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Auge in Auge mit dem Manta

Atemberaubende Unterwasserwelt birgt Gefahren für Sporttaucher
Auge in Auge mit dem Manta

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Für beru­fliche Tätigkeit­en, die unter Wass­er und in Druck­luft durchge­führt wer­den, sind arbeitsmedi­zinis­che Unter­suchun­gen verpflich­t­end. Die ärztliche Begutach­tungspflicht der Tauch­tauglichkeit erstreckt sich allerd­ings nicht auf den Freizeit­bere­ich. Angesichts des ras­an­ten Anstiegs der Zahl der Sport­tauch­er und somit der Tauchun­fälle wiegt dieses Manko schwer.

Im Bere­ich des Beruf­s­tauchens und der Über­druckar­beit wird ein­heitlich geregelt, dass jed­er Beschäftigte, der ein­er Tauchtiefe von mehr als einem Meter aus­ge­set­zt wird, jährlich von qual­i­fizierten Arbeitsmedi­zin­ern nach dem beruf­sgenossen­schaftlichen Grund­satz G 31 unter­sucht wer­den muss. In punc­to Sport­tauchen existieren in Deutsch­land hinge­gen wed­er geset­zliche Vor­gaben für die Aus­bil­dung noch für eine spez­i­fis­che ärztliche Unter­suchungspflicht. Jedem ist es möglich, ohne Vorken­nt­nisse eine Tauchaus­rüs­tung zu erwer­ben und in freigegebe­nen Gewässern abzu­tauchen. Dieser Fall sportlich­er Eigenini­tia­tive ist jedoch eher die Aus­nahme. Die aller­meis­ten Tauchan­fänger akzep­tieren die Notwendigkeit ein­er Tauchaus­bil­dung und schließen sich deshalb einem Sportvere­in an oder nutzen die Ange­bote kom­merzieller Tauchschulen.
Die Anzahl der Tauch­er ist nicht ein­fach zu schätzen. Es gibt eine Vielzahl von nicht organ­isierten Sportlern. So manch ein­er übt das Hob­by nur spo­radisch, beispiel­sweise in war­men Gewässern während des Urlaubs aus. Allerd­ings hat die Sportart in den ver­gan­genen Jahren einen regel­recht­en Boom erlebt. Waren es früher eher die harten und ver­we­ge­nen Ker­le, die sich uner­schrock­en in die Fluten stürzten, so ist das Tauchen mit­tler­weile zu ein­er natur- und erleb­nisori­en­tierten Aktiv­ität für die ganze Fam­i­lie gewor­den. Ins­ge­samt wer­den es hierzu­lande rund zwei Mil­lio­nen Tauch­er sein, die sich wenig­stens hin und wieder versenken. Allein der „Ver­band deutsch­er Sport­tauch­er“ (VDST), der die Sport­tauch­er im Deutschen Olymp­is­chen Sport­bund ver­tritt, kommt auf etwa 75.000 Mit­glieder. Im kom­merziellen Bere­ich teilen sich einige weltweit tätige Anbi­eter (zum Beispiel Pro­fes­sion­al Asso­ci­a­tion of Div­ing Instruc­tors „PADI“ oder Scu­ba Schools Inter­na­tion­al „SSI“) den Löwenan­teil des Mark­tes untere­inan­der auf.
Vorher zum qual­i­fizierten Arzt
Mit ein­er ordentlichen Aus­bil­dung und etwas gesun­dem Men­schen­ver­stand ist das Tauchen keine beson­ders gefährliche Sportart und stellt keine außergewöhn­lich hohen Anforderun­gen an die kör­per­liche Leis­tungs­fähigkeit. Der erhöhte Umge­bungs­druck wie auch die beson­dere Sit­u­a­tion unter Wass­er bedeuten allerd­ings spez­i­fis­che Belas­tun­gen für den Sportler. Die großen Tauchver­bände fordern aus diesem Grund von ihren Mit­gliedern eine regelmäßige Vor­sorge, die ärztliche Fest­stel­lung der „Tauch­tauglichkeit“. Beim VDST wird die Unter­suchung alle zwei Jahre und für Tauch­er ab 40 Jahren jährlich emp­fohlen. Zwar ver­lan­gen viele kom­merzielle Tauch­basen an beliebten Reisezie­len ein ärztlich­es Attest. Das­selbe gilt für einige Ver­sicherun­gen. Ein­heitliche oder gar geset­zliche Regelun­gen wie etwa in Frankre­ich gibt es allerd­ings dafür nicht.
