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Von der Gefähr­dungs­ana­lyse zum Haut­schutz­plan

Hautschutz
Von der Gefähr­dungs­ana­lyse zum Haut­schutz­plan

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Haut­krank­hei­ten sind die häufigs­ten Berufs­krank­hei­ten. Dennoch genießt der Haut­schutz vor allem in klei­ne­ren und mitt­le­ren Betrie­ben nicht densel­ben Stel­len­wert wie andere Formen der Persön­li­chen Schutz­aus­rüs­tung (PSA). Gerade die Schutz- und Pfle­ge­pro­dukte werden von den Mitar­bei­tern häufig nur sehr verhal­ten ange­nom­men. Ein verständ­li­ches und profes­sio­nel­les Hautschutz-konzept und entspre­chende Schu­lun­gen helfen, diese Barrie­ren abzu­bauen.

 Was Andreas Schuldt sieht, wenn er im Auftrag des Euskir­che­ner Hautschutz-Spezialisten Peter Greven Physi­oderm (PGP) in deut­schen Betrie­ben unter­wegs ist, hat mit profes­sio­nel­lem Haut­schutz häufig wenig zu tun. „Veral­tete Spen­der­sys­teme, keine oder keine ausrei­chende Erklä­rung zur Anwen­dung der Produkte und eine mangelnde Akzep­tanz der Mitar­bei­ter: Der Status quo, den ich vor allem in klei­ne­ren und mitt­le­ren Betrie­ben häufig vorfinde, zeigt, dass das Bewusst­sein für den Stel­len­wert des Haut­schut­zes in vielen Unter­neh­men noch ausbau­fä­hig ist“, berich­tet der PGP-Außendienstler. Häufig mangele es dabei vor allem an einem profes­sio­nel­len Haut­schutz­kon­zept.

Ein solches Haut­schutz­kon­zept besteht aus drei Baustei­nen: aus dem Haut­schutz vor, der Haut­rei­ni­gung während und der Haut­pflege nach der Arbeit. „Diese Bausteine müssen im Konzept aufeinan-der abge­stimmt und eng verzahnt sein“, sagt Schuldt. Das Konzept muss den Mitar­bei­tern detail­liert erklärt werden. „Ohne die Mitwir­kung der Mitar­bei­ter oder sogar gegen die Mitar­bei­ter hat ein Haut­schutz­kon­zept keine Chance“, weiß Schuldt. Dabei gilt es zunächst häufig, Barrie­ren zu über­win­den. „Dass sie ihre schmut­zi­gen Hände reini­gen müssen, verste­hen die meis­ten ja noch. Aber die Hände vor und nach der Arbeit eincre-men? Das halten insbe­son­dere männ­li­che Arbei­ter für unnö­tig und auch für unmänn­lich“, schil­dert er die Vorbe­halte, die im Arbeits­all­tag häufig noch immer exis­tie­ren.
Haut­schutz ist nicht teuer
Dabei sollte eigent­lich schon ein Blick in die Statis­tik der Deut­schen Gesetz-lichen Unfall­ver­si­che­rung genü­gen, um die Bedeu­tung des Haut­schut­zes deut­lich zu machen. Haut­krank­hei­ten machen rund ein Drit­tel aller begrün­de­ten Verdachts­an­zei­gen auf eine Berufs­krank­heit aus – und sind damit die größte Krank­heits­gruppe. Die Dunkel­zif­fer liegt vermut­lich noch viel höher. „Und auch eine Viel­zahl von wissen­schaft­li­chen Studien belegt die Bedeu­tung des Haut­schut­zes am Arbeits­platz“, sagt Andreas Schuldt.
Nur spie­gelt sich das in vielen Unter­neh­men noch nicht in konkre­ten Maßnah-men wider. Und das, obwohl Haut­schutz gar nicht teuer ist. Den Kosten von etwa 15 und bis 25 Euro pro Mitar­bei­ter, mit denen ein profes­sio­nel­les Haut­schutz­kon­zept jähr­lich zu Buche schlägt, stehen wesent­lich höhere Ausfall­kos­ten entge-gen, wenn ein Mitar­bei­ter wegen einer Haut­er­kran­kung ausfällt. Bei einer durch­schnitt­li­chen Erkran­kungs­dauer von zwölf Arbeits­ta­gen im Falle von Haut­krank­hei­ten entste­hen dem Arbeit­ge­ber nämlich Ausfall­kos­ten von bis zu 6000 Euro. Aber nicht nur betriebswirtschaft-lich rech­net sich profes­sio­nel­ler Haut­schutz. „Auch die Mitar­bei­ter hono­rie­ren das eigent­lich immer“, spricht Schuldt aus Erfah­rung.
