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Psychologische Hilfe bei schweren Unfällen und Arbeitsunfällen - Seelische Hilfe und die wichtige Vorbereitung auf den Notfall

Nothilfe nach schweren Unglücken und Arbeitsunfällen
Psychologische Hilfe statt Albträume

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Ob das schwere Grube­nunglück 2010 in Mexiko oder ein Selb­st­mord auf der ICE-Strecke – tragis­che Ereignisse belas­ten und bleiben in der Erin­nerung. Für die Betrof­fe­nen sind nun Anteil­nahme, Zuwen­dung und Ver­ständ­nis wichtig. Und sie müssen ler­nen, mit der Erin­nerung zu leben. Bei schw­eren oder gar tödlichen Arbeit­sun­fällen sollte man neben der medi­zinis­chen Ver­sorgung auch sofort für psy­chis­che Nothil­fe für Verunglück­te, Kol­le­gen und Ange­hörige sor­gen.

Bet­ti­na Bruck­er

Im Not­fall bleibt oft nur wenig Zeit für Entschei­dun­gen. Auch über Zuständigkeit­en möchte man in ein­er Krisen­si­t­u­a­tion nicht disku­tieren müssen. Deshalb ist es bess­er, bere­its im Vor­feld einen Not­fallplan zu erstellen, in dem fest­gelegt ist, wer für welche Maß­nah­men zuständig ist. Dabei sollte auch berück­sichtigt wer­den, dass in Aus­nahme­si­t­u­a­tio­nen manch­es anders läuft als nor­mal. Denn die psy­chis­che Belas­tung ist enorm und die Reak­tio­nen darauf kön­nen sehr unter­schiedlich aus­fall­en. Um angemessen und schnell han­deln zu kön­nen, sind einige organ­isatorische Vorüber­legun­gen hil­fre­ich:
  • Ist psy­chol­o­gis­che Nothil­fe von außen notwendig und wenn ja welche?
  • Wer organ­isiert wo im Umfeld einen geschützten Aufen­thalt­sort für die Betrof­fe­nen?
  • Wer ermit­telt, wer alles am Unfall beteiligt war?
  • Wer informiert und ver­sam­melt die anderen Mitar­beit­er und die Arbeit­skol­le­gen der Verun­fall­ten?
  • Wer achtet darauf, dass sich nie­mand unbe­merkt ent­fer­nt?
  • Wer begleit­et Zeu­gen nach Hause?
  • Wer informiert wann und wie die Ange­höri­gen?

Reaktionen nach einem Unfall

Bei einem schw­eren Unfall unter­schei­det man die Akut- und die Ver­ar­beitungsphase. In bei­den Phasen kön­nen Betrof­fene sehr unter­schiedlich reagieren. Erstar­rt der eine unmit­tel­bar nach einem Unfall vor Schreck und wird sprach­los, gerät ein ander­er in Panik, schlägt um sich oder begin­nt hys­ter­isch zu schreien. Da heißt es als Sicher­heit­skraft Ruhe bewahren und mit Überblick die Sit­u­a­tion man­a­gen.

