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Genäht wird jetzt im Stehen

Gewinner des Europäischen Arbeitsschutz-Preises
Genäht wird jetzt im Stehen

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Zwei deutsche Unternehmen wur­den mit dem Euro­pean Good Prac­tice Award für ihre guten Lösun­gen zur Vor­beu­gung von Muskel- und Skelet­terkrankun­gen aus­geze­ich­net: Die Mewa Tex­til-Ser­vice AG in Wies­baden für ergonomis­che Arbeit­splätze von Näherin­nen und die Keu­lahütte GbmH in Krauschwitz für Muster-Arbeit­splätze von Gussputzern.

Bon­ni Nar­jes Media Con­tor — Frieden­sallee 27 22765 Ham­burg Dipl.-Ing. Detlef Trip­pler Maschi­nen­bau- und Met­all-BG Elster­str. 8 a 04109 Leipzig Frank-Michael Hun­dro Heulahütte GmbH Geschwis­ter-Scholl-Str. 15 02957 Krauschwitz

Cir­ca 25 Prozent aller betrieblichen Fehlzeit­en sind auf Muskel-Skelett-Erkrankun­gen zurück­zuführen. Neben enor­men wirtschaftlichen Ver­lus­ten verur­sachen die Erkrankun­gen und Beschw­er­den auch viel men­schlich­es Leid. Unter dem Mot­to „Pack’s leichter an!“ wollte die Europäis­che Arbeitss­chutza­gen­tur mit ihrem Wet­tbe­werb daher Beispiele prak­tis­ch­er Lösun­gen bekan­nt machen, die am Arbeit­splatz helfen, Erkrankun­gen des Muskel-Skelettsys­tems vorzubeu­gen.
Von ins­ge­samt 36 Bewer­bun­gen aus den Mit­gliedsstaat­en der Europäis­chen Union wur­den neun Pro­jek­te als beson­ders gut gekürt; darunter bei­de deutsche Vorschläge. Sie zeigen nicht nur, dass sich Muskel-Skelett-Belas­tun­gen in vie­len Fällen sehr erfol­gre­ich ver­hin­dern lassen, son­dern dass sich Investi­tio­nen in Präven­tion auch wirtschaftlich auszahlen: Weniger Belas­tun­gen führen zu mehr Arbeit­szufrieden­heit und steigern die Leis­tungs­fähigkeit der betrof­fe­nen Betriebe.
Höhen­ver­stell­bare Arbeit­stis­che
Die Mewa Tex­til-Ser­vice AG & Co. startete bere­its im Jahr 1994 erste Ver­suche, die Arbeit­splätze der Näherin­nen ergonomis­ch­er zu gestal­ten. Doch es existierten keine geeigneten Betrieb­smit­tel am Markt: Die Höhen­maße der Nähtis­che ori­en­tierten sich immer noch an denen der ersten ped­al­be­triebe­nen Tis­che, die Ende des 19. Jahrhun­derts aufka­men. „So blieben unsere Verbesserungs­be­stre­bun­gen unzure­ichend. Bis die Zusam­me­nar­beit mit dem Frank­furter Inge­nieur­büro Schwan startete“, erin­nert sich Rudolf Küt­tel­wesch, Geschäfts­führer Tech­nik und Pro­duk­tion des europaweit täti­gen Tex­til­dien­stleis­ters Mewa. Zusam­men mit der Led­erindus­trie Beruf­sgenossen­schaft, der Tex­til- und Bek­lei­dungsgenossen­schaft, der Hochschule München und dem Beruf­sgenossen­schaftlichen Insti­tut für Arbeitss­chutz hat­te der Ergonomie-Experte Her­mann Schwan dieses Pro­jekt ini­ti­iert und acht Unternehmen aus der Nähin­dus­trie zur Teil­nahme bewogen. Nach zwei­jähri­gen Forschun­gen stand der Muster-Arbeit­splatz. Genäht wird jet­zt im Ste­hen. Die Näherin­nen kön­nen sich frei bewe­gen und so auch an unter­schiedlichen Spezial­maschi­nen arbeit­en. Die Auflage­flächen für Hände und Arme lassen sich indi­vidu­ell ein­stellen. Das ent­lastet