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Posi­ti­ver „Neben“- Effekt

Trainingsteilnehmer fuhren deutlich risikoärmer
Posi­ti­ver „Neben“- Effekt

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„Sprit-Spar-Trainings“ redu­zie­ren nicht nur den Kraft­stoff­ver­brauch, sondern leis­ten auch einen Beitrag zur Verbes­se­rung der Verkehrs­si­cher­heit. Dies ist das Ergeb­nis zweier Studien, die die Berufs­ge­nos­sen­schaft Nahrungs­mit­tel und Gast­stät­ten, BGN, zusam­men mit dem Deut­schen Verkehrs­si­cher­heits­rat, DVR, und der Univer­si­tät Heidel­berg durch­ge­führt hat.

Die erste Studie, eine Vorher-Nachher Unter­su­chung mit Experimental- (mit Trai­ning) und Kontroll­gruppe (ohne Trai­ning), wurde im Fuhr­park eines Unter­neh­mens der Bäcker­bran­che durch­ge­führt. Das Ergeb­nis: Fahrer, die an dem Trai­ning „Sicher, wirt­schaft­lich und umwelt­scho­nend Fahren“ des Deut­schen Verkehrs­si­cher­heits­rats, DVR, teil­ge­nom­men hatten, begin­gen in statis­tisch bedeut­sa­mem Umfang weni­ger Fahr­feh­ler und Regel­ver­stöße (z.B. weni­ger Geschwin­dig­keits­über­tre­tun­gen; selte­nere Miss­ach­tung von Vorfahrts­re­geln; häufi­ge­res Einhal­ten des Sicher­heits­ab­stan­des). Die Fahrer prak­ti­zier­ten nach dem Trai­ning einen sicher­heits­ori­en­tier­te­ren und entspann­te­ren Fahr­stil. Ihre Fahr­weise war gelas­se­ner, voraus­schau­en­der und zurück­hal­ten­der. Sicher­heits­ab­träg­li­che Einstel­lun­gen (zum Beispiel Risi­ko­be­reit­schaft, Ausle­bens­ten­den­zen) nahmen ab. In der (nicht trai­nier­ten) Vergleichs­gruppe kam es nicht zu derar­ti­gen Verbes­se­run­gen.
Die Unter­su­chung bestä­tigte also, dass das Ökono­mie­fahr­trai­ning des DVR die postu­lier­ten Effekte im Einstellungs- und Verhal­tens­be­reich hat. Außer­dem führt es zum Rück­gang des Kraft­stoff­ver­brau­ches: Die Einspa­rung in der trai­nier­ten Fahrer­gruppe betrug 6,8 % (im 2. und 3. Monat nach der Maßnahme) und ein halbes Jahr später noch 3,7 %. In der Kontroll­gruppe gab es keine derar­tige Abnahme.
Seit nicht allzu langer Zeit werden sog. kombi­nierte Trai­nings ange­bo­ten. Sie bestehen aus einem halb­tä­gi­gen Sicher­heits­trai­ning – durch­ge­führt auf einem spezi­el­len Trai­nings­platz – und einem eben­falls halb­tä­gi­gen Sprit-Spar-Training in der Verkehrs­wirk­lich­keit. Über die Wirk­sam­keit einer solchen kombi­nier­ten Maßnahme war bislang nichts bekannt. Daher hat die BGN zusam­men mit dem Fach­ge­biet Verkehrsmedizin/Verkehrspsychologie der Univer­si­tät Heidel­berg eine dies­be­züg­li­che Unter­su­chung durch­ge­führt. Die Studie wollte ermit­teln, welche Auswir­kun­gen das kombi­nierte Sicherheits- und Sprit-Spar-Training auf das Fahr­ver­hal­ten, die psycho­lo­gi­schen Einstel­lun­gen zum Fahren und auf Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien hat. Mit Bewäl­ti­gungs­stra­te­gie ist die Art und Weise gemeint, wie ein Fahrer mit schwie­ri­gen und belas­ten­den Verkehrs­si­tua­tio­nen umgeht (bleibt er z. B. gelas­sen oder geht er in Konfron­ta­tion mit ande­ren Verkehrs­teil­neh­mern?).
