli­ga­to­risch, sondern frei­wil­lig sein. Dies ist für Anwen­der von hoher Bedeu­tung, da ohne diese Werte keine Abschät­zung der verglei­chen­den mecha­ni­schen Festig­keit erfol­gen kann.
Die DIN EN 374–3 soll ersetzt werden gegen die DIN EN 16523–1: „Bestim­mung des Wider­stands von Mate­ria­lien gegen die Perme­a­tion von Chemi­ka­lien – Teil 1: Perme­a­tion von flüs­si­gen Chemi­ka­lien unter Dauer­kon­takt; Deut­sche Fassung prEN 16523–1:2013“. Diese wurde als Norm-Entwurf im Mai 2013 veröf­fent­licht. Das in dieser Norm beschrie­bene Prüf­ver­fah­ren ist für die Beur­tei­lung der Wirk­sam­keit von „Sperr­schich­ten“ der Mate­ria­lien vorge­se­hen, aus denen Schutz­klei­dungs­ma­te­rial, Schutzhandschuh- und Fußschutz­ma­te­rial gegen das Eindrin­gen von flüs­si­gen chemi­schen Stof­fen herge­stellt werden. Die DIN EN 374 soll gestri­chen werden, sobald die DIN EN 374–1, die auf die EN 374–3 hinweist, entspre­chend geän­dert wurde.
Die Ände­run­gen der Normen können von jeder­mann in dem öffent­li­chem Normen­por­tal verfolgt und in der Endphase der Entschei­dung kommen­tiert werden. Es ist empfeh­lens­wert, dies zu tun, damit die Anfor­de­run­gen und das Niveau nicht weiter sinkt. Sehen Sie etwa alle 4 Wochen in dem Portal nach, welche Normen-Entwürfe kurz vor der Abseg­nung stehen und kommen­tiert werden können:
Zusam­men­fas­sung
Jeder Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuh ist unab­hän­gig von seiner Wand­stärke („Dicke“) ein Einmal­hand­schuh. Eine Aussage zur Wieder­ver­wen­dung ist ohne geeig­nete Degra­dati­ons­an­ga­ben (Grad und Ausmaß der Ände­rung von Mate­ri­al­ei­gen­schaf­ten, die Einfluss auf Perme­a­ti­ons­werte und die mecha­ni­sche Festig­keit bewir­ken) nicht mach­bar. Aktu­ell ist der Herstel­ler gefor­dert, dem Anwen­der geeig­nete Daten zu vermit­teln.
Quali­fi­zierte Herstel­ler haben kundige Fach­be­ra­ter und einen quali­fi­zier­ten Kunden­ser­vice. Nur Herstel­ler mit derar­ti­gem Service­an­ge­bot soll­ten Sie für einen mögli­chen Einsatz in Erwä­gung ziehen. Beach­ten Sie auch, dass die Gesetz­ge­bung vorsieht, die Mitar­bei­ter an der Auswahl des opti­ma­len Schutz­hand­schu­hes mit einzu­be­zie­hen.

Achtung: Nicht jeder flüs­sig­keits­dichte Hand­schuh wird auf Chemi­ka­li­en­be­stän­dig­keit geprüft. Einige klas­si­sche Bauar­ten aus Latex oder Latex auf Baumwoll-Trikot oder Vinyl-Typen werden zum Teil nur im Wasser-Leck, bzw. Luft-Leck-Test nach EN 374–2 geprüft. Diese Bauar­ten werden selten als Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe ange­bo­ten. Sie sind für verdünnte Reini­gungs­mit­tel und für Wasch- und Säube­rungs­ak­tio­nen gedacht! Sie entspre­chen meist als Kate­go­rie I oder II und sind mit Hinwei­sen auf die einge­schränkte Nutzung trotz Flüs­sig­keits­dich­tig­keit verse­hen. Lesen Sie daher die Herstel­ler­in­for­ma­tio­nen immer sorg­fäl­tig!

Jedes Hand­schuh­ma­te­rial hat Schwach­punkte: Butyl bei unpo­la­ren Kohlen­was­ser­stof­fen, Nitril bei Keto­nen, Neopren bei chlo­rier­ten Kohlen­was­ser­stof­fen und Latex bei fast allen orga­ni­schen Stof­fen und konzen­trier­ten Säuren.

Jeder Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuh ist nach Chemi­ka­li­en­kon­takt als Einmal­hand­schuh anzu­se­hen und zu entsor­gen, soweit der Herstel­ler keine (schrift­li­chen) Anga­ben zur Wieder­ver­wen­dung trifft.

Entschei­dend für die Auswahl eines geeig­ne­ten Schutz­hand­schuhs, der gegen die indi­vi­du­el­len Gefähr­dun­gen und Chemi­ka­lien bei bestimm­ten Tätig­kei­ten im Betrieb geeig­net schützt, ist die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung. Ob dabei ein Hand­schuh mit dem Pikto­gramm Becher­glas oder Erlen­mey­er­kol­ben zum Einsatz kommt, ist kein entschei­den­des Krite­rium.

Hand­schuhe, die nicht nach EN 374 geprüft wurden, sind nicht für den Kontakt mit Chemi­ka­lien vorge­se­hen.
Als flüs­sig­keits­dicht gelten nur Hand­schuhe, die neben den Anfor­de­run­gen der EN 420 und der EN 388 auch die Anfor­de­run­gen der EN 374 Teil 1–3 erfül­len!
Als Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuh gilt jeder flüs­sig­keits­dichte Schutz­hand­schuh, bei dem die Anfor­de­run­gen der EN 374 Teil 1–3 und die Bedin­gun­gen zur PSA Kate­go­rie III (CE xxxx) erfüllt sind (Quali­täts­ma­nage­ment über­wacht).
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