Schul­tern und Nack­en. Eine Fußaus­lä­sung und höhen­ver­stell­bare Arbeit­stis­che beu­gen ein­er gekrümmten Hal­tung vor. Die Wirbel­säule ist ent­lastet. Zusät­zlich wurde bei der Ein­rich­tung der neuen Arbeit­splätze auf eine offene Bauweise und ein möglichst hohes Maß an Tages­lichte­in­fall geachtet. Nach­dem die Mewa Gruppe, zu der 43 Stan­dorte gehören, 2002 als Pilot­pro­jekt die ersten 12 Steh-Nähar­beit­splätze in ihrem Betrieb Meißen­heim ein­gerichtet hat­te, sind es heute, in ein­er weit­eren Entwick­lungsstufe, bere­its mehr als 90 Nähar­beit­splätze.
Inten­sive Analyse der Arbeit­splätze
Der zweite deutsche Preisträger ist der Maschi­nen­her­steller Keu­lahütte aus Krauschwitz, der zusam­men mit der Fach­stelle Ergonomie der Maschi­nen­bau- und Met­all-Beruf­sgenossen­schaft Leipzig ergonomisch gestal­tete Muster­ar­beit­splätze für Gussputzer ein­richtete. Das Gussputzen gehört noch immer zu den am meis­ten belas­ten­den Tätigkeit­en in der Indus­trie. Steigende Kranken­stände und sink­ende Qual­ität der Arbeit waren der Grund für die inten­sive Beschäf­ti­gung mit den Gussputzer-Arbeit­splätzen in der Abteilung der Keu­lahütte Krauschwitz. Nach ein­er ersten Betrieb­s­bege­hung fol­gte eine inten­sive Analyse der betrof­fe­nen Arbeit­splätze unter anderem durch Befra­gen der Mitar­beit­er, Foto- und Videoauf­nah­men der Hand­lungsabläufe, den Ein­satz von Check­lis­ten zur Belas­tungssi­t­u­a­tion und ergonomis­che Mes­s­analy­sen.
Bei der Auswer­tung des umfan­gre­ichen Daten­ma­te­ri­als arbeit­eten Fach­leute aus dem Unternehmen mit exter­nen Beratern Hand in Hand. Sicher­heits­fachkräfte, Per­son­alvertreter und Mitar­beit­er des Unternehmens sucht­en mit Arbeitsmedi­zin­ern, Ergonomen und Vertretern der Unfal­lver­sicherung und der Krankenkasse sowie Mitar­beit­ern von Forschungs- und Entwick­lung­sein­rich­tun­gen nach Prob­lem­lö­sun­gen. Ein extern­er Mod­er­a­tor half in der Koor­di­na­tion. Die Arbeit­en waren durch Rumpf­beuge­hal­tung und Hand­haben hoher Last­gewichte beim Aufnehmen und Able­gen der Gussstücke beson­ders belas­tend. Darauf reagierte man mit fol­gen­den Präven­tion­s­maß­nah­men:
  • Ein­satz von Hub- und Kipp­tis­chen
  • Ein­satz von Git­ter­box­en mit besserem Zugriff
  • größere Auflage­flächen am Schleif­block
  • Höhenan­pas­sun­gen von Arbeit­stis­chen und Schleif­blöck­en
  • Ein­führung von Kurz­pausen­sys­te­men
  • Zyk­luswech­sel
  • Jobro­ta­tion
  • Erneuerung der Absaugungs- und Beleuch­tungsan­lage
Die Ergeb­nisse: Die Arbeits­be­las­tun­gen wur­den deut­lich ver­ringert. Die Rumpf­beuge­hal­tun­gen mit Nei­gun­gen größer 20 Grad kon­nten beina­he voll­ständig eli­m­iniert wer­den. Eben­so die anteilig hohen Las­ten­hand­habun­gen (z. B. Last zwis­chen 20 kg und 25 kg, vorher: 28,3 % Häu­figkeit, nach­her: 0,3 % Häu­figkeit). Der Arbeit­skreis wird sich nach ca. einem Jahr erneut tre­f­fen und über­prüfen, ob sich der Kranken­stand und die Qual­ität der Arbeit in der Abteilung Gussputzen nach­haltig verbessert hat.
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