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Tödliche Falle Schüttgut

Versunken, verschüttet – erstickt: Vier Schüttgut-Unfälle mit tödlichem Ausgang
Tödliche Falle Schüttgut

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Schüttgüter wie Getrei­de, Schrote, Grieße und Mehle wer­den immer wieder zur tödlichen Falle. Die Beruf­sgenossen­schaft Nahrungsmit­tel und Gast­gewerbe, BGN, bekommt mit erschreck­ender Regelmäßigkeit Fälle gemeldet, bei denen die Gefahr des Versinkens teil­weise kom­plett unter­schätzt wird.

Plöt­zlich gab die Ober­fläche nach und Peter I. ver­sank bis zu den Knien im Getrei­de. Panik erfasste ihn. Er ver­suchte, wieder fes­ten Grund unter die Füße zu bekom­men. Doch der Trichter unter ihm wurde jet­zt schnell immer größer. Peter I. sank immer tiefer ins Getrei­de ein. Verzweifelt schrie er um Hil­fe. Er steck­te jet­zt schon bis zum Gür­tel im Getrei­de …
 
Was sich wie eine Szene aus einem Hor­ror­film liest, hat sich tat­säch­lich so zuge­tra­gen: bei einem tödlichen Unfall in ein­er Müh­le. Und ganz ähn­lich bei einem tödlichen Unfall in einem Kraft­fut­ter­w­erk. Und bei einem tödlichen Unfall in ein­er Mälz­erei. Was läuft hier immer wieder falsch?
 

Fall 1: Keine Chance – Standfläche wird plötzlich zum Trichter

Der Betrieb lagerte Nass­mais im Silo ein. Wenn er zur Ver­ar­beitung aus dem Silo abge­zo­gen wurde, musste er erst über einen Trock­n­er laufen. Es war in dem Betrieb üblich, bere­its während des Ent­nah­mevor­gangs die ver­schmutzten Siloin­nen­wände zu reini­gen. So stieg bei Beginn der Ent­nahme ein Mitar­beit­er in das Silo ein und stellte sich auf das Schüttgut. Von dort aus reinigte er die Wände umlaufend mit ein­er Mau­r­erkelle. Die kon­tinuier­lich absink­ende Schüttgut-Ober­fläche diente ihm als „Aufzugsplat­tform“. Bis sich die ver­meintliche Plat­tform in einen tödlichen Trichter ver­wan­delte – bed­ingt durch das schnelle Abziehen des Mais­es. Der Mitar­beit­er sank schnell immer tiefer ein und wurde durch das auf seinen Brustko­rb drück­ende Schüttgut erstickt. Ein Kol­lege hat­te noch ver­sucht, den Versink­enden zu befreien, was ihm nicht gelang.
 
Unfal­lur­sachen
Hier wurde alles falsch gemacht:
  • Anwen­dung eines ungeeigneten Arbeitsver­fahrens
  • ungesichertes Betreten des Schüttguts
  • Betreten des Schüttguts, während es abge­zo­gen wird, d. h. wenn eine Hohlraum- und Trichter­bil­dung extrem begün­stigt wird
  • keine ständi­ge Überwachung durch einen Auf­sicht­führen­den
  • keine geeignete Vor­rich­tung zum Ein­fahren und zur Ret­tung vorhan­den
Das tragis­che, tödliche Ende war fast vor­pro­gram­miert.
 

Fall 2: Verschüttet – Gefahr des Versinkens war nicht bewusst

In dem Kraft­fut­ter­w­erk wird mit einem fer­nges­teuerten Saugrüs­sel Rapss­chrot aus dem Lader­aum eines Frachtschiffs ent­laden. Gegen Ende des Ent­lade­vor­gangs, wenn der Lader­aum­bo­den des Schiffs gut zu sehen ist, kommt ein Kom­pak­t­lad­er zum Ein­satz. Damit wird das restliche Schüttgut zusam­mengeschoben, um dann eben­falls abge­saugt zu wer­den.
An einem solchen Ent­lade­tag war ein Mitar­beit­er über die Lade­bor­d­wand des Schiffs gek­let­tert und ungesichert auf das Schüttgut gestiegen. Warum er das tat, ließ sich nicht mehr klären. Er war in einen Schütt­trichter gerutscht und ver­schüt­tet wor­den. Kein­er hat­te das Unglück beobachtet.
 
