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Nicht alles so schwer nehmen

Heben und Tragen von Lasten

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Bei vielen Tätig­kei­ten müssen Gegen­stände und Arbeits­mit­tel bewegt werden – oft durch eigene Muskel­kraft und ohne mecha­ni­sche Hilfs­mit­tel. Sind solche Lasten zu schwer oder werden sie zu häufig bezie­hungs­weise in ungüns­ti­gen Körper­hal­tun­gen geho­ben und getra­gen, kann dies zu gravie­ren­den Verschleiß­erschei­nun­gen an Skelett, Sehnen und Muskeln führen. Was soll­ten Arbeit­ge­ber und Sicher­heits­ver­ant­wort­li­che tun, um die Beschäf­tig­ten zu schüt­zen?

Dr. Joerg Hensiek

Gesund­heits­stö­run­gen und -schä­den durch Lasten­hand­ha­bung mit Heben, Halten, Tragen, Ziehen oder Schie­ben von Lasten treten vorwie­gend im Bereich des unte­ren Rückens auf. Sie äußern sich bei akuten Über­las­tun­gen mit Rücken­be­schwer­den wie dem „Hexen­schuss“ oder einem „Ischias“. Treten solche Belas­tun­gen über einen länge­ren Zeit­raum auf, können sich ernste Erkran­kun­gen wie Band­schei­ben­vor­fälle oder Arthrose (abge­nutzte Knor­pel) an den Knie‐ und Hüft­ge­len­ken entwi­ckeln.

Die Lasten­hand­ha­bungs­ver­ord­nung

Das wich­tigste Regel­werk für die manu­elle Lasten­hand­ha­bung ist die „Verord­nung über Sicher­heit und Gesund­heits­schutz bei der manu­el­len Hand­ha­bung von Lasten“, abge­kürzt Lasten­hand­ha­bungs­ver­ord­nung. Diese Verord­nung schreibt vor, dass der Arbeit­ge­ber dafür sorgen muss, dass manu­elle Lasten­hand­ha­bun­gen, die die Gesund­heit der Beschäf­tig­ten gefähr­den, vermie­den werden. Weil das nicht immer möglich ist, gilt ein „Mini­mie­rungs­ge­bot“, das heißt, die Belas­tung soll so gering wie möglich sein.

Zur Beur­tei­lung der Gefähr­dung und zum Ergrei­fen geeig­ne­ter Schutz­maß­nah­men finden sich im Anhang der Verord­nung verschie­dene Maßnah­men. Demnach sind zahl­rei­che Krite­rien zu berück­sich­ti­gen – unter ande­rem die Last selbst, die jewei­lige Arbeits­auf­gabe und die Beschaf­fen­heit des Arbeits­plat­zes. Für die betrieb­li­che Praxis wird ein verein­fach­tes Verfah­ren zur Beur­tei­lung der Arbeits­be­din­gun­gen, die soge­nannte Leit­merk­mal­me­thode, vorge­schla­gen, weil die Verord­nung keine konkre­ten Grenz­werte für das Gewicht von Lasten nennt.

Keine konkre­ten Grenz­werte

Das hat folgen­den Grund: Einer­seits können bei häufi­gem Heben und Tragen, ungüns­ti­gen Körper­hal­tun­gen und einge­schränk­ten Ausfüh­rungs­be­din­gun­gen bereits gerin­gere Last­ge­wichte zu großen Belas­tun­gen führen, ande­rer­seits können bei selte­nen Lasten­hand­ha­bun­gen und in ergo­no­misch sinn­vol­ler Körper­hal­tung auch höhere Gewichte getra­gen werden, ohne dass dadurch größere Belas­tun­gen entste­hen.

Die Verord­nung schreibt weiter­hin vor, dass der Arbeit­ge­ber bei der Über­tra­gung von Aufga­ben der manu­el­len Lasten­hand­ha­bung berück­sich­ti­gen muss, ob der Beschäf­tigte über­haupt für diese Tätig­keit körper­lich geeig­net ist. Dabei kann er sich beispiels­weise von seinem Betriebs­arzt, der die betrieb­li­chen Bedin­gun­gen kennt, bera­ten lassen. Für die Beschäf­tig­ten besteht keine Pflicht, die
körper­li­che Eignung durch eine ärzt­li­che Unter­su­chung nach­zu­wei­sen.

