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Ein Erfolgs­mo­dell

Sicherheitsbeauftragte (Sibe)
Ein Erfolgs­mo­dell

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In den letz­ten Mona­ten gibt es eine verstärkte Diskus­sion um die Rolle der Sicher­heits­be­auf­trag­ten im Arbeits­schutz (Sibe). Dabei geht es um eine Aufwer­tung der Sibe durch zuge­wie­sene Zeit, die finan­zi­elle Vergü­tung für ihre Aufga­ben, eine neue Namens­ge­bung und das Über­tra­gen von Verant­wor­tung. Für die Arbeits­schutz­or­ga­ni­sa­tion im Betrieb ist das sehr proble­ma­tisch. Und auch in ihrer jetzi­gen Rolle haben Sibe große Erfolge im Arbeits­schutz.

Gerhard Kunt­ze­mann

Das Bild des Sibe im Arbeits­schutz, wie es haupt­säch­lich durch die Situa­tion in größe­ren und großen Betrie­ben schon tradi­tio­nell geprägt wird, beschreibt eine Person, die als Kollege unter Kolle­gen auf sicher­heits­ge­rech­tes Handeln hinwirkt und die durch Beob­ach­tung der Arbeits­plätze in ihrem Wirkungs­be­reich hilft Unfälle zu vermei­den. Dabei hat sie weder Weisungs­be­fug­nis noch zivil­recht­li­che oder straf­recht­li­che Verant­wor­tung für Arbeits­si­cher­heit und nahm bereits mindes­tens einmal an einem Semi­nar der Berufs­ge­nos­sen­schaft teil.
Bei fach­li­chen Fragen stehen den Sibe in Groß­be­trie­ben die haupt­amt­li­chen Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit (Sifa) und even­tu­ell sogar haupt­amt­li­che Betriebs­ärzte als Ansprech­part­ner zur Verfü­gung.
Sibe sind ohne hier­für fest­ge­schrie­be­nen Zeit­auf­wand auf ihrer jewei­li­gen Arbeits­ebene unter­stüt­zend tätig, treten gegen­über den Mitar­bei­tern als Multi­pli­ka­tor und erster Ansprech­part­ner bei sicher­heits­tech­ni­schen Frage­stel­lun­gen auf und bewir­ken durch ihre Präsenz und ihre Vorbild­funk­tion sowie durch ihr kolle­gia­les Einwir­ken ein sicher­heits­ge­rech­tes Verhal­ten der Mitar­bei­ter.
Insbe­son­dere sollen die Sibe die Arbeits­plätze und das Arbeits­um­feld dahin­ge­hend beob­ach­ten, ob die vorge­schrie­be­nen Schutz­vor­rich­tun­gen und ‑ausrüs­tun­gen vorhan­den sind.
Den Sibe kommt aufgrund ihrer Orts‑, Fach- und Sach­kennt­nis auch die Aufgabe zu, Unfall- und Gesund­heits­ge­fah­ren in ihrem Arbeits­be­reich zu erken­nen und adäquat darauf zu reagie­ren.
Trotz aller an einen Sibe gestell­ten Erwar­tun­gen darf nicht verges­sen werden, dass er nur eine helfende, unter­stüt­zende Funk­tion für seinen direk­ten Vorge­setz­ten, Betriebs­ärzte und Sifa wahr­neh­men soll, darf und kann. Als Sibe ist er nicht in die arbeits­si­cher­heit­li­che Verant­wor­tung inner­halb eines Betrie­bes einge­bun­den und er kann in keinem Fall die bera­tende Funk­tion einer Sifa oder eines Betriebs­arz­tes erset­zen.