Unfallursache(n)
Die wesentliche Unfal­lur­sache ist das unerk­lär­liche vorschriftswidrige Ver­hal­ten des Mitar­beit­ers. Den Unfall begün­sti­gend kommt hinzu, dass er allein arbeit­ete. So bestand keine Möglichkeit zur Sicherung oder Ret­tung. Der Mitar­beit­er hat­te die Gefährlichkeit des Schüttguts völ­lig falsch eingeschätzt. Die Gefahr des Versinkens im Schüttgut war ihm wohl nicht bewusst.
 

Fall 3: Versunken und erstickt – Rettungsgurt bietet keine Sicherheit

In der Mälz­erei gab es in ein­er Zwick­elzelle des Malzsi­los eine Stau­ung. Mit ein­er Siloe­in­fahrein­rich­tung fuhr ein Mitar­beit­er in das Silo ein: Dort ver­suchte er die Stau­ung mit ein­er Stahlstange zu beseit­i­gen. Vom Sitz der Ein­fahrein­rich­tung aus war das sehr müh­sam. Deshalb ver­ließ er den Sitz und trat auf das Schüttgut. Er hat­te vor dem Ein­fahren einen Ret­tungs­gurt angelegt, dessen Sicherungs­seil der Auf­sicht­führende und zwei Helfer an der Befahröff­nung fes­thiel­ten. Auf dem Schüttgut ste­hend brach er plöt­zlich ein. Den Sicherungsposten gelang es nicht, den Versink­enden aus dem Malz her­auszuziehen. Er hat­te keine Chance und erstick­te, als das Schüttgut in seine Luftröhre gelangte.
 
Unfal­lur­sache
Hier war man schein­bar richtig vorge­gan­gen: Man benutzte eine geprüfte Siloe­in­fahrein­rich­tung und mehrere Sicherungsposten waren vor Ort. Die maßge­bliche Unfal­lur­sache war auch hier die Fehlein­schätzung der tat­säch­lichen Risiken. Der Getötete hat­te fälschlicher­weise darauf ver­traut, dass die Malzschüt­tung tragfähig sein würde. Und er hat­te geglaubt, dass seine Kol­le­gen ihn im Fall der Fälle mit Hil­fe des Ret­tungs­gurts aus dem Schüttgut her­ausziehen kön­nten. Fatale Irrtümer, wie man jet­zt weiß.

Beson­dere Risiken, beson­dere Maß­nah­men
Wie aber kann ein Betrieb den Risiken beim Umgang mit Schüttgut angemessen begeg­nen?

Notwendi­ge Siloe­in­stiege ver­ringern
Zuerst muss der Betrieb die Notwendigkeit, in Silos und Lager­bere­iche ein­steigen zu müssen, so weit wie möglich ver­ringern. Die Störungs­be­sei­t­i­gung in Silos kostet Zeit, bindet Per­son­al und sie ist, wie deut­lich wurde, eine mit hohem Gefährdungspoten­zial ver­bun­dene Tätigkeit. Maß­nah­men, die Störun­gen ver­mei­den, tra­gen somit gle­icher­maßen zur effizien­ten Betrieb­s­führung, zur Unfal­lver­hü­tung und auch zur Pro­duk­tqual­ität bei. Zu diesen Maß­nah­men gehört:
  • ein­ge­lagertes Getrei­de vor­reini­gen und aus­re­ichend trock­nen. Das ver­mei­det Brück­en­bil­dung und Anback­un­gen.
  • auf die richtige Lagerzeit acht­en – unter Umstän­den mehrmals umlagern. Dies gilt beson­ders bei schw­er fließen­den Pro­duk­ten wie z. B. Weizen­kleie.
  • bei Beton­si­los auf möglichst glat­te Innen­wände acht­en. Das lässt sich durch einen Anstrich auf Epoxy­d­harzba­sis erre­ichen.

