Startseite » Fachbeiträge » Archiv SB »

Wissen, was zu tun ist

Schulsanitäter: Für den Ernstfall vorbereitet
Wissen, was zu tun ist

Anzeige
Schnell in den 2. Stock zur nächs­ten Unter­richts­stunde. Kurz nicht aufge­passt, ausge­rutscht. Der Fuß schmerzt, das Knie blutet, Übel­keit setzt ein. Die ande­ren gucken, wissen nicht recht was sie tun sollen. Frage­zei­chen in ihren Augen, die wenig helfen. Solche Situa­tio­nen lassen sich vermei­den – wie das gelingt, zeigt das Goethe-Gymnasium in Bens­heim mit seinem Enga­ge­ment im Schul­sa­ni­täts­dienst (SSD).

Dr. Chris­tiane Eich­horn

Ich warte am Schul­tor auf den Schü­ler, der mich abholt. Dann sehe ich ihn, biss­chen außer Atem und ein wenig aufge­regt. Er führt mich durch das Gebäude, stoppt und öffnet mir die Tür zum Klas­sen­raum. Ich blicke in einen Haufen leicht gerö­te­ter Gesich­ter, die im Stuhl­kreis sitzen und laut­stark zum Besten geben, was man wohl machen könnte, wenn jemand in der Pausen­halle umkippt.
Die Ausbil­dung zu Schul­sa­ni­tä­tern „Schul-Sanis“ wird am Goethe-Gymnasium groß geschrie­ben. Seit diesem Schul­jahr besteht für die Schü­ler das Ange­bot jeden Donners­tag in der 7. und 8. Stunde in einer Arbeits­ge­mein­schaft (AG) Erste-Hilfe-Kenntnisse zu erler­nen. Judith Grön, Lehre­rin am „Goethe“, selbst beim Roten Kreuz ausge­bil­det und stark enga­giert, leitet die AG. „Es ist unglaub­lich, wie viele Schü­ler sich ange­mel­det haben, das hat unsere Erwar­tun­gen weit über­trof­fen“ freut sich die AG-Leiterin. Über 250 der insge­samt 1300 Schü­ler bekun­de­ten bei einer Umfrage ihr Inter­esse. Gestar­tet ist die erste AG nun mit 30 Schü­lern. Sie ist frei­wil­lig und wird im Zeug­nis vermerkt. Schü­ler aller Jahr­gangs­stu­fen können teil­neh­men. Geson­derte Voraus­set­zun­gen bestehen keine, außer Inter­esse an sozia­lem Enga­ge­ment.
Lockere Atmo­sphäre
Immer wieder schnip­sen die Finger in die Höhe, wenn Judith Grön Fragen stellt. Alle sind voll bei der Sache. Die Atmo­sphäre hat nicht wirk­lich was von Schule – die Jungs neben mir lachen, die Mädels schräg gegen­über fragen sich, was bei der „Stabi­len Seiten­lage“ zu beach­ten ist. Manch­mal ruft auch einer einfach rein, was ihm einfällt, das ist aber nicht so schlimm – ist ja eine AG.
Eine AG zum Schul­sa­ni­täts­dienst ist für Schu­len keine Pflicht. Jürgen Mescher, Direk­tor des Bens­hei­mer Goethe-Gymnasiums, forciert jedoch die Akti­vi­tä­ten in diesem Bereich und unter­stützte – so wie viele andere Kolle­gen – die Initia­tive, als es darum ging, die AG ins Leben zu rufen. Derar­tige AGs sind im Inter­esse der Schule, da sie dadurch einen akti­ven Beitrag zur Sicher­heit der Schü­ler leis­tet, das Verant­wor­tungs­ge­fühl und die Hilfs­be­reit­schaft unter den Schü­le­rin­nen und Schü­lern fördert. Zusätz­lich verbes­sert sich das soziale Klima und die Schule kann sich gegen­über Eltern und ande­ren Schu­len posi­tiv darstel­len.
Die AG nimmt ihren Lauf. Judith Grön been­det den theo­re­ti­schen Teil, jetzt geht es ans Einge­machte, die Schü­ler sollen die Stabile Seiten­lage üben. Nach­dem die AG-Leiterin mit einem Schü­ler den ideal­ty­pi­schen Verlauf zeigte, schlie­ßen sich immer zwei Schü­ler zusam­men und üben den Ernst­fall. Da wird auch hier und da geki­chert, wenn sich der ein oder andere – extra ein wenig über- trie­ben – hinfal­len lässt und bewusst­los spielt.
Verant­wor­tung über­neh­men
Mit Spiel hat die Ausbil­dung zum Schul-Sani ansons­ten aber nichts zu tun. Schul-Sanis über­neh­men eine verant­wor­tungs­volle Aufgabe, für sich selbst und vor allem für andere. Sie leis­ten Erste Hilfe, sind je nach Plan dienst­be­reit, warten das Sani­täts­ma­te­rial und halten den Sani­täts­raum instand. Dabei sind sie nicht auf sich alleine gestellt, sondern haben an der Schule Kontakt- und Ansprech­part­ner (Betreu­ungs­leh­rer). In der AG werden den Schü­lern die wich­tigs­ten Hand­griffe beigebracht, sie lernen, worauf es ankommt, wenn sich jemand verletzt. „Das Ziel besteht auch darin ein Auge für sein Umfeld zu entwi­ckeln: Wer braucht meine Hilfe, was sind gefähr­li­che Situa­tio­nen, was kann ich verhin­dern?“ bringt es Judith Grön auf den Punkt. Dass Schul-Sanis gebraucht werden, bele­gen aktu­elle Zahlen der Johanniter-Unfallhilfe: 1.343.000 Unfälle passie­ren an Schu­len jähr­lich, nur das eben nicht 1.343.00 Schul-Sanis verfüg­bar sind – jeder Einzelne ist deshalb wich­tig.