Unter­wei­sung und Vorsorge

Der Arbeit­ge­ber muss die Beschäf­tig­ten über die mögli­chen Gefähr­dun­gen ihrer Sicher­heit und Gesund­heit bei der Lasten­hand­ha­bung aufklä­ren und darüber infor­mie­ren, wie die Lasten sach­ge­recht und körper­scho­nend bewegt werden können. Die arbeits­me­di­zi­ni­sche Vorsorge ergänzt dabei tech­ni­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Arbeits­schutz­maß­nah­men. Beschäf­tigte haben grund­sätz­lich einen Anspruch auf Wunsch­vor­sorge: Sie haben das Recht, ihre Gesund­heit in Hinblick auf die Lasten­hand­ha­bung und die damit verbun­de­nen Gefähr­dun­gen über­prü­fen zu lassen.

Inhalt der Vorsorge kann sowohl die Frage sein, ob die Arbeits­be­din­gun­gen eine Gesund­heits­ge­fähr­dung darstel­len, als auch die Frage, ob die Person selbst aufgrund ihres Gesund­heits­zu­stan­des oder ihrer persön­li­chen Veran­la­gung durch die Lasten­hand­ha­bung gefähr­det ist. Bei Tätig­kei­ten mit wesent­lich erhöh­ten körper­li­chen Belas­tun­gen durch Lasten­hand­ha­bung beim Heben, Halten, Tragen, Ziehen oder Schie­ben von Lasten, die mit Gesund­heits­ge­fähr­dun­gen für das Muskel‐Skelett‐System verbun­den sind, muss der Arbeit­ge­ber den Beschäf­tig­ten eine arbeits­me­di­zi­ni­sche Vorsorge vor Aufnahme der Tätig­keit und anschlie­ßend in regel­mä­ßi­gen Abstän­den anbie­ten (Ange­bots­vor­sorge).

Wie viel darf man heben und tragen?

Konkrete Grenz­werte sind in der Lasten­hand­ha­bungs­ver­ord­nung, wie bereits erwähnt, nicht fest­ge­legt. Sie verweist statt­des­sen auf die soge­nannte „Leit­merk­mal­me­thode“ des Länder­aus­schus­ses für Arbeits­schutz und Sicher­heits­tech­nik, die bereits 1996 entwi­ckelt wurde. Die Leit­merk­mal­me­thode besteht aus drei Beur­tei­lungs­tei­len:

  • Heben, Halten und Tragen von Lasten
  • Ziehen und Schie­ben von Lasten
  • manu­elle Arbeits­pro­zesse

Jedem Bereich ist ein Punk­te­sys­tem zur Bewer­tung zuge­ord­net. Weiter­hin werden auch andere Fakto­ren wie Körper­hal­tung, Ausfüh­rungs­be­din­gun­gen, Last­be­din­gun­gen und Zeit­dauer (Häufig­keit, Dauer, Länge) mitbe­rück­sich­tigt. Nur bei einem Punkt­wert von unter 10 geht man von einer gerin­gen Belas­tung aus bezie­hungs­weise ist eine Gesund­heits­ge­fähr­dung unwahr­schein­lich. Je nach Punkt­wert liegen

  • erhöhte,
  • wesent­lich erhöhte oder
  • hohe Belas­tun­gen vor, die Gestal­tungs­maß­nah­men sinn­voll, ange­zeigt oder erfor­der­lich machen.

In Berei­chen mit 30 Punk­ten und mehr können nur robuste Beschäf­tigte lang­fris­tig arbei­ten. Bei allen drei Bewer­tun­gen gibt es eine Einschrän­kung für „vermin­dert belast­bare Perso­nen“. Dabei handelt es sich um Beschäf­tigte, die älter als 40 und jünger als 21 Jahre alt sind, Neulinge oder durch Erkran­kung leis­tungs­ge­min­derte Perso­nen.

