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Continental will 100 Prozent Ergonomie

Ergonomie-Netzwerkkonferenz 2017
Continental will 100 Prozent Ergonomie

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Seit 2006 ste­ht die Ergonomie in Deutsch­land auf der Agen­da von Con­ti­nen­tal. Seit 2015 treibt der Tech­nolo­giekonz­ern das The­ma inter­na­tion­al voran. Die Vielfalt der Stan­dorte und Hand­lungs­felder zeigte jet­zt die erste inter­na­tionale Ergonomie-Net­zw­erkkon­ferenz in Berlin.

Petra Han­nen

Eine Nachricht aus Mal­ta wurde zum i‑Tüpfelchen der mehrtägi­gen Ergonomie-Net­zw­erkkon­ferenz, die das Tech­nolo­gie­un­ternehmen Con­ti­nen­tal Ende April in Berlin ver­anstal­tete: Im Rah­men ihrer aktuellen Kam­pagne „Gesunde Arbeit­splätze für jedes Alter“ hat die Europäis­che Agen­tur für Sicher­heit und Gesund­heit am Arbeit­splatz (EU-OSHA) dem Konz­ern den Good Prac­tice Award ver­liehen. Mit dem Preis zeich­net die Agen­tur Unternehmen aus, welche die Arbeits­be­din­gun­gen sowohl ihrer jun­gen als auch ihrer älteren Beschäftigten gesund­heits­förder­lich gestal­ten. Con­ti­nen­tal überzeugte die Jury mit ihrem Ergonomie- und Demografiepro­gramm, das sie seit 2006 im gesamten Konz­ern imple­men­tiert.

Mit diesem Pro­gramm ver­fol­gt Con­ti­nen­tal das strate­gis­che Ziel, die Beschäftigten unab­hängig von Alter und Geschlecht flex­i­bel ein­set­zen zu kön­nen. Dafür erfasst und bew­ertet das Unternehmen im Rah­men ein­er ergonomis­chen Gefährdungs­beurteilung konz­ern­weit Belas­tun­gen mith­il­fe eines Belas­tungs-Doku­men­ta­tions-Sys­tems. Danach wer­den die Dat­en analysiert und Arbeit­splätze umgestal­tet. Dabei hil­ft nicht zulet­zt eine extra ein­gerichtete Good-Prac­tice-Daten­bank, die inzwis­chen stan­dortüber­greifend mehr als 200 Beispiele enthält.

Globaler Wissenstransfer

Neben the­men­spez­i­fis­chen Ergonomiework­shops, Infor­ma­tio­nen zu Neuerun­gen und einem Ergonomie-Mark­t­platz für ergonomis­che Verbesserun­gen, der durch zahlre­iche Liefer­an­ten ergonomis­ch­er Hil­f­s­mit­tel gestal­tet wurde, standen viele gute Beispiele im Mit­telpunkt der Ergonomie-Net­zw­erkkon­ferenz in Berlin. Diese war von Con­ti­nen­tal in diesem Jahr zum ersten Mal inter­na­tion­al aus­gerichtet wor­den. Rund 130 Teil­nehmer von 55 Stan­dorten in 16 Län­dern disku­tierten in Berlin ins­ge­samt 53 Verbesserun­gen unter­schiedlich­ster Belas­tungsarten. „Sehr viel bess­er kann Wis­senstrans­fer aus mein­er Sicht nicht stat­tfind­en“, sagt Jörg Nimoth, der das glob­ale Roll­out des Pro­gramms Ergonomics@Continental leit­et: „Per­sön­lich hätte ich nie gedacht, dass vorher dur­chaus disku­tierte Sprach­bar­ri­eren von nie­man­dem auch nur im Ansatz wahrgenom­men wur­den. Es waren so viele ver­schiedene Men­schen aus unter­schiedlichen Län­dern und Kul­turen und mit vielfälti­gen Ideen vor Ort, aber alle mit der­sel­ben Zielset­zung: die Arbeits­be­din­gun­gen in den Pro­duk­tio­nen weltweit zu verbessern – zugun­sten der Mitar­beit­erge­sund­heit und ‑moti­va­tion, der Qual­ität und Effizienz sowie der Arbeitssicher­heit. Das war für alle Teil­nehmer ein über­wälti­gen­des Erleb­nis.“

