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PTBS: Nach dem Unfall oder Überfall

Lexikon der Unfallversicherung: Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
PTBS: Nach dem Unfall oder Überfall

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Eine Post­trau­ma­tis­che Belas­tungsstörung (PTBS) entste­ht als eine verzögerte Reak­tion auf ein belas­ten­des Ereig­nis oder eine Sit­u­a­tion kürz­er­er oder län­ger­er Dauer, mit außergewöhn­lich­er Bedro­hung oder katas­tro­phenar­tigem Aus­maß, die bei fast jedem eine tiefe Verzwei­flung her­vor­rufen würde. Typ­is­che Merk­male sind das wieder­holte Erleben des Trau­mas in sich auf­drän­gen­den Erin­nerun­gen (Nach­hal­lerin­nerun­gen, Flash­backs), Träu­men oder Alp­träu­men.

Antje Did­laukat

Während der betrieblichen Tätigkeit kön­nen sich schwere Unfälle oder Über­fälle ereignen, die, wer­den sie nicht psy­chol­o­gisch behan­delt, in 20 von 100 Fällen zu ein­er post­trau­ma­tis­chen Belas­tungsstörung (PTBS) führen. Für die Unfal­lver­sicherungsträger stellen die PTBS zum einen eine Unfall­folge mit echtem Krankheitswert dar und sind daher durch eine ther­a­peutis­che Behand­lung zu reha­bil­i­tieren. Eine PTBS, die im Zusam­men­hang mit der beru­flichen Tätigkeit auftritt, wird als Arbeit­sun­fall anerkan­nt. Zum anderen sind die PTBS eine arbeits­be­d­ingte Gesund­heits­ge­fahr. Dies löst die Verpflich­tung der Unfal­lver­sicherungsträger aus, im Rah­men der Präven­tion­sar­beit die Entste­hung von PTBS zu ver­hüten bzw. für eine wirk­same Erste Hil­fe zu sor­gen. Gegen­stand des nach­fol­gen­den Artikels soll es nun­mehr sein, den Begriff „Post­trau­ma­tis­che Belas­tungsstörung“ als Folge eines Arbeit­sun­falls zu erläutern und die Hand­lung­sop­tio­nen aufzuzeigen, die den Arbeit­ge­bern und den Betrof­fe­nen zur Ver­fü­gung ste­hen, um die Entste­hung ein­er PTBS zu ver­hin­dern.

Ein Phänomen unserer Zeit?

Erst im Jahr 1980 wurde die Diag­nose „Post­trau­ma­tis­che Belas­tungsstörung“ in das Diag­nose-Man­u­al DSM III, das von der Amer­i­can Psy­chi­atric Asso­ci­a­tion her­aus­gegeben wird, aufgenom­men. Die PTBS ist jedoch kein Phänomen, das erst in jün­ger­er Zeit aufge­treten ist. Vielmehr kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Symp­tome ein­er PTBS sich auch immer dann zeigen, wenn beson­dere Sit­u­a­tio­nen (Brände, Kriege) als Aus­lös­er für die Entste­hung ein­er PTBS vorgele­gen haben. Schilderung von Trau­ma­tisierun­gen find­en sich beispiel­sweise nach Ende des ersten und zweit­en Weltkrieges sowie nach dem Viet­namkrieg. Den Betrof­fe­nen war es oft nicht möglich wieder an einem nor­malen zivilen Leben teilzuhaben und sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. In den Sechziger­jahren wur­den die Forschun­gen dann auf die so genan­nte Katas­tro­phen­forschung, d.h. auf Betrof­fene von Naturkatas­tro­phen und Unfällen sowie auf die dort täti­gen Ret­tungskräfte aus­geweit­et und Behand­lungsver­fahren entwick­elt.

Wer kann eine PTBS erleiden?

Auch son­st vol­lkom­men gesunde Per­so­n­en kön­nen in Aus­nahme­si­t­u­a­tio­nen ger­at­en, in denen die nor­malen Bewäl­ti­gungsmuster nicht mehr aus­re­ichen und dann eine PTBS entwick­eln. Man geht mit­tler­weile davon aus, dass acht Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an ein­er PTBS erkranken. Damit zählt die PTBS zu den häu­figeren psy­chis­chen Störun­gen. Allerd­ings kann immer­hin ein Drit­tel der Betrof­fe­nen als „Selb­s­theil­er“ beze­ich­net wer­den. Unmit­tel­bar nach dem Unfall zeigen auch sie meist Symp­tome ein­er PTBS, diese bilden sich aber zurück, ohne dass Hil­fen notwendig wären. Für etwa sieben Prozent der Risiko­gruppe ist aber auch eine sta­tionäre Trau­ma-Fach­be­hand­lung von vier bis acht Wochen angezeigt. 1 In 40 — 50 % der Fälle ver­steti­gen sich die Symp­tome. Einige Beruf­s­grup­pen sind mehr als andere dem Risiko aus­ge­set­zt an ein­er PTBS zu erkranken. So ist das Risiko der Erkrankung ins­beson­dere bei Ret­tungskräften, Feuer­wehrleuten, Sol­dat­en, Lok­führern (Selb­st­mörder vor Zug), Beschäftigten von Polizei und Ord­nungskräften sowie Schal­terangestell­ten von Post- und Bank­fil­ialen (Über­fälle) höher als das der All­ge­mein­bevölkerung. Aber nicht alle trau­ma­tisierten Per­so­n­en erlei­den eine PTBS. So sind ältere Men­schen weniger anfäl­lig als Jün­gere, Män­ner weniger als Frauen. 2

Wann liegt eine PTBS vor?