Die Stabile Seiten­lage klappt inzwi­schen ganz gut. Falls jemand etwas vergisst, wird er gleich darauf aufmerk­sam gemacht – und das nicht nur vom Lehrer. „Der Nacken ist nicht über­streckt“, „Du hast die falsche Seite der Wärme­de­cke oben“ oder „Ey, der liegt ja voll auf seinem Arm“, tönt es durch den Raum. Die Schü­ler kontrol­lie­ren sich gegen­sei­tig und lernen, worauf es ankommt. „Ich möchte die Schü­ler an die Situa­tion heran­füh­ren. Dazu ist es wich­tig, dass sie die notwen­di­gen Hand­griffe immer und immer wieder üben. Die Angst davor etwas Falsches zu tun ist oft noch groß und wird so abge­baut“, begrün­det Judith Grön aus ihrer Erfah­rung, während sie gerade ein Mädchen darauf aufmerk­sam macht, dass sie den Puls des „Verletz­ten“ kontrol­lie­ren muss. Zusätz­lich zur AG besteht eine Koopera- tion mit dem Deut­schen Roten Kreuz (DRK) in Bens­heim. Um ihre Erste-Hilfe-Qualifikation zu erlan­gen, können die Schü­ler z. B. in Wochen­end­kur­sen das nötige Wissen erwer­ben. Auch hier war die Bereit­schaft der Schü­ler hoch, sie opfer­ten ihre schul­freien Tage, um die Ausbil­dung erfolg­reich durch­zu­zie­hen. Der Schul­sa­ni­täts­dienst in Hessen wird unter­stützt durch das Jugend­rot­kreuz (JRK) in Koope­ra­tion mit der Unfall­kasse Hessen.
Das JRK ist der selbst­ver­ant­wort­li­che Jugend­ver­band des Deut­schen Roten Kreu­zes und im Rahmen der Rotkreuz-Grundsätze aktiv. Bundes­weit enga­gie­ren sich über 110.000 Kinder und Jugend­li­che im Alter bis 27 Jahren im Jugend­rot­kreuz.
Keine Einzel­kämp­fer
Die Gründe, weshalb so viele Schü­ler „Schul-Sani“ werden wollen, sind viel­sei­tig. Für Isabelle Rönsch, 14 Jahre, ist es wich­tig, dass sie nicht zum Zuse­hen verdammt ist, wenn jeman­dem etwas passiert. „Vor der AG hatte ich Angst etwas falsch zu machen, war unsi­cher. Hier hoffe ich zu lernen, was ich wann und wie tun muss, um ande­ren zu helfen“, beschreibt die Schü­le­rin der 9. Klasse ihre Erwar­tun­gen. „Man darf nicht vorbei­lau­fen, auch nicht aus Angst etwas falsch zu machen, das ist feige. Und damit ich nicht mehr unsi­cher bin, bin ich in der AG.“ Ihr Mitschü­ler, Patrick Schil­ling, 15 Jahre, ergänzt: „Man fühlt sich gut, wenn man helfen kann. Ich habe schon Situa­tio­nen erlebt, wo ich nicht helfen konnte, und da hätte ich mir gewünscht, dass ich gewusst hätte, wie man es machen soll, denn irgend­wie ist jeder dazu verpflich­tet. Da möchte ich auch dabei sein.“
Und noch was ande­res entsteht in der AG, ein Gemein­schafts­ge­fühl. „Die Sachen zu lernen macht Spaß, auch weil man es mit Freun­den zusam­men machen kann und andere kennen lernt, aus den Stufen drüber oder drun­ter“ freut sich Mareike Hillen­brand aus der 8. Klasse, die zusam­men mit ihrer Freun­din Katha­rina Lange­lott die AG besucht. Katha­rina hat selbst schon erlebt, wie es ist Erste Hilfe zu brau­chen und weiß wie wich­tig das sein kann. Dazu möchte sie auch einen Beitrag leis­ten.
„Schul-Sanis arbei­ten im Team zusam­men, das Mitein­an­der steht im Vorder­grund, da gibt es keine Einzel­kämp­fer“, schätzt Judith Grön die weite­ren Vorteile des Schul­sa­ni­täts­diens­tes. Team­geist sei gefragt, gegen­sei­tige Unter­stüt­zung stehe im Mittel­punkt. Der Grund­stein für die Ausbil­dung der Schul-Sanis ist gelegt, weitere Aspekte sind in Planung, beispiels­weise sollen T‑Shirts entwor­fen werden, die die Schul-Sanis tragen, wenn sie im Dienst sind. Ebenso wird über­legt ein Handy anzu­schaf­fen, das sich die Dienst haben­den Sanis im Sekre­ta­riat abho­len können.
Mit der Orga­ni­sa­tion und dem Aufbau ihres Schul­sa­ni­täts­diens­tes hat das Goethe-Gymnasium die Sicher­heit an der Schule einen großen Schritt voran­ge­trie­ben. Und selbst wenn was passiert, bei den Schul- Sanis werden wohl kaum Frage­zei­chen in den Augen zu sehen sein.