Dialog mit Arbeits­kol­le­gen
Der Sibe ist in seiner Funk­tion ausschließ­lich ehren­amt­lich tätig und kann nur im Dialog mit seinen Arbeits­kol­le­gen auf die direkte Abstel­lung sicher­heit­li­cher Defi­zite hinwir­ken und hier­durch die übri­gen Akteure des Arbeits­schut­zes in deren Aufga­ben­er­fül­lung unter­stüt­zen. Haben er und seine Kolle­gen nicht die Möglich­kei­ten erkannte Defi­zite sofort abzu­stel­len, so hat der Sibe seinen direk­ten Vorge­setz­ten, die Sifa oder den Betriebs­arzt zu infor­mie­ren, damit diese die erfor­der­li­chen Maßnah­men einlei­ten können.
Zudem nimmt er gemein­sam mit den übri­gen Akteu­ren des Arbeits­schut­zes an den Sitzun­gen des Arbeits­schutz­aus­schus­ses teil, spricht die für ihn und seine Kolle­gen rele­van­ten Themen an und wirkt auf die Lösung der in seinem direk­ten Arbeits­um­feld bestehen­den arbeits­si­cher­heit­li­chen Probleme hin.
Soziale Kompe­tenz erfor­der­lich
Geeig­net sind Mitar­bei­ter, die durch ihr Enga­ge­ment am Arbeits­platz und in Sachen Sicher­heit und Gesund­heits­schutz aufge­fal­len sind und even­tu­ell später für eine Führungs­funk­tion in Frage kommen. Notwen­dige Voraus­set­zung ist das Inter­esse an den Aufga­ben der Sibe und eine gewisse Berufs­er­fah­rung. Wich­tig ist aber auch, dass der Mitar­bei­ter im Kolle­gen­kreis fach­lich und persön­lich aner­kannt ist und zu über­zeu­gen vermag. Soziale Kompe­tenz ist dafür unbe­dingt erfor­der­lich. Kontakt­freude und Freude am Umgang mit Menschen sind weitere posi­tive Merk­male.
Auch wenn es das Ziel ist, fach­kun­dige, selbst­be­wusste und sozial kompe­tente Sibe in den Betrie­ben tätig werden zu lassen, dürfen bei der Auswahl der Sibe keine über­höh­ten Anfor­de­run­gen gestellt werden. Es muss möglich sein, Kandi­da­ten mit den unter­schied­lichs­ten Ausbil­dungs­ni­veaus und aus allen Alters­grup­pen auszu­wäh­len.
Da Sibe in ihrer Funk­tion keine Verant­wor­tung für die Arbeits­si­cher­heit haben und auch nicht mit Weisungs­be­fug­nis ausge­stat­tet sind, sollen, um ihre Unab­hän­gig­keit zu gewähr­leis­ten, keine Mitar­bei­ter mit Vorge­setz­ten­funk­tion für diese unter­stüt­zende Tätig­keit ausge­wählt werden.
In Klein- und Mittel­be­trie­ben oder in bestimm­ten Bran­chen kann es jedoch sinn­voll sein, auch Vorge­setzte als Sibe auszu­wäh­len. Durch die hohe Fluk­tua­tion in diesen Betrie­ben bezie­hungs­weise Gewer­be­zwei­gen ist es oft nicht möglich, andere geeig­nete Mitar­bei­ter für die Auswahl und Bestel­lung zum Sibe zu finden. Zum Teil arbei­ten in diesen Betrie­ben über­wie­gend Zeit- oder Teil­zeit­kräfte und wenige Fest­an­ge­stellte, so dass nur ein Vorge­setz­ter für die Aufgabe des Sibe infrage kommt.
Aufga­ben je nach Betriebs­struk­tur
Die über­wie­gende Zahl der Sibe nehmen, unab­hän­gig von Bran­che und Betreu­ungs­form, Stan­dard­auf­ga­ben nach § 22 Abs. 2 SGB VII war und sind dane­ben häufig auch Erst­hel­fer, Beauf­tragte für andere Berei­che oder nehmen die Betreu­ung beson­de­rer Perso­nen­grup­pen (Azubi, Berufs­an­fän­ger etc.) war.
