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Analyse eines Fallschutz-Systems

Evonik Industries AG – Absturzsicherung im Fluid-Verfahrenstechnikum
Analyse eines Fallschutz-Systems

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Im Tech­ni­kum der Fluid­ver­fah­rens­tech­nik von Evonik Indus­tries AG verwen­den die Chemi­kan­ten PSA gegen Absturz, um sich vor Unfall­ge­fah­ren zu schüt­zen. Des Weite­ren unter­stützt sie die Ausrüs­tung bei Monta­ge­ar­bei­ten inner­halb der komple­xen chemi­schen Appa­ra­tu­ren. Die hier vorge­stellte Art der Anwen­dung von Fall­schutz­aus­rüs­tung in einem chemi­schen Tech­ni­kum ist wohl einma­lig. Sie demons­triert Möglich­kei­ten und Gren­zen dieser Gerät­schaf­ten und kann als Entschei­dungs­hilfe bei ande­ren Problem­stel­lun­gen dienen.

Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tung gegen Absturz kommt immer dann zum Einsatz, wenn es gilt Stürze aus großer Höhe zu verhin­dern bzw. diese aufzu­fan­gen. In den Tech­ni­kums­an­la­gen kann es schon bei gerin­gen Fall­hö­hen zu schwe­ren Verlet­zun­gen des Beschäf­tig­ten kommen. Viele Bestand­teile der Appa­ra­tu­ren bestehen aus Glas­ele­men­ten, in denen sich chemi­sche Substan­zen befin­den. Ein Stür­zen in diese zerbrech­li­chen Bauteile muss unbe­dingt vermie­den werden.
Von Seiten des Arbeits­schut­zes galt es nun ein durch­dach­tes System zu entwi­ckeln, welches einer­seits even­tu­elle Stürze mit mini­ma­ler Fall­höhe auffängt, ande­rer­seits dem Ange­stell­ten jedoch ein effi­zi­en­tes Arbei­ten an der Appa­ra­tur ermög­licht.
Das Fluid-Verfahrenstechnikum
Evonik Indus­tries AG betreibt an ihrem Stand­ort in Marl zahl­rei­che Tech­nika. Zu den Aufga­ben des Tech­ni­kums für Fluid­ver­fah­rens­tech­nik gehört es u.a., Lösun­gen zur Auftren­nung über­wie­gend flüs­si­ger Reak­ti­ons­ge­mi­sche in ihre Bestand­teile zu erar­bei­ten. Anwen­dung finden hier die ther­mi­schen Trenn­ope­ra­tio­nen wie z.B. Destil­la­tion, Extrak­tion, Kris­tal­li­sa­tion, Ad- und Absorp­tion, um das jewei­lige Wert­pro­dukt von den uner­wünsch­ten Neben­kom­po­nen­ten zu reini­gen. Für die Über­prü­fung der Konzepte werden expe­ri­men­telle Unter­su­chun­gen in unter­schied­li­chen Größen­ord­nun­gen durch­ge­führt. Diese reichen dabei von klei­nen Labo­r­ap­pa­ra­tu­ren für Mach­bar­keits­stu­dien, über große Pilo­tie­rungs­ap­pa­ra­tu­ren bis hin zu Verschal­tun­gen von Tren­nap­pa­ra­ten im Pilot­maß­stab, um komplette Trenn­se­quen­zen wieder­ge­ben zu können. Die während der Versu­che gewon­ne­nen Erkennt­nisse bilden die Basis zur Ausle­gung künf­ti­ger Appa­rate im tech­ni­schen Maßstab, um letzt­lich einen chemi­schen Prozess aus „dem Reagenz­glas des Chemi­kers“ in eine groß­tech­ni­sche Produk­ti­ons­an­lage zu über­füh­ren. Für die Unter­su­chun­gen steht neben diver­sen Labo­ra­to­rien und Sonder­räu­men auch ein Tech­ni­kums­schacht zur Verfü­gung, in dem Appa­ra­tu­ren über insge­samt fünf Ebenen bis zu einer Höhe von 20 Meter aufge­baut und durch eine Wech­sel­schicht­mann­schaft konti­nu­ier­lich betrie­ben werden können.
Bauli­che Maßnah­men versus PSA gegen Absturz
Bauli­che Maßnah­men gegen Absturz­ge­fah­ren wie z.B. Gelän­der oder Schutz­git­ter sind dem Einsatz von PSA gegen Absturz immer dann vorzu­zie­hen, wenn es sich um regel­mä­ßig wieder­keh­rende Arbei­ten an ein und demsel­ben Arbeits­platz handelt. Im Tech­ni­kum wurden auf allen Ebenen an den Absturz­kan­ten Gelän­der instal­liert um für die regel­mä­ßi­gen Kontroll­tä­tig­kei­ten einen siche­ren Fall­schutz vorzu­hal­ten.
Es kommt aber immer wieder zu Umbau­maß­nah­men an den tech­ni­schen Aufbau­ten. Hierzu muss von den Beschäf­tig­ten auch an Teilen der Appa­ra­tur gear­bei­tet werden, die von den Ebenen nicht direkt erreicht werden können.