Akutphase – das ist zu tun

Nach­dem die Ret­tungskräfte informiert sind, müssen alle aus­find­ig gemacht wer­den, die vom Unfall betrof­fen sind. Dazu gehören auch die Arbeit­skol­le­gen, die einem Unfal­lopfer nahe ste­hen. Geschützt vor Schaulusti­gen und Drittper­so­n­en ver­sam­melt man sie am besten an einem Ort, der räum­lich vom Unfallgeschehen getren­nt ist.
Nie­mand sollte sich unbe­merkt ent­fer­nen. Will ein Mitar­beit­er unbe­d­ingt nach Hause, sollte er auf alle Fälle begleit­et wer­den. War er Zeuge des Unfalls, darf er auf keinen Fall selb­st fahren. Ein Schock kann auch ver­spätet ein­treten.
Je schlim­mer der Unfall und umso mehr Per­so­n­en davon betrof­fen sind, desto umfan­gre­ich­er und erfahren­er sollte die psy­chol­o­gis­che Nothil­fe von Anfang an sein. Zwis­chen den Ver­ant­wortlichen und den Ein­satzkräften ist möglichst schnell zu klären, ob Hil­fe von außen dazu kom­men soll und wer diese anfordert.
Nicht sel­ten wer­den in Not­fall­si­t­u­a­tio­nen die Per­sön­lichkeit­srechte der Mitar­beit­er und Ver­ant­wortlichen mis­sachtet. Gibt es Ver­mis­ste, Schw­erver­let­zte oder Tote, fall­en allzu schnell Namen möglich­er Opfer. Auch Schuldzuweisun­gen kur­sieren schneller, als man sie wieder richtig stellen kann. Zum Schutz der Ver­ant­wortlichen – wie zum Beispiel dem Poli­er auf ein­er Unglücks­baustelle – soll­ten öffentlich zugängliche Aushänge mit Namen und Tele­fon­num­mern zunächst ein­mal ent­fer­nt und sich­er ver­wahrt wer­den.
Über das Unglück, den aktuellen Stand und die geplanten Schritte informiert in erster Lin­ie die Geschäfts­führung. Damit Mitar­beit­er keine Ange­höri­gen in Schreck­en ver­set­zen oder Infor­ma­tio­nen an die Presse geben kön­nen, sollte man ver­an­lassen, dass sie ihre Handys auss­chal­ten.
Han­delt es sich um einen leicht­en Unfall, benachrichtigt der Vorge­set­zte beziehungsweise die Geschäft­sleitung umge­hend und per­sön­lich die Ange­höri­gen. Hat sich etwa Schlim­meres ereignet, sollte die Botschaft nie tele­fonisch über­mit­telt wer­den. Der Angerufene kön­nte sich danach selb­st in Gefahr brin­gen. Im Todes­fall über­bringt die Polizei die Nachricht, eventuell begleit­et von einem Vorge­set­zten oder Seel­sorg­er.
Im Betrieb muss den Betrof­fe­nen mit­geteilt wer­den, ab wann wieder gear­beit­et wird. Mitar­beit­er, die an diesem Tag nicht bei der Arbeit waren, müssen auf das Ereig­nis und mögliche Änderun­gen im Betrieb­sablauf zeit­nah hingewiesen wer­den.
Für das Unternehmen ergeben sich organ­isatorische Fra­gen wie:
  • Was mache ich am Unfall­t­ag mit der Belegschaft?
  • Wann soll die Arbeit wieder aufgenom­men wer­den?
  • Müssen Leute aus­ge­tauscht wer­den?

Verarbeitung über mehrere Wochen

Bilder von Trüm­mer­haufen, Schw­erver­let­zten, Eingek­lemmten oder Leichen hin­ter­lassen Spuren in der Psy­che. Manch­mal treten Reak­tio­nen auf ein trau­ma­tis­ches Ereig­nis wie einen Unfall erst ver­spätet auf. Die Ver­ar­beitungsphase kann von Men­sch zu Men­sch unter­schiedlich lange dauern. Zu den häu­fig­sten Symp­tomen, die in dieser Zeit auftreten, zählen
  • Schlaf­störun­gen,
  • erhöhte Ner­vosität,
  • Reizbarkeit oder
  • Konzen­tra­tionsstörun­gen.
Die Beschw­er­den klin­gen bei den meis­ten nach vier bis acht Wochen wieder ab.
Bleiben Beschw­er­den beste­hen oder ver­stärken sie sich, ist das Erleb­nis nicht oder unzure­ichend ver­ar­beit­et. Es beste­ht die Gefahr ein­er soge­nan­nten „Post­trau­ma­tis­chen Belas­tungsstörung“ (PTBS). Dann ist eine Behand­lung etwa bei einem Psy­chother­a­peuten notwendig.
Damit sich eine langfristige post­trau­ma­tis­che Belas­tungsstörung erst gar nicht entwick­elt, hil­ft rasche und pro­fes­sionelle psy­chol­o­gis­che Betreu­ung direkt nach dem Unfall. Mit kom­pe­ten­ter Unter­stützung kön­nen die Betrof­fe­nen ihre Gefüh­le ver­ar­beit­en, das trau­ma­tis­che Erleb­nis bewälti­gen und so früher und nach­haltig ihr Wohlbefind­en und ihre volle Leis­tungs­fähigkeit zurück­er­hal­ten. So fall­en sie auch weniger lange wegen Arbeit­sun­fähigkeit aus. Doch nicht jed­er, der an den Arbeit­splatz zurück­kehrt, kann das sofort wieder mit voller Leis­tung. Teilzeitar­beit oder der Ein­stieg in ein­er anderen Abteilung kön­nen dann Lösungsange­bote sein.
Nach einem trau­ma­tis­chen Ereig­nis ist es wichtig, im Betrieb für ein Arbeit­skli­ma zu sor­gen, in dem Mitar­beit­er über ihre Gefüh­le sprechen kön­nen. Das bedeutet auch, zu denen Kon­takt zu hal­ten, die für einen län­geren Zeitraum nicht zur Arbeit kom­men kön­nen, da sie das Ereig­nis noch nicht ver­ar­beit­et haben. Vorge­set­zte und befre­un­dete Kol­le­gen kön­nen tele­fonisch oder bei einem Besuch klären, ob der Mitar­beit­er zu Hause oder ambu­lant Unter­stützung erhält oder ob er herum­sitzt und grü­belt. Dann kann es hil­fre­ich sein, Adressen von Beratungsstellen oder Fachärzten weit­erzugeben. Allen sollte von Anfang an ver­mit­telt wer­den, dass es keine Schwäche ist, wenn jemand psy­chol­o­gis­che Hil­fe in Anspruch nimmt.
Bei allen Hil­f­sange­boten ist jedoch eines wichtig: Die Hil­fe muss vom Betrof­fe­nen gewollt sein. Deshalb emp­fiehlt es sich, alle Maß­nah­men gemein­sam zu besprechen.