So war es auch im Falle der Henkel Beiz- und Elek­tro­po­lier­tech­nik GmbH Co.KG. Am Stand­ort Neustadt-Glewe in Mecklenburg-Vorpommern beschäf­tigt das öster­rei­chi­sche Unter­neh­men mit Stamm­sitz in Waid­ho­fen an der Thaya über 60 der rund 140 Mitar­bei­ter. Zwei Drit­tel der Beleg­schaft in Neustadt-Glewe arbei­tet am Polier­bad, wo die Mitar­bei­ter Metall­ober­flä­chen veredeln. Die beigestell­ten Werk­stü­cke werden mit diver­sen Chemi­ka­lien sowohl gebeizt als auch elek­tro­po­liert und endge­rei­nigt. Das dient der Funk­tio­na­li­tät der Ober­flä­chen und dem Korro­si­ons­schutz. Die Bran­chen, die Henkel belie­fert, sind ebenso viel­schich­tig wie quali­täts­be­wusst. Unter ande­rem erstreckt sich die Band­breite über die Auto­mo­bil­bran­che, die Luft- und Raum­fahrt­tech­nik, aber auch die Pharma- und Biotech­ni­sche Indus­trie.
„Ein einheit­li­ches Konzept fehlte“
„Unsere Mitar­bei­ter arbei­ten vorwie­gend im Nass­be­reich, wo Hand­schuh­pflicht herrscht“, beschreibt Kirs­ten Kretz­sch­mar, die bei Henkel die kauf­män­ni­sche Leitung unter­stützt. Im Gegen­satz zum Tragen von Hand­schu­hen, für das es eigene Normen gibt, wird der Haut­schutz als Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tung aus den allge­mei­nen Arbeitsschutz-Normen herge­lei­tet und in den Richt­li­nien der Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten konkre­ti­siert. Das ist im Vergleich zu einem klaren Normen­ge­rüst recht unüber­sicht­lich. „Bereits seit vielen Jahren stel­len wir als Firma Haut­schutz­prä­pa­rate zur Verfü­gung. Jedoch wurden gerade die Schutz- und Pfle­ge­pro­dukte nur sehr verhal­ten ange­nom­men, da ein einheit­li­ches Konzept fehlte“, schil­dert Kirs­ten Kretz­sch­mar.
Der Wunsch, den Haut­schutz zu profes­sio­na­li­sie­ren, erwuchs bei Henkel nach einer Sitzung des Arbeitsschutzausschus-ses (ASA) mit der exter­nen Sicher­heits­fach­kraft und dem Betriebs­arzt. Bei dieser Sitzung stand das Thema Haut­schutz auf der Tages­ord­nung. Schnell war im Hause Henkel klar, „dass wir künf­tig noch mehr tun und ein Hautschutz-Konzept imple­men­tie­ren wollen.“ Warum? „Um unse­ren Mitar­bei­tern etwas Gutes zu tun und natür­lich auch, um Präven­tion zu betrei­ben, denn wer den Haut­schutz vernach­läs­sigt, riskiert lang­fris­tige Folgen wie Arbeits­platz­wech­sel oder Berufsun-fähigkeit der Mitar­bei­ter“, sagt Kirs­ten Kretz­sch­mar.