Fall­schutz durch Höhen­si­che­rungs­ge­räte
Um bei diesen Maßnah­men einen siche­ren Fall­schutz zu haben, entschied man sich für die Instal­la­tion von Höhen­si­che­rungs­ge­rä­ten (HSG). Diese funk­tio­nie­ren im Prin­zip wie Auto­ma­tik­gurte in einem PKW. Auf einer Spule ist ein Draht­seil oder Gurt­band aufge­wi­ckelt, welches gegen eine Feder­kraft ausge­zo­gen werden kann. Es entsteht so nie Schlaffseil, da der Ange­stellte nur die Seil­länge aus dem Gerät zieht, die er gerade benö­tigt. Kommt es zu einem Sturz des Beschäf­tig­ten und somit zu einem schnel­le­ren Seil­aus­zug, blockiert die Spule und der Sturz ist gestoppt. HSG zeich­nen sich im Sturz­fall im Vergleich zu ande­ren Auffang­sys­te­men durch eine sehr geringe Auffangstre­cke aus. Diese beträgt übli­cher­weise weni­ger als 50 Zenti­me­ter und ist bei dieser Problem­stel­lung die opti­male Lösung.
Auf jeder Arbeits­ebene wurden an beiden Seiten der Appa­ra­tur in Decken­höhe Lauf­schie­nen instal­liert, an denen die Höhen­si­che­rungs­ge­räte an Lauf­wa­gen einge­hängt sind. Die Siche­rungs­ge­räte können so schnell an genau der Stelle posi­tio­niert werden, an der sie der Ange­stellte braucht.
Problem Arbeits­platz­po­si­tio­nie­rung
Nach­dem nun ein effek­ti­ver Fall­schutz instal­liert war, zeigte sich, dass es für den Ange­stell­ten schwie­rig war, für die Umbau­maß­nah­men eine stabile Arbeits­po­si­tion in der Appa­ra­tur zu finden. Beide Hände werden für Monta­ge­ar­bei­ten gebraucht, und die Füße finden oft keinen siche­ren Stand­platz. Anfangs versuch­ten die Fach­ar­bei­ter durch manu­el­les Blockie­ren der Höhen­si­che­rungs­ge­räte den Halt durch das Auffang­ge­rät zu errei­chen. Dies ist jedoch nicht konform mit den Anwen­dungs­vor­ga­ben des Herstel­lers. HSG sind zum Auffan­gen von Stür­zen konzi­piert. Sie dürfen nicht durch ruck­ar­ti­ges Auszie­hen des Gurt­ban­des zum Blockie­ren gebracht werden, um dieses anschlie­ßend als Halte­seil zu verwen­den. Zudem würde sich hier durch die Befes­ti­gung des Gurt­ban­des an der hinte­ren Auffangöse des Auffang­gur­tes und der Instal­la­tion der Lauf­schie­nen außer­halb der Appa­ra­tur keine ergo­no­mi­sche Arbeits­hal­tung erge­ben.
Als zwei­ter Baustein wurde nun ein System zur Arbeits­platz­po­si­tio­nie­rung entwi­ckelt. Kern­stück dieses Systems ist ein einstell­ba­res Verbin­dungs­mit­tel (Halte­seil mit selbst­blo­ckie­ren­dem Verbin­dungs­ele­ment), welches der Ange­stellte an der vorde­ren zentra­len Halte­öse seines Auffang­gur­tes befes­tigt. Inner­halb der Anlage sind auf Decken­höhe jeder Ebene große Ring­schrau­ben montiert, welche die Krite­rien für Anschlag­punkte erfül­len. Mittels eines Tele­sko­pha­kens kann das Halte­seil genau dort einge­hängt werden, wo es gebraucht wird. Die Tele­skop­stange wird während der Arbei­ten entfernt. Hat der Ange­stellte seinen Monta­ge­platz erreicht und das Verbin­dungs­mit­tel rich­tig einge­stellt, ist ein Stür­zen nicht mehr möglich, da er von diesem System gehal­ten wird. Dies bietet größt­mög­li­che Sicher­heit und ergänzt in Sachen Fall­schutz hervor­ra­gend das Auffang­sys­tem.
Textile Mate­ria­lien und chemi­sche Stoffe
Unfälle durch Mate­ri­al­ver­sa­gen sind im Bereich der Absturz­si­che­rung sehr selten. Kommt es z.B. zu Seil­ris­sen bei Kern­man­tel­sei­len, so sind die Ursa­chen meis­tens scharfe Kanten, über die das Seil unter Belas­tung geführt wurde.
Eine weitere Ursa­che von Seil­ris­sen, die auch im Berg­sport immer wieder vorkommt, ist das Mate­ri­al­ver­sa­gen durch Einwir­kung chemi­scher Stoffe. Doku­men­tiert sind hier mehrere schwere Unfälle, bei denen sich im Nach­hin­ein heraus­stellte, dass das Seil mit Schwe­fel­säure konta­mi­niert war. Schwe­fel­säure ist Inhalts­stoff von Auto­bat­te­rien und schon die Dämpfe, die aus einer Auto­bat­te­rie entwei­chen, können die Festig­keit eines Seiles dras­tisch redu­zie­ren. So kann unter Umstän­den schon eine falsche dauer­hafte Lage­rung der PSA, z.B. in einem Trans­por­ter, zu solch schwe­ren Unfäl­len führen.
