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Das Material macht’s

PSA: Handschutz
Das Material macht’s

Die Schutzwirkung des Handschuhs hängt von seinem Material ab. Foto:UVEX SAFETY GROUP GmbH & Co KG
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Hände müssen gegen mech­a­nis­che, chemis­che und andere Gefahren geschützt wer­den. Dafür gibt es Hand­schuhe aus unter­schiedlichen Mate­ri­alien, mit jew­eils spez­i­fis­chen Eigen­schaften. Bei der Auswahl sind die Schutzan­forderun­gen zu berück­sichti­gen. Daneben spie­len Tragekom­fort, Griff­sicher­heit und Tast­ge­fühl eine Rolle.

Univ.-Dipl.-Ing. Thomas Bosselmann

Die Hand ist ein kom­pliziert aufge­bautes Kör­perteil mit erstaunlichen fein­mo­torischen Fähigkeit­en. 27 Einzel­knochen bilden die Hand. Die Muskeln liegen im Unter­arm und die Hand­fläche wird gebildet durch die Sehnen­plat­te. Die Fin­ger sind reich mit Rezep­toren besetzt.
Sie ist ver­schiede­nen Gefährdun­gen aus­ge­set­zt, die unter­schieden wer­den in: mech­a­nis­che (Schnei­den, Quetschen, Vibra­tio­nen), chemis­che, ther­mis­che, elek­trische und biol­o­gis­che Gefährdungen.
Gefährdungskat­e­gorien
Kat­e­gorie I bezieht sich auf min­i­male Risiken und geringe Schutzan­forderun­gen, z.B. ein­fach­er Latex­hand­schuh als Schutz vor Feuchtigkeit bei Reini­gungstätigkeit­en ohne Chemikalienkon­takt und mech­a­nis­che Gefährdung.
Kat­e­gorie II bezieht sich auf mit­tlere Risiken und Schutz gegen z.B. mech­a­nis­che Gefährdung. Ab der Kat­e­gorie II wird das EN388-Pik­togramm (Ham­mer­sym­bol) mit Leis­tungsleveln aufge­führt. Damit lässt sich eine Beurteilung der Schutzfähigkeit des Hand­schuhs vornehmen.
Kat­e­gorie III bezieht sich auf hohe Risiken und Schutz gegen irre­versible Schä­den und tödliche Gefahren z.B. Schädi­gun­gen durch Chemikalien, Pen­e­tra­tion (durch­drin­gen, kle­in­ste Löch­er), Per­me­ation (durch­wan­dern). Achtung: Hier gilt meist eine zeitlich begren­zte Schutzwirkung!
Chemis­che Gefährdung
Ein Drit­tel der Beruf­skrankheit­en sind Hauterkrankun­gen, häu­fig her­vorgerufen durch chemis­che Gefahrstoffe! Kein Hand­schuh schützt gegen alle Chemikalien. Die Schutzwirkung hängt vom Hand­schuh­ma­te­r­i­al ab.
Biol­o­gis­che Gefährdung
Biol­o­gis­che Erreger sind sehr klein. Kle­in­ste Löch­er bedeuten unter Umstän­den Gefährdung. Latex­hand­schuhe im Gesund­heits­di­enst dienen auch dem Schutz von Patien­ten (mehr als PSA). Ster­ile Hand­schuhe sind Medizinprodukte.
Mate­ri­alien für Schutzhandschuhe
Chloro­pren (CR): ist ein hochw­er­tiger Elas­tomer­w­erk­stoff mit ein­er max­i­malen Ein­satztem­per­atur von 90° C, min­i­mal –30° C. Schutzhand­schuhe aus Kun­st­stoff sind auf den jew­eili­gen Zweck abges­timmt (daher die Beze­ich­nung Chemikalien­schutzhand­schuhe CMS). Es gibt etwa 9 Mate­ri­alien; die Auswahl erfol­gt nach dem Arbeitsstoff. Herkömm­liche CSH sind nicht gegen alle Chemikalien (z.B. Nitro­verdün­nung) beständig. Hier ist ggf. ein Lam­i­nat einzuset­zen, das z.B. aus 3 Schicht­en besteht.
Flu­or-Kautschuk (FPM)/Viton: Copoly­mer aus Vinyli­den­flu­o­rid und Hexa­flu­o­r­propy­len. 1958 von Dupont unter der Beze­ich­nung Viton auf den Markt gebracht. Auch Flu­or-Kautschuk (FPM) genan­nt. Es ist flammwidrig und besitzt eine über­ra­gende Beständigkeit gegen hohe Tem­per­a­turen, gegen Chemikalien sowie gegen Ozon und Sauer­stoff. Max­i­male Ein­satztem­per­atur 200° C min­i­mal 0 bis –20° C.
Edel­stahl: Schnittschutz für Fleis­cherei, Stich­schutz im Entsorgungsgewerbe.
Kevlar/andere (Strick-)Gewebe bieten guten Schnittschutz und sind „atmungsak­tiv“.
Latex/Naturkautschuk: Eine durch Pflanzen­pro­teine sta­bil­isierte Kautschukemul­sion des Kautschuk­baums (Hevea). Hand­schuhe aus Naturla­tex haben einen hohen Tragekom­fort (Flex­i­bil­ität, Pass­form, Tastempfind­en) und besitzen gute mech­a­nis­che und chemis­che Beständigkeit­en, ins­beson­dere gegen Chemikalien auf Wasser­ba­sis (Säuren, Basen, Sal­zlö­sun­gen). Naturla­tex enthält sen­si­bil­isierende Eiweiße. Zur Her­stel­lung von Gum­mi­hand­schuhen wer­den bis zu 15 Chemikalien benutzt, darunter Vulka­ni­sa­tions­beschle­u­niger (Thi­u­rame) und Alterungss­chutzmit­tel (IPPD). Die Durch­läs­sigkeit gegenüber Chemikalien vari­iert mit der Zusam­menset­zung des Gummis.
