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Erst­hel­fer im Betrieb

Im Notfall zur Stelle
Erst­hel­fer im Betrieb

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Manch­mal reicht ein Pflas­ter. Wer sich aller­dings schon einmal hefti­ger verletzt hat, weiß, dass Erste Hilfe mehr ist: schnelle, sach­ge­rechte Hilfe, ruhig und beson­nen ausge­führt. Bei einem Arbeits­un­fall kann ein Erst­hel­fer sogar Lebens­ret­ter sein. Doch wer eignet sich zum Erst­hel­fer im Betrieb? Und wer bezahlt die Ausbil­dung?

Sebas­tian K. ist seit seiner Jugend in der frei­wil­li­gen Feuer­wehr aktiv. Er war schon bei vielen Einsät­zen dabei. Schwie­ri­gen Situa­tio­nen begeg­net er beson­nen. Verletzte betreut er fürsorg­lich und umsich­tig. Bei den Schu­lun­gen für Feuer­wehr­leute hat er auch gelernt, Wunden zu versor­gen, Brüche zu schie­nen, Blut zu stil­len und mit Perso­nen umzu­ge­hen, die einen Schock haben. Auf der Suche nach einem mögli­chen Erst­hel­fer für den Betrieb wäre Sebas­tian K. ebenso erste Wahl, wie sein Kollege, der ehren­amt­lich im Rettungs­dienst tätig ist.
Schu­lung mit prak­ti­schen Übun­gen
Es lohnt sich also, im Betrieb rumzu­fra­gen, was die Mitar­bei­ter in ihrer Frei­zeit machen. Sollte sich niemand finden, der bereits Erfah­rung mit Erster Hilfe hat, schickt man am besten einen Frei­wil­li­gen zu einem Erste-Hilfe-Lehrgang. Diese werden von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie dem Deut­schen Roten Kreuz, dem Malte­ser Hilfs­dienst, dem Arbeiter-Samariter-Bund, der Deut­schen Lebens-Rettungs-Gesellschaft oder der Johanniter-Unfall-Hilfe ange­bo­ten. Ideal sind ziel­grup­pen­spe­zi­fi­sche Ange­bote, also solche, die sich an den betrieb­li­chen Gefähr­dun­gen orien­tie­ren und auf die typi­schen Unfall- bzw. Verlet­zungs­si­tua­tio­nen des Beru­fes einge­hen. Zu den ausbil­den­den Dienst­leis­tern zählen Rettungs­dienste, Feuer­weh­ren und private Anbie­ter. Im Vorder­grund soll­ten auf alle Fälle immer prak­ti­sche Übun­gen stehen. Schu­lun­gen mit einem ganz­heit­li­chen Ansatz vermit­teln zudem soziale Hand­lungs­kom­pe­tenz. Denn je schwie­ri­ger ein Notfall, desto wich­ti­ger ist auch die seeli­sche Betreu­ung von Verletz­ten, Kolle­gen und Ange­hö­ri­gen.
Von Unfall bis Zucker­schock
Im betrieb­li­chen Umfeld kommt es jedes Jahr zu einer Viel­zahl von Notfäl­len. Das kann ein Unfall sein. Aber auch ein Herz­in­farkt, ein Zucker­schock oder Herz-Kreislauf-Versagen können lebens­be­droh­lich sein und verlan­gen nach Erste-Hilfe-Maßnahmen bis profes­sio­nelle Helfer wie Notarzt oder Rettungs­sa­ni­tä­ter vor Ort sind. Erste Hilfe umfasst medi­zi­ni­sche, orga­ni­sa­to­ri­sche und betreu­ende Maßnah­men mit einfa­chen Mitteln. In einem Notfall muss jeder – nach § 323 c Straf­ge­setz­buch – sofort best­mög­li­che Hilfe leis­ten. Auch wer meint, nichts über Erste Hilfe zu wissen oder bei dem ein Erste-Hilfe-Kurs schon lange zurück­liegt, muss aktiv werden.
Umfra­gen erge­ben aber immer wieder: Die Angst, etwas falsch zu machen oder den Verletz­ten noch mehr zu schä­di­gen, ist größer als der Mut zum Helfen. Hinzu kommt die Befürch­tung, für einen entstan­de­nen Scha­den einste­hen zu müssen oder für einen Fehler bestraft zu werden. Nicht selten kommt es deshalb vor, dass keine Hilfe geleis­tet wird, obwohl die gesetz­li­che Verpflich­tung zur Hilfe­leis­tung besteht. Gegen die Angst, etwas falsch zu machen, kann man etwas tun: an einem Erste-Hilfe-Kurs teil­neh­men. Der Betrieb sollte regel­mä­ßig seine Mitar­bei­ter schu­len, damit sie im Notfall beherzt handeln.
Ab zwei Versi­cherte ein Erst­hel­fer
In der Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift „Grund­sätze der Präven­tion“ (BGV A1) ist gere­gelt, wie viele Erst­hel­fer in einem Unter­neh­men mindes­tens zur Verfü­gung stehen müssen:
Unter zwei bis 20 anwe­sen­den Versi­cher­ten muss mindes­tens ein Erst­hel­fer sein. Sind mehr als 20 Versi­cherte anwe­send, hängt die Anzahl der Erst­hel­fer von der Bran­che ab und berech­net sich prozen­tual. In Verwaltungs- und Handels­be­trie­ben müssen fünf Prozent der anwe­sen­den Versi­cher­ten ausge­bil­dete Erst­hel­fer sein, in ande­ren Betrie­ben zehn Prozent. Wird im Betrieb mit gefähr­li­chen Stof­fen umge­gan­gen, ist eine entspre­chende Zusatz­aus­bil­dung für die Erst­hel­fer erfor­der­lich. Sie kann zum Beispiel vom Betriebs­arzt durch­ge­führt werden.
