Startseite » Fachbeiträge » Archiv SB » Die Stär­ken stär­ken

Wenn Mitarbeiter alles geben sollen, brauchen sie gute Ressourcen

Die Stär­ken stär­ken

Anzeige
„Ich war völlig am Ende und habe keinen Ausweg mehr gese­hen“, mit diesen Worten beschreibt Holger T.* seinen Leidens­weg rück­bli­ckend. Ein Leidens­weg, den viele Arbeit­neh­mer in Deutsch­land und Europa mit ihm teilen. Aufgrund stei­gen­der Arbeits­ver­dich­tung und erhöh­ten Leis­tungs­drucks kommt es bei immer mehr Beschäf­tig­ten zu Erschöpfungs- und Ohnmachts­sym­pto­men, denen sie mit ihrem Bewältigungs-Repertoire allein nicht Herr werden.

2007 wurde bei jedem fünf­ten Arbeit­neh­mer mindes­tens eine psychi­sche Erkran­kung diagnos­ti­ziert. Wer Glück hat, bekommt recht­zei­tig profes­sio­nelle Unter­stüt­zung. So wie Holger T., der offen genug war, sich aufgrund der Empfeh­lung des Betriebs­arz­tes auf eine syste­mi­sche Mitar­bei­ter­be­ra­tung einzu­las­sen, bevor es zum völli­gen Zusam­men­bruch gekom­men wäre. Holger T. geht es jetzt wieder gut, und er muss sich nicht in die 31 Prozent Früh­ver­ren­tun­gen von Menschen einrei­hen, die ihre Arbeits­kraft aufgrund psychi­scher Probleme nicht mehr zur Verfü­gung stel­len können.
„Noch vor kurzem sah meine Situa­tion ganz anders aus“, sagt der Versi­che­rungs­kauf­mann, der mehr als drei Vier­tel seines bishe­ri­gen Lebens in „seinem“ Unter­neh­men beschäf­tigt ist. „Es war ein langer, schlei­chen­der Prozess, bis es mir am Wochen­ende davor gegraut hat, am Montag wieder zur Arbeit zu gehen“, erin­nert sich Holger T., der flexi­bel genug gewe­sen war sich den Umstruk­tu­rie­run­gen der vergan­ge­nen fünf­zehn Jahre erfolg­reich anzu­pas­sen. Ein neu zuge­wie­se­ner Aufga­ben­be­reich hatte ihm eini­ges abver­langt, denn er hatte sich nicht nur mit verän­der­ten Struk­tu­ren, sondern auch mit neuen Inhal­ten vertraut machen müssen. Holger T. bewahrte immer Haltung, eignete sich in der Frei­zeit akri­bisch das Fach­wis­sen an, das er für sein neues Tätig­keits­pro­fil zusätz­lich benö­tigte und quali­fi­zierte sich damit schnell für die neuen Heraus­for­de­run­gen. Alles war gut, bis es vor eini­gen Jahren auch in seinem Unter­neh­men zu dras­ti­schem Perso­nal­ab­bau kam. „Die Arbeit wurde ja nicht weni­ger“, resü­miert der Versi­che­rungs­ex­perte, „im Gegen­teil. Dem Konzern geht es glück­li­cher­weise gut und so hat die verblei­bende Mann­schaft ein immer größe­res Pensum wegge­ar­bei­tet. Im vergan­ge­nen Jahr wurde die Mehr­be­las­tung dann aber so extrem, dass ich die Fülle der Arbeit nicht mehr bewäl­ti­gen konnte“.
Selbst­zwei­fel began­nen an Holger T. zu nagen. Seine Kompe­ten­zen, die er unum­strit­ten hat, tat er als Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten ab. Er glaubte, dass seine jünge­ren Kolle­gen vergleich­bare Aufga­ben in kürze­rer Zeit erle­dig­ten und bis zum Feier­abend damit fertig würden. Feier­abend und Frei­zeit waren Begriffe, die für Holger T. längst an Bedeu­tung verlo­ren hatte. Denn wenn er das Unter­neh­men am Abend verließ, wurde nur eine physi­sche Distanz geschaf­fen. Mental verharrte er bei seiner Arbeit mit der nie enden wollen­den Fülle an uner­le­dig­ten Aufga­ben. „Ich konnte an nichts ande­res mehr denken“, sagt Holger T. „Mich peinigte dauernd die Angst, dass ich meine Arbeit nicht schaf­fen würde. Zum Schluss war ich dann felsen­fest davon über­zeugt, dass ich zu nichts mehr zu gebrau­chen sei. Ich fühlte mich durch und durch ohnmäch­tig und völlig am Ende meiner Kräfte.“
Stress-Symptome schlu­gen Alarm
Als er immer häufi­ger schweiß­ge­ba­det aus dem Schlaf hoch­schreckte, keiner­lei Lust zu Wochen­end­ak­ti­vi­tä­ten zeigte und sich Herz­ra­sen, hoher Blut­druck und Magen-Darmprobleme mehr­ten, wandte er sich an den Betriebs­rat und den Betriebs­arzt. Auf deren Anre­gung entschloss sich Holger T. zu einer syste­mi­schen Mitar­bei­ter­be­ra­tung der B.A.D GmbH, die sein Arbeit­ge­ber, der sich mit vielen Maßnah­men in Betrieb­li­cher Gesund­heits­för­de­rung enga­giert, beauf­tragte. „Vertrau­lich­keit stand dabei an vorders­ter Stelle“, betont Holger T.. Trotz­dem habe er eine Weile über­legt, ob er das Ange­bot wirk­lich in Anspruch nehmen solle. Schließ­lich habe er von solch einer Möglich­keit noch nie gehört.
