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Schlaflos in Deutschland

Schlafprobleme
Schlaflos in Deutschland

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Rund 13 Prozent aller Deutschen lei­den fast jede Nacht an Schlaf­prob­le­men. Der eine kann nicht ein­schlafen, obwohl er Schäfchen zählt und heiße Milch getrunk­en hat. Der andere wacht dauernd auf und liegt fast eine Stunde wach, bis er wieder in unruhi­gen Schlaf fällt. Schlaf­dauer und Schlafqual­ität spie­len aber eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, dass wir uns am näch­sten Tag erholt fühlen, aus­geruht und leis­tungs­fähig sind.

Es gibt viele Gründe, warum wir nicht ein­schlafen kön­nen oder mit­ten in der Nacht aufwachen. Vielle­icht stim­men die räum­lichen Bedin­gun­gen nicht, sprich: Das Schlafz­im­mer ist zu hell, weil Läden oder Vorhänge fehlen. Es ist zu warm. Die Nach­barn oder die Straße vor dem Fen­ster sind zu laut, wir hören den Zug vor­beirauschen oder Fluglärm über dem Haus. Auch das Bett kann schlecht sein: die Matratze zu weich oder zu hart, das Bettzeug aus Kun­st­fas­er, auf die wir aller­gisch reagieren, der Lat­ten­rost aus­geleiert.
Ein gutes Bett in einem ruhi­gen, abge­dunkel­ten Schlafz­im­mer muss aber noch lange nicht genü­gen, damit wir gut schlafen. Krankheit­en oder Schmerzen kön­nen die nächtliche Ruhe erschw­eren. Ist dies über einen län­geren Zeitraum der Fall, sollte man mit dem Arzt sprechen und gemein­sam nach ein­er Lösung suchen. Das müssen nicht zwangsläu­fig Medika­mente sein. Manch­mal helfen Mas­sagen oder Krankengym­nas­tik, manch­mal auch verän­derte Liege­po­si­tio­nen. Hierzu kann unter anderem ein Phys­io­ther­a­peut gezielt berat­en.
Ein Vorstel­lungs­ge­spräch oder eine Prü­fung – jed­er hat wegen eines bevorste­hen­den wichti­gen Ter­mins schon ein­mal schlecht geschlafen. Auch Sor­gen oder Stress haben den meis­ten schon ein­mal den Schlaf ger­aubt. Sind dies ein­ma­lige Erleb­nisse, steckt man sie gut weg. Das Schlafde­fiz­it ist schnell wieder aufge­holt.
Anders ist es, wenn psy­chis­che Belas­tun­gen uns ständig über­fordern und uns inner­lich nicht mehr zur Ruhe kom­men lassen. Tre­f­fen ver­schiedene Belas­tun­gen aufeinan­der und sum­mieren sich, haben wir das Gefühl, „einen riesi­gen Berg“ vor uns zu haben, den wir nicht bewälti­gen kön­nen. Das wirkt sich mit der Zeit auch auf die Schlafqual­ität aus.
Belas­tun­gen kön­nen zum Beispiel im zwis­chen­men­schlichen Bere­ich auftreten: pri­vate Beziehung­sprob­leme oder Kon­flik­te mit Kol­le­gen oder Vorge­set­zen. Bei der Arbeit kön­nen auch organ­isatorische Schwach­stellen dazu führen, dass der Stress dauer­haft zunimmt und belastet. Män­gel treten vor allem immer wieder in der Ter­min­pla­nung, im Führungsstil, in der Verteilung der Arbeit­szeit­en oder der Häu­fung an Über­stun­den auf.
Nicht mehr zur Ruhe kom­men
Ger­ade in wirtschaftlich schwieri­gen Zeit­en machen sich Erwerb­stätige große Sor­gen um ihren Arbeit­splatz. Die Anforderun­gen, auch an einen selb­st, nehmen dann oft ein über­zo­genes Aus­maß an. Wer aber über seine per­sön­liche Leis­tungs­gren­ze hin­aus­ge­ht, läuft Gefahr, nicht mehr zur Ruhe zu kom­men und Schlaf­störun­gen zu entwick­eln.
Zudem gibt es Branchen und Arbeit­szeit- bzw. Lebens­mod­elle, die beson­ders schwierig sind: So müssen etwa Päd­a­gogen, Psy­cholo­gen und Pflegekräfte stun­den­lang zuhören, berat­en, mit­fühlen, helfen. Solch inten­sive emo­tionale Arbeit fordert dem inneren Gle­ichgewicht viel ab. Ver­schobene Arbeit­szeit­en brin­gen Schichtar­beit­er aus dem biol­o­gis­chen Rhyth­mus, wenn sie die Nacht zum Arbeit­stag machen müssen. Wis­senschaftliche Stu­di­en der Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedi­zin (BAuA) bele­gen, dass mehr als 25 % der Schichtar­beit­er an Schlaf­störun­gen lei­den. Aber auch Dop­pel­be­las­tun­gen durch die Betreu­ung von Kindern oder pflegebedürfti­gen Ange­höri­gen neben der Beruf­stätigkeit kosten viel Schlafen­szeit. Oder zeitaufwendi­ges Pen­deln zum Arbeit­splatz. Beruf­spendler müssen häu­fig sehr früh auf­ste­hen, was zu Schlaf­man­gel führen kann.