Kom­merzielle Anbi­eter sind schon zufrieden, wenn der ange­hende Tauch­er einen Frage­bo­gen zu seinem Gesund­heit­szu­s­tand aus­füllt. Bezüglich der gesund­heitlichen Voraus­set­zun­gen fordert PADI: „Aus Sicher­heits­grün­den müssen alle Schüler vor Beginn des Kurs­es einen kurzen Frage­bo­gen zu ihrem Gesund­heit­szu­s­tand aus­füllen, in dem sie nach Krankheit­en gefragt wer­den, die ein Prob­lem beim Tauchen sein kön­nten. Falls keine vor­liegen, unter­schreib­st du den Frage­bo­gen ein­fach und kannst anfan­gen“. (PADI, www.padi.com) Dieser etwas leg­ere Umgang mit der Gesund­heit wird bei Tauch­novizen und Fort­geschrit­te­nen gle­icher­maßen praktiziert.
Aber selb­st, wenn sich Tauch­er kom­pe­tent unter­suchen lassen möcht­en, haben sie es nicht ein­fach. Grund­sät­zlich ist in Deutsch­land zwar jed­er appro­bierte Arzt berechtigt, ein Tauch­tauglichkeit­szeug­nis auszustellen. Allerd­ings gehört die Tauchmedi­zin bish­er nicht zu den Stan­dard­inhal­ten des Medi­zin­studi­ums oder ein­er fachärztlichen Weit­er­bil­dung. Da das Tauchen unter physikalis­chen Bedin­gun­gen stat­tfind­et, die mit anderen Sportarten nicht ver­gle­ich­bar sind, wirken sich kör­per­liche Beson­der­heit­en und Vor­erkrankun­gen mitunter unter Wass­er ganz anders aus als über Wasser.
Vie­len Ärzten fehlen die entsprechen­den Ken­nt­nisse, die Inhalte und der Umfang der Unter­suchung sind oft unklar. Immer wieder wer­den deshalb zweifel­hafte Bescheini­gun­gen für wenig Geld oder umson­st aus­gestellt – wohinge­gen eine regel­gerecht und sorgfältig durchge­führte Unter­suchung den Patien­ten min­destens zwis­chen 50 und 100 Euro kostet. Die medi­zinis­che Fachge­sellschaft, die „Deutsche Gesellschaft für Tauch- und Über­druckmedi­zin e.V.“ (GTÜM) hat deshalb Unter­suchungsrichtlin­ien und ein umfassendes Weit­er­bil­dungscur­ricu­lum für Ärzte erar­beit­et. Auf der Home­page der GTÜM unter www.gtuem.org find­en Inter­essierte eine Liste mit Ärzten, die tauchmedi­zinis­che Unter­suchun­gen qual­i­fiziert und nach den Richtlin­ien der GTÜM durchführen.
Hohe Dunkelz­if­fer bei Unfällen
Ging man 1999 noch von ein­er Mil­lio­nen Tauch­sportlern in Europa aus, zählte man 2004 bere­its 1,5 Mil­lio­nen Tauch­sportler allein in Deutsch­land. Mit­tler­weile gibt es hierzu­lande zir­ka zwei Mil­lio­nen Tauch­er. Par­al­lel zu der immensen Zunahme von Unter­wasser­sportlern steigt auch das Risiko einen Tauchun­fall zu erlei­den. Dabei wird die Schwere des Unfalls durch unpro­fes­sionelles Ver­hal­ten bee­in­flusst. Sta­tis­tiken über auftre­tende Unfälle sind unvoll­ständig und bein­hal­ten eine hohe Dunkelz­if­fer. Das Pro­jekt: „Dive Explo­ration“ (Project Dive Explo­ration – PDE) des Divers-Alert-Net­work (DAN, www.diversalertnetwork.org) sam­melt seit 1995 auf frei­williger Basis Dat­en von Tauch­ern über deren Tauchver­hal­ten und die dabei auftre­tenden Zwis­chen­fälle. In diese Samm­lung pflegten 11.000 Tauch­er ihre Dat­en von ins­ge­samt 137.000 Tauchgän­gen ein. Daraus ergibt sich über die Jahre eine kon­stante Inzi­denz von 3,1 Dekom­pres­sion­serkrankun­gen auf 10.000 Tauchgänge. Im Jahr 2005 kam es laut des DAN zu ins­ge­samt 167 Todesfällen.
Im Jahr 2006 wur­den durch die DAN-Tele­fon­hot­line von ins­ge­samt 5.645 Notrufen 1.268 ein­er tauchas­sozi­ierten Ursache zuge­ord­net. Im Rah­men der weit­eren Über­prü­fung durch ein medi­zinis­ches Team erfol­gte die Kat­e­gorisierung der geschilderten Beschw­er­den: 27,7 % lit­ten an einem Baro­trau­ma, 16,2 % an ein­er Dekom­pres­sion­serkrankung (Decom­pres­sion Sick­ness – DCS) und 0,7 % an ein­er arteriellen Gasem­bolie (AGE). Ein Lun­genö­dem wurde mit ein­er Häu­figkeit von 0,2 % beschrieben. Zu den Todes­fällen und deren wahrschein­lichen Ursachen liegen aus dem aktuellen DAN Report derzeit nur die Zahlen aus dem Jahr 2006 vor. Betra­chtet man dabei die iden­ti­fizierten Aus­lös­er für die Entste­hung eines Tauchun­falls mit tödlichem Aus­gang wie prob­lema­tis­che Aus­rüs­tung, Prob­leme beim Tari­eren oder unkon­trol­liert­er rasch­er Auf­stieg aus dem Jahr 1970 und ver­gle­icht sie mit der heuti­gen Zeit, so zeigen sich trotz der starken Zunahme an Freizeit­tauch­ern keine wesentlichen Änderun­gen bezüglich der Ursachen des tödlichen Tauchunfalls.
Druck­kam­mer­arzt legt Ther­a­pie fest
Tauchun­fälle sind wahrschein­lich wesentlich häu­figer als die Daten­lage zurzeit hergibt. Dabei bergen die unter­schiedlichen Tauch­phasen der Kom­pres­sion, Iso­pres­sion und Dekom­pres­sion ihre eige­nen Risiken. Kommt es zu einem Tauchzwis­chen­fall und zu der Aus­bil­dung von Symp­tomen, müssen diese zuerst vom Tauch­er als solche wahrgenom­men und dann einem Taucher­arzt geschildert wer­den. Ist der Zwis­chen­fall ern­ster und eine erste Hil­fe erforder­lich, muss diese den Leitlin­ien der „Gesellschaft für Tauch- und Über­druckmedi­zin“ entsprechend durchge­führt wer­den. Anschließend sollte auch bei nur gerin­gen Beschw­er­den die Über­führung des Betrof­fe­nen in ein Druck­kam­merzen­trum, das auf die Behand­lung von Tauchun­fällen spezial­isiert ist, zügig erfol­gen. Dort wird in der Zusam­men­schau der klin­is­chen Befunde unter Berück­sich­ti­gung des indi­vidu­ellen Tauchver­hal­tens die Auswahl der entsprechen­den Ther­a­pie durch den Druck­kam­mer­arzt festgelegt.

Physikalische Grundlagen
Der Men­sch ist auf Meereshöhe einem Umge­bungs­druck von 100 Kilo­pas­cal (kPa) – das entspricht einem bar – Luft­druck aus­ge­set­zt. Das gilt auch für den Tauch­er vor Beginn seines Tauch­ganges. Dieser Aus­gangs­druck nimmt pro zehn Metern Wasser­tiefe um je 100 kPa zu und führt in den soge­nan­nten ober­flächen­na­hen Tiefen bis 10 Metern zu ein­er Ver­dop­pelung des Umge­bungs­druck­es auf 200 kPa (zwei bar). Aus den daraus resul­tieren­den Druckschwankun­gen kön­nen bere­its bei gerin­gen Tiefen entsprechende Erkrankun­gen auch ohne Ver­wen­dung von Druck­luft­geräten auftreten. Eine erneute Ver­dopplung des Umge­bungs­druck­es würde dementsprechend erst bei 30 Metern Wasser­tiefe auf 400 kPa auftreten (vier bar). Um die Auswirkun­gen der Druck­d­if­feren­zen auf den Tauch­er auch im Hin­blick auf das Auftreten von Tauchun­fällen beurteilen zu kön­nen, muss man sich in der Tauchaus­bil­dung mit den Gas-Geset­zen von Boyle-Mar­i­otte und Hen­ry auseinan­der­set­zen. Ein Blick in das Schul­buch kann dabei helfen.
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