Aus dem vermeint­li­chen Stroh­halm sollte schon in der ersten Sitzung die Über­zeu­gung werden, effek­tive Hilfe zu bekom­men, als Christa Holl­mann Holger T. einen wesent­li­chen Impuls gab. „Der Mann steckte in einem wahren Teufels­kreis, aus dem er über­haupt keinen Ausweg mehr sah“, erklärt die Exper­tin der Mitarbeiter- und Führungs­kräf­te­be­ra­tung der B.A.D GmbH. „Das Gefühl stän­di­ger Über­for­de­rung hatte zu Erschöp­fung und Selbst­zwei­feln geführt, was sich wiederum in Lust­lo­sig­keit in der Frei­zeit nieder­schlug. Ener­gie­zu­fuhr war aus diesem Bereich folg­lich nicht zu erwar­ten. Hinzu kamen Einschlaf- und Durch­schlaf­stö­run­gen, die klas­si­schen Stress-Symptome. Morgens war Holger T. dann schon erschöpft, bevor er zur Arbeit ging. Gemein­sam haben wir uns zum Ziel gesetzt, dieses zerstö­re­ri­sche Konstrukt, in dem sich die einzel­nen Fakto­ren per defi­ni­tio­nem gegen­sei­tig verstär­ken, aufzu­lö­sen.“
Teufels­kreis durch­bre­chen
In vier weite­ren, jeweils einein­halb­stün­di­gen Bera­tungs­sit­zun­gen rück­ten Bera­te­rin und Ratsu­chen­der dem Problem mit dem Ziel Schritt für Schritt zu Leibe, die undich­ten Stel­len des Teufels­krei­ses als Tor zurück in die Gesund­heit zu finden. „Die Bera­te­rin arbei­tet viel mit Bildern“, erklärt Holger T.. Das habe es für ihn leich­ter gemacht. Er habe sich dann beispiels­weise einen großen Topf vorge­stellt, in den immer mehr Arbeit hinein­ge­wor­fen wurde. „Der Topf konnte unmög­lich leer werden. Ich hatte damals völlig wirk­lich­keits­fremde Erwar­tun­gen an mich gestellt“, weiß der Versi­che­rungs­kauf­mann heute. Inzwi­schen sieht er klar und setzt sich seine eige­nen, realis­ti­schen Ziele. „Die errei­che ich immer, und am Ende des Arbeits­ta­ges bin ich rich­tig zufrie­den. Das Beste daran ist, dass ich mit dieser Methode wieder auf meinem vollen Leis­tungs­ni­veau bin.“
In jeder Sitzung gab die Bera­te­rin neue Impulse, die Holger T. im Anschluss prak­tisch umsetzte. Bei Schlaf­stö­run­gen notierte er, was ihm Kopf­zer­bre­chen machte, um sich dem Problem am nächs­ten Tag zu widmen. Sein Schlaf verbes­serte sich zuse­hends. Bei Selbst­zwei­feln rief er sich Situa­tio­nen vor Augen, in denen sein Fach­wis­sen und sein Rat bei Vorge­setz­ten und Kolle­gen gefragt gewe­sen waren und baute sein Selbst­ver­trauen damit Schritt für Schritt wieder auf. „In unse­rer Arbeit geht es wesent­lich um die Stär­kung der Resi­li­enz“, erklärt die Bera­te­rin. „Dazu gehört, sich an schwie­rige Situa­tio­nen zu erin­nern, die man mit Bravour gemeis­tert hat. Unter Exper­ten ist man sich darüber einig, dass die Arbeits­ver­dich­tung nicht per se zu psycho­so­zia­len Belas­tun­gen führt, wenn Mitar­bei­ter über genü­gend Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien für Verän­de­rungs­pro­zesse, über Selbst­ver­trauen in die eige­nen Fähig­kei­ten und über Ausgleichs­mög­lich­kei­ten verfü­gen.“
Win-win-Situation
Bei Holger T. waren diese Ressour­cen quasi verschüt­tet und muss­ten reak­ti­viert und weiter entwi­ckelt werden. Er ist gestärkt aus dem Dilemma hervor­ge­gan­gen und rech­net es seinem Arbeit­ge­ber hoch an, dass er ihm die Bera­tung ermög­licht hat. „Anders herum kann sich aber auch jeder Arbeit­ge­ber glück­lich schät­zen, wenn seine Mitar­bei­ter in diese Bera­tung gehen. Ich habe unglaub­lich viel gelernt, gehe wieder gerne ins Büro und leiste soviel wie in meinen besten Zeiten. Das zahlt sich doch auch für das Unter­neh­men aus. Damit es bei ande­ren über­las­te­ten Kolle­gen gar nicht erst zum Äußers­ten kommt, wäre es bestimmt gut, wenn auch die Führungs­kräfte eine Bera­tung erhiel­ten, die sie für die Situa­tion sensi­bi­li­siert.“
* Name von der Redak­tion geän­dert.

