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Doppelbelastung Beruf und Pflege

Hilfen annehmen
Doppelbelastung Beruf und Pflege

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Dop­pel­be­las­tung wurde lange Zeit mit der Vere­in­barkeit von Beruf­stätigkeit und Kinder­be­treu­ung gle­ich geset­zt. Auch weit­er­hin ist dies ein bedeu­ten­des gesellschaftlich­es Prob­lem. Nicht ganz so stark beachtet, hat sich in den let­zten Jahrzehn­ten ein weit­eres famil­iäres „Prob­lem­feld“ entwick­elt – die Vere­in­barkeit von Beruf und Pflege. Und auch hier sind zum über­wiegen­den Teil Frauen betroffen.

Mar­tin Schieron Dipl.-Pflegewissenschaftler (FH) Auf­sichtsper­son bei der Unfal­lka­sse Nordrhein-Westfalen

Während die Poli­tik die Frage der Kinder­be­treu­ungsplätze unter großer gesellschaftlich­er Aufmerk­samkeit mit vielfälti­gen Anstren­gun­gen ange­ht, führt die häus­liche Betreu­ung pflegebedürftiger Men­schen in der öffentlichen Wahrnehmung oft noch ein Schat­ten­da­sein. Demografis­che Voraus­sagen zeigen jedoch deut­lich, dass sich diese Frage noch lange nicht bis zu ihrem größten Aus­maß ent­fal­tet hat.
Die meis­ten pflegebedürfti­gen Men­schen wün­schen sich, in „heimis­ch­er“ Umge­bung von ver­traut­en, geliebten Men­schen ver­sorgt zu wer­den. Ver­mut­lich ist dies auch der Wun­sch der meis­ten Men­schen, die noch nicht pflegebedürftig sind, die sich aber bere­its heute mit diesem The­ma auseinan­der set­zen. Gle­ichzeit­ig zeigt diese Wun­schvorstel­lung auch jet­zt schon die Real­ität häus­lich­er Pflege auf.
Prob­lem: man­gel­nde Anerkennung
Bere­its heute wer­den 69 % aller im Sinne der Pflegev­er­sicherung (SGB XI) min­destens „erhe­blich pflegebedürfti­gen“ Men­schen im häus­lichen Umfeld durch pfle­gende Ange­hörige versorgt.
Dabei sind pfle­gende Ange­hörige durch die Pflege oft stärk­eren und anderen Beanspruchun­gen aus­ge­set­zt als pro­fes­sionelle Pflegekräfte. Durch die räum­liche und emo­tionale Nähe zum Pflegebedürfti­gen ist es für sie oft­mals schwierig, abschal­ten zu kön­nen. Man­gel­nde Anerken­nung der eige­nen Leis­tung durch die pflegebedürftige Per­son, Fam­i­lien­ange­hörige, Arbeit­skol­le­gen, aber auch durch die Gesellschaft kön­nen zusät­zlich zu kör­per­lichen Beanspruchun­gen durch die Pflege schw­er auf Seele und Kör­p­er las­ten. Dies führt bere­its heute häu­fig zu Erschöp­fungszustän­den und psy­cho­so­ma­tis­chen Störungen.
Ein knappes Vier­tel aller Hauptpflegeper­so­n­en (pfle­gende Ange­hörige, die den Haupt­teil der pflegerischen Ver­sorgung bei ein­er pflegebedürfti­gen Per­son erbrin­gen) ist neben der Pflegetätigkeit beruf­stätig. Dies kann ins­beson­dere dann zu Prob­le­men der Vere­in­barkeit führen, wenn die Beruf­stätigkeit aus finanzieller Notwendigkeit nicht aufgegeben wer­den kann. Ander­er­seits empfind­en es Beruf­stätige unter Umstän­den auch als Ent­las­tung von der Pflege, wenn sie weit­er­hin arbeiten.
Soziale Kon­tak­te, die erhal­ten bleiben, sowie Sin­n­find­ung außer­halb des häus­lichen Umfelds kön­nen sich pos­i­tiv auf die Pflegeper­son und somit auch auf die häus­liche Pfle­ge­si­t­u­a­tion auswirken.
Pfle­gende entlasten
Ob pfle­gende Ange­hörige weit­er­hin beruf­stätig sind oder nicht – die hohe Beanspruchung durch die Pflege bleibt meist beste­hen. Es gibt jedoch viele Möglichkeit­en, pfle­gende Ange­hörige zu ent­las­ten und zu unterstützen.
Der Geset­zge­ber hat bere­its von Anfang an Unter­stützungs- und Ent­las­tungsleis­tun­gen für pfle­gende Ange­hörige in das SGB XI eingear­beit­et und diese in den let­zten Jahren erweit­ert. Hierzu zählen z. B.:
  • Leis­tun­gen zur sozialen Sicherung (Leis­tun­gen zur Renten­ver­sicherung, und zur beru­flichen Wiedere­ingliederung, Unfal­lver­sicherungss­chutz – § 44 Absatz 1 SGB XI),