Die 53 Beispiele aus den ver­schiede­nen Stan­dorten bewar­ben sich um den diesjähri­gen Ergonomie-Award der Con­ti­nen­tal, dessen Gewin­ner immer die Kon­feren­zteil­nehmer wählen.

Platz eins für den Chairless Chair

Den ersten Platz belegte der Con­ti­nen­tal-Stan­dort Kor­bach. Bish­er hat­ten einige Beschäftigte dort keine Möglichkeit, im Laufe ein­er Schicht zwis­chen Ste­hen und Sitzen zu wech­seln. Das führt zu schlecht­en Kör­per­hal­tun­gen und ein­er starken Beanspruchung von Beinen und Rück­en. Für Abhil­fe sorgt der soge­nan­nte Chair­less Chair, ein von dem Schweiz­er Start­up Noonee AG entwick­eltes Exoskelett, das an der Rück­seite der Beine getra­gen wird. Die Beschäftigten befes­ti­gen den Chair­less Chair mit Gurten an Hüfte oder Ober­schenkel und Schuhen. Zwei mit Spezial­tex­til bezo­gene Flächen stützen Gesäß und Ober­schenkel, Streben aus kohlen­stoff­faserver­stärk­tem Kun­st­stoff passen sich der Kon­tur der Beine an. Sie sind mit Gelenken in Kniehöhe aus­ges­tat­tet und lassen sich mech­a­nisch an die Kör­per­größe des Men­schen sowie hydraulisch an die gewün­schte Sitz­po­si­tion anpassen. Beschäftigte kön­nen so bei vie­len Tätigkeit­en in der Fer­ti­gung in ein­er ergonomisch gün­sti­gen Posi­tion sitzen, statt die ganze Zeit ste­hen zu müssen – selb­st bei kurzen Mon­tage-Inter­vallen ist Sitzen möglich. Der Chair­less Chair ermöglicht es den Mitar­beit­ern, während des Tra­gens damit zu laufen beziehungsweise sich zu bewe­gen und erhöht somit die Flex­i­bil­ität beim Arbeit­en. Gle­ichzeit­ig verbessert die High­tech-Stützstruk­tur die Kör­per­hal­tung und ent­lastet Rück­en und Beine.

Platz zwei für das Prinzip „Auto Eject“

Eine Idee aus dem Con­ti­nen­tal-Stan­dort im chi­ne­sis­chen Changchun belegte den zweit­en Platz des Ergonomie-Awards. Dort mussten die Beschäftigten an einem Punkt in der Pro­duk­tion ein kleines Werk­stück manuell um 180 Grad drehen – und das 1.500mal pro Schicht. Diese Bewe­gung ist für das Handge­lenk ergonomisch ungün­stig, außer­dem beste­ht immer das Risiko, dass Beschäftigten das Teil beim Han­dling herun­ter­fällt. Die Opti­mierung erfol­gte durch das Prinzip Auto Eject, also dem automa­tis­chen Auswurf des Werk­stücks. Hier­bei wird die Ent­ladung der Sta­tion automa­tisch durchge­führt und gle­ichzeit­ig das Werk­stück in eine für den Mitar­beit­er gute ergonomis­che Posi­tion gedreht. Dies ent­lastet den Mitar­beit­er beim Han­dling des Geräts enorm und reduziert auch noch die Tak­tzeit­en: Die Sta­tion muss nun nur noch beladen wer­den, und die das Handge­lenk belas­tende Bewe­gung durch das Drehen des Werk­stücks ist nicht mehr notwendig.