Und noch eine weit­ere Entwick­lung in der Gesellschaft verur­sacht Schlaf­störun­gen, wie eine Umfrage der BKK zeigt. 84 % der Beruf­stäti­gen sind außer­halb ihrer reg­ulären Arbeit­szeit „stand-by“, sprich ständig erre­ich­bar. Fast jed­er zweite Beruf­stätige hat min­destens ein- bis dreimal pro Monat Schlaf­prob­leme.
Unsere innere Uhr
Schlaf­störun­gen treten auch jahreszeitlich auf. In der dun­klen Jahreszeit hält auch der Men­sch eine Art Win­ter­schlaf. Die Gefahr dabei ist, dass zu viel Mela­tonin gebildet wird. Dieses Hor­mon wirkt ein­schläfer­nd. Seine Wirkung wird durch Sero­tonin aufge­hoben. Dieser Stoff, häu­fig als „Glück­shormon“ beze­ich­net, wird aber nur bei genü­gend Tages­licht gebildet. Ein Man­gel kann eine Win­ter­de­pres­sion verur­sachen. Deshalb sollte man im Win­ter nicht viel länger schlafen und sich vor allem vor­mit­tags im Freien aufhal­ten. Eventuell kann auch eine Licht­ther­a­pie mit ein­er Spezial­lampe für das richtige Gle­ichgewicht sor­gen.
Im Früh­jahr raubt uns dann die Umstel­lung auf die Som­merzeit eine Stunde. Unsere „innere Uhr“ wird dadurch gestört. Der biol­o­gis­che Rhyth­mus und der Stof­fwech­sel ger­at­en durcheinan­der. Allerd­ings nur kurzfristig. Nach etwa ein­er Woche sind wir wieder „im Lot“. Was bis dahin hil­ft: etwas früher ins Bett gehen und ein kurzes Mit­tagss­chläfchen hal­ten.
Müdigkeit – ein Risiko für Leben und Gesund­heit
Wer wenig und schlecht schläft, ist am näch­sten Tag müde. Wer müde ist, kann Stress schlechter bewälti­gen. Unaus­geschlafen fällt selb­st der Umgang mit Fre­un­den schw­er­er. Die Leis­tungs­fähigkeit ist deut­lich geringer und es man­gelt an Konzen­tra­tions­fähigkeit. Nicht sel­ten treten Kopf­schmerzen auf. Man ist gereizt und nervös. Zu wenig Schlaf schwächt den Kör­p­er und das Immun­sys­tem. Die Anfäl­ligkeit für Krankheit­en steigt.
Um etwas über die „Spät­fol­gen von Schlaf­störun­gen infolge Schicht- und Nachtar­beit“ zu erfahren, fand 2007/2008 eine bun­desweite Frage­bo­gen-Aktion durch die Hans-Böck­ler-Stiftung statt. Zu den teil­nehmenden Branchen gehörten die Auto­mo­bilin­dus­trie, Verkehrs­be­triebe, die chemis­che Indus­trie, der Berg­bau, Stahlw­erke, Medi­en, Ver­lage und das Gesund­heitswe­sen. Deut­lich wurde unter anderem, dass zwis­chen Schlaf­störun­gen, Schlafqual­ität und Nachtschichtar­beit ein grundle­gen­der Zusam­men­hang beste­ht. Und dass Schlaf­störun­gen chro­nis­che und irre­versible Spätschä­den nach sich ziehen kön­nen. Selb­st bösar­tige Tumore kon­nten bei Nachtar­beit­ern gehäuft fest­gestellt wer­den. Wer nachts arbeit­et, lebt gegen den Tag-Nacht-Rhyth­mus. Schlafen außer­halb der Nachtzeit scheint für den Kör­p­er nicht gle­ich­w­er­tig zu sein.
Schlaf­man­gel kann aber auch psy­chis­che Störun­gen aus­lösen oder ver­stärken. Eine Unter­suchung in Ameri­ka im Jahr 2010 mit 16.000 Jugendlichen weist gravierende Auswirkun­gen auf den psy­chis­chen Zus­tand nach. So nehmen Depres­sio­nen um 24 % zu, wenn Jugendliche nach Mit­ter­nacht ins Bett gehen. Schlafen sie weniger als fünf Stun­den pro Nacht, steigt das Risiko sog­ar um 71 %.