In Unter­neh­men, in denen nach DGUV Vorschrift 2 die „Alter­na­tive Betreu­ung“ ausge­wählt wurde, sind Sibe häufig Ansprech­part­ner für externe Akteure (externe Betriebs­ärzte, Berufs­ge­nos­sen­schaft, staat­li­che Arbeits­schutz­be­hörde etc.), da in diesen Betrie­ben aufgrund der Betriebs­größe andere Arbeits­schutz­ak­teure meist nur tempo­rär vorhan­den sind. Sonder­auf­ga­ben, wie zum Beispiel die Umset­zung klei­ne­rer Arbeits­schutz­maß­nah­men, die Orga­ni­sa­tion von Prüfun­gen und das Mitwir­ken bei der Unter­wei­sung zählen oftmals ebenso zu den Tätig­keits­fel­dern wie die Aufga­ben von befä­hig­ten Perso­nen und die Beschaf­fung von PSA.
Hat der Unter­neh­mer externe Sifa und Betriebs­ärzte verpflich­tet, wird noch offen­sicht­li­cher, welche Bedeu­tung dem Sibe und seiner Tätig­keit zukommt. Während ange­stellte Sifa betrieb­li­che Abläufe und Arbeits­ver­fah­ren auf Grund ihrer Inte­gra­tion im Betrieb täglich erfah­ren können und über Verän­de­run­gen zeit­nah infor­miert werden, ist die Kommu­ni­ka­tion mit exter­nen Sifa erschwert. Die Sibe können in diesen Betriebs­struk­tu­ren eine Schlüs­sel­rolle über­neh­men.
Keine fest­ge­schrie­bene Rolle
Die betrieb­li­che Wirk­lich­keit zeigt, dass es zur Zeit nicht „den“ Sibe oder nur eine bestimmte fest­ge­schrie­bene Rolle des Sicher­heits­be­auf­trag­ten gibt. Gemein­sam haben alle Sibe ihre perma­nente Präsenz vor Ort, die unmit­tel­bare Einbin­dung in ihre Arbeits­be­rei­che und Arbeits­ab­läufe, die Kennt­nis der Kolle­gen sowie ihr Grund­la­gen­wis­sen zum Thema Arbeits­schutz.
Die Gemein­sam­kei­ten reichen völlig aus, um das Bild des Sicher­heits­be­auf­trag­ten im Arbeits­schutz zu prägen. Zusätz­li­che Aufga­ben, unter­schied­li­che Tätig­kei­ten in Abhän­gig­keit von Betriebs­struk­tu­ren und indi­vi­du­elle Unter­schiede kommen ergän­zend hinzu und bilden eine Band­breite, die mit diesem Rollen­bild immer noch gut verein­bar ist.
Eine grund­le­gend neue Perspek­tive für den Sicher­heits­be­auf­trag­ten würde die bishe­rige betrieb­li­che Arbeits­schutz­or­ga­ni­sa­tion völlig verän­dern. Der Sibe würde mit der Sifa und dem Betriebs­arzt darum konkur­rie­ren, wer denn nun der rich­tige, wich­tige und verant­wort­li­che Beauf­tragte für den Arbeits­schutz im Unter­neh­men ist. Diese bisher oftmals schon zwischen Betriebs­ärz­ten und Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit schwe­lende Diskus­sion muss nicht um einen weite­ren Akteur „berei­chert“ werden.
Schu­lung recht­fer­tigt keine Bera­tungs­tä­tig­keit
Soll­ten die Sibe für ihre Tätig­keit zukünf­tig Zeit zur Verfü­gung gestellt und eine finan­zi­elle Vergü­tung bekom­men, lässt sich die Beschrei­bung „Kollege unter Kolle­gen“ nicht mehr aufrecht­erhal­ten. Die wünschens­werte Mitar­bei­ter­be­tei­li­gung, die jetzt schon oft über die Sibe ausge­zeich­net funk­tio­niert, wäre wieder in Frage gestellt. Noch proble­ma­ti­scher wäre die Über­nahme von Verant­wor­tung über das bishe­rige Maß hinaus. Die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger bieten die unter­schied­lichs­ten Lehr­gänge für Sibe an; aller­dings gibt es kein durch­gän­gig abge­stimm­tes Konzept, wie man Sicher­heits­be­auf­tragte quali­täts­ge­si­chert schult, damit sie fach­lich fundiert Verant­wor­tung über­neh­men könn­ten.
