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Älter als gedacht

4000 Jahre Betriebssicherheit
Älter als gedacht

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„Wenn du ein neues Haus baust, so sollst du an deinem Dach eine Brust­wehr machen, so dass du in deinem Haus keinen Totschlag begehst, wenn einer, der von ihm herun­ter­fällt, umkommt.“ Diese gern zitierte Stelle aus dem Alten Testa­ment wird oft als erste Arbeits­schutz­vor­schrift darge­stellt. Genau genom­men handelt es sich aber um eine Verkehrs­si­che­rungs­pflicht und zeigt, dass bereits in der Antike entspre­chende Rechts­vor­stel­lun­gen exis­tier­ten.

Die Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung, das Produkt­si­cher­heits­ge­setz aber auch z.B. die Landes­bau­ord­nun­gen regeln, dass von Arbeits­mit­teln, Anla­gen, Produk­ten, Gebäu­den etc. keine Gefah­ren für Nutzer oder Dritte ausge­hen. Dabei handelt es sich um Spezi­fi­ka­tio­nen des Prin­zips der Verkehrs­si­che­rungs­pflicht, wobei derje­nige, der eine Gefah­ren­quelle schafft oder unter­hält, notwen­dige und zumut­bare Vorkeh­run­gen zu tref­fen hat, um Schä­den ande­rer zu verhin­dern.
Diese Rege­lun­gen sind der Endpunkt eines Denkens, das im vorde­ren Orient seinen Anfang nahm. Sowohl heute als auch in der Antike steht dabei der Betrei­ber beson­ders in der Verant­wor­tung. Dies ist dieje­nige juris­ti­sche oder natür­li­che Person, die die tatsäch­li­che Sach­herr­schaft über eine Sache hat und daher die Verkehrs­si­che­rungs­pflich­ten zu gewähr­leis­ten hat.
Unter diesem Blick­win­kel wollen wir nun verrei­sen: 4000 Jahre in die Vergan­gen­heit und rund 4000 km nach Südos­ten.
Meso­po­ta­mien: Codex Hammu­rabi
Mit dem Aufblü­hen der Zivi­li­sa­tio­nen an Euphrat und Tigris im 3. Jahr­tau­send v. Chr. entwi­ckelte sich auch das Rechts­sys­tem. Aus dieser ganz frühen Zeit fehlen uns aller­dings die entspre­chen­den Funde, so dass wir nicht sinn­voll über die konkre­ten Inhalte infor­miert sind. Auch die Anord­nun­gen des „Reform­kö­nigs“ Uruka­ginga von Lagasch (ca. 2370 v. Chr.) sind uns nur durch Dritte ansatz­weise über­lie­fert – und spie­len für unsere Frage­stel­lung keine Rolle. Erst ab ca. 2000 v. Chr. wurden entspre­chende, in Keil­schrift verfasste Doku­mente als Primär­quel­len gefun­den.
Unter den frühen Geset­zes­samm­lun­gen ragt die des baby­lo­ni­schen Königs Hammu­rabi (etwa 1700 v. Chr.)1 beson­ders hervor. Sie entstand gegen Ende der Herr­schaft des Königs und ist mithin an die 4000 Jahre alt. Die Samm­lung ist uns auf einer über­manns­ho­hen Stele über­lie­fert, die neben einer bild­li­chen Darstel­lung des Königs und des Gottes Scha­masch über und über mit Keil­schrift­tex­ten verse­hen ist.
Die Auswer­tung und Über­set­zung hat erge­ben, dass neben einem Pro- und einem Epilog zu Größe und Weis­heit des Königs insge­samt 282 Rechts­vor­schrif­ten fest­ge­hal­ten sind, die einen weiten Bereich des dama­li­gen tägli­chen Lebens umfass­ten. Das reicht von Straf­vor­schrif­ten für Tötung und Raub, Ehe- und Besitz­an­ge­le­gen­hei­ten bis hin zu Ersatz­leis­tun­gen bei Fahr­läs­sig­keit.
Einige dieser Vorschrif­ten sind nur noch Fach­leu­ten verständ­lich, andere dage­gen wirken hoch­ak­tu­ell. So befas­sen sich allein neun „Para­gra­fen“ mit Ersatz­leis­tun­gen für ärzt­li­che Kunst­feh­ler und diverse Para­gra­fen zum Bau von Häusern und Schif­fen regeln in sehr ähnli­cher Weise wie heute Pflich­ten zur Nach­bes­se­rung bzw. Nach­er­fül­lung.