Die PTBS ist eine Krankheit und hat nach der Inter­na­tion­al Clas­si­fi­ca­tion of Dis­ease der WHO den Code F43.1. Die diag­nos­tis­chen Kri­te­rien für eine PTBS sind danach:
  • Der Betrof­fene war kurz- oder lan­gan­hal­tend einem belas­ten­den Ereig­nis von außergewöhn­lich­er Bedro­hung oder mit katas­trophalem Aus­maß aus­ge­set­zt, das bei fast jedem eine tiefe Verzwei­flung her­vor­rufen würde.
  • Es müssen anhal­tende Erin­nerun­gen an das trau­ma­tis­che Erleb­nis, oder wieder­holtes Erleben des Trau­mas in sich auf­drän­gen­den Erin­nerun­gen (Nach­hal­lerin­nerun­gen, Flash­backs, Träume, Alb­träume oder eine innere Bedräng­nis in Sit­u­a­tio­nen, die der Belas­tung ähneln oder damit in Zusam­men­hang ste­hen), vorhan­den sein.
  • Der Betrof­fene ver­mei­det Umstände, die der Belas­tung ähneln.
Min­destens eines der fol­gen­den Kri­te­rien muss darüber hin­aus erfüllt sein:
  • Eine teil­weise oder voll­ständi­ge Unfähigkeit, sich an einige wichtige Aspek­te des belas­ten­den Erleb­niss­es zu erin­nern.
  • Anhal­tende Symp­tome ein­er erhöht­en psy­chis­chen Sen­si­tiv­ität und Erre­gung, wobei min­destens zwei zusät­zliche Merk­male erfüllt sein müssen (Ein- und Durch­schlaf­störun­gen, Reizbarkeit und Wutaus­brüche, Konzen­tra­tionss­chwierigkeit­en, erhöhte Schreck­haftigkeit).
Entschei­dend für die Anerken­nung ein­er PTBS ist auch, dass die genan­nten Symp­tome inner­halb von sechs Monat­en nach dem belas­ten­den Ereig­nis auftreten müssen.

Schnelle Unterstützung hilft

Nach­dem die Unfal­lver­sicherungsträger durch die Unfallmel­dung von dem Ereig­nis Ken­nt­nis erlangt haben, ist eine schnelle und unbürokratis­che Unter­stützung der Betrof­fe­nen von ganz entschei­den­der Bedeu­tung für die Erfol­gsaus­sicht­en der Behand­lung. Daher übernehmen die Unfal­lver­sicherungsträger, zunächst ohne die Prü­fung eines Ursachen­zusam­men­hangs, beispiel­sweise die Kosten für fünf pro­ba­torische Sitzun­gen durch einen ärztlichen oder psy­chol­o­gis­chen Ther­a­peuten. Bei ein­er ther­a­peutis­chen Inter­ven­tion muss aber auch immer beachtet wer­den, dass diese nicht zu früh in die Wege geleit­et wird, da dies ggf. auch eine Chronifizierung vorantreiben kann. Bei der Frage, ob eine Behand­lung im Einzelfall erforder­lich ist, unter­stützt der Betrieb­sarzt.

Mitarbeiter auf Risiko vorbereiten

Opti­mal wäre es selb­stver­ständlich, die trau­ma­tisierende Sit­u­a­tion gar nicht erst entste­hen zu lassen. Dies ist aber nur in Aus­nah­me­fällen möglich (z.B. durch die Ver­min­derung des Anreizes für Über­fälle). Die Arbeit­ge­ber müssen und kön­nen aber ihre Mitar­beit­er auf Extrem­si­t­u­a­tio­nen vor­bere­it­en. Der Betrieb kann z.B. im Rah­men sein­er Aus- und Fort­bil­dung, das Risiko ein­er Trau­ma­tisierung besprechen. Den Betrof­fe­nen soll­ten hier­bei auch die möglichen Fol­gen sowie Bewäl­ti­gungsstrate­gien verdeut­licht wer­den. Ist ein trau­ma­tisieren­des Ereig­nis einge­treten, muss unbürokratisch Erste Hil­fe bere­it gestellt wer­den, beispiel­sweise alleine schon durch Nachbe­sprechun­gen in der Gruppe. Let­z­tendlich kann es auch erforder­lich wer­den, dass weit­er­führende psy­chother­a­peutis­che Unter­stützung in Einzel- oder Grup­penther­a­pie durch aus­ge­bildete Psy­chother­a­peuten ange­boten wird. Im Betrieb soll­ten hierzu geeignete Psy­chother­a­peuten bekan­nt sein.
  • 1 Prof. Dr. Got­tfried Fis­ch­er, Arbeitsmedi­zinis­ches Kol­lo­qui­um Bad Reichen­hall 2009, Aktuelle Entwick­lun­gen bei der Begutach­tung von Beruf­skrankheit­en, Heft 45 der Schriften­rei­he „Beruf­skrankheit­en“, Seite 39;
  • 2 Dr. Jochen Kunz in „Psy­chis­che Belas­tun­gen am Arbeits- und Aus­bil­dungsplatz“, Seite 124, 125
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