Der Blick zu den Sifa zeigt, dass die dortige Ausbil­dung recht umfang­reich und weit­ge­hend harmo­ni­siert ist. Damit wird ein Stan­dard erreicht, der die Über­nahme von Verant­wor­tung für die Bera­tungs­tä­tig­keit der Sifa recht­fer­tigt.
Dies ist zumin­dest derzeit bei der Sibe-Schulung nicht möglich. Darüber hinaus ist es sehr frag­lich, ob die Unter­neh­men eine umfang­rei­che Ausbil­dung der Sibe akzep­tie­ren und finan­zie­ren würden, damit weitere Arbeits­schutz­ex­per­ten im Betrieb zur Verfü­gung stehen. Eine Verant­wor­tung für den Arbeits­schutz beim Sibe zu plat­zie­ren bedeu­tet auch zum Beispiel in einer Meis­te­rei zwei Verant­wort­li­che zu haben. Einmal den durch die Linie verant­wort­li­chen Meis­ter und zusätz­lich den Sibe vor Ort. Im Zweifels- oder Ernst­fall würde dann die bisher klare Verant­wor­tung in Frage gestellt.
Grund­le­gende Ände­run­gen beim Rollen­bild wirken sich aus den oben genann­ten Grün­den derart nega­tiv aus, dass die verblei­ben­den Vorteile durch eine Aufwer­tung der Sibe vernach­läs­sig­bar klein erschei­nen. Es stellt sich daher eher die Frage, ob nicht eine sinn­volle Aufwer­tung der Sibe auch beim jetzi­gen Rollen­bild erreicht werden kann. Aufwer­tung ist aller­dings keine Einbahn­straße. Dazu gehört, dass die Sibe durch die Betriebe aber auch durch die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger konse­quen­ter infor­miert, geschult und einge­setzt werden und dann auch von sich aus eine deut­lich akti­vere und selbst­be­wuss­tere Rolle spie­len.
Neues Rollen­bild nicht nötig
Viele Beispiele sowohl aus dem gewerb­li­chen als auch aus dem öffent­li­chen Bereich zeigen, dass Sibe nach aktu­el­lem Rollen­bild weit über­durch­schnitt­li­che Erfolge im Arbeits­schutz und auch weit über­durch­schnitt­li­che Akzep­tanz­werte errei­chen können. Es muss daher darum gehen, diese Beispiele guter Praxis zu multi­pli­zie­ren und in eine möglichst große Zahl von Unter­neh­men zu inte­grie­ren.
Der Sicher­heits­be­auf­tragte ist ein Erfolgs­mo­dell, das als gutes Beispiel für eine funk­tio­nie­rende ehren­amt­li­che und damit kosten­güns­tige Tätig­keit in Betrie­ben dienen kann. Wenn je nach Bran­che und Betriebs­struk­tur die rich­tige Auswahl, eine vernünf­tige Aufga­ben­stel­lung und Orga­ni­sa­ti­ons­form sowie die geeig­nete Aus- und Fort­bil­dung gesi­chert ist, werden die Sicher­heits­be­auf­trag­ten dauer­haft eine wich­tige Rolle in der Arbeits­schutz­or­ga­ni­sa­tion der Betriebe einneh­men.
Eine neues Rollen­bild ist hier­für nicht nötig, wohl aber eine Aufwer­tung der Sicher­heits­be­auf­trag­ten durch das konse­quente Nutzen ihrer Hand­lungs­fel­der.
Obmann des Themen­fel­des „Sicher­heits­be­auf­trag­ter“ im Fach­aus­schuss „Orga­ni­sa­tion des Arbeits­schut­zes“ der DGUV
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