Umgang mit der Presse

Das Inter­esse der Medi­en nach einem schw­eren Unglücks­fall ist nor­mal und ver­ständlich. Schnell wim­melt es von Reportern, Fotografen und Kam­eraleuten. Am besten organ­isiert man eine Medi­enkon­ferenz in der Nähe.
Den Kon­takt zur Presse übern­immt die Geschäft­sleitung, falls im Betrieb nie­mand anderes damit beauf­tragt ist. Für alle anderen Betrieb­sange­höri­gen gilt: „Kein Kom­men­tar“.
Bei großen Unternehmen gibt es einen Press­esprech­er. Er hat die Auf­gabe, Infor­ma­tio­nen an die Presse weit­erzugeben. Was er mit­teilt, wurde mit der Geschäft­sleitung abgek­lärt. Ver­mu­tun­gen und Speku­la­tio­nen beze­ich­net er als solche oder weist sie zurück. Denn von vorschnellen Aus­sagen haben wed­er die Betrof­fe­nen, deren Ange­hörige noch die Ver­ant­wortlichen etwas. Und auch der Öffentlichkeit ist wenig damit gedi­ent, wenn Mel­dun­gen ungeprüft weit­ergegeben wer­den.
Die Boule­vard­presse ver­sucht aus einem Unglück Kap­i­tal zu schla­gen: Schock­ierende Bilder, Augen­zeu­gen­berichte und reißerische Schlagzeilen sollen die Verkauf­szahlen nach oben treiben. So kommt es auch immer wieder vor, dass Beiträge und Fotos veröf­fentlicht wer­den, die ver­let­zend und Men­schen ver­ach­t­end sind. Eine Rüge oder Strafe durch den Ethikrat im Nach­hinein hil­ft den Betrof­fe­nen meist wenig.
Aber auch das Inter­net trägt dazu bei, dass Ereignisse auf unser­iöse Weise ver­bre­it­et wer­den. Handymitschnitte wer­den etwa auf Youtube oder bei Face­book veröf­fentlicht. Auch manche Presse­por­tale bieten ihren Lesern die Möglichkeit, pri­vates Mate­r­i­al weltweit zu ver­bre­it­en.
Doch Kom­mu­nika­tion hat auch eine wichtige Funk­tion, wenn es darum geht, ein tragis­ches Ereig­nis zu ver­ar­beit­en. Der Redebe­darf nach einem Unglück ist enorm groß. Deshalb muss allen die Möglichkeit gegeben wer­den, sich über das Erlebte aus­tauschen zu kön­nen. Auch hier kann Bei­s­tand von außen den Einzel­nen und die Gemein­schaft stärken. Deshalb kann es hil­fre­ich sein, die Gespräche pro­fes­sionell von psy­chol­o­gisch geschul­ten Fachkräften begleit­en zu lassen.

Weitere Informationen
Die Bun­deswehr bietet Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und einen Selb­sttest zu post­trau­ma­tis­chen Belas­tungsstörun­gen (PTBS) unter
Bei der Betrieb­skrankenkasse der Bahn (www.bahn-bkk.de) kann man eine PTBS-Ers­thelfer-Aus­bil­dung machen.
Einen Fly­er in mehreren Sprachen zum Umgang mit belas­ten­den Ereignis­sen gibt es beim schweiz­erischen Nationalen Net­zw­erk Psy­chol­o­gis­ch­er Nothil­fe unter www.nnpn.ch
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