Für unsere Frage­stel­lung sind insbe­son­dere die Para­gra­fen 53 und 552 von Inter­esse:
§ 53: „Wenn ein Bürger bei der Befes­ti­gung seines Feld­dei­ches die Hände in den Schoß gelegt und seinen Deich nicht befes­tigt hat, in seinem Deiche eine Öffnung entsteht, er gar die Flur vom Wasser wegschwem­men lässt, so ersetzt der Bürger…das Getreide, das er dadurch vernich­tet hat.“
§ 55: „Wenn ein Bürger seinen Graben zur Bewäs­se­rung öffnet, die Hände dann aber in den Schoß gelegt und so sein Nach­bar­feld vom Wasser hat fort­schwem­men lassen, so gibt er Getreide entspre­chend seinem Nach­bar­grund­stück.“
Diese Rege­lun­gen bezie­hen sich auf die künst­li­che Bewäs­se­rung der Felder, die im vorwie­gend agra­ri­schen Meso­po­ta­mien beson­ders in den trocke­nen südli­chen Teilen die Voraus­set­zung war, um reiche Ernten vom bis zum 30fachen der Aussaat zu erzie­len (Abb. 1). Die Felder waren durch Dämme abge­grenzt, so dass die Fluten aus den zufüh­ren­den Kanä­len gezielt auf die Felder gelei­tet werden konn­ten.
Würde das Wasser nun durch einen undich­ten oder gebro­che­nen Deich aus dem Feld heraus bzw. durch eine unzu­rei­chende Kana­li­sie­rung auf Nach­bar­fel­der flie­ßen, so war damit zu rech­nen, dass sowohl Saat als auch Boden­krume wegge­schwemmt wurden. Den dadurch entste­hen­den Scha­den bzw. Ernte­aus­fall hatte der Bürger dem Besit­zer des Feldes zu erstat­ten.
Anders als in der heuti­gen Normen­land­schaft sind im Codex Hammu­rabi die Anfor­de­run­gen nur indi­rekt aus den Rechts­vor­schrif­ten zu erschlie­ßen. Wir können aber fest­stel­len:
  • Die Scha­dens­re­gu­lie­rung ist an ein Fehl­ver­hal­ten gebun­den, das einen Scha­den bewirkt ( „Hände in den Schoß legen“)
  • Dies impli­ziert daher ein „Tätig-Werden“ zur Vermei­dung des Scha­dens
  • Die Vorschrift rich­tet sich nicht an den Eigen­tü­mer, sondern an denje­ni­gen, der das Feld bebaut, denn die meis­ten Klein­bau­ern waren nicht Besit­zer ihrer Felder sondern Päch­ter oder Miet­linge von Groß­grund­be­sit­zern oder gar dem könig­lich verwal­te­ten Land.
Damit erfüllt dieser Sach­ver­halt die Defi­ni­tion der Verkehrs­si­che­rung, denn hier gibt es einen Betrei­ber, der die Sach­herr­schaft über eine Gefah­ren­quelle hat und daher pflicht­wid­rig handelt, wenn er Siche­rungs­maß­nah­men unter­lässt.
Inter­es­san­ter­weise finden wir eine ähnli­che, aber undif­fe­ren­zierte Verpflich­tung im soge­nann­ten Codex Ur-Nammu. Er ist rund 300 Jahre älter (ca. 2000 v. Chr.) und die derzeit älteste Rechts­samm­lung, die wir besit­zen. So heißt es als 32. Vorschrift: „Wenn jemand das Feld eines ande­ren über­schwemmt, soll er pro iku Feld drei kur Getreide geben.“3
Aus dieser Formu­lie­rung wird nun aber nicht klar, ob hier ein Verse­hen, ein Unglück, ein Versäum­nis oder alles drei geahn­det wurde. Dieses Beispiel zeigt sehr deut­lich, wie sich die Rechts­set­zung bis Hammu­rabi durch Konkre­ti­sie­run­gen verbes­sert hat.
