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Thera­pie­lie­gen – Lebens­ge­fähr­li­cher Einklemm­ge­fahr vorbeu­gen

Medizin, Therapie, Wellness
Thera­pie­lie­gen – Lebens­ge­fähr­li­cher Einklemm­ge­fahr vorbeu­gen

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Therapieliegen finden insbesondere in Arztpraxen, Kliniken, Physiotherapiepraxen und im Wellnessbereich Verwendung. Foto: © Kzenon - stock.adobe.com
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Elek­trisch höhen­ver­stell­bare Thera­pie­lie­gen gehö­ren viel­fach zur Grund­aus­stat­tung in den Berei­chen Medi­zin, Thera­pie und Well­ness. Doch sie können gefähr­li­che Einklemm­ge­fah­ren bergen. Es hat bereits tödli­che Unfälle gege­ben. Unver­zicht­bar sind spezi­elle Sicher­heits­me­cha­nis­men und ‑abläufe.

Die Gefah­ren­zone befin­det sich unter der Liege­flä­che. Wenn eine Person dort­hin gerät und aus Verse­hen die elek­tri­sche Höhen­ver­stel­lung betä­tigt wird, kann sie unter Umstän­den einge­quetscht werden. Das Risiko ist bei Fußtas­tern und Schalt­ge­stän­gen für die Höhen­ver­stel­lung beson­ders groß. Im schlimms­ten Fall gelangt man so ungüns­tig mit dem Körper­ge­wicht auf die Steue­rung, dass man die Abwärts­be­we­gung der Liege nicht mehr stop­pen und sich nicht mehr selbst befreien kann. Gefähr­det sind zum Beispiel Reini­gungs­kräfte.

Sicher­heits­ein­rich­tung verwen­den

Praxen, Klini­ken und weitere Einrich­tun­gen soll­ten deshalb die vorhan­de­nen Liegen und ihre Sicher­heits­ab­läufe über­prü­fen. Nach Auffas­sung des Bundes­in­sti­tuts für Arznei­mit­tel und Medi­zin­pro­dukte (BfArM) sind auto­ma­tisch höhen­ver­stell­bare Thera­pie­lie­gen so zu konstru­ie­ren, dass verse­hent­li­ches Betä­ti­gen der Steue­rung nicht möglich ist oder zu keiner Perso­nen­ge­fähr­dung führen kann.

Bislang werden dazu von den Thera­pie­lie­gen­her­stel­lern über­wie­gend soge­nannte Sperr­bo­xen ange­bo­ten. Diese Bauteile verhin­dern, wenn sie akti­viert sind, das Anlau­fen des Motors. Sie sollen auch sicher­stel­len, dass ausschließ­lich auto­ri­sierte Perso­nen die Höhen­ver­stel­lung in Gang setzen können.

Neuere Thera­pie­lie­gen, die nach 2004 beschafft wurden, verfü­gen meist über eine solche Sperr­box. Andere geeig­nete Sicher­heits­me­cha­nis­men werden bisher nur verein­zelt ange­bo­ten. Thera­pie­lie­gen älte­rer Bauart müssen nach­ge­rüs­tet werden. Aus haftungs­recht­li­chen Grün­den sollte die Nach­rüs­tung nur mit Bautei­len erfol­gen, die von der Herstel­ler­firma der Liege frei­ge­ge­ben sind, und der Einbau durch eine auto­ri­sierte Fach­firma vorge­nom­men werden. Eben­falls wich­tig: Die Sicher­heits­ein­rich­tung muss ein fest verbun­de­ner Bestand­teil der Liege sein. Extern ange­schlos­sene Sperr­me­cha­nis­men kommen nicht in Frage, da sie zu leicht außer Kraft gesetzt werden können.

Sperr­boxva­ri­an­ten

Für den Begriff Sperr­box exis­tiert keine feste Defi­ni­tion. Es gibt verschie­dene, unter­schied­lich effek­tive und anwen­dungs­freund­li­che Vari­an­ten. Am sichers­ten sind Sperr­bo­xen mit Schalt­stift oder (Magnet-)Schlüssel, die eine Inbe­trieb­nahme nur bei gesteck­tem Stift oder Schlüs­sel zulas­sen. Wird dieser abge­zo­gen, ist eine unau­to­ri­sierte oder verse­hent­li­che Betä­ti­gung ausge­schlos­sen.

Eben­falls wirk­sam sind Schlüs­sel­schal­ter an Hand­tas­tern. Sie sind jedoch aufgrund ihrer gerin­gen Größe deut­lich weni­ger bedie­nungs­freund­lich und robust. Abzu­ra­ten ist nach Einschät­zung der BGW dage­gen von Dreh­schal­tern ohne entfern­ba­res Bedien­ele­ment. Denn diese können jeder­zeit auch von unbe­fug­ten Perso­nen betä­tigt werden, etwa von Kindern.