Auch diese Studie war als Vorher-Nachher- Unter­su­chung mit Experimental- und Kontroll­gruppe ange­legt. Das Sicher­heits­trai­ning wurde von einer Trai­ne­rin des ADAC e.V. durch­ge­führt, das Öko-Training von der Firma ECO-Consult. Teil­ge­nom­men haben 21 Männer und 19 Frauen im Alter von 28 bis 62 Jahren. Sie wurden nach Zufall einer der beiden Grup­pen zuge­wie­sen. Die Expe­ri­men­tal­gruppe nahm am Trai­ning teil. . Inhalte des halb­tä­ti­gen Sicher­heits­trai­nings waren: Rich­tige Sitz­hal­tung und Sitz­ein­stel­lung sowie Lenk­rad­hal­tung, Vorbei­fah­ren an Hinder­nis­sen (Slalom­par­cours) und dafür rich­ti­ges Blick­ver­hal­ten, Durch­füh­rung von Gefahr­brem­sun­gen bei unter­schied­li­chen Fahr­bahn­ver­hält­nis­sen sowie Befah­ren der Kreis­bahn (mit Erhö­hung der Fahr­ge­schwin­dig­keit). Beim Öko-Training, das sich nach­mit­tags anschloss, wurden die übli­chen ökono­mi­schen Fahr­tech­ni­ken vermit­telt (z. B. Schal­ten bei nied­ri­gen Dreh­zah­len, früh­zei­ti­ges Vom-Gas-Gehen, um den Schwung zu nutzen).
Etwa drei Monate nach dem Trai­ning erfolgte die Nach­er­he­bung. Einge­setzt wurden verkehrs­psy­cho­lo­gi­sche Frage­bo­gen und es erfolg­ten stan­dar­di­sierte Fahr­ver­hal­tens­be­ob­ach­tun­gen. Die Fahr­stre­cke betrug 35 km, die Dauer belief sich auf im Mittel 53 Minu­ten. Fahrt­be­ginn war werk­tags während des Berufs­ver­kehrs gegen 15 bzw. 16 Uhr. Die Stre­cke führte durch inner­städ­ti­sche und außer­ört­li­che Berei­che (einschließ­lich Auto­bahn) in Heidel­berg und Umge­bung. Die Fahr­ten wurden mit zwei Fahr­schul­fahr­zeu­gen durch­ge­führt, der anwe­sende Fahr­leh­rer sagte ledig­lich die Stre­cke an und hielt sich ansons­ten mit Kommen­ta­ren und Bemer­kun­gen zurück. Der mitfah­rende Verkehrs­psy­cho­loge notierte an zuvor fest­ge­leg­ten Beob­ach­tungs­punk­ten bestimmte Aspekte des Fahr­ver­hal­tens (z.B.: wird an Fußgän­ger­über­we­gen der Vorrang von Fußgän­gern beach­tet?) und bewer­tete dieses Verhal­ten. Bei der Auswer­tung der stan­dar­di­sier­ten Fahr­ver­hal­tens­be­ob­ach­tung wurde zwischen folgen­den Fehler­ty­pen unter­schie­den: Konzentrations-Aufmerksamkeitsfehler (z.B. beob­ach­tet die vorfahrt­be­rech­tigte Straße nicht), Orien­tie­rungs­feh­ler (z.B. wählt beim Abbie­gen den falschen Fahr­strei­fen), Risi­ko­feh­ler (z.B. unter­schrei­tet den Sicher­heits­ab­stand) und Hand­lungs­feh­ler (z.B. ist beim Abbie­gen unsi­cher in der Fahr­zeug­hand­ha­bung). Für jeden Fehler­ty­pen wurden die rela­ti­ven Fehler­häu­fig­kei­ten ermit­telt: Die Anzahl der Fehler wurde bestimmt und zur Anzahl maxi­mal mögli­cher (d. h. beob­acht­ba­rer) Fehler ins Verhält­nis gesetzt. Abb. 1 zeigt die Ergeb­nisse.