  • zusät­zliche Leis­tun­gen bei Inanspruch­nahme der Pflegezeit (§ 44a SGB XI),
  • Pflegekurse und häus­liche Schu­lun­gen (§ 45 SGB XI),
  • Beratun­gen im häus­lichen Umfeld (§ 37 Absatz 3 SGB XI),
  • Ver­hin­derungs- und Kurzzeitpflege (§§ 39, 42 SGB XI),
  • Pflege­hil­f­s­mit­tel und tech­nis­che Hil­fen (§40 SGB XI),
  • Teil­sta­tionäre Pflege (§41 SGB XI)
  • Leis­tun­gen für Pflegebedürftige mit erhe­blichem all­ge­meinen Betreu­ungs­be­darf (§ 45b SGB XI).
Beratung nutzen
Einige dieser Leis­tun­gen zie­len direkt auf die pfle­gen­den Ange­höri­gen. Andere sind primär Leis­tun­gen für die Pflegebedürfti­gen, die jedoch zur Ent­las­tung pfle­gen­der Ange­höriger beitra­gen können.
Beratung zu diesen Leis­tun­gen kann direkt bei den Pflegekassen oder auch – je nach Bun­des­land – bei Pflegestützpunk­ten, kom­mu­nalen Pflege- und Senioren­ber­atungsstellen oder auch Beratungsstellen der Anbi­eter von Pflegeleis­tun­gen einge­holt werden.
Auch im Inter­net sind bere­its viel­er­lei Infor­ma­tio­nen zu Unter­stützungs- und Ent­las­tungsmöglichkeit­en für pfle­gende Ange­hörige erhältlich. Als Beispiele seien hier das Inter­net­por­tal für pfle­gende Ange­hörige der Unfal­lka­sse Nor­drhein-West­falen (http://www.unfallkasse-nrw.de/pflegende-angehoerige) und das Ange­bot ein­er Online-Beratung unter http://www.pflegen-und-leben.de (gefördert durch das Bun­desmin­is­teri­um für Fam­i­lie, Senioren, Frauen und Jugend) genannt.
Betrieb­sin­terne Angebote
Vielfach haben auch Arbeit­ge­ber erkan­nt, dass sie ihre Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er durch betrieb­sin­terne Ange­bote wie Beratung, Infor­ma­tion­stage mit Unter­stützung regionaler Pflege­ber­ater oder sog­ar durch die Anmi­etung von Tage­spflege­plätzen unter­stützen können.
Die vorhan­de­nen Unter­stützungsange­bote wer­den oft nicht im gewün­scht­en Maß in Anspruch genom­men. Dies liegt ein­er­seits daran, dass Ange­bote und Möglichkeit­en oft nicht bekan­nt sind. Ander­er­seits gibt es auch auf Seit­en der pfle­gen­den Ange­höri­gen selb­st oft Bedenken, diese Ange­bote anzunehmen. Und das ist auch ver­ständlich: Wer gibt schon gerne zu, dass sie oder ihn die Anforderun­gen der eige­nen Lebenssi­t­u­a­tion über­fordern? Wer lässt schon gerne „fremde“ Men­schen (z.B. pro­fes­sionelle Pflegekräfte) in die eige­nen vier Wände?
Nur wer für sich selb­st gut sorgt, kann auch gut für andere sorgen
Dabei ist es wichtig, sich als pfle­gen­der Ange­höriger Hil­fe und Unter­stützung zu holen. Nur wer sich sel­ber pflegt und gut für sich sorgt, kann auch gut für andere sor­gen. Für den Bere­ich der Kinder­be­treu­ung ist dies längst gesellschaftlich anerkan­nt. Kaum jemand wird Eltern, die ihr Kind zeitweise in die Obhut eines Kinder­gartens geben, Über­forderung oder Ver­ant­wor­tungslosigkeit vor­w­er­fen. Wahrschein­lich würde dies auch kaum jemand bei pfle­gen­den Ange­höri­gen tun, die sich die Hil­fe eines ambu­lanten Dien­stes oder ein­er Tage­spflegeein­rich­tung holen. Den­noch scheint hier noch Bedarf zu sein, diese Hil­fen „gesellschafts­fähiger“ zu machen.
Auch ein The­ma für Sibe
Sicher­heits­beauf­tragte kön­nen hier betrieb­sin­tern als Mul­ti­p­lika­toren dienen. Oft­mals weiß die Betrieb­sleitung gar nicht, welche Mitar­beit­er gle­ichzeit­ig auch pfle­gende Ange­hörige sind – Sicher­heits­beauf­tragte als direk­te Kol­le­gen wis­sen da oft mehr. Beiläu­fig erwäh­nte Infor­ma­tio­nen darüber, dass es Hil­fen für pfle­gende Ange­hörige gibt und wo Infor­ma­tio­nen darüber zu bekom­men sind, kön­nen der erste Schritt sein, Kol­legin­nen und Kol­le­gen in dieser Sit­u­a­tion zu zeigen: „Ihr müsst da nicht alleine durch“. Weit­ere betrieb­sin­terne Aktiv­itäten – wie bere­its oben erwäh­nt – kön­nten hier folgen.
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