Sicher­heits­ab­läufe einhal­ten

Das Vorhan­den­sein einer Sperr­box allein verhin­dert noch nicht das unau­to­ri­sierte oder verse­hent­li­che Ingang­set­zen der Höhen­ver­stel­lung. Wich­tig ist auch, dass die Sperr­box bestim­mungs­ge­mäß benutzt wird. Für einen wirk­sa­men Schutz kommt es deshalb neben tech­ni­schen auch auf orga­ni­sa­to­ri­sche Aspekte an.

Die Betei­lig­ten vor Ort müssen immer über Risi­ken und Schutz­maß­nah­men infor­miert sein. Dies gilt für eigene Beschäf­tigte des Betriebs genauso wie für das Perso­nal etwai­ger Fremd­fir­men, etwa für externe Reini­gungs­kräfte. Ganz wich­tig ist zudem, dass Sicher­heits­un­ter­wei­sun­gen für Neulinge im Betrieb umge­hend erfol­gen. Sie sind noch nicht mit den Gege­ben­hei­ten vertraut und daher beson­ders gefähr­det. Unter­wei­sun­gen müssen außer­dem regel­mä­ßig wieder­holt werden.


Foto: privat

Autor: Michael Gerhards

Refe­rent, Aufsichts­per­son

Berufs­ge­nos­sen­schaft für Gesund­heits­dienst und Wohl­fahrts­pflege (BGW)


Check­liste

  • Möglichst nur Liegen einset­zen, bei denen rein tech­nisch das Unfall­ri­siko gering ist: zum Beispiel Modelle mit Hubsäule und großem Mindest­ab­stand oder Thera­pie­lie­gen mit manu­el­ler Höhen­ver­stel­lung.
  • Ältere Thera­pie­lie­gen ohne Sicher­heits­me­cha­nis­mus mit einer Sperr­box oder einer vergleich­ba­ren Maßnahme gemäß BfArM-Bewertung nach­rüs­ten.
  • Darauf achten, dass die Sicher­heits­ele­mente gut erreich­bar und leicht zu bedie­nen sind.
  • Rege­lun­gen zum Betrei­ben der Liegen tref­fen (zum Beispiel in einer Betriebs­an­wei­sung).
  • Alle Perso­nen vor Ort jeder­zeit umfas­send über Risi­ken und Schutz­maß­nah­men infor­mie­ren – nicht nur die eige­nen Beschäf­tig­ten, sondern auch das Perso­nal von Fremd­fir­men.
  • Darauf achten, dass Neulinge umge­hend unter­wie­sen werden, und klären, wer Fremd­fir­men­per­so­nal unter­weist.
  • Dafür sorgen, dass die Sicher­heits­ab­läufe lücken­los umge­setzt werden.
  • Weitere Infor­ma­tio­nen gibt es unter www.bgw-online.de/
    goto/therapieliegen

Fatale Fehler­kette – ein Fall­bei­spiel

Unfall_Massageliege_Presse.jpg
Illus­tra­tion: © stein­de­sign Werbe­agen­tur GmbH

In einer Praxis für Physio­the­ra­pie wurde eine Reini­gungs­kraft unter einer Massa­ge­liege einge­quetscht und tödlich verletzt. Sie beugte sich unter die Liege und kam mit dem Knie auf das Fußpe­dal zur Höhen­ver­stel­lung. Die Liege fuhr herun­ter und klemmte die Frau ein, die sich nicht mehr befreien konnte.

In diesem Fall führ­ten gleich mehrere Fehler zu dem tragi­schen Ausgang: Zwar verfügte die Liege über eine Sperr­box, aller­dings war diese schwer zu errei­chen und der Siche­rungs­stift wurde nach Behand­lungs­ende nicht heraus­ge­zo­gen. Zudem war die Reini­gungs­kraft neu und nicht ausrei­chend über die Risi­ken infor­miert. Zustän­dig dafür wäre die Reini­gungs­firma gewe­sen. Hier waren die Thera­pie­lie­gen vertrag­lich von der Reini­gung ausge­nom­men worden und ein Unter­stei­gen wurde ausdrück­lich unter­sagt.

Jedoch wies die Praxis­lei­tung sonst die Reini­gungs­kräfte zusätz­lich darauf hin, wie sich die Liegen zur Boden­rei­ni­gung verschie­ben lassen. In diesem Fall hatte es aber noch keinen persön­li­chen Kontakt mit der neu vor Ort einge­setz­ten Reini­gungs­kraft und somit auch keinen entspre­chen­den Hinweis gege­ben.

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