So vermin­dert man die Belas­tung

Das Gewicht einer Last lässt sich nur bedingt beein­flus­sen. Aber man kann durch das rich­tige Hebe‐ und Trage­ver­hal­ten dafür sorgen, dass die Last nicht zur über­gro­ßen Belas­tung wird:

  • Die wich­tigste Regel lautet: den Rücken grund­sätz­lich möglichst gerade und aufrecht halten. Keines­wegs soll­ten Lasten mit einem krum­men, nach vorn gebeug­tem Ober­kör­per, mit einem Hohl­kreuz oder mittels ruck­ar­ti­ger Bewe­gun­gen getra­gen werden.
  • Lasten solten körper­nah gehal­ten und auf beide Arme verteilt werden.
  • Beson­ders beim Aufhe­ben von Lasten ist es zu empfeh­len, die Rücken‐ und Bauch­mus­ku­la­tur anzu­span­nen.
  • Die Bewe­gungs­rich­tung beim Tragen sollte durch koor­di­nierte Fußschritte geän­dert, der Körper dabei so wenig wie möglich – am besten gar nicht – gedreht werden.

Aber alles hat seine Gren­zen. Bei einer zu schwe­ren Last gilt: Hilfe holen oder ein mecha­ni­sches Hilfs­mit­tel wie einen Trep­pen­stei­ger oder eine Sack­karre benut­zen!

Form­blät­ter mit Hand­lungs­an­lei­tun­gen und Rechen­hil­fen zum Thema „Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung mit Hilfe der Leitmerkmalmethode“gibt es bei der Bundes­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin, www.baua.de


Timm Kasper, Chris­tian Trau­mann, Jose Luis Rios Pala­cio (alle Multi­vac), Marc Manuel Frei­tag (BGHM) und André Wagner (Multi­vac) bei der Über­gabe der Urkun­den.
Foto: MULTIVAC Sepp Haggen­mül­ler SE & Co.KGG HM

Schlauer Fuchs“ für den Kisten­grei­fer

Inno­va­tive Hebe­hilfe entwi­ckelt

Die Ausbil­dungs­ab­tei­lung Tech­ni­sches Produkt­de­sign bei der Firma Multi­vac entwi­ckelte einen Kisten­grei­fer, der den Mitar­bei­tern das Anhe­ben und den Trans­port von Lager­kis­ten abnimmt.

Für diese inno­va­tive tech­ni­sche Lösung eines ergo­no­mi­schen Problems erhielt der Verpa­ckungs­ma­schi­nen­her­stel­ler Anfang August 2018 den „Schlauen Fuchs“ der Berufs­ge­nos­sen­schaft Holz und Metall (BGHM) – eine Auszeich­nung für heraus­ra­gen­des Enga­ge­ment im Arbeits­schutz.

Nach­dem Lager­kis­ten als neue Trans­port­mit­tel in unse­rer inter­nen Logis­tik einge­führt worden waren, muss­ten die Mitar­bei­ter die gefüll­ten Lager­kis­ten stapeln und tragen. Voll bela­den können diese gele­gent­lich ein Gewicht von bis zu 50 Kilo­gramm errei­chen“, erklärt André Wagner, Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit bei Multi­vac, den Ausgangs­punkt. „Neben der ergo­no­mi­schen Belas­tung für die Mitar­bei­ter ergab sich ein weite­res Problem: Aufgrund der manu­el­len Hand­ha­bung ließen sich manche Lager­kis­ten nur zum Teil befül­len. Weni­ger Ware gelangte in die Kisten, die Lager­flä­che wurde inef­fi­zi­ent genutzt.“

Die neue Hebe­hilfe, die Jose Luis Rios Pala­cio, Auszu­bil­den­der im Bereich Tech­ni­sches Produkt­de­sign, gemein­sam mit seinem Ausbil­der entwi­ckelte, konnte dieses Problem lösen und zugleich die Mitar­bei­ter im Bereich Waren­ein­gang entlas­ten. Der Kisten­grei­fer wird an einem Kran befes­tigt und kann zu den schwe­ren Lager­kis­ten herab­ge­las­sen werden. Erreicht er eine Kiste, fasst er diese von innen und verrie­gelt danach selbst­stän­dig – so wie es der neue Arbeits­vor­gang notwen­dig macht.


