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PTB entwickelt Schallschutz für Orchestermusiker

Wenn’s beim Fortis­simo in den Ohren klin­gelt

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„Musik wird oft nicht schön gefun­den, weil sie stets mit Geräusch verbun­den“, lästerte Wilhelm Busch. Auch wenn die Schön­heit Geschmack­sa­che ist, so steckt in dem sarkas­ti­schen Spruch eine bittere Wahr­heit: Orches­ter­mu­si­ker gefähr­den mit der eige­nen Musik ihre Ohren. Die Physikalisch-Technische Bundes­an­stalt (PTB) entwi­ckelte einen wirk­sa­men Schall­schutz­schirm zum Nach­bauen.

Physikalisch-Technische Bundes­an­stalt (PTB) Presse- und Öffent­lich­keits­ar­beit Erika Schow Bundes­al­lee 100 38116 Braun­schweig

In einer Wagner-Oper können Lärm-Werte von 120 Dezi­bel (dB) und mehr erreicht werden. Auch der durch­schnitt­li­che Lärm­pe­gel in einem Orches­ter nimmt, je nach Reper­toire und Instru­ment, oft Ausmaße an, die als gesund­heits­ge­fähr­dend gelten. Dennoch ist die EU-Lärmschutz-Verordnung, die seit dem 15. Februar 2008 auch für deut­sche Orches­ter gilt, noch viel zu selten in die Praxis umge­setzt worden; wirk­same Schall­schutz­maß­nah­men fehlen. Daher hat die Physikalisch-Technische Bundes­an­stalt (PTB) einen Schall­schutz­schirm entwi­ckelt, der im kriti­schen Bereich ober­halb von 250 Hertz den Schall­pe­gel am Ohr des Musi­kers um bis zu 20 dB senkt und mit wenig Aufwand nach­ge­baut werden kann. In ersten Fällen ist das schon gesche­hen und die Rück­mel­dun­gen sind ausge­spro­chen posi­tiv.
Kurz­zei­tig hohe Lärm­pe­gel
sind beson­ders gefähr­lich
An der Wand von Ingolf Borks Büro hängt ein Cartoon: Ein komplet­tes Sinfo­nie­or­ches­ter samt Diri­gent liegt am Boden, über­all sind Instru­mente und Noten verstreut – nur drei Posau­nis­ten sitzen auf ihren Stüh­len und schauen harm­los daher. Der Unter­ti­tel empfiehlt allen Diri­gen­ten, die Posau­nis­ten doch lieber nicht um mehr Laut­stärke zu bitten. „Zwar haut es in der Reali­tät nur selten die Spie­ler von den Hockern“, lächelt Bork, Tonmeis­ter, Pianist und Inge­nieur in der PTB-Arbeitsgruppe Geräusch­mess­tech­nik, „aber die Schall­pe­gel­werte, die im Sinfo­nie­or­ches­ter an der Tages­ord­nung sind, können zur Gefahr für die Ohren der Musi­ker werden – vor allem für dieje­ni­gen, die vor den Blech­blä­sern sitzen.“
Nach verschie­de­nen Unter­su­chun­gen, beispiels­weise von der Bundes­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin, liegt der durch­schnitt­li­che Lärm­pe­gel in Symphonie- und Opern­or­ches­tern zwischen 80 dB(A)und 100 dB(A). Damit sind, so die Bundes­an­stalt „Orches­ter­mu­si­ker in ihrem Arbeits­all­tag Schall­druck­pe­geln ausge­setzt, die geeig­net sind, Gehör­schä­den zu verur­sa­chen.“ Immer­hin ist ein Pegel von 85 dB so laut, dass man sich nur mehr schrei­end verstän­di­gen kann. Laut der EG-Arbeitsschutzrichtlinie 2003/10/EG müssen bereits dann Lärm­schutz­maß­nah­men einge­setzt werden, wenn der soge­nannte Tages­lärm­ex­po­si­tons­pe­gel – das ist ein über acht Stun­den gemit­tel­ter Wert – 80 dB über­schrei­tet.
Auch wenn niemand von ihnen gerne darüber spricht, so haben viele Musi­ker, vor allem Schlag­zeu­ger, Blech- und Holz­blä­ser, die Gefahr schon kennen­ge­lernt. Nach einer Studie der Univer­si­tät Gießen sind selbst unter Amateur-Musikern Gehör­schä­den weit verbrei­tet: Bei 1300 unter­such­ten Perso­nen wiesen 27 Prozent der Männer und 17 Prozent der Frauen Gehör­schä­den auf. Aller­dings hat dieselbe Studie gezeigt, dass das Problem nicht so einfach zu fassen ist: Orgel­stim­mer, die eben­falls längere Zeit Lärm­pe­gel von rund 90 dB aushal­ten müssen, hatten durch­weg ein beson­ders gutes Gehör. Die Autoren folgern, schlim­mer für das Gehör könn­ten kurz­zei­tig hohe Lärm­pe­gel sein. Aber die sind in einem Orches­ter auch nicht zu vermei­den. „Wir haben den Schall­pe­gel während einer ganzen ‚Walküre’ gemes­sen“, sagt Bork. Die Spit­zen­werte, die sie dabei maßen, lagen bei 114 dB(A), das heißt bei norma­ler A‑Gewichtung der mitt­le­ren Frequen­zen, und sogar bei 130 dB©, wenn auch die abso­lu­ten Spit­zen­werte des gemes­se­nen Schall­drucks berück­sich­tigt werden.