Was ist Resi­li­enz?
Das Insti­tut des Zukunfts­for­schers Matthias Horx (2005) sagt voraus, dass Resi­li­enz einer der Zukunfts­trends der nächs­ten Jahre sein wird.
Der Begriff wurde aus dem Ameri­ka­ni­schen über­nom­men, wo die Resi­li­enz­for­schung seit über vier­zig Jahren ihre Wurzeln hat und schon sehr viel weiter ist als hier. Man könnte den Begriff mit Wider­stands­kraft über­set­zen. Das Wort kommt, ebenso wie Stress, aus der Physik und bezeich­net die Möglich­keit eines Gegen­stan­des, nach einer Belas­tung wieder unbe­scha­det in seinen Ausgangsszu­stand zurück­zu­keh­ren. Im Kontext psychi­scher Gesund­heit heißt das, Probleme als Heraus­for­de­run­gen zu begrei­fen und mit allen zur Verfü­gung stehen­den Mitteln zu lösen. Und wieder­auf­zu­ste­hen, wenn man einen Nieder­schlag erlit­ten hat.
Jutta Pestel-Fuss, Leitung Mitarbeiter- und Führungs­kräfte Bera­tung B.A.D. GmbH

TK-Gesundheitsreport 2008
Nach stan­dar­di­sier­ten Auswer­tun­gen wurde bei 15 Prozent der männ­li­chen und 32,1 Prozent der weib­li­chen Erwerbs­per­so­nen im Jahre 2006 mindes­tens einmal die Diagnose einer psychi­schen Störung doku­men­tiert. Für die Gesamt­po­pu­la­tion lässt sich ein entspre­chen­der Anteil von 22,1 Prozent ange­ben. Von der mindes­tens einma­li­gen Diagnose einer psychi­schen Störung ist inner­halb eines Jahres demnach mehr als ein Fünf­tel der Erwerbs­per­so­nen betrof­fen.

schwarz auf weiß Agen­tur für Public Rela­ti­ons Petra Lasar e.K. Im Schma­len Auel 42 51503 Rösrath
Anzeige

News­let­ter

Jetzt unse­ren News­let­ter abon­nie­ren

Meistgelesen

Jobs

Sicher­heits­be­auf­trag­ter

Titelbild Sicherheitsbeauftragter 10
Ausgabe
10.2019
ABO

Sicher­heits­in­ge­nieur

Titelbild Sicherheitsingenieur 10
Ausgabe
10.2019
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de