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Interview mit Prof. Henning Wackerhage

Interview mit Prof. Henning Wackerhage
Sport und die Corona-Epidemie

Prof. Wackerhage in seinem Labor (Foto: © A. Heddergott / TUM)
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Für den Sport ist die aktu­elle Corona-Epidemie die größte Heraus­for­de­rung der letz­ten 100 Jahre. Henning Wacker­hage, Profes­sor für Sport­bio­lo­gie an der Tech­ni­schen Univer­si­tät München (TUM), hat daher zusam­men mit Kolle­gin­nen und Kolle­gen der Univer­si­tä­ten Gießen, Glas­gow, Hildes­heim, Mainz und Padua sowie des Max-Planck-Instituts für Bioche­mie die Wech­sel­wir­kun­gen zwischen Sport und Corona-Pandemie analy­siert. Im Inter­view erläu­tert er ausge­wählte Ergeb­nisse der Unter­su­chung.

 Welche Rolle haben Sport­ver­an­stal­tun­gen bei der Ausbrei­tung der Corona-Pandemie gespielt?

Es gibt Anhalts­punkte dafür, dass Itali­ens Pati­ent 1 sehr viele Menschen getrof­fen hat und, bevor er selbst erste Symptome bekam, bereits eine größere Anzahl Menschen in Bergamo ange­steckt hatte. Auch die haben das Virus dann wohl bereits weiter­ge­ge­ben, und dann kam das große Ereig­nis, das erste Cham­pions League Spiel des Vereins Atalanta Bergamo, gegen den FC Valen­cia. Die Menschen in Bergamo dach­ten damals noch, dass das SARS-CoV-2-Virus irgend so ein Virus in China sei. Beden­ken gab es da kaum. Und es gab ja auch noch weitere Groß­ereig­nisse, wie beispiels­weise das Spiel FC Liver­pool gegen Atlé­tico Madrid. Alles Ereig­nisse wo 40, 50 oder 60.000 Menschen zusam­men kamen. Unter den Zuschau­ern dürf­ten sich viele ange­steckt haben, und die haben dann das Virus mit nach Hause getra­gen und dort wieder andere infi­ziert. Ganz ähnlich ist auch die Ausbrei­tung des Virus im Skiort Ischgl zu sehen: Dort haben sich auch viele Menschen ange­steckt, und dann haben die Menschen das Virus zu Hause wieder weiter verbrei­tet. Es gab da am 29. Februar einen Flug nach Island mit 15 infi­zie­ren Perso­nen, und von denen waren 14 in Ischgl zum Skifah­ren. Norwe­gen führte Mitte März 40 Prozent seiner Corona-Infektionen auf Anste­ckun­gen in Öster­reich zurück. Auch in Bayern hat das Skifah­ren eini­ges zu den hohen Fall­zah­len beigetra­gen.

Wie können solche Effekte in Zukunft vermie­den werden?

Die Beispiele zeigen, dass Sport­er­eig­nisse wesent­lich dazu beigetra­gen haben, dass sich das Virus in Europa so stark verbrei­tet hat. Was lernen wir daraus? Beson­ders für inter­na­tio­nale Sport­er­eig­nisse, bei denen Menschen aus vielen Ländern zusam­men kommen und danach wieder zurück reisen, ist das Risiko groß, dass man sich gegen­sei­tig ansteckt und das Virus global verbrei­tet. Das ist jetzt natür­lich ein großes Problem zum Beispiel für die Ausrich­tung der Olym­pi­schen Spiele in Tokyo. Die entschei­den­den Infek­ti­ons­wege sind Tröpf­chen und Aero­sole, und die Infek­tion über Ober­flä­chen. Es gibt ja ganz viele verschie­dene Facet­ten des Sports wo verschie­dene Infek­ti­ons­wege ein Problem sein können. Jetzt muss man sich für jede Sport­ak­ti­vi­tät gezielt über­le­gen: Wie kann ich hier Infek­tio­nen vermei­den? Um Fußball­sta­dien wieder öffnen zu können, braucht es eine Viel­zahl von Maßnah­men, beispiels­weise die sichere Einhal­tung von Abstän­den, mögli­cher­weise Gesichts­mas­ken gegen Tröpf­chen, Desin­fek­tion von Gelän­dern, Schutz­maß­nah­men beim Cate­ring und Social Distancing bei der Anreise. Geis­ter­spiele ohne Zuschauer sind da natür­lich eine rela­tiv sichere Lösung.

Sie haben zusam­men mit einem Exper­ten­gre­mium Empfeh­lun­gen für Fitness-Studios ausge­ar­bei­tet. Was empfeh­len Sie?