Die trai­nierte Fahrer­gruppe macht in allen Kate­go­rien deut­lich weni­ger Fehler als die nicht trai­nierte. Die Grup­pen­un­ter­schiede sind in der Nach­er­he­bung statis­tisch bedeut­sam, in der Vorer­he­bung wiesen Experimental- und Kontroll­grup­pen vergleich­bare Fehler­häu­fig­kei­ten auf. Außer­dem nahmen die trai­nier­ten Proban­den häufi­ger den Fuß früh­zei­tig vom Gas und nutz­ten so den Schwung, sie fuhren gleich­mä­ßi­ger und wesent­lich voraus­schau­en­der.
Des Weite­ren stell­ten sie häufi­ger vor Beginn der Fahrt den Sitz korrekt ein und prak­ti­zier­ten öfter als die Perso­nen der Kontroll­gruppe die im Sicher­heits­trai­ning vermit­telte rich­tige Lenk­rad­hal­tung (Hände in Viertel-vor-drei-Uhr Posi­tion am Lenk­rad). Offen­sicht­lich führt die Kurs­teil­nahme zu einem wesent­lich defen­si­ve­ren Fahr­stil. Beson­ders deut­lich war der Rück­gang der Risi­ko­feh­ler.
Auch im Einstel­lungs­be­reich sind statis­tisch bedeut­same Verän­de­run­gen fest­stell­bar: Vermin­dert ist die Bereit­schaft, auf Belas­tungs­si­tua­tio­nen (z.B. extrem dich­ter Verkehr, Zeit­druck auf Grund wich­ti­ger Termine, Dräng­ler auf der Auto­bahn) aggres­siv und risi­ko­be­reit zu reagie­ren, indem z.B. über andere Fahrer geschimpft oder dicht aufge­fah­ren wird. Die Fahrer, die ein Trai­ning absol­viert haben, sind nach dem Trai­ning wesent­lich stär­ker als vorher darum bemüht, beim Fahren gelas­se­ner zu sein und voraus­schau­en­der zu fahren. Die Verbes­se­run­gen in der Fahr­ver­hal­tens­be­ob­ach­tung haben offen­sicht­lich ihre Entspre­chung auf der Einstel­lungs­ebene. Die Verän­de­run­gen im Fahr­ver­hal­ten stel­len also keine bloßen Beur­tei­ler­ef­fekte dar.

In barer Münze
Legt man die in o. g. Fuhr­park vorhan­de­nen Rahmen­be­din­gun­gen zu Grunde, dann lässt sich das Trai­ning mone­tär in folgen­der Weise bewer­ten: Für eine Gruppe von 15 Fahrern sind 8,5 Trai­ner­tage erfor­der­lich: 7,5 Tage für das prak­ti­sche Trai­ning und insge­samt ein Tag für zwei Work­shops. Ein Trai­ner­tag (Hono­rar) ist mit 342,- Euro zu veran­schla­gen und die Entschä­di­gung der Fahrer (Work­shop­teil­nahme außer­halb der Arbeits­zeit) mit insge­samt 1200,- Euro. Geht man in Anleh­nung an die Studi­en­ergeb­nisse von einer durch­schnitt­li­chen Verbrauchs­re­duk­tion von 5 % im ersten Jahr und von 2,8 % im zwei­ten „Nach-Trainings-Jahr“ aus, dann ergibt sich für eine Gruppe von 15 Fahrern in zwei Jahren eine Kraft­stoff­ein­spa­rung von 5448,- Euro (abzügl. ggf. anfal­len­der Reise­kos­ten für Trai­ner; Diesel­preis = 1,30 Euro/Liter, Stand 02/08). Zusätz­li­che Kosten­sen­kun­gen, die aller­dings hier nicht quan­ti­fi­zier­bar sind, resul­tie­ren aus der mit der ökono­mi­schen Fahr­weise verbun­de­nen Mate­ri­al­scho­nung und der Verrin­ge­rung der Unfall­wahr­schein­lich­keit.
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