Foto: privat

Autor: Dr. Joerg Hensiek

Fach­au­tor und freier Jour­na­list


Check­liste: Darauf soll­ten Sie achten

  • Halten die Beschäf­tig­ten beim Heben und Tragen den Rücken gerade?
  • Hebt der Mitar­bei­ter die Last aus der Hocke an?
  • Hält der Beschäf­tigte die Last möglichst nahe am Körper?
  • Hebt der Mitar­bei­ter die Last nicht ruck­ar­tig auf?
  • Vermei­den die Beschäf­tig­ten Dauer­hal­tun­gen in einer Posi­tion?
  • Vertei­len die Mitar­bei­ter Lasten gleich­mä­ßig auf beide Arme?
  • Tragen die Beschäf­tig­ten schwere Lasten möglichst nicht alleine?
  • Stüt­zen die Mitar­bei­ter die Last beim Tragen möglichst am Körper ab?
  • Wird die Last möglichst so getra­gen, dass die Sicht nicht beein­träch­tigt ist?
  • Werden beim Abset­zen der Last geeig­nete Unter­la­gen verwen­det, um Hand­quet­schun­gen zu vermei­den?
  • Gibt es mecha­ni­sche Hilfs­mit­tel, um schwere Lasten zu bewe­gen?

Frauen haben es schwe­rer

Die Körper­kraft von Frauen beträgt durch­schnitt­lich nur zwei Drit­tel der des Mannes. Bedingt durch gerin­gere Skelett­maße erge­ben sich bei gleich hohen Arbeits­be­las­tun­gen gegen­über Männern höhere Belas­tun­gen der Wirbel­säule und der Gelenke. Ebenso ist die Knochen­fes­tig­keit etwas gerin­ger und nimmt mit dem Alter weiter ab – Frauen leiden wesent­lich häufi­ger an Osteo­po­rose als Männer. Der offene Becken­bo­den ist weni­ger gut geeig­net, die beim schwe­ren Heben und Tragen entste­hen­den Druck­kräfte aufzu­neh­men.

  • Wich­tig: Schwan­gere Frauen dürfen keine Arbei­ten durch­füh­ren, bei
    denen regel­mä­ßig Lasten von mehr als fünf Kilo­gramm Gewicht ohne mecha­ni­sche Trans­port­mit­tel bezie­hungs­weise Arbeits­mit­tel von Hand geho­ben, bewegt oder beför­dert werden.

Anders als die Lasten­hand­ha­bungs­ver­ord­nung enthält die DGUV Infor­ma­tion 208–033 im ‧Anhang „Orien­tie­rende Gefähr­dung­be­ur­tei­lung“ konkrete Richt­werte für das Bewe­gen von Lasten. Ab dem ange­ge­be­nen Wert ist von einer erhöh­ten Belas­tung auszu­ge­hen.


Mehr Infor­ma­tio­nen

  • Zum Thema „Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung mit Hilfe der Leit­merk­mal­me­thode“ stellt Bundes­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin auf ihrer Webseite Form­blät­ter mit Hand­lungs­an­lei­tun­gen und teil­weise inte­grier­ten Rechen­hil­fen für die Belas­tungs­ar­ten Heben/Halten/Tragen, Ziehen/Schieben und Manu­elle Arbeits­pro­zesse zur Verfü­gung. Für die Belas­tungs­ar­ten Ganz­kör­per­kräfte, Körper­fort­be­we­gung und Körper­zwangs­hal­tung werden derzeit zusätz­li­che Leit­merk­mal­me­tho­den entwi­ckelt: www.baua.de (Such­be­griff „Leit­merk­mal­me­thode“)
  • Die DGUV Infor­ma­tion 208–033 „Belas­tun­gen für Rücken und Gelenke – was geht mich das an?“ kann in der Publi­ka­ti­ons­da­ten­bank herun­ter­ge­la­den werden unter www.dguv.de/publikationen.
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