Der Einfluss von chemi­schen Stof­fen ist optisch meist nicht erkenn­bar. Es kann somit auch bei einer jähr­li­chen Sach­kun­de­prü­fung oft nicht fest­ge­stellt werden, ob die PSA aggres­si­ven Flüs­sig­kei­ten oder Gasen ausge­setzt war.
Der Einsatz von texti­ler PSA gegen Absturz in einem chemi­schen Labor kann nun sicher­lich kontro­vers disku­tiert werden. Warum sich hier trotz­dem für die Verwen­dung von Kern­man­tel­sei­len entschie­den wurde, hat folgende Gründe:
Im Tech­ni­kum der Evonik Indus­tries AG kommt die PSA gegen Absturz nur bei Umbau­maß­nah­men des Systems zum Einsatz. Vor Beginn der Arbei­ten wird das komplette System geleert, gerei­nigt und abschlie­ßend gespült. In den Gerät­schaf­ten, an denen gear­bei­tet wird, befin­den sich somit keine chemi­schen Substan­zen, welche die texti­len Teile der PSA schä­di­gen könn­ten. Dennoch wurde die Möglich­keit der Konta­mi­na­tion der PSA im Rahmen der Gefähr­dungs­ana­lyse berück­sich­tigt.
Die Kern­man­tel­seile dienen dem Ange­stell­ten ledig­lich zur Arbeits­platz­po­si­tio­nie­rung. Dieses System wird durch das Auffang­sys­tem mit den Höhen­si­che­rungs­ge­rä­ten redun­dant abge­si­chert. Um das Auffang­sys­tem noch weiter zu opti­mie­ren bestehen Über­le­gun­gen, die Höhen­si­che­rungs­ge­räte mit Gurt­band auszu­tau­schen und auf Geräte mit Stahl­seil umzu­stei­gen, da diese unemp­find­li­cher gegen chemi­sche Einwir­kun­gen sind.
Um dem Ange­stell­ten an seinem Arbeits­platz ein effi­zi­en­tes Arbei­ten zu ermög­li­chen, gibt es keine wirk­li­che Alter­na­tive, die dem texti­len System hinsicht­lich Flexi­bi­li­tät und Ergo­no­mie eben­bür­tig ist.
Da es sich hier um eine begrenzte Anzahl von Mitar­bei­tern handelt, können diese im Rahmen der Unter­wei­sun­gen für die Risi­ken der chemi­schen Einwir­kung sensi­bi­li­siert werden.
Sollte es doch einmal zum Austritt eines chemi­schen Stof­fes kommen, so können die Seile, die nur Längen von maxi­mal 10 Meter haben, unpro­ble­ma­tisch ohne großen Kosten­auf­wand ausge­tauscht werden.
Rettungs­kon­zept
Im Rahmen der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung ist auch die Rettung nach einem Sturz in das Auffang­sys­tem zu berück­sich­ti­gen. Die hier verwen­de­ten Höhen­si­che­rungs­ge­räte fangen einen even­tu­el­len Sturz auf, der Ange­stellte kann aber nach dem Sturz nicht zum Boden abge­las­sen werden. Durch die Anord­nung der Lauf­schie­nen außer­halb des absturz­ge­fähr­de­ten Berei­ches kann der Verun­fallte jedoch mit trag­ba­ren Leitern einfach erreicht werden. Mitar­bei­ter können somit schnell adäquate Hilfe leis­ten. Ist ein selbst­stän­di­ges Abstei­gen über die Leiter nicht möglich, wird die Rettung durch die vorge­hal­tene Werk­feu­er­wehr durch­ge­führt, die stets inner­halb weni­ger Minu­ten an der Unfall­stelle eintref­fen kann. Zur Rettung muss nun der Verun­fallte aus dem System HSG ausge­ho­ben werden, um ihn danach mit dem Rettungs­sys­tem zum Boden ablas­sen zu können. Hier kommen einfa­che Flaschenzug-systeme zum Einsatz.
Fazit
Siche­rer Fall­schutz und effi­zi­en­tes Arbei­ten in absturz­ge­fähr­de­ten Berei­chen sind zwei Dinge, die sich durch­aus mitein­an­der kombi­nie­ren lassen. Das hier vorge­stellte Einsatz­bei­spiel zeigt jedoch, dass es eines gut aufein­an­der abge­stimm­ten Systems bedarf, um beiden Anfor­de­run­gen gerecht zu werden. Nur so wird eine gute Compli­ance erzielt, und Anwen­der und Sicher­heits­fach­kraft können von einer erfolg­reich umge­setz­ten Maßnahme spre­chen.
Kletter-Technik
Dienst­leis­tun­gen für die
Absturz­si­che­rung
Lite­ra­tur:
Pit Schu­bert, Berg und Stei­gen, Zeit­schrift für Risi­ko­ma­nage­ment, Ausgabe 03/2008
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