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Arbeits­schutz in Ruanda imple­men­tie­ren

Erstes Arbeitsschutzgesetz erlassen
Arbeits­schutz in Ruanda imple­men­tie­ren

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Ruanda zählt mit seinen etwa 8,7 Millio­nen Menschen und der Größe des Saar­lands zu den klei­nen Ländern Afri­kas. Auf Grund fehlen­der Rohstoffe ist es gleich­zei­tig auch eines der ärms­ten Länder der Welt. Seine Menschen leben über­wie­gend von der Land­wirt­schaft.

Prof. Dipl.-Ing. Bern­hard Tenck­hoff bernd.tenckhoff@m‑r-t.com

Während des Bürger­kriegs von 1994 wurde die Infra­struk­tur des Landes zum großen Teil zerstört. Auch die Netze der Ener­gie­ver­sor­gung waren davon im star­ken Maße betrof­fen. Inzwi­schen sind gut vier Prozent der Bevöl­ke­rung mit elek­tri­schem Strom versorgt, mit Wasser sind es derzeit circa sieben Prozent.
Trotz dieser für uns erschre­cken­den Zahlen gehört Ruanda zu den aufstre­ben­den Ländern in Afrika. Es fehlt jedoch an Inves­ti­tio­nen durch auslän­di­sche Indus­trie­un­ter­neh­men. Dies begrün­det sich zum großen Teil in der fehlen­den Versor­gungs­si­cher­heit.
Grund­ver­sor­gung sichern
Um aus dieser Situa­tion heraus­zu­kom­men, werden seitens der Regie­rung viele Akti­vi­tä­ten unter­nom­men, einen Wirt­schafts­stand­ort Ruanda zu entwi­ckeln. Neben der siche­ren Versor­gung mit Ener­gie sind quali­fi­zierte Fach- und Führungs­kräfte dazu eine entschei­dende Voraus­set­zung. Seitens der Regie­rung wurde erkannt, dass der gewünschte Quali­täts­stan­dard nur erlangt werden kann, wenn auch der Arbeits­si­cher­heit und dem Gesund­heits­schutz eine hohe Bedeu­tung beigemes­sen wird.
Dies veran­lasste die ruan­di­sche Regie­rung, inter­na­tio­nale Exper­ten um Hilfe zu bitten. Die „Deut­sche Gesell­schaft für Tech­ni­sche Zusam­men­ar­beit“ (GTZ) hat dazu ein PPP-Projekt (Public-Private- Part­ner­chip) einge­lei­tet.
Folgende Ziele wurden mit dem Projekt verfolgt:
  • Erar­bei­tung und Einfüh­rung eines Arbeitssicherheits- und Gesund- heits­schutz­ma­nage­ments für den natio­na­len Ener­gie­ver­sor­ger.
  • Prak­ti­sche Ausbil­dung von Mitar­bei­tern des Ener­gie­ver­sor­gers in Bau und Instand­hal­tung von Versor­gungs­net­zen.
  • Quali­fi­zie­rung des akade­mi­schen Perso­nals der tech­ni­schen Univer­si­tät von Ruanda.
  • Erar­bei­tung und Einfüh­rung eines natio­na­len Arbeitssicherheits- und Gesund­heits­schutz­ma­nage­ments.
Begon­nen wurde mit dem Projekt in dem Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men des Landes. Die hohe Zahl der schwe­ren und tödli­chen Unfälle sowohl bei den eige­nen Mitar­bei­tern, als auch in der Öffent­lich­keit, konn­ten nicht länger akzep­tiert werden. Ein Grund für die vielen Unfälle war der teil­weise deso­late Zustand der Netze und Anla­gen.
Sicher­heits­ge­fähr­dende Netz­zu­stände
Aufgrund fehlen­der Finanz­mit­tel sind nach dem Bürger­krieg von 1994 die Inves­ti­tio­nen in das Versor­gungs­netz redu­ziert worden.