Platz drei für Rotationsprinzip an Arbeitsplätzen

Wie pos­i­tiv sich schon allein eine verän­derte Arbeit­sor­gan­i­sa­tion auf die Ergonomie auswirken kann, zeigt das Beispiel, mit dem der Con­ti­nen­tal-Stan­dort Kar­ben den drit­ten Platz des Ergonomie-Awards belegte: An mehreren Arbeit­splätzen – in der Fron­tend AOI Mul­ti Line Prü­fung und im Back­end Mon­tage Kli­maan­la­genein­heit – waren hohe Belas­tun­gen zu verze­ich­nen: durch schlechte Hal­tungs- und Bewe­gungsverteilung, Blendung, Wieder­hol­ung der Tätigkeitsabläufe und Bindung an den tech­nis­chen Prozess. Für Abhil­fe sorgt eine Rota­tion der Beschäftigten. In der Fron­tend AOI Mul­ti Line Prü­fung find­en jet­zt alle zwei Stun­den Wech­sel mit dem Mag­a­zin-Man­age­ment und dem Sup­port beim Spleißen statt, und auch in der Back­end Mon­tage Kli­maan­la­genein­heit haben die Beschäftigten beschlossen, zwis­chen ihren Plätzen zu wech­seln. Diese Wech­sel sind inzwis­chen Stan­dard für diese Arbeit­splätze. Damit lässt sich nicht nur eine gute Hal­tungs- und Bewe­gungsverteilung erre­ichen. Auch die Belas­tun­gen durch Monot­o­nie, Konzen­tra­tionsan­forderun­gen, ein­seit­ige Bewe­gungsabläufe und Bindung an den tech­nis­chen Prozess wer­den reduziert.

Ergonomie-Award bald weltweit

Die in Deutsch­land ent­standene Idee des Ergonomie-Awards will Con­ti­nen­tal jet­zt in die Regio­nen der Welt exportieren, in denen der Konz­ern tätig ist. Eine glob­ale Ergonomie-Net­zw­erkkon­ferenz soll es kün­ftig nur noch alle zwei Jahre geben. Zwis­chen diesen Kon­feren­zen will Con­ti­nen­tal gemein­sam mit den bei­den Regional­man­agerin­nen für Ergonomie, Sicher­heit und Gesund­heit aus den USA und der Volk­sre­pub­lik Chi­na drei Net­zw­erkkon­feren­zen in den Regio­nen Amerikas (Nord‑, Mit­tel- und Südameri­ka), EMEA (Europa, Naher Osten, Afri­ka) und APAC (Asien-Paz­i­fik) durch­führen. Auch dort sollen jew­eils regionale Good Prac­tice Awards durchge­führt und ver­liehen wer­den. „Teilen von Wis­sen ist ein ganz wichtiger Bestandteil“, sagt Jörg Nimoth: „Es gibt immer Diskus­sions- und Aus­tauschbe­darf, es gibt viele Fra­gen in Bezug auf die Soft­ware und deren Opti­mierung. Und natür­lich brauchen wir auch in den Regio­nen den aktuell­sten Stand der Wis­senschaft und Tech­nik in Bezug auf ergonomis­che Grund­la­gen und Möglichkeit­en.“ Die drei Sieger der jew­eili­gen Region­alkon­feren­zen nehmen daher automa­tisch im Fol­ge­jahr – neben weit­eren gewählten Beispie­len – an der Endrunde während der glob­alen Net­zw­erkkon­ferenz teil.