Was ist Schul­sa­ni­täts­dienst?
Der Schul­sa­ni­täts­dienst ist eine Initia­tive, die vom Jugend­rot­kreuz geför­dert und unter­stützt wird. Er ergänzt und sichert die Erste-Hilfe-Versorgung an der Schule. Schüler/-innen, die in Erster Hilfe ausge­bil­det sind, stel­len im Rahmen des Schul­sa­ni­täts­diens­tes – mit ihren Koope­ra­ti­ons­leh­re­rin­nen und Koope­ra­ti­ons­leh­rern – die Erst­ver­sor­gung im Falle von Unfäl­len, Verlet­zun­gen, Krank­heit bis zum Eintref­fen des Rettungs­diens­tes sicher. Die Schulsanitäter/-innen vertie­fen und erwei­tern ihr Wissen zur Ersten Hilfe stän­dig.
I. d. S. ist das primäre Ziel des Schul­sa­ni­täts­diens­tes zu helfen. Damit leis­tet er – auch im Sinne des präven­ti­ven Gedan­kens (SGB VIII KJHG § 1 Recht auf Erzie­hung, Eltern­ver­ant­wor­tung, Jugend­hilfe 2, § 11 Jugend­ar­beit 3) – einen Beitrag zur Förde­rung und Unter­stüt­zung von Kindern und Jugend­li­chen mit dem Ziel, Selbst­be­stim­mung und Verant­wor­tungs­be­wusst­sein zu stär­ken. Quelle: jrk
Weitere Infos unter: www.djrk.de
Anzeige
News­let­ter

Jetzt unse­ren News­let­ter abon­nie­ren

Meistgelesen

Jobs
Sicher­heits­be­auf­trag­ter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 6
Ausgabe
6.2020
ABO
Sicher­heits­in­ge­nieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 6
Ausgabe
6.2020
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de