Über­mü­dung kann außer­dem Fol­gen für andere haben. Müdigkeit ist ein­er der Haupt­gründe für men­schlich­es Ver­sagen und schwere Unfälle im Verkehr oder am Arbeit­splatz. Laut der „Ini­tia­tive Gesun­der Schlaf“ in Wien wer­den mehr als 24 % der tödlichen Verkehrsun­fälle und ins­ge­samt 33 % aller Unfälle durch Schlaf­man­gel bzw. durch Müdigkeit verur­sacht. Mit nur vier Stun­den Schlaf reagiert der Men­sch als hätte er 0,5 Promille Alko­hol im Blut. Eine durchwachte Nacht ist ver­gle­ich­bar mit 0,8 Promille.
Eine Studie der BG Kliniken Bergmannsheil belegt mit Tests im Fahrsim­u­la­tor, dass sich die Unfall­nei­gung bis zum Sieben­fachen erhöht. Bei den Teil­nehmern han­delte es sich um Patien­ten mit dem Schlafap­noe-Syn­drom.
Während sie schlafen, fall­en ihre oberen Atemwege zusam­men. Dadurch erlei­den sie einen ständi­gen Sauer­stoff­man­gel. Sie sind tagsüber müde, da der Schlaf für sie nicht aus­re­ichend erhol­sam ist. Auch die Ange­höri­gen schlafen oft schlechter, da die Betrof­fe­nen laut schnar­chen.
Berufs­be­d­ingte Krankheit­en und Unfälle verur­sachen volk­swirtschaftliche Kosten in Mil­liar­den­höhe. Da lohnt es sich für Unternehmen aufzuwachen und dafür zu sor­gen, dass die Mitar­beit­er gut aus­geschlafen zur Arbeit kom­men.
So schlafen Sie tief und fest
Je bess­er erholt man ist, desto bess­er ist auch die Arbeit­sleis­tung. Erholt fühlt sich vor allem der, der gut schläft. Doch was kann man für einen guten Schlaf tun?
Zunächst ein­mal sollte man die per­sön­liche Schlaf­dauer ermit­teln. Der eine kommt mit deut­lich weniger aus als der andere. Eini­gen Men­schen reichen rund vier Stun­den, das absolute Min­i­mum aus medi­zinis­ch­er Sicht. Die Deutschen schlafen im Durch­schnitt allerd­ings pro Nacht zwis­chen sechs und acht Stun­den, Frauen etwas länger als Män­ner. Und je mehr Stun­den jemand arbeit­et, desto kürz­er wird seine Nachtruhe. Bei mehr als 50 Arbeitsstun­den pro Woche sinkt die durch­schnit­tliche Schlaf­dauer auf sech­sein­halb Stun­den, so die BKK-Umfrage „Arbeit und Schlaf 2010“. Men­schen ander­er Län­der haben übri­gens ein unter­schiedlich­es Schlaf­bedürf­nis. So schlafen Japan­er durch­schnit­tlich siebenein­halb Stun­den und Fran­zosen neun, so eine Studie der Organ­i­sa­tion für wirtschaftliche Zusam­me­nar­beit und Entwick­lung (OECD).
Ein „Schlafmit­tel“ für alle gibt es nicht. Jed­er muss seine eige­nen Wege und Rit­uale find­en, um abzuschal­ten. Selb­st aus­pro­bieren kann man fol­gende Meth­o­d­en:
  • am Abend noch eine Runde spazieren gehen,
  • leise Musik hören,
  • Entspan­nungsübun­gen oder Yoga machen,
  • medi­tieren,
  • sich eine Mas­sage gön­nen,
  • ein Voll­bad nehmen,
  • eine Tasse Tee oder warme Milch trinken,
  • Kneippgüsse mit kaltem Wass­er.
Die Fin­ger lassen sollte man bess­er von Schlafmit­teln ohne ärztliche Verord­nung, Alko­hol, Zigaret­ten oder Dro­gen. Schlafmit­tel kön­nen sich auch noch nach Stun­den auf das Reak­tionsver­mö­gen und die Fahrtüchtigkeit auswirken. Medika­mente, Alko­hol oder Zigaret­ten zum Abspan­nen haben zudem ein hohes Sucht­poten­zial.
Wenn einen die Arbeit gar nicht mehr zur Ruhe kom­men lässt, braucht es pro­fes­sionelle Hil­fe. So kann man mit Super­vi­sion oder Coach­ing gegen Stress ange­hen. Die Mehrheit der Beschäftigten (43 Prozent) wün­scht sich unab­hängig von Alter und Geschlecht Ange­bote zur Stress­be­wäl­ti­gung bzw. Entspan­nung als betriebliche Gesund­heits­förderung, so ein Ergeb­nis ein­er bun­desweit­en Mitar­beit­er­be­fra­gung 2010 durch das Wis­senschaftliche Insti­tut der AOK (WIdO). Vorauss­chauende Betriebe instal­lieren als präven­tive Maß­nahme einen Gesund­heit­szirkel mit externem Mod­er­a­tor. Mit diesem Instru­ment lassen sich Gefährdungsrisiken frühzeit­ig erken­nen.
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