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Mobbing am Arbeits­platz

Jeder kann zur Zielscheibe werden
Mobbing am Arbeits­platz

Mobbing hat viele Facetten. Ausgrenzen ist eine davon. Foto: Kitty - Fotolia.com
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Rund zwei Millio­nen Deut­sche wurden am Arbeits­platz schon einmal gemobbt, das heißt über einen länge­ren Zeit­raum schi­ka­niert. – Unter Umstän­den auch, um sie „loszu­wer­den“. Typi­sche Mobbing­op­fer gibt es nicht, zur Ziel­scheibe kann jeder werden. Aber: Unter­neh­men können vorbeu­gen, und Betrof­fene, Kolle­gen sowie Vorge­setzte soll­ten recht­zei­tig reagie­ren.

Fünf Prozent der Beschäf­tig­ten in Deutsch­land wurden am Arbeits­platz schon einmal gemobbt oder schi­ka­niert, so die Tech­ni­ker Kran­ken­kasse (TK). Sie bezieht sich auf die Ergeb­nisse der Euro­päi­schen Erhe­bung über Arbeits­be­din­gun­gen (EWCS) aus dem Jahr 2010 von Euro­found. Die Frage „Wurden Sie im vergan­ge­nen Monat verbal belei­digt?“ beant­wor­tete in der euro­pa­wei­ten Befra­gung jeder achte befragte Bundes­bür­ger mit „Ja“. Und 4,3 Prozent bestä­tig­ten, dass sie am Arbeits­platz sogar Drohun­gen und ernied­ri­gen­dem Verhal­ten ausge­setzt sind.