Der Unter­neh­mer hat bei der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung zu prüfen, ob er mit der vorge­schrie­be­nen Anzahl an Erst­hel­fern auskommt oder ob zusätz­li­che notwen­dig sind. Sind etwa auf einer Baustelle Mitar­bei­ter verschie­de­ner Unter­neh­men tätig, so können sich diese abspre­chen. Auch ein Bewa­chungs­un­ter­neh­men kann neben der eigent­li­chen Wach­tä­tig­keit Erst­hel­fer­auf­ga­ben mit über­neh­men. Oder der Unter­neh­mer selbst kann sich ausbil­den lassen. Das ist etwa bei klei­nen Betrie­ben oft eine gängige Lösung.
Eine große Heraus­for­de­rung ist für Erst­hel­fer immer eine unge­wöhn­li­che Arbeits­stätte wie etwa ein Wind­park im Meer. Im Notfall muss die Rettungs­kette über eine weite Distanz funk­tio­nie­ren. Ärzte an Land veran­las­sen die medi­zi­ni­schen Maßnah­men übers Inter­net, die dann auf der Platt­form ausge­führt werden müssen. Damit das funk­tio­niert, ist es wich­tig, dass die Unter­neh­men ihre Erst­hel­fer entspre­chend ausbil­den lassen.
Schicht­dienst und Urlaubs­zei­ten
Achtung! Die notwen­dige Anzahl der anwe­sen­den ausge­bil­de­ten Erst­hel­fer muss auch im Schicht­dienst bzw. in Urlaubs­zei­ten gewähr­leis­tet sein. Sind keine oder nicht genü­gend ausge­bil­dete Erst­hel­fer im Betrieb vorhan­den, kann das teuer werden.
Betriebe, die keine oder zu wenig Erst­hel­fer haben, bege­hen eine Ordnungs­wid­rig­keit. Es drohen Verwar­nungs­geld oder ein Bußgeld bis zu 10.000 Euro. Erlei­det ein Mitar­bei­ter wegen mangeln­der Erster Hilfe gesund­heit­li­che Schä­den oder kommt er sogar zu Tode, kann eine Anklage wegen Körper­ver­let­zung bzw. fahr­läs­si­ger Tötung erfol­gen.
Kosten, die sich bezahlt machen
Die Aus- und Fort­bil­dung von Erst­hel­fe­rin­nen und Erst­hel­fern kostet Geld. Der Betrieb muss die Beschäf­tig­ten für die Dauer der Ausbil­dung frei­stel­len und für die Fahrt­kos­ten aufkom­men. Die Träger der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung über­neh­men die Lehr­gangs­kos­ten. Eine Fort­bil­dung ist kürzer als die Erst­aus­bil­dung und dadurch deut­lich güns­ti­ger. Deshalb lohnt es sich, wenn eine Person die Aufgabe für mehrere Jahre über­nimmt.
Der Unter­neh­mer meldet den Betriebs­an­ge­hö­ri­gen, der zum Erst­hel­fer ausge­bil­det werden soll, schrift­lich bei einer dafür ermäch­tig­ten Stelle an. Der Grund­kurs dauert 16 Unter­richts­ein­hei­ten zu je 45 Minu­ten. Alle zwei Jahre müssen die Kennt­nisse durch ein Erste-Hilfe-Training aufge­frischt werden. Dieses Trai­ning dauert acht Unter­richts­ein­hei­ten. Hier wird unter ande­rem die Herz-Lungen-Wiederbelebung geübt. Liegt der Erste-Hilfe-Kurs länger als zwei Jahre zurück und wurde zwischen­zeit­lich kein Erste-Hilfe-Training besucht, besitzt er keine Gültig­keit mehr.
Der Erste-Hilfe-Kurs „Sofort­maß­nah­men am Unfall­ort für Führer­schein­be­wer­ber“, den fast alle Mitar­bei­ter haben, reicht für den Einsatz als betrieb­li­cher Erst­hel­fer nicht aus!
Das Recht auf ihrer Seite
Bei Unfäl­len und Notfäl­len im betrieb­li­chen Alltag kann sofor­tige Hilfe lebens­ret­tend sein. Doch immer wieder zögern Kolle­gin­nen und Kolle­gen, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen. Der größte Fehler aller­dings ist es, nichts zu tun. Und straf­bar ist unter­las­sene Hilfe­leis­tung auch.
Niemand muss befürch­ten, dass er für einen Scha­den haft­bar gemacht oder für einen Fehler bestraft wird. Wenn jemand Erste Hilfe leis­tet und dabei der verletz­ten Person Körper­schä­den zufügt oder Sach­be­schä­di­gun­gen herbei­führt, hat das keine recht­li­chen Folgen für den Erst­hel­fer. Denn manch­mal ist es notwen­dig, ein Klei­dungs­stück zu zerschnei­den, um eine Wunde zu versor­gen oder jeman­den wieder­zu­be­le­ben, trotz des Risi­kos, dabei eine Rippe zu brechen. Und auch wer zu schnell fährt, um drin­gend benö­tigte profes­sio­nelle Hilfe zu holen, die etwa tele­fo­nisch nicht erreich­bar ist, muss mit keinen straf­recht­li­chen Konse­quen­zen rech­nen.
Wer sich als Erst­hel­fer selbst verletzt oder wem bei der Hilfe etwas beschä­digt wird, hat Anspruch auf Scha­den­er­satz: Im Betrieb, beim Weg von oder zur Arbeit sowie auf Dienst­we­gen sind Körper­schä­den über den Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger des Verletz­ten abge­deckt. Sach­schä­den können gegen­über dem verpflich­te­ten Unter­neh­mer geltend gemacht werden. Sollte der Erst­hel­fer bei der Hilfe­leis­tung zu Tode kommen, haben die Hinter­blie­be­nen Anspruch auf Rente und Ster­be­geld.
Die Pflicht zur medi­zi­ni­schen Hilfe entfällt nur, wenn diese bereits sach­kun­dig geleis­tet wird, zum Beispiel durch einen Arzt. Auch muss sich niemand selbst in große Gefahr brin­gen. Ein Nicht­schwim­mer ist beispiels­weise nicht verpflich­tet, einen Ertrin­ken­den zu retten. Doch es wird von ihm erwar­tet, dass er Hilfe herbei­holt oder einen Notruf absetzt.
Bettina Brucker

