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Dynamik schont den Körper

Interview: Lange stehen im Beruf
Dynamik schont den Körper

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Eben­so wie langes Sitzen kann auch langes Ste­hen den Kör­p­er belas­ten. Das bestätigt Pro­fes­sor Dr. Rolf Elle­gast, stel­lvertre­tender Leit­er des Insti­tuts für Arbeitss­chutz der DGUV (IFA). Sicher­heits­beauf­tragter fragte ihn, zu welchen Beschw­er­den es kom­men kann und wie Unternehmen und Beschäftigte vor­beu­gen kön­nen.

Das Inter­view führte Ver­e­na Manek.

Welche Auswirkun­gen auf die Gesund­heit hat es, wenn man viel und lange ste­ht?

Eben­so wie beim lan­gen Sitzen wird auch beim lan­gen Ste­hen das Muskel-Skelett-Sys­tem dauer­haft sta­tisch beansprucht. Das kann die Wirbel­säule, Hüfte, Knie- und Fußge­lenke betr­e­f­fen. Wenn sie nicht bewegt wer­den, wer­den Gelenke und Band­scheiben nicht genug mit Nährstof­fen ver­sorgt. Eine dauer­haft sta­tis­che Über­las­tung des Fußes kann zu Spreiz- oder Senk­füßen führen. Durch eine dauer­haft erhöhte Belas­tung ermü­den außer­dem die Muskeln, wodurch das Unfall­risiko steigt. Betrof­fen ist auch der Stof­fwech­sel. Bewege ich die Beine nicht, ist die Blutzirku­la­tion eingeschränkt. Eigentlich brauchen die Beine eine wech­sel­nde, dynamis­che Belas­tung. Wenn ich dauer­haft über vier Stun­den am Tag ste­he, dann kön­nen die Beine anschwellen, es kann zu Müdigkeit­sempfind­un­gen bis hin zu Krämpfen oder länger­fristig zu Kramp­fadern kom­men.

Ab welch­er Dauer wird Ste­hen denn unge­sund?

Kurzfristig kann man mal länger am Tag ste­hen. Aber wenn man das dauer­haft über Jahre am Arbeit­splatz macht, dann kön­nen sich chro­nis­che Beschw­er­den entwick­eln. Es gibt vom Län­der­auss­chuss für Arbeitss­chutz und Sicher­heit­stech­nik (LASI) eine Hand­lungsan­leitung zur Beurteilung der Arbeits­be­din­gun­gen an Ste­har­beit­splätzen, die zweiein­halb Stun­den ste­hen am Tag als unbe­den­klich ein­stuft. Bis zu vier Stun­den kön­nen auch noch akzept­abel sein, wenn man Maß­nah­men ergreift, etwa Pausen ein­legt. Wird über vier Stun­den andauernd ges­tanden, sollte man eine Umgestal­tung des Arbeit­splatzes
erwä­gen.

Sollte die Arbeit dann anders organ­isiert wer­den?

Ja, ide­al wäre ein Wech­sel zwis­chen Sitzen, Gehen und Ste­hen. Unternehmen kön­nten eine Art Job-Rota­tion
ein­führen, also die Ste­hzeit­en durch Unter­brechun­gen oder andere Tätigkeit­en reduzieren. Beschäftigte, die den ganzen Tag ste­hen müssen, rotieren dann mit anderen, die sitzen oder sich bewe­gen. Ich kenne Arbeit­splätze in der indus­triellen Fer­ti­gung, wo das
gemacht wird. Es geht aber nicht bei allen Berufen.

Welche Maß­nah­men kann das Unternehmen son­st ergreifen?

Es kann Hil­f­s­mit­tel anbi­eten. Etwa Ste­hhil­fen, durch die nicht das ganze Kör­pergewicht auf den Beinen lastet. Oder höhen­ver­stell­bare Tis­che, die einen Hal­tungswech­sel ermöglichen. Auch geeignetes Schuh­w­erk anzu­bi­eten, wäre eine Maß­nahme.

Wie soll­ten die Schuhe beschaf­fen sein?

Wichtig bei Ste­hberufen ist, dass der Schuh einen sehr guten Halt gibt, aber nicht einengt. Das Kör­pergewicht muss gut auf Vor- und Rück­fuß verteilt sein. Der Absatz darf nicht zu hoch sein und die Sohle sollte beweglich sein, damit der Fuß abrollen kann. Und wenn ich wirk­lich sehr lange ste­he, kann es auch helfen, die Schuhe zwis­chen­durch mal zu wech­seln.

Was kön­nen Beschäftigte tun, die viel ste­hen müssen?

Sie kön­nen sel­ber darauf acht­en, dass sie sich, sofern das möglich ist,
bewe­gen kön­nen. Und die Hil­f­s­mit­tel tat­säch­lich nutzen, die ihnen zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Sie soll­ten außer­dem „dynamisch“ ste­hen, also immer mal die Posi­tion verän­dern, das Gewicht ver­lagern und vielle­icht zwis­chen­durch eine Ent­las­tungs- und Entspan­nungsübung für die Beine ein­bauen, sofern das im Arbeitsablauf möglich ist.

Und in der Freizeit Sport treiben anstatt die Beine hochzule­gen?

Wenn Sie den ganzen Tag ges­tanden haben, möcht­en Sie abends nicht unbe­d­ingt Sport machen. Es spricht nichts dage­gen, ein­mal die Beine hochzule­gen, das ent­lastet sie ja auch.

Aber natür­lich tut Bewe­gung immer gut, während der Arbeit und in der Freizeit. Gehen ist sehr gesund, es sorgt für eine gute Blutzirku­la­tion und der Wech­sel zwis­chen Belas­tung und Ent­las­tung wirkt pos­i­tiv auf die Gelenke.


Mehr als jeder zweite Beschäftigte

56,4 Prozent der Män­ner und 48,6 Prozent der Frauen arbeit­en über­wiegend im Ste­hen, ins­ge­samt also mehr als jed­er Zweite. Dies ergab die BIB­B/BAuA-Erwerb­stäti­gen­be­fra­gung. Jew­eils rund 15 Prozent dieser Per­so­n­en empfind­en die Arbeit im Ste­hen als Belas­tung. Zu den Berufen, in denen Erwerb­stätige häu­fig ste­hen, gehören Bauberufe, der Verkauf, die Pflege, das Friseurhandw­erk oder Beschäf­ti­gung in Kan­ti­nen, Großküchen und Restau­rants, aber auch Berufe in der Pro­duk­tion.

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