Sollte man also Wagner, Bruck­ner oder Strauss nicht so laut spie­len? Einen solchen Vorschlag würde sich jeder Diri­gent verbit­ten. Und auch die Musi­ker vertei­di­gen in der Regel die Frei­heit der Kunst. Sorgen haben sie dennoch. Bei einer Befra­gung, die der Frei­bur­ger Musi­ker­me­di­zi­ner Bern­hard Rich­ter im Auftrag des Bundes­mi­nis­te­ri­ums für Arbeit und Sozia­les im Jahr 2008 bei 429 Orches­ter­mit­glie­dern aus neun profes­sio­nel­len Orches­tern durch­führte, gaben immer­hin zwei Drit­tel aller Musi­ker an, Angst um ihr Gehör zu haben.
Nur eine Minder­heit verwen­det indi­vi­du­ell ange­pass­ten Gehör­schutz
Trotz­dem sind Schutz­vor­rich­tun­gen wenig verbrei­tet. Gerade die einfachste, billigste und bisher fast als einzige auch brauch­bare von ihnen, ein indi­vi­du­ell ange­pass­ter Gehör­schutz (Otoplas­tik), genießt kein hohes Anse­hen. Nur etwas mehr als 16 Prozent der befrag­ten Musi­ker verwen­den ihn.
Zwar mindert ein solcher Gehör­schutz die Laut­stärke gleich­mä­ßig über alle Tonhö­hen hinweg, anders als bei billi­gen Ohrstöp­seln aus der Apotheke, die vor allem hohe Töne dämp­fen. „Aber auch die ‚guten’ Stöp­sel unter­schei­den nicht zwischen Musik und Spra­che, und so verste­hen die Musi­ker bei den Proben ihren Diri­gen­ten nicht mehr“, erklärt Bork. Bei Bläsern kommt ein weite­res Problem hinzu: Mit einen solchen Ohrstöp­sel hört man mehr Körper­schall als zuvor. Der Schall pflanzt sich vom Instru­ment, das per Mund­stück oder Rohr­blatt an oder zwischen den Lippen sitzt, über die eige­nen Knochen fort: Der Spie­ler kann seinen Ton nicht mehr so kontrol­lie­ren wie gewohnt.
Schirm leitet Schall nach oben weg
„Ein Schall­schutz­schild ist da schon besser“, erklärt Ingolf Bork. „Aber die Modelle, die Sie kaufen können, sind meist nicht ausge­reift. Einige werfen den Schall direkt zum Spie­ler zurück. So ein Direkt­schall tut rich­tig weh.“ Der neue PTB-Schirm dage­gen, den Bork entwi­ckelt hat, ist im oberen Teil geknickt und leitet den Schall über den Kopf des vorne sitzen­den Spie­lers nach oben hinweg. „Außer­dem sind die kommer­zi­el­len Schirme viel zu klein. Da wandert der Schall ziem­lich problem­los herum und die Schutz­wir­kung ist fast Null“, erklärt Bork. In ganz schlim­men Fällen fangen die gekrümm­ten Modelle sogar den Schall der Kolle­gen oder den eige­nen Schall wie in einem Brenn­glas ein, und das Lärm­pro­blem wird schlim­mer statt besser. Bork hat „seinen“ Schirm daher groß gehal­ten. „Am besten stel­len Sie mehrere davon dicht an dicht, ohne Lücke vor der Blechbläser-Riege etwa im Abstand von 50 cm auf“, rät er.
Die Idee, einen eige­nen PTB-Prototyp zu konstru­ie­ren, entstand während der Mitar­beit an dem Leit­fa­den, den die Bundes­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin zurzeit ausar­bei­tet und der demnächst Orches­tern und Musi­kern konkrete Hinweise geben wird, wie die EU-Richtlinie umge­setzt werden kann. Als Spezia­list für genaue Schall­pe­gel­mes­sun­gen war Bork daran betei­ligt. Seine tägli­che Arbeit besteht in der Zulas­sungs­prü­fung von Schall­pe­gel­mess­ge­rä­ten, die zum Beispiel von der Poli­zei einge­setzt werden, um – gericht­lich unan­fecht­bar – getunte Mofas aufzu­fin­den. Die tech­ni­schen Möglich­kei­ten der PTB waren ideal, um die Eigen­schaf­ten eines Schall­schutz­schir­mes sorg­fäl­tig zu unter­su­chen. An dem Projekt waren zwei weitere Vertrags­part­ner betei­ligt, die die Finan­zie­rung ermög­lich­ten, nämlich der Gemein­de­un­fall­ver­si­che­rungs­ver­band Westfalen-Lippe und die Städ­ti­schen Bühnen Müns­ter. Letz­tere stell­ten außer­dem ihr Orches­ter zur Verfü­gung, um den Schirm zu erpro­ben.
„Unser Proto­typ ist nicht paten­tiert, weil wir keine beson­de­ren Mate­ria­lien oder Ähnli­ches einge­setzt, sondern nur grund­sätz­li­che Zusam­men­hänge unter­sucht haben“, erklärt Bork. Das hat den Vorteil, dass ihn nun jeder leicht nach­bauen kann. „Jede Bühnen­bau­werk­statt hat die Möglich­kei­ten dazu. Aber der Schall­schutz­schirm wirkt nur, wenn er den indi­vi­du­el­len Gege­ben­hei­ten des Proben­rau­mes oder des Orches­ter­gra­bens ange­passt ist“, betont Bork. Wer weiß, viel­leicht findet sich auch eine Produk­ti­ons­firma und wirft den PTB-Schirm auf den Markt. Dann wäre der erfolg­rei­che Tech­no­lo­gie­trans­fer komplett.
Infor­ma­tion:
Dr. Ingolf Bork, PTB-Arbeitsgruppe 1.72 Geräusch­mess­tech­nik,
Tel. (0531) 592‑1531,
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