Wich­tig bei Notfäl­len
    • eine Notlage erken­nen,
    • den Notruf 112 täti­gen,
    • die hilfs­be­dürf­tige Person betreuen,
    • sensi­bel auf die Bedürf­nisse eines Verletz­ten einge­hen,
    • einen Betrof­fe­nen nicht alleine lassen.

Erst­hel­fer unter­stüt­zen
      • Alle zwei Jahre eine eintä­gige Fort­bil­dung durch­füh­ren.
      • Infor­ma­ti­ons­ma­te­rial zur Ersten Hilfe ausle­gen.
      • Ein Plakat aufhän­gen, was im Notfall zu tun ist.
      • Ersthelfer-Treffen mit Übun­gen am Arbeits­platz anbie­ten.
      • Den Erst­hel­fern gegen­über Wert­schät­zung zum Ausdruck brin­gen.
      • Die Erst­hel­fer in der Firmen­zeit­schrift vorstel­len.

Weitere Infor­ma­tio­nen …
… erhal­ten Sie unter ande­rem in
      • Erste Hilfe im Betrieb“ (BGI/GUV‑I 509),
      • der DGUV-Broschüre „Rechts­fra­gen bei Erste-Hilfe-Leistungen durch Erst­hel­fer“ sowie
      • auf der Inter­net­seite des Fach­be­reichs Erste Hilfe der DGUV unter www.dguv.de/fb-erstehilfe Hier können Sie auch nach Ausbil­dungs­stel­len für Erst­hel­fer recher­chie­ren.
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