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Die Tücken der Führungsverantwortung

Strafverfahren – ein Berufsrisiko für technische Führungskräfte?
Die Tücken der Führungsverantwortung

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Bei der Säu­berung eines Glas­daches der Lufthansa-Werft in Ham­burg war der 38-jährige Gebäud­ere­iniger Sven durch eine Glass­cheibe gestürzt und 17 Meter tief in einen Con­tain­er gefall­en. Sein Sicher­heits­seil war an den schar­fen Glaskan­ten zer­ris­sen. Er starb an inneren Ver­let­zun­gen. Nach einem Ver­fahren über zwei Instanzen verurteilte kür­zlich das Landgericht Ham­burg den Chef der Gebäud­ere­ini­gungs-Fir­ma und dessen Vorar­beit­er zu empfind­lichen zweis­tel­li­gen Geld­strafen. Wie kon­nte es dazu kom­men, und wie sah die Schuld­frage aus?

Bei der Auf­tragsver­gabe war der Reini­gungs-Unternehmer von den Mitar­beit­ern der Lufthansa aus­führlich über die Gefahren auf dem Glas­dach aufgek­lärt wor­den: Es gab Bret­ter, die als Lauf­stege über das Dach hät­ten gelegt wer­den müssen. Der Chef hätte dies als schriftliche Anweisung an seinen Vorar­beit­er weit­ergeben sollen. Und der Vorar­beit­er, der die Ein­weisung des Verunglück­ten über­nom­men hat­te, hätte dafür sor­gen müssen, dass die Anweisung befol­gt wurde.

Nach Auf­fas­sung des Gerichts stand fest, dass der Fen­ster­putzer nicht aus­re­ichend unter­wiesen wurde. Es sei eine Grundpflicht des Arbeit­ge­bers, darauf zu acht­en, dass seine Mitar­beit­er nicht tödlichen Gefahren aus­ge­set­zt wer­den. „Ein Leben lässt sich nicht in Geld aufwiegen“, sagte der Richter, „aber die Strafen sind ein Sym­bol für die Verantwortlichkeit!“
In einem anderen Fall hat das Amts­gericht Tet­tnang kür­zlich einen Straf­be­fehl gegen einen tech­nis­chen Geschäfts­führer und seinen Gehil­fen erlassen, weil sie sich der Bei­hil­fe zur Kör­per­ver­let­zung eines ihrer Arbeit­er schuldig gemacht hat­ten. Dieser hat­te vorschriftswidrig mit einem elek­trischen Hochdruck­reiniger und ein­er defek­ten Kabel­trom­mel hantiert. Ihn traf ein Strom­schlag, und er war monate­lang krank. Der Unfall war unver­mei­d­bar, weil bei­de Vorge­set­zten es unter­lassen hat­ten, ihren Haus­meis­ter auf das gefahrlose Arbeit­en mit einem Hochdruck­reiniger hinzuweisen, ihn mit ein­er im Freien zuge­lasse­nen Kabel­trom­mel auszurüsten, dafür zu sor­gen, dass der Anschluss nur an ein­er mit FI-Schal­ter gesicherten Steck­dose erfol­gen durfte und einen Defekt an der Isolierung der Trom­mel vorher fach­män­nisch hät­ten beseit­i­gen lassen müssen. Auch hier ver­hängte das Gericht hohe Geldstrafen.
Die Beziehun­gen zwis­chen Vorge­set­zten und Mitar­beit­ern sind durch eine Ver­ant­wor­tungs-Teilung gekennze­ich­net. Der Mitar­beit­er, an den Kom­pe­ten­zen delegiert sind, trägt in seinem Fach­bere­ich die Hand­lungs-Ver­ant­wor­tung. Sein Vorge­set­zter jedoch ist damit die Ver­ant­wor­tung nicht los – er behält die Führungs-Ver­ant­wor­tung. Ihm obliegen Auswahl und Ein­satz der richti­gen Mitar­beit­er und Arbeitsmit­tel. Ihm fällt die Infor­ma­tion­spflicht zu. Er set­zt Ziele und erteilt Richtlin­ien und Anweisun­gen. Und er überwacht und kon­trol­liert deren fachgerechte und recht­skon­forme Ausführung.
Jed­er Vorge­set­zte ist nur dann vor den rechtlichen Fol­gen des gemein­samen Han­delns geschützt, wenn er seine Führungsauf­gaben gewis­senhaft erfüllt. Wegen so genan­nten „Organ­i­sa­tions-Ver­schuldens“ – also des Ver­schuldens der Organ­i­sa­tion, die er rechtlich ver­tritt – ist er strafrechtlich mit Frei­heits- oder Geld­strafen bedro­ht, zivil­rechtlich zu Wiedergut­machung gezwun­gen, muss ord­nungsrechtlich Geld­bußen fürcht­en – oder gar arbeit­srechtliche Kon­se­quen­zen, im Extrem­fall seine eigene Ent­las­sung. Nicht immer kann die Führungskraft (allein) ver­ant­wortlich gemacht werden.
Hel­mut Borsch
Geschäfts­führer der AFW Wirtschaftsakademie

„Oben bleiben“
2.648 Dachun­fälle verze­ich­nete die Unfal­lver­sicherung der Bauwirtschaft im Jahr 2004. Viele dieser Unfälle sind Durch­stürze von nicht bege­hbaren Dachflächen, wie Wellplat­ten und Licht­bän­der. Inner­halb von drei Jahren stürzten so 1.394 Per­so­n­en, in manchen Fällen viele Meter tief. Schw­er­ste Kopfver­let­zun­gen, Quer­schnittsläh­mungen, Knochen­brüche oder gequetschte Glied­maßen ziehen sich dabei jedes Jahr viele Hun­dert Beschäftigte zu. 56 dieser Unfälle ende­ten tödlich. Besuche und Gespräche von Tech­nis­chen Auf­sichtsper­so­n­en der BG BAU in Dachdecker­be­trieben zeigten deut­lich: Bei Arbeit­en auf Wellplat­ten und an Lichtkup­peln wird häu­fig auf sämtliche Absturzsicherun­gen verzichtet. Schon in der Pla­nung, vor Arbeits­be­ginn müssen die Unternehmen eine Gefährdungs­beurteilung vornehmen wie es vom Arbeitss­chutzge­setz vorge­se­hen ist, das machen die Mitar­beit­er der BG BAU bei ihren Beratungs­ge­sprächen deut­lich. Hil­fre­ich ist hier­bei die Beruf­sgenossen­schaftliche Regel Dachar­beit­en (BGR 203). Fra­gen kön­nen an: info@bgbau.de gerichtet werden.
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