Der Haut­schutz­plan: indi­vi­du­ell, aber nicht zu klein­tei­lig
Das ist der Punkt, an dem Andreas Schuldt und PGP ins Spiel kommen. Über den Tech­ni­schen Händ­ler Harry Wegner, der Henkel mit Arbeits­schutz­pro­duk­ten versorgt, kam die Verbin­dung zu Stande. „Bei der ersten Bege­hung habe ich mir alle Abtei­lun­gen ange­schaut, denn alle Tätig­kei­ten und Arbeits­plätze sind anders und haben ihre spezi­el­len Anfor­de­run­gen“, beschreibt Schuldt die ersten Schritte. Der Hand­schuh­trä­ger beispiels­weise braucht spezi­elle Produkte. Der Mitar­bei­ter, dessen Haut star­ken Verschmut­zun­gen ausge­setzt ist, benö­tigt Reini­gungs­mit­tel, die zwar wirk­sam, aber nicht zu scharf sind. „Man darf nicht mit Kano­nen auf Spat­zen schie­ßen“, erklärt Schuldt bild­haft. Denn wenn der Haut­rei­ni­ger zu scharf gewählt ist und mit Reib­stof­fen arbei­tet, die zu Haut­ir­ri­ta­tio­nen führen können, wird die vermeint­li­che Lösung schnell zum Problem. „Bei all diesen arbeits­platz­spe­zi­fi­schen Anforder-ungen ist die große Heraus­for­de­rung einen Haut­schutz­plan zu entwi­ckeln, der allen indi­vi­du­el­len Belas­tun­gen gerecht wird, und der trotz­dem einfach verständ­lich und nicht zu klein­tei­lig ist.“ 
Der Haut­schutz­plan, den er für Henkel entwi­ckelte, enthielt schließ­lich vier Produkte: ein Haut­schutz­mit­tel für wech­selnde Arbeits­stoffe, zwei Haut­rei­ni­ger – der eine für leichte, der andere für starke Verschmut­zun­gen – und eine Pfle­ge­lo­tion. Bei der Bereit­stel­lung wurde auf ein geschlos­se­nes System mit Spen­dern umge­stellt. Diese vier Produkte im geschlos­se­nen Spen­der­sys­tem teste­ten die Henkel-Mitarbeiter dann im Anschluss drei Wochen lang. „Erpro­bung ist das Funda­ment für jeden Haut­schutz­plan. Denn wenn die Mitar­bei­ter die Produkte nicht anneh­men, findet der gesamte Haut­schutz­plan keine Akzep­tanz.“
Akzep­tanz­pro­bleme gab es nicht bei Henkel. Im Gegen­teil. „Das Feed­back war sehr posi­tiv. Beson­ders gut kam bei unse­ren Mitar­bei­tern an, dass die Produkte so schnell einzie­hen“, sagt Kirs­ten Kretz­sch­mar. Mitar­bei­ter, deren Haut zuvor spröde und trocken war, bemerk­ten nach kurzer Zeit eine Verbes­se­rung. Ihre Erfah­run­gen in der Test­phase vermerk­ten die Mitar­bei­ter auch in einem Frage­bo­gen, der von PGP ausge­wer­tet wurde.
Regel­mä­ßige Über­prü­fung
Ände­rungs­wün­sche gab es keine. In einem letz­ten Schritt führte PGP-Mitarbeiter Andreas Schuldt nach der erfolg­rei­chen Test­phase und vor dem regu­lä­ren Start des neu erar­bei­te­ten Haut­schutz­plans noch eine Schu­lung bei den Henkel-Mitarbeitern durch. „Eine solche Schu­lung ist wich­tig, um den Haut­schutz im Bewusst­sein der Mitar­bei­ter zu veran­kern, und um Fragen zur rich­ti­gen Anwen­dung der Produkte zu beant­wor­ten, die gege­be­nen­falls noch auftau­chen.“
Auch nach dem Start wird ein Haut­schutz­plan immer wieder über­prüft. Schuldt: „In der Regel schauen wir jedes Jahr oder maxi­mal alle zwei Jahre in den Betrie­ben vorbei, um zu sehen, wie sich der Haut­schutz­plan bewährt hat, und ob er beispiels­weise wegen neuer Anfor-derungen ange­passt werden muss.“
Seit Anfang des Jahres ist der Haut­schutz­plan bei der Firma Henkel nun in Kraft. „Unsere Mitar­bei­ter sind regel­recht begeis­tert. Und es ist keine Über­trei­bung zu sagen, dass der Haut­schutz bei uns mitt­ler­weile gelebt wird“, sagt Kirs­ten Kretz­sch­mar.
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