Das Netz stellt seit­dem ein enor­mes Sicher­heits­ri­siko dar. Wegen fehlen­der Finanz­mit­tel und damit fehlen­der Mate­ria­lien, sowie der nur gerin­gen Zahl an quali­fi­zier­ten Fach­kräf­ten wurden Defekte gar nicht oder mit einfachs­ten Mitteln notdürf­tig repa­riert. Das wich­tigste Hilfs­mit­tel für diese Repa­ra­tu­ren war einfa­ches Isolier­band. Werk­zeuge stan­den nur bedingt und in schlech­ter Quali­tät zur Verfü­gung.
Analyse und erste Maßnah­men
Nach einer Ist-Aufnahme und Risi­ko­ana­lyse wurde ein Stra­te­gie­pa­pier für ein Arbeitssicherheit- und Gesund­heits­schutz­ma­nage­ment­sys­tem erstellt. In einer Auftakt­ver­an­stal­tung wurden alle Führungs­kräfte des Unter­neh­mens für dieses neue Thema sensi­bi­li­siert und für ihre aktive Unter­stüt­zung moti­viert.
Durch die Risi­ko­ana­lyse und deren Auswer­tung wurde deut­lich erkenn­bar, dass sich viele sicher­heits­wid­rige Zustände mit einfa­chen vorhan­de­nen Mitteln und einem Blick für die vorhan­de­nen Umstände behe­ben lassen. Daher wurde in den ersten Mona­ten verstärkt versucht, bei allen Mitar­bei­tern den Blick für sicher­heits­wid­rige Zustände zu schär­fen.
Der von den Mitar­bei­tern fortan benutzte Slogan dazu lautete:
Don´t accept unsafe condi­ti­ons as given by God! Sort it out!
Damit wurden alle Mitar­bei­ter verpflich­tet, offen­sicht­li­che Defekte umge­hend zu besei­ti­gen. Hierzu wurden ihnen erste Werk­zeuge, Geräte und Hilfs­mit­tel zur Verfü­gung gestellt. Die Mitar­bei­ter nahmen dies sehr dank­bar an. So konnte ein großer Teil der Risi­ken auf einfa­che Weise besei­tigt werden. Das war der Start in eine neue Sicher­heits­kul­tur.
Imple­men­tie­rungs­phase
Die Einrich­tung einer Sicher­heits­ab­tei­lung, die Benen­nung von Sicher­heits­be­auf­trag­ten und die Einfüh­rung von regel­mä­ßi­gen Sicher­heits­zir­keln bilde­ten eine weitere Grund­lage für das künf­tige Sicher­heits­ma­nage­ment.
Das Unter­neh­men hat ferner eine erfor­der­li­che Anzahl an Trai­nern benannt, die inten­siv darauf vorbe­rei­tet wurden, alle Mitar­bei­ter und Mitar­bei­te­rin­nen des Unter­neh­mens regel­mä­ßig zu schu­len. Alle Schu­lungs­un­ter­la­gen, sowie die erfor­der­li­chen Betriebs­an­wei­sun­gen wurden den Trai­nern und Führungs­kräf­ten nach einge­hen­der Erläu­te­rung über­ge­ben. Paral­lel dazu wurden Mitar­bei­ter des Unter­neh­mens in einer prak­ti­schen Ausbil­dung durch die SAG GmbH im siche­ren Errich­ten und Instand­hal­ten von Netzen quali­fi­ziert. Ebenso wurden für den Bau von Netzen tech­ni­sche Sicher­heits­re­geln erstellt und nach einge­hen­der Erläu­te­rung über­ge­ben.
Erschwe­rend: Fehlende Stan­dards
Im Laufe der Arbeit inner­halb des Versor­gungs­un­ter­neh­mens wurde erkenn­bar, dass die Umset­zung dadurch erschwert wurde, dass es in Ruanda keine natio­na­len Gesetze und Richt­li­nien gibt, mit denen die Unter­neh­men verpflich­tet werden, einen effi­zi­en­ten Arbeits­schutz zu betrei­ben.