Gefährdungsbeurteilung unbedingt notwendig

Und was ist zu beacht­en, wenn doch ins Silo einge­fahren wer­den muss? Entschei­dend ist, bevor die Arbeit­en begin­nen, sich über die möglichen Gefährdun­gen und die erforder­lichen Schutz­maß­nah­men Gedanken zu machen. In der Sprache der Vorschriften heißt das: eine Gefährdungs­beurteilung ist durchzuführen. Eine gute Hil­festel­lung gibt die “DGUV Regel 113–004 (BGR 117–1): Behäl­ter, Silos und enge Räume”. Darin sind tech­nis­che, organ­isatorische und per­sön­liche Schutz­maß­nah­men für diese Tätigkeit­en beschrieben. In die Gefährdungs­beurteilung müssen jedoch auch immer die Ken­nt­nisse, Erfahrun­gen und der Sachver­stand der Ver­ant­wortlichen des Betriebes ein­fließen.
 
Die Ergeb­nisse der Beurteilung wer­den dann beim Ausstellen der Befahrerlaub­nis und beim Erstellen ein­er Betrieb­san­weisung berück­sichtigt und auch bei der Unter­weisung der Mitar­beit­er durchge­sprochen. Die fest­gelegten Maß­nah­men zie­len näm­lich auch darauf ab, möglich­er Gedanken­losigkeit, Betrieb­s­blind­heit und der indi­vidu­ellen Fehlein­schätzung von Risiken ent­ge­gen­zuwirken.
 

Aufsichtführender und Sicherungsposten

Vor dem Beginn der Arbeit­en ist ein Auf­sicht­führen­der zu benen­nen. Dabei han­delt es sich um eine zuver­läs­sige, mit den Arbeit­en ver­traute Per­son, die weisungs­befugt ist. Üblicher­weise stellt der Auf­sicht­führende die Befahrerlaub­nis aus und weist die Beschäftigten vor Ort ein. Der Auf­sicht­führende muss sich nicht ständig in der Nähe der Arbeit­en aufhal­ten, aber er muss kurzfristig ver­füg­bar sein.
Die Überwachung des ein­fahren­den Mitar­beit­ers obliegt einem Sicherungsposten. Er muss mit dem im Silo arbei­t­en­den Kol­le­gen ständig Verbindung hal­ten. In der Regel reicht Sichtkon­takt. Ist das nicht möglich, dann müssen Hil­f­s­mit­tel wie z. B. eine zuver­läs­sige Sprechverbindung benutzt wer­den. Der Sicherungsposten muss in jedem Fall mit den fest­gelegten Not­fall- und Ret­tungs­maß­nah­men ver­traut sein.

Die Regeln des Einfahrens

Bevor ein Mitar­beit­er ins Silo ein­fährt, müssen die Füll- und Ent­nah­meein­rich­tun­gen abgestellt und gegen unbe­ab­sichtigtes bzw. unbefugtes Ingangset­zen gesichert wer­den. Für das Ein­fahren selb­st wird eine Siloe­in­fahrein­rich­tung ver­wen­det, die jährlich min­destens ein­mal in allen Teilen auf Betrieb­ssicher­heit geprüft wer­den muss.
 
Die Ein­fahrein­rich­tung dient nicht nur dazu, ins Innere des Silos zu gelan­gen, son­dern auch der Sicherung gegen Versinken. Sollte der Mitar­beit­er ins Schüttgut einsinken, kann er nur mit ein­er solchen Siloe­in­fahrein­rich­tung befre­it wer­den.
 
Nicht geeignet sind dage­gen Schutzaus­rüs­tun­gen zum Ret­ten, wie z. B. Ret­tungs­gurte in Verbindung mit ein­er Ret­tungswinde, weil sie nicht für die auftre­tenden Kräfte aus­gelegt sind. Denn der Druck des Schüttguts auf die einge­sunkene Per­son ist gewaltig, selb­st wenn sie nur teil­weise, etwa bis zu den Knien, versinkt. Eben­so ungeeignet zum Schutz gegen Versinken sind Schutzaus­rüs­tun­gen gegen Absturz, wie Höhen­sicherungs­geräte oder mit­laufende Auf­fang­geräte (Steigschutzein­rich­tun­gen). Denn sie arretieren erst bei bes­timmten Fallgeschwindigkeit­en, die beim Versinken aber nicht erre­icht wer­den. Somit bleibt die Sicherung wirkungs­los.
 