Led­er: Spal­tled­er, Vol­lled­er. Die Fes­tigkeit ist von Haut zu Haut unter­schiedlich. Es gibt große Qual­ität­sun­ter­schiede. Bei der Ger­bung wer­den in der Regel Chrom­salze einge­set­zt: Chro­mate in Fer­nost, Chrom-III-Salze in west­lichen Län­dern. Je nach Ger­b­ver­fahren kön­nen Chro­mate im Led­er verbleiben. Der Preis der Hand­schuhe erhöht sich um das 3 — 4‑fache bei „natür­lich­er“ Ger­bung. Bei der Reini­gung von Leder­hand­schuhen darauf acht­en, dass keine Reini­gung­shil­f­sstoffe im Led­er verbleiben. Nach DIN EN 420 müssen alle Aller­gene im Hand­schuh angegeben werden.
Der Chro­mat­ge­halt muss niedriger als 10mg/kg liegen.
Stoff: Stoffhand­schuhe sind feuchtigkeits­durch­läs­sig (z.B. Wass­er, Öl, Fett) und daher bei entsprechen­den Tätigkeit­en nur bed­ingt geeignet. Sie lassen den Luft­sauer­stoff und den Wasser­dampf der Haut durch. Sie bieten oft keinen aus­re­ichen­den Schutz gegen mech­a­nis­che Belastungen.
Prüfkri­te­rien nach EN 388
Abriebfes­tigkeit: Hier wird die Anzahl der Testzyklen gemessen, die nötig sind, um den Testhand­schuh durchzuscheuern.
Schnit­tfes­tigkeit: Hier­bei misst man die Anzahl der Testzyklen bei kon­stan­ter Geschwindigkeit, bis der Prüfhand­schuh durchgeschnit­ten ist.
Weit­er­reißfes­tigkeit: Es wird die Kraft gemessen, die nötig ist, um den Prüfhand­schuh zu zerreißen.
Stich­fes­tigkeit: Es wird die Kraft gemessen, die nötig ist, um den Prüfhand­schuh mit ein­er genormten Spitze zu durchstoßen.
Neben dem Pik­togramm wer­den die Testergeb­nisse mit 4 Zahlen (Leis­tungsindika­toren) auf jedem Hand­schuh angegeben. Für alle Klassen drückt die Zif­fer „0“ das niedrig­ste Belast­barkeit­sniveau aus.
Ergonomie
Han­danatomis­che For­mge­bung: Durch die Ver­wen­dung von Tauch­for­men, die der men­schlichen Han­der­gonomie entsprechen, wird der Tragekom­fort, der Sitz des Hand­schuh­es, die Griff­sicher­heit und das Tast­ge­fühl entschei­dend verbessert (Auswahlkri­teri­um für Präzisionsarbeiten).
Hand­schuh­for­men
  • 1. Fausthand­schuhe
  • 2. Dreifin­ger­hand­schuhe
  • 3. Fünffin­ger­hand­schuhe
Gefährdun­gen durch Handschuhe
Eine typ­is­che Gefährdung durch Hand­schuhe ist das Erfasst­wer­den bei drehen­den Teilen; Hand­schuhe sollen prinzip­iell nicht bei der Arbeit an sich drehen­den Teilen getra­gen werden.
Led­er ist häu­fig ChromVI/- (kreb­serzeu­gend) sowie PCB-belastet (durch den Ger­bung­sprozess). PVC-Hand­schuhe haben einen hohen Anteil an Weich­mach­ern, die Hautreizun­gen aus­lösen können.
Feuchtar­beit: Das Tra­gen flüs­sigkeits­dichter Hand­schuhe kann zum Aufwe­ichen der Haut – mit allen damit ver­bun­de­nen Fol­gen – führen. Ist das Tra­gen über einen län­geren Zeitraum erforder­lich, muss die Vor­sorge­un­ter­suchung „Feuchtar­beit“ ange­boten werden.
Grundle­gende Regeln beim Tra­gen von Schutzhandschuhen
Hand­schuhe dür­fen nur auf trock­en­er, sauber­er Haut ver­wen­det wer­den. Schutzhand­schuhe müssen vor dem Tra­gen auf sicht­bare Löch­er und Risse hin über­prüft wer­den. Sie dür­fen nicht unun­ter­brochen getra­gen wer­den. Nach dem Hand­schuh­tra­gen sollte man eventuelle Pud­er­rück­stände mit Wass­er abspülen und die Hände gut trock­nen. Schutzhand­schuhe in regelmäßi­gen Abstän­den erneuern. Kon­t­a­minierte Hand­schuhe sowie Ein­mal­hand­schuhe dür­fen nicht wiederver­wen­det wer­den. Nach dem Tra­gen von Schutzhand­schuhen geeignete Hautpflegeprä­parate benutzen.

Normen
  • All­ge­meine Anforderun­gen EN 420,
  • Mech­a­nis­che Gefährdun­gen EN 388,
  • Stiche und Schnitte EN 1082/1,
  • Schutz bei Nutzung handge­führter Ket­ten­sä­gen EN 381,
  • Chemis­che Risiken EN 374 (T1-T3),
  • Bak­te­ri­ol­o­gis­che Risiken EN 374,
  • Wärme und Feuer EN 407,
  • Ion­isierende Strahlung EN 421,
  • Kälte EN 421,
  • Elek­trische Span­nung EN 60903,
  • Schweißer­schutzhand­schuhe EN 12477,
  • Feuer­wehr-Hand­schuhe EN 659 (früher EN 407).
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