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Ergonomie: Leichte Helfer für schwere Lasten

Ergonomie
Leichte Helfer für schwere Lasten

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Beim Be- und Ent­laden von Schif­f­en kom­men häu­fig schwere Ket­ten zum Ein­satz. Am See­hafen Kiel wer­den diese Ket­ten jet­zt mit Seilen aus Kun­st­fas­er kom­biniert, was das Arbeit­en mit den Anschlag­mit­teln spür­bar erleichtert.

Petra Han­nen

Wer an die Arbeit in Frachthäfen denkt, hat oft majestätis­che Bilder vor Augen: von hohen Kra­nen und Con­tainer­brück­en, die alle Arten von Fracht schein­bar müh­e­los an und von Bord schweben lassen. Bevor die Maschi­nen ihre Kraft ein­set­zen kön­nen, müssen jedoch Men­schen einen eher mühevollen Arbeitss­chritt erledi­gen: Das Anschlag­mit­tel – also die Verbindung zwis­chen Last und Hebezeug beziehungsweise zwis­chen Fracht und Kran – muss befes­tigt wer­den. Dafür müssen die Beschäftigten schwere Ket­ten, die jew­eils bis zu 30 Kilo wiegen kön­nen, von Hand an Anschlag­punk­ten ein­hän­gen. Für diese kör­per­lich sehr anstren­gende Arbeit hat die Umschlagge­sellschaft des Port of Kiel, die See­hafen Kiel Steve­dor­ing GmbH, eine ergonomis­che Alter­na­tive entwick­elt: eine Kom­bi­na­tion der schw­eren Ket­ten mit einem Seil aus der Kun­st­fas­er Dyneema (siehe Kas­ten „Stich­wort: Dyneema“).

Zwei Personen „am Anschlag“

Die Suche nach ein­er besseren Lösung für das Ein­hän­gen der Anschlag­mit­tel begann im Rah­men des Betrieblichen Gesund­heits­man­age­ments. Aufhänger für die Über­legun­gen war die Arbeitssi­t­u­a­tion an Con­tain­er­sta­plern mit Auslegern. An einem solchen Ausleger befind­et sich ein ver­stell­bar­er Rah­men, der soge­nan­nte Spread­er, an dem die Anschlag­punk­te für das Ein­hän­gen der Ket­ten ange­bracht sind. Kon­struk­tions­be­d­ingt kann der Spread­er nur bis auf eine Höhe von etwa 1,80 Meter über dem Boden abge­senkt wer­den. Für das manuelle Heben und Anschla­gen der Ket­ten waren immer zwei Per­so­n­en notwendig, für die die Arbeit eine große Kraftanstren­gung und das Risiko von kör­per­lich­er Über­beanspruchung mit schmerzhaften Fol­gen bedeutete – und für den Betrieb das Risiko von teil­weise lan­gen Ausfallzeiten.

„Eine Entwick­lung im Hafenum­schlag ist, dass die Güter ten­den­ziell schw­er­er wer­den und dann entsprechend größere und schw­erere Anschlag­mit­tel einge­set­zt wer­den müssen“, so Betrieb­sleit­er Timo Bey­er. Also musste eine ergonomis­che Lösung her – die jedoch gle­ichzeit­ig alle Anforderun­gen des Unternehmens an ein Anschlag­mit­tel im Schw­er­last­bere­ich erfüllt. Zu diesen Anforderun­gen gehört zum einen die Tragfähigkeit, zum anderen jedoch auch eine Vari­abil­ität bei der Länge, um beim Heben der Fracht die Las­ten gle­ich­mäßig auf vier Stränge verteilen zu können.

Geeignetes Material gesucht

Timo Bey­ers Über­legung ging schnell in Rich­tung eines tex­tilen Anschlag­mit­tels, das man zwar nicht bei Bedarf aufkürzen kann, das dafür aber sehr leicht ist und sich gle­ichzeit­ig mit den kürzbaren Ket­ten verbinden lässt. Ein Pro­jek­t­team machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Mate­r­i­al und entsch­ied sich nach umfan­gre­ichen Unter­suchun­gen und Recherchen schließlich für Seile aus der Chemiefas­er Dyneema. „Wir haben natür­lich vieles pro­biert“, sagt Udo Bötel, der als Vorar­beit­er Stückgutum­schlag dem Pro­jek­t­team ange­hörte: „Aber es kam nichts anderes in Frage.“

Konkret kom­biniert die nach vier Monat­en Tüftelei gefun­dene Lösung Dyneema-Seile mit den herkömm­lichen Ket­ten. Um das Anschlag­mit­tel ein­hän­gen zu kön­nen, müssen die Beschäftigten jet­zt nur noch ein etwa zwei Kilo schw­eres Dyneema-Seil­stück heben – die daran befes­tigte schwere Kette bleibt solange auf dem Boden liegen. Dadurch kann jet­zt eine Per­son alleine das leichte Seil­teil am Spread­er befes­ti­gen, was nicht nur die Arbeit erle­ichtert, son­dern auch die Rüstzeit­en verkürzt.