Wir schla­gen einen detail­lier­ten 5‑Punkte-Plan vor. Der erste Punkt in unse­rem Fünf-Punkte-Plan sind Mitar­bei­ter­schu­lun­gen. Die müssen die Anste­ckungs­mög­lich­kei­ten kennen, müssen den Betrieb des Fitness­stu­dios anpas­sen, um Tröpf­chen, Aerosol- und Schmier­in­fek­tio­nen zu vermei­den, und sie müssen die Maßnah­men auch mittra­gen. Eine weitere Empfeh­lung ist, die Fitness­stu­dios gut zu lüften und hoch­in­ten­sive Belas­tung zu vermei­den. Wenn man Sport treibt, erhöht sich das Atem­vo­lu­men von etwa fünf bis zehn Litern pro Minute in der Ruhe auf über 100 Liter pro Minute bei untrai­nier­ten Menschen. Sehr gut trai­nierte Sport­ler errei­chen über 200 Liter pro Minute. Wir wissen nicht genau, wie viel SARS-CoV-2-Viren Infi­zierte dabei frei­set­zen, aber man kann sich vorstel­len, dass, wenn jemand 150 Liter pro Minute atmet, der quasi zur sprich­wört­li­chen Viren­schleu­der wird. Inten­sive Belas­tun­gen im Fitness­stu­dio sollte man also vermei­den; das sollte man dann eher im Freien machen. Wenn man beim Kraft­trai­ning Geräte gemein­schaft­lich benutzt, sollte man nach jeder Benut­zung die Hanteln mit einem Desin­fi­zier­tuch abwi­schen, um eine Schmier­in­fek­tion zu vermei­den. Idea­ler­weise sollte also eine Person alle Übun­gen durch­füh­ren und dann das Gerät desin­fi­zie­ren, denn das Virus kann auf Metall­ober­flä­chen bis zu einem Tag lang über­le­ben. Sollte sich jemand infi­ziert haben, ist eine Nach­ver­fol­gung wich­tig, das heißt eine Liste, wer wann trai­niert hat. Über diese Liste kann dann das Gesund­heits­amt sehr schnell fest­stel­len, wer wann mit wem wie lange Kontakt hatte, gefähr­dete Perso­nen umge­hend testen und notfalls in Quaran­täne schi­cken. All diese Maßnah­men würden auch für den Vereins­sport funk­tio­nie­ren.

Sind trai­nierte Perso­nen durch ihre Fitness besser vor einem schwe­ren Verlauf geschützt?

Fitte und gesunde junge Menschen haben ein gerin­ges Risiko für einen schwe­ren Verlauf von COVID-19, sind aber nicht völlig davor geschützt. Ein gutes Beispiel ist „Pati­ent 1“ des italie­ni­schen Covid-19-Ausbruchs, ein 38-jähriger Marathon-Läufer: Der war zwar fit, lag aber trotz­dem zwei Wochen auf der Inten­siv­sta­tion. Es gibt zwar keine eindeu­ti­gen Beweise dafür, dass körper­li­ches Trai­ning die Häufig­keit akuter Atem­wegs­in­fek­tio­nen redu­ziert, doch es gibt Indi­zien dafür, dass regel­mä­ßige Akti­vi­tät die Schwere von Infek­tio­nen vermin­dert. Erwie­sen ist, dass leich­tes Trai­ning das Immun­sys­tem eher stärkt, während Sport­ler, die sehr hart trai­nie­ren, sich eher häufi­ger Infekte einfan­gen. Hartes Trai­ning sollte man also nach Möglich­keit unter­las­sen.

Was ist aus Ihrer Sicht beson­ders zu beach­ten?

Viele Infek­tio­nen durch den SARS-CoV2-Virus gesche­hen durch Perso­nen, die keine Krank­heits­sym­ptome haben. Die haben keinen Husten, die haben keinen Schnup­fen, denen geht es eigent­lich gut. Trotz­dem sind sie infi­ziert und können andere Menschen anste­cken. Das ist ein großes Problem, denn man kann jeman­den, der infi­ziert ist, nicht immer an seinen Sympto­men erken­nen. Die Konse­quenz für uns im Sport ist, das wir eigent­lich jeden so behan­deln müssen, als wäre er oder sie infi­ziert und entspre­chende Schutz­maß­nah­men tref­fen müssen – und außer­halb des Sports gilt das eigent­lich genauso. Jetzt gilt es, die posi­ti­ven Effekte des Spor­tes zu nutzen, während man die Infek­ti­ons­ri­si­ken mini­miert. Die legen­dä­ren Sport­phy­sio­lo­gen Bente Klarlund-Pedersen und Bengt Saltin haben Publi­ka­tio­nen zu 26 Krank­hei­ten analy­siert, und für eigent­lich alle gilt: Sport hat posi­tive Effekte sowohl in der Präven­tion als auch in der Thera­pie. Grund­sätz­lich gilt, wie im Arbeits­schutz, die Risi­ken zu iden­ti­fi­zie­ren und für jede Sport­art die geeig­ne­ten Maßnah­men zu erar­bei­ten. Mit Maßnah­men wie Abstand, Mund-Nasen-Masken, Desin­fek­tion und einer geeig­ne­ten Nach­ver­fol­gung kann man die meis­ten Sport­ar­ten wieder guten Gewis­sens machen. 

Die Veröf­fent­li­chung:

H. Wacker­hage, R. Ever­ett, K. Krüger, M. Murgia, P. Simon, S. Gehlert, E. Neuber­ger, P. Baum­ert: Sport, Exer­cise and COVID-19, the Dise­ase Caused by the SARS-CoV‑2 Coro­na­vi­rus Dtsch. Z. Sport­med., 28.05.2020 – DOI

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