Globaler Rollout als ehrgeiziges Ziel

Im Jahr 2015 hat Con­ti­nen­tal nach der erfol­gre­ichen Ein­führung des Ergonomie-Pro­jek­ts für Pro­duk­tions­bere­iche an den deutschen Stan­dorten den glob­alen Roll­out ges­tartet – zunächst an den Stan­dorten der Auto­mo­tive-Divi­sio­nen, die im Ver­bund Cen­tral Elec­tron­ic Plants (CEP) organ­isiert sind. „Dazu wurde eigens und zusät­zlich zum konz­ernzen­tralen Ergonomie-Team eine koor­dinierende Stelle für den Roll­out der CEP-Stan­dorte ein­gerichtet“, erk­lärt Jörg Nimoth. Ein Jahr später habe die Reifendi­vi­sion auf gle­iche Weise mit dem glob­alen Roll­out begonnen. Sowohl die Elek­tron­ikw­erke (CEP) als auch die Reifendi­vi­sion wer­den Nimoth zufolge bis Ende 2017 die notwendi­gen Ini­tial­train­ingswochen in allen zuge­höri­gen Stan­dorten durchge­führt haben.

Diese Ini­tial­train­ingswochen bein­hal­ten zunächst eine Basiswis­senss­chu­lung der Ergonomie, beispiel­sweise Grund­la­gen zu Anthro­pome­trie, also zu neu­traler Kör­per­hal­tung und Gelenkstel­lung, zu den tätigkeits­be­zo­ge­nen Analysemeth­o­d­en wie Ziehen und Schieben, Heben, Hal­ten und Tra­gen sowie zu manuellen Tätigkeit­en. Aber auch die Grund­la­gen zu organ­isatorischen Belas­tun­gen – unter anderem kurzzyk­lisch repet­i­tive Tätigkeit­en, Bindung an den Arbeit­sprozess, hohe Ver­ant­wor­tung für das Pro­dukt und den Prozess – wer­den ver­mit­telt. Umge­bungs­be­din­gun­gen wie Beleuch­tung, Lärm, Kli­ma und Vibra­tio­nen oder die Belas­tun­gen durch das Tra­gen von Per­sön­lichen Schutzaus­rüs­tun­gen gehören eben­falls zu den behan­del­ten The­men. Außer­dem wird das Belas­tungs-Doku­men­ta­tions-Sys­tem am Stan­dort instal­liert und der Kreis der BDS-Kern­nutzer inten­siv für den Ein­satz dieser Soft­ware geschult. „Damit das Ergonomie-Team des jew­eili­gen Stan­dorts seine Arbeit in Zukun­ft über­haupt gewinnbrin­gend umset­zen kann, ist es drin­gend erforder­lich, die Entschei­der für Investi­tio­nen und Strate­gien mit an Bord zu holen“, betont Nimoth: „Am Anfang ein­er Ini­tial­train­ingswoche ste­hen daher das Warum und Weshalb ganz oben auf der Agen­da, bevor wir mit dem Was und dem Wie begin­nen. Dabei geht es um die Zus­tim­mung des Man­age­ments, damit das Team in der Zukun­ft auch Unter­stützung erfährt.“

In Deutsch­land, wo zurzeit rund 20 Prozent der gut 110.000 Pro­duk­tions­beschäftigten von Con­ti­nen­tal weltweit arbeit­en, kann der Konz­ern im Bere­ich Ergonomie schon mit den Kenn­zahlen wie beispiel­sweise Alterssta­bil­ität­srate und physis­che Belas­tungsrate steuern. Langfristig soll das auch inter­na­tion­al möglich sein. Das ergonomis­che Grund­la­gen­wis­sen aus den Train­ings und das Belas­tungs-Doku­men­ta­tions-Sys­tem als ergonomis­che Risikobeurteilung im Rah­men des Pro­jek­ts Ergonomics@Continental ste­hen Nimoth zufolge aktuell rund der Hälfte aller Beschäftigten in den Pro­duk­tio­nen weltweit zur Ver­fü­gung. Das große Ziel ist jedoch ganz klar: 100 Prozent Roll­out, 100 Prozent Ergonomie weltweit.


Autorin

Petra Han­nen

Freie Jour­nal­istin

E‑Mail: mail@petrahannen.de

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