Gewicht auf zwei Kilo reduziert

„Es ist wirk­lich eine tolle Sache, wenn man etwas hat, das 40 Ton­nen heben kann, aber nur zwei Kilo wiegt“, sagt Timo Bey­er: „So kann man wirk­lich ergonomisch Tag für Tag arbeit­en. Wir möcht­en ja auch, dass unsere Mitar­beit­er mit 50 oder 60 das noch kön­nen.“ Udo Bötel berichtet, dass seine Kol­le­gen schon von der Idee direkt begeis­tert waren – und später dann auch von der prak­tis­chen Umsetzung.

Ausgezeichnete Idee

2019 bekam das Unternehmen für seine Idee übri­gens den Präven­tion­spreis „Die Gold­ene Hand“ der Beruf­sgenossen­schaft Han­del und Waren­l­o­gis­tik (BGHW). Er wird jährlich für beson­ders gelun­gene und vor­bildliche Pro­jek­te in der Arbeitssicher­heit und im Gesund­heitss­chutz vergeben. Für BGHW-Jurymit­glied Jörg Klauke von der Ham­burg­er Hafen- und Lager­haus AG lag die Preiswürdigkeit auf der Hand. „Als erstes habe ich gedacht: Wieso bin ich nicht darauf gekom­men, das hätte ja schon Jahrzehnte vorher passieren kön­nen“, sagte der gel­ernte Hafen­fachar­beit­er im Rah­men der Preisver­lei­hung: „Das ist eine pri­ma Idee – eine große Erle­ichterung für die Mitarbeiter.“


Seehafen Kiel Stevedoring GmbH

Die See­hafen Kiel Steve­dor­ing GmbH wurde 2005 gegrün­det und übern­immt als Tochterun­ternehmen des Port of Kiel das Fest- und Los­machen sowie das Laden und Löschen der meis­ten RoPax‑, RoRo- und Con­tain­er­schiffe im Kiel­er Hafen. Steve­dor­ing ist das englis­che Wort für das Stauen und Löschen, also das Be- und Ent­laden von Schif­f­en. Zum Leis­tungsspek­trum des Unternehmens gehört jedoch auch die Vor- und Nach­bere­itung von Maschi­nen wie zum Beispiel die Rad­mon­tage bei Mäh­dresch­ern, das Betanken von Fahrzeu­gen, die pro­fes­sionelle Ladungssicherung, der Umschlag von Stück­gütern und von Forstpro­duk­ten auf Lkw oder Reed­ereiein­heit­en, das Tal­lieren, Ver­messen und Lagern von Gütern, die Ladungskon­trolle sowie die Phy­tosan­itärabfer­ti­gung und die Zolldeklaration.


Stichwort Dyneema

Port-of-Kiel_7_FotoDSM.jpg
Die Fas­er in stark­er Ver­größerung
Foto: DSM

Dyneema ist eine Waren­marke des nieder­ländis­chen Chemiekonz­erns Roy­al DSM. Sie beze­ich­net eine syn­thetis­che Chemiefas­er auf der Basis von Poly­ethylen mit ultra­ho­her Molekül­masse: Ultra-High-Mol­e­c­u­lar-Weight Poly­eth­yl­ene beziehungsweise UHMWPE. Die Dyneema-Fas­er ist auf die Masse bezo­gen bis zu fün­fzehn Mal zugfester als Stahl. Gle­ichzeit­ig ist sie etwas leichter als Wass­er und hat eine hohe Beständigkeit gegen Abrieb, Feuchtigkeit, UV-Strahlen und Chemikalien. Dünne Dyneema-Gar­ne wer­den beispiel­sweise für Angel- und Drachen­schnüre einge­set­zt. Mit­tlere Gar­ne wer­den für Klet­ter­seile, Hub­schrauber­seile, Yacht­taue und Fis­ch­er­net­ze ver­wen­det sowie zu Segel­tuch und Pla­nen ver­webt. Dicke Gar­ne kom­men in schw­eren Geweben und Tauen für Schiffe, Ölplat­tfor­men und Tief­see­in­stal­la­tio­nen zum Einsatz.


Foto: privat

Autorin: Petra Hannen

Fachjour­nal­istin

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