Sich ungesichert auf Schüt­tun­gen aufzuhal­ten, ist so weit wie möglich zu ver­mei­den. Das darf nur erfol­gen, wenn ein Versinken defin­i­tiv aus­geschlossen ist. Dies im Einzelfall zu beurteilen, ist jedoch extrem schwierig. Selb­st wenn dem Beschäftigten das Schüttgut zunächst als gut bege­hbare Ober­fläche erscheint, ist es ein fließen­des Medi­um, das keineswegs immer homogen und form­sta­bil den gesamten Raum aus­füllt.
 
Bei der Besei­t­i­gung von Stau­un­gen ist die Gefahr des Versinkens immer gegeben. Eben­so während oder unmit­tel­bar nach der Ent­nahme von Schüttgut. Daher darf der Sitz der Siloe­in­fahrein­rich­tung dann auf gar keinen Fall ver­lassen wer­den. Lebens­ge­fährlich ist auch, sich unter­halb anste­hen­der oder anhaf­ten­der Schüttgüter aufzuhal­ten, wie der nach­fol­gende Unfall zeigt.
 

Fall 4: Von Schüttgut-Lawine mitgerissen

In einem Fut­ter­mit­tel­w­erk wur­den Reini­gungsar­beit­en in ein­er Silozelle durchge­führt. Der Mitar­beit­er wurde mit ein­er Siloe­in­fahrein­rich­tung in das rund 30 Meter tiefe Silo abge­lassen. Als er mit ein­er Stange Anback­un­gen beseit­igte, löste sich über ihm eine Schüttgut-Law­ine. Sie stürzte herab und riss ihn aus dem Sitz der Ein­fahrein­rich­tung mit in die Tiefe. Der Mitar­beit­er kon­nte nur noch tot gebor­gen wer­den.
 
Unfal­lur­sachen
Zwei Unfal­lur­sachen fall­en spon­tan ins Auge. Erstens: Die Anback­un­gen wur­den nicht, so wie es kor­rekt gewe­sen wäre, von oben her beseit­igt. Zweit­ens: Der Sitz der Siloe­in­fahrwinde war mit ein­er ungeeigneten Absturzsicherung verse­hen. Ein dün­ner Gurt mit Kara­bin­erver­schluss kon­nte nicht ver­hin­dern, dass der Mitar­beit­er von den Schüttgut- Trüm­mern aus dem Sitz geschleud­ert wurde.
Zumin­d­est der zweite Punkt hätte der befähigten Per­son bei der wiederkehren­den Prü­fung auf­fall­en müssen und auch die Notwendigkeit ein­er wiederkehren­den Prü­fung hätte bei der Gefährdungs­beurteilung erkan­nt wer­den müssen. Das macht nochmals die zen­trale Rolle der Gefährdungs­beurteilung bei der Organ­i­sa­tion des betrieblichen Arbeitss­chutzes deut­lich. Als wichtig­stes Instru­ment zum Steuern und Lenken der Risiken trägt eine sorgfältig durchge­führte Gefährdungs­beurteilung maßge­blich dazu bei, auch kom­plexe Tätigkeit­en wie das Arbeit­en in Silos sich­er zu gestal­ten und durchzuführen. Denn: Der Tod lauert im Schüttgut – aber mit geeigneten Maß­nah­men kann man dieser Bedro­hung zuver­läs­sig und sich­er begeg­nen.
 
Dipl.-Ing. Jörg Bergmann
Abteilungsleit­er Sicher­heit
Beruf­sgenossen­schaft Nahrungsmit­tel und Gast­gewerbe, BGN
(Nach­druck aus akzente 2, März-April 2012)

Zum Weiterlesen
Weit­ere Infor­ma­tio­nen gibt es zum Herun­ter­laden im Inter­net unter www.bgn.de
 

DGUV Regel 113–004 Behäl­ter, Silos und enge Räume; Teil 1: Arbeit­en in Behäl­tern, Silos und engen Räu­men 

 
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