In Gesprä­chen mit den zustän­di­gen Stel­len des Arbeits­mi­nis­te­ri­ums von Ruanda wurde dies bestä­tigt und gleich­sam der Wunsch geäu­ßert, auch hier helfend tätig zu werden. Da die Situa­tion in allen weite­ren Unter­neh­men des Landes – und beson­ders auf den Baustel­len – hinsicht­lich der Arbeits­si­cher­heit ähnli­che drama­ti­sche Formen ange­nom­men hat, bat man darum, ein Arbeits­schutz­ma­nage­ment für ganz Ruanda zu entwi­ckeln und ein über­grei­fen­des natio­na­les Arbeits­schutz­re­gel­werk zu erstel­len, welches sich einer­seits an die euro­päi­schen Stan­dards anlehnt, ande­rer­seits jedoch den einfa­chen Bedürf­nis­sen Ruan­das Rech­nung trägt.
Vier goldene Regeln
Die folgen­den vier Regeln wurden erstellt:
  • Natio­nale Rahmen­schutz­re­geln Arbeitssicherheit- und Gesund­heits­schutz für Ruanda
  • Regeln für Arbeitssicherheits- und Gesund­heits­schutz auf Baustel­len
  • Regeln für Arbeitssicherheits- und Gesund­heits­schutz bei Indus­trie­ar­bei­ten
  • Regeln für Arbeitssicherheits- und Gesund­heits­schutz bei Arbei­ten in und an elek­tri­schen Anla­gen und Instal­la­tio­nen
Jede dieser Regeln hat zehn kurz­ge­fasste Para­gra­fen, mit denen die Verant­wort­lich­kei­ten von Staat, Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer, sowie die Quali­tät der Arbeit und Tech­nik fest­ge­legt werden.
Die Aufgabe des Arbeits­mi­nis­te­ri­ums von Ruanda war es, nach dem Erlass der Regeln eine natio­nale Aufsichts­be­hörde einzu­rich­ten. So wurden durch deut­sche Exper­ten 35 ruan­di­sche Arbeits­schutz­in­spek­to­ren theo­re­tisch und prak­tisch auf ihre künf­ti­gen Aufga­ben vorbe­rei­tet.
Natio­na­les Jahr der Arbeits­si­cher­heit
2008 ist zum natio­na­len Jahr der Arbeits­si­cher­heit in Ruanda ausge­ru­fen worden. Mit allen zur Verfü­gung stehen­den Kräf­ten soll nun die neuent­stan­dene Arbeits­schutz­kul­tur von Ruanda mit Leben erfüllt und auf alle Arbeits­plätze über­tra­gen werden.
Um die gewünschte Nach­hal­tig­keit zu erwir­ken und um alle künf­ti­gen Führungs­kräfte schon in der Ausbil­dung auf das Thema Arbeits­schutz als Führungs­auf­ga­ben vorzu­be­rei­ten, wurde das gesamte akade­mi­sche Perso­nal der Tech­ni­schen Univer­si­tät des Landes in einem zwei­jäh­ri­gen Schu­lungs­pro­gramm darauf vorbe­rei­tet die Themen der Arbeitssicherheit- und des Gesund­heits­schut­zes künf­tig in alle Studi­en­gänge zu inte­grie­ren. Diese Themen werden gleich­sam auf die Berufs­bil­dung über­tra­gen. Ebenso ist mit der Ausbil­dung von Sicher­heits­fach­kräf­ten begon­nen worden.
Fazit
Soll­ten alle diese einge­lei­ten­den Maßnah­men auch weiter­hin den Erfolg brin­gen, den sie im ersten Ansatz erlangt haben, dürfte die Arbeits­si­cher­heit einen nennens­wer­ten Beitrag zur Verbes­se­rung der Quali­tät der Arbeit, und somit der wirt­schaft­li­chen Stabi­li­sie­rung von Ruanda geleis­tet haben. Gleich­sam wird es damit gelin­gen, die hohen Unfall­zah­len konti­nu­ier­lich zu senken. Bis zur Errei­chung dieses Ziels ist es jedoch noch ein langer Weg.
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