Sehen wir uns dazu ein ande­res Beispiel an, den § 267 des Codex Hammu­rabi:
„Wenn der Hirte säumig war und im Vieh­hofe eine Dreh­krank­heit hat entste­hen lassen, wird der Hirte den Scha­den der Dreh­krank­heit, den er im Vieh­hofe hat entste­hen lassen, an den Rindern und dem Klein­vieh heilen, und gibt [die Tiere] deren Eigen­tü­mern.“
Hier wird offen­sicht­lich eine beson­dere Sorg­falts­pflicht beim Betrieb eines Vieh­ho­fes ange­mahnt. Mögli­cher­weise handelt es sich dabei um bestimmte Hygie­ne­maß­nah­men. Da wir aber die „Dreh­krank­heit“ nicht kennen, kann das nur Vermu­tung blei­ben.
Ähnlich wie bei den Bewäs­se­rungs­däm­men ist der Hirt nicht der Eigen­tü­mer der Anlage (das geht aus § 266 hervor), wohl hat er aber die Sach­herr­schaft darüber. Damit ist er nach unse­rer Defi­ni­tion ein Betrei­ber und hat die notwen­dige Verkehrs­si­che­rungs­pflicht aufzu­wen­den, um einen siche­ren Betrieb des Hofes zu gewähr­leis­ten. Da so ein Hof auch als Anlage verstan­den werden darf, ist hier­mit auch die Betriebs­si­cher­heit im Sinne einer Spezi­fi­zie­rung der allge­mei­nen Verkehrs­si­che­rung zu erfül­len.
Notwen­dige Sorg­falts­pflich­ten galten auch für die Erstel­lung von Gewer­ken, denn „… Wenn [z.B.] ein Baumeis­ter einem Bürger ein Haus gebaut, aber seine Arbeit nicht fest genug ausge­führt hat und das Haus, das er gebaut hat, einge­stürzt ist und er dadurch den Haus­ei­gen­tü­mer ums Leben gebracht hat, so wird dieser Baumeis­ter getö­tet“ (§ 229 u.a.).
Beide Beispiele zeigen deut­lich, dass die Gedan­ken­kon­struk­tio­nen, die hinter unse­ren heuti­gen Verkehrs- und Betriebs­si­che­rungs­pflich­ten stehen, bereits zu Hammu­ra­bis Zeit vorhan­den waren. Sie haben sich mögli­cher­weise zwischen 2000 und 1800 v. Chr. entwi­ckelt oder zumin­dest konkre­ti­siert, denn weder bei Ur-Namma noch bei Lipit-Ishtar (s.u.) finden sich entspre­chende Formu­lie­run­gen.
Was ist nun aber in einer vor allem auf Land­wirt­schaft basie­ren­den Zivi­li­sa­tion eigent­lich mit Tieren, mit Vieh? Kann man dafür so etwas wie Betriebs­si­cher­heit oder Betrei­ber­pflich­ten einfor­dern?
Zumin­dest wurde das damals so gese­hen. Rinder waren ein hohes Wirt­schafts­gut, das sich wohl nicht jeder leis­ten konnte, denn die Geset­zes­samm­lung des Lipit-Ishtar (ca. 1950 v. Chr.)4 enthält allein vier Para­gra­fen zum Ausgleich von Schäden/Verletzungen an ausge­lie­he­nen (!) Rindern. Wofür wurden sie ausge­lie­hen? Viel­leicht zur Zucht, wahr­schein­lich aber eher für die Arbeit: Zum Ziehen des Pflu­ges oder von Karren, zum Antrieb von Wasser­rä­dern oder Mahl­wer­ken, zum Dreschen des Getrei­des und so weiter. Zum Teil erfül­len sie diese Funk­tion ja noch heute.
Da der Umgang mit diesen „Arbeits­mit­teln“ aber offen­sicht­lich nicht ohne Risiko war, galten entspre­chende Siche­rungs­pflich­ten. Dabei ist in den drei nach­fol­gen­den Beispie­len insbe­son­dere die Kennt­nis des „nicht ordnungs­ge­mä­ßen Zustan­des“ wich­tig. Neben­bei: Hier finden wir auch die ersten Zeug­nisse für jenen geistig-intellektuellen Prozess, den wir heute „Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung“ nennen.
Codex von Eschnunna (ca. 1850 v. Chr.):
„Wenn ein Rind stößig ist und die Bezirks­au­to­ri­tä­ten haben es seinem Eigner bekannt gege­ben, wenn er das Rind nicht sichert und es spießt einen Menschen auf – Der