Wo Menschen über viele Stun­den zusam­men­ar­bei­ten, gibt es Reibungs­punkte und Ausein­an­der­set­zun­gen. „Das ist normal“, sagt Heiko Schulz, Diplom-Psychologe bei der TK. „Kritisch aber wird es, wenn ein Mitar­bei­ter syste­ma­tisch, über einen länge­ren Zeit­raum schi­ka­niert wird – mit dem Effekt, diese Person raus­zu­ki­cken.“ Zur Ziel­scheibe kann jeder werden. Typi­sche Charak­ter­ei­gen­schaf­ten, die einen Menschen zum bevor­zug­ten Mobbing-Opfer machen, gibt es laut Schulz nicht. Der ziel­ge­rich­tete Terror kann zwischen Kolle­gin­nen und Kolle­gen statt­fin­den, von Vorge­setz­ten ausge­hen oder von Mitar­bei­tern, die ihre Chefs mobben. In etwa der Hälfte aller Fälle, so der Mobbing­be­richt der Bundes­re­gie­rung, sind Vorge­setzte an diesen Prozes­sen betei­ligt.
Vehe­menz ist stär­ker gewor­den
„Gemobbt wurde zwar immer schon, doch die Vehe­menz und Inten­si­tät ist stär­ker gewor­den. Die Konkur­renz schläft nicht, der wirt­schaft­li­che Druck auf manche Unter­neh­men ist groß. Das schafft tenden­zi­ell ein raues Betriebs­klima, erzeugt Verun­si­che­rung und Stress bei den Mitar­bei­tern“, erklärt Schulz. Wer gemobbt wird, leidet körper­lich und psychisch. Am Anfang reagie­ren die Betrof­fe­nen mit Beschwer­den wie Kopf­schmer­zen, Antriebs­lo­sig­keit, Schlaf­stö­run­gen und Verspan­nun­gen auf den Stress. Im fort­ge­schrit­te­nen Mobbing­sta­dium können dann ernst­hafte Erkran­kun­gen hinzu­kom­men wie etwa Migräne, Angst­zu­stände, Tabletten- oder Alko­hol­ab­hän­gig­keit, Depres­sio­nen und Herz-Kreislauf-Probleme.
Scha­den auch fürs Unter­neh­men
Auch dem Unter­neh­men scha­det Mobbing, unter ande­rem durch erhöhte Kran­ken­stände, Quali­täts­ver­lust, hohe Mitar­bei­ter­fluk­tua­tion und ein schlech­tes Betriebs­klima. Gemobbte Arbeit­neh­mer reagie­ren viel­fach mit inne­rer Kündi­gung, dadurch bleibt ihr Poten­zial am Arbeits­platz unaus­ge­schöpft.
Gute Gesprächs­kul­tur hilft
Doch gegen Mobbing lässt sich etwas unter­neh­men. „Das üble Geschwür Mobbing kann sich immer dann bequem einnis­ten und unkon­trol­liert wach­sen, wenn es keine Gesprächs­kul­tur im Betrieb gibt. Eine gute inner­be­trieb­li­che Kommu­ni­ka­tion ist also ein wich­ti­ger Bestand­teil der Präven­tion“, sagt Schulz. Die Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten unter­stüt­zen durch Betriebs­be­ra­tung und bieten Mobbing­prä­ven­tion durch Semi­nare für Führungs­kräfte und Betriebs­räte an.
Mobber früh zur Rede stel­len
„Betrof­fene soll­ten ihren Mobber möglichst früh­zei­tig zur Rede stel­len. Führt das nicht zur Klärung des Konflik­tes, kann man den direk­ten Vorge­setz­ten einwei­hen. Ist er selbst der Täter, wendet man sich an dessen Vorge­setz­ten oder den Betriebs­rat“, rät der Diplom-Psychologe. Für die Inter­ven­tion in konkre­ten Mobbing­fäl­len ist jeden­falls der Arbeit­ge­ber verant­wort­lich. In manchen Firmen gibt es einen Konflikt­ma­na­ger, einen inter­nen Anti-Mobbingbeauftragten oder das Ange­bot einer exter­nen Mitar­bei­ter­be­ra­tung. Falls nicht, kann man sich an einen exter­nen profes­sio­nel­len Media­tor wenden, der unpar­tei­lich sein muss. Mobbing­be­ra­tungs­stel­len befin­den sich inzwi­schen in jeder größe­ren Stadt.
Für den Fall, dass es später doch zu einem Arbeits­ge­richts­pro­zess kommt und man bewei­sen muss, dass man tatsäch­lich gemobbt wurde, hilft ein „Mobbing­ta­ge­buch“. Jeder Vorfall mit Uhrzeit, Ort und gege­be­nen­falls anwe­sen­den Zeugen werden darin doku­men­tiert. Die Aufzeich­nun­gen helfen auch, um im Gespräch mit einem Bera­ter schnel­ler auf den Punkt zu kommen.
Situa­tion sorg­fäl­tig analy­sie­ren
Eine sorg­fäl­tige Analyse ist wich­tig, um die Lage realis­tisch über­bli­cken zu können: Welche Ursa­chen liegen zugrunde, wer sind die handeln­den Perso­nen, welche Inter­es­sen stecken hinter dem Konflikt, hat man selbst Anteil daran? „Mögli­cher­weise ist man ja auch gar nicht persön­lich gemeint, sondern fungiert eher als Blitz­ab­lei­ter für eine allge­mein schlechte Stim­mung im Team“, gibt Schulz zu beden­ken. Und natür­lich muss das Ziel defi­niert werden: Was will ich? Die Situa­tion verän­dern und den Arbeits­platz behal­ten oder eine Abfin­dung erhal­ten und erho­be­nen Haup­tes gehen?
Den Blick­win­kel verän­dern
„Manchen Betrof­fe­nen hilft eine Psycho­the­ra­pie, um den Konflikt zu bear­bei­ten. Auch das Gespräch mit ande­ren Betrof­fe­nen in Selbst­hil­fe­grup­pen ist wert­voll“, sagt Schulz. „Wich­tig ist, dass man sich nicht rund um die Uhr von dem Thema gefan­gen nehmen lässt. Gerade in dieser belas­ten­den Situa­tion kommt es darauf an, Dinge zu tun, die Spaß machen, ablen­ken und den Blick­win­kel verän­dern.“
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