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„Brisante Situationen rechtzeitig erkennen“

Interview:
„Brisante Situationen rechtzeitig erkennen“

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Seit mehr als einem Viertel­jahrhun­dert beschäftigt sich das Insti­tut für Zweirad­sicher­heit (ifz) in Forschung und Prax­is mit dem The­ma sicheres Motor­rad­fahren. Im Inter­view mit „Sicher­heits­beauf­tragter“ erk­lärt ifz-Leit­er Dr.-Ing. Achim Kuschef­s­ki, was Fahrer tun kön­nen, um Unfälle zu vermeiden.

ifz — Insti­tut für Zweirad­sicher­heit e.V. Insti­tut­sleitung Her­rn Dr.-Ing. Achim Kuschef­s­ki Ser­vi­cepark Essen Glad­beck­er Straße 425 45329 Essen

Rund ein Vier­tel der Unfälle mit Per­so­n­en­schaden sind Allei­n­un­fälle. Wodurch passieren sie?
Dr. Kuschef­s­ki: Häu­fig­ste Unfal­lur­sache bei Allei­n­un­fällen von Motor­rad­fahrern ist laut amtlich­er Sta­tis­tik die soge­nan­nte „nicht angepasste Geschwindigkeit“. Sie ist aber generell – unab­hängig vom Fahrzeug­typ – im Verkehr die Unfal­lur­sache Num­mer 1 und mein­er Ansicht nach wenig aus­sagekräftig. Sie ist ja nicht gle­ichbe­deu­tend mit „über­höhter Geschwindigkeit“, was auf ein „Rasen“ hin­deuten könnte.
Motor­räder sind nun mal Ein­spur­fahrzeuge mit nur zwei Rädern, die umfall­en beziehungsweise stürzen, sobald sie aus dem Gle­ichgewicht geraten.
Weit­ere Unfal­lur­sachen, wie beispiel­sweise die Verkehrstüchtigkeit oder tech­nis­che Män­gel, spie­len eine eher unter­ge­ord­nete Rolle.
Wie ließen sich diese Unfälle vermeiden?
Dr. Kuschef­s­ki: Es gibt ver­schiedene Ansatzmöglichkeit­en, um die Anzahl der Unfälle bzw. der Allei­n­un­fälle zu reduzieren. Ange­fan­gen bei der Teil­nahme an Sicher­heit­strain­ings seit­ens der Motor­rad­fahrer, über Aufk­lärungskam­pag­nen zu den Risiken beim Motor­rad­fahren, bis hin zu verbessertem Straßen­bau. Und hier sind wir schon bei einem entschei­den­den Punkt. Obwohl viele Verbesserungsmöglichkeit­en bekan­nt sind, wird das The­ma Straßen­bau von ver­ant­wortlichen Entschei­dungsträgern immer noch zu wenig aus dem Blick­winkel der Motor­rad­fahrer betra­chtet, wenn auch unbe­ab­sichtigt. Deshalb set­zen wir auf Ein­sicht und auf eine bessere Zusam­me­nar­beit hin­sichtlich eines motor­rad­fre­undlichen Straßenbaus.
Wie sieht ein motor­rad­fre­undlich­er Straßen­bau aus?
Dr. Kuschef­s­ki: Zunächst ein­mal sind wir der Ansicht, dass nach wie vor zu viele Schutz­planken unsere Straßen säu­men. Wenn sie dann doch an sin­nvollen Stellen zum Ein­satz kom­men, ist in vie­len Bere­ichen der soge­nan­nte Unter­fahrschutz notwendig. Dies ist ein zweites Leit­blech, das unter­halb der oberen Planke die Pfos­ten verdeckt, die im unverklei­de­ten Zus­tand bei uns Motor­rad­fahrern im Falle eines Sturzes tödliche Ver­let­zun­gen bewirken können.
Darüber hin­aus sind pro­vi­sorische Flick­ereien des Straßen­be­lags, wie etwa die durch Bitu­men, für die Zweirad­fahrer sehr gefährlich. Was für einen Fahrer eines Zweis­pur­fahrzeugs, also zum Beispiel eines Pkws, nahezu unge­fährlich ist, ist für einen Fahrer auf einem Ein­spur­fahrzeug ein Gräuel. Denn bei Nässe oder bei Hitze sind diese Streifen ver­glichen mit dem übri­gen Asphalt sehr glatt, so dass man als Motor­rad­fahrer gut berat­en ist, diese Stellen zu mei­den. Deshalb stellt sich für uns Motor­rad­fahrer der Straßen­bau vielerorts auch als Hin­dernislauf dar. Wir sind also weit ent­fer­nt von einem motor­rad­fre­undlichen Straßenbau!
Was sind typ­is­che Unfall­si­t­u­a­tio­nen zusam­men mit Autos?
Dr. Kuschef­s­ki: Typ­is­che Unfall­si­t­u­a­tio­nen spie­len sich hier bei Abbiegevorgän­gen, Wen­de­manövern oder Über­holvorgän­gen ab. Der Roller- oder Motor­rad­fahrer wird schlichtweg überse­hen oder hin­sichtlich des Abstands und der Geschwindigkeit vom Pkw-Fahrer falsch eingeschätzt. Denn schon wenige Meter Ent­fer­nung kön­nen aus­re­ichen, um ein Motor­rad optisch kom­plett, zum Beispiel hin­ter einem Baum oder hin­ter einem voraus­fahren­den Pkw, ver­schwinden zu lassen. In anderen Fällen führt ihre schmale Sil­hou­ette dazu, dass Motor­räder und ‑roller zwar wahrgenom­men, aber in ihrer Geschwindigkeit deut­lich unter­schätzt wer­den. Natür­lich steckt keine böse Absicht dahin­ter, denn nur die wenig­sten Pkw-Fahrer wis­sen motorisierte Zweiräder richtig einzuschätzen. Auch kön­nen hier ungün­stige Lichtver­hält­nisse, wie etwa eine tief ste­hende Sonne, wirken; oder so genan­nte Hell-Dunkel-Zonen in Wald­pas­sagen, die das Motor­rad stel­len­weise für den Pkw-Fahrer schw­er erkennbar machen.
Darüber hin­aus gilt es, Sicher­heit­sre­ser­ven in Kur­ven­pas­sagen einzu­pla­nen. So kommt es vor, dass Pkw-Fahrer die Kurve schnei­den und dadurch teil­weise auf die Gegen­fahrbahn ger­at­en. Eine Kol­li­sion mit einem ent­ge­genk­om­menden Motor­rad­fahrer ist hier oft unver­mei­dlich. Anders herum kön­nen auch Motor­rad­fahrer in Schräglage mit ihrem Oberkör­p­er in die Gegen­fahrbahn hinein­ra­gen und so vom Pkw erfasst werden.
Was kön­nen Motor­rad­fahrer generell tun, um möglichst sich­er zu fahren?
Dr. Kuschef­s­ki: Part­ner­schaftlichkeit, eine defen­sive Fahrweise und vor allem das Ken­nen brisan­ter Sit­u­a­tio­nen sind die Grund­la­gen, kri­tis­che Momente im Straßen­verkehr zu ver­hin­dern. Vor allem das rechtzeit­ige Erken­nen dieser Momente ist entschei­dend. Denn nur der, der die Sit­u­a­tio­nen ken­nt, in denen es immer wieder zu Unfällen kommt, kann im wahrsten Sinn des Wortes „vorauss­chauend“ fahren. Er kann also kri­tis­che Begeg­nun­gen bere­its im Vor­feld erken­nen und Unfälle ver­mei­den. Wichtig ist hier­bei, niemals auf die eigene Vor­fahrt zu ver­trauen und immer brems­bere­it zu sein.
Das Insti­tut für Zweirad­sicher­heit (ifz) hält für Motor­rad­fahrer hierzu zahlre­iche Infor­ma­tio­nen und Broschüren bere­it. Außer­dem ist es sin­nvoll, an einem Motor­rad­fahrsicher­heit­strain­ing teilzunehmen. Egal ob Anfänger oder rou­tiniert­er Fahrer, für jeden gibt es das passende Train­ing. Wer hier glaubt, schon alles zu wis­sen, ist auf dem Holzweg. Die meis­ten Teil­nehmer eines Train­ings sind im Nach­hinein darüber über­rascht, was sie jet­zt bess­er kön­nen und sie vorher alles gar nicht bedacht haben. (Infos dazu unter http://www.ifz.de/training-termine.htm )
Aber auch unser ger­ade fer­tig gestell­ter Film „Motor­rad fahren – gut und sich­er“ klärt hier in viel­er­lei Hin­sicht auf.
Welche Schutzk­lei­dung empfehlen Sie?
Dr. Kuschef­s­ki: Zur kom­plet­ten Aus­rüs­tung gehören: Ein Helm mit Vol­lvisi­er oder Brille, eine Led­er- oder Tex­tilkom­bi­na­tion, Motor­rad­hand­schuhe und Stiefel. Bei der Frage nach dem Mate­r­i­al und der Funk­tion­al­ität der Bek­lei­dung find­et man die gle­iche Antwort wie bei der Wahl des Motor­rads. Auch hier ist es eine Frage des Ein­satzz­wecks und der per­sön­lichen Vorliebe.
Entschei­dend hier­bei ist die fol­gende Regel: Es sind fünf Kri­te­rien, die bei der Bek­lei­dungswahl in fol­gen­der Rei­hen­folge wichtig sind: Sicher­heit – Pass­form – Kom­fort – Funk­tion­al­ität und zu guter Let­zt das Design.
Die Ausstat­tung mit CE-Pro­tek­toren an allen bei einem Sturz gefährde­ten Stellen ist bei nahezu allen Kom­bis Stan­dard. Pro­tek­toren nehmen die Auf­pral­len­ergie bei einem An- oder Auf­prall auf und verteilen diese auf eine größere Fläche und kön­nen dadurch die Sturz­fol­gen min­dern. Zusät­zlich emp­fiehlt sich der Kauf eines Rück­en­pro­tek­tors, falls er nicht schon in den Fahreranzug inte­gri­ert ist.
Egal, ob Led­er oder Tex­til, wichtig ist neben der Sicher­heit und Funk­tion­al­ität der Wohlfühlfak­tor! Motor­rad­fahrer soll­ten sich im Fachgeschäft aus­führlich berat­en lassen und ihre Wahl testen, bevor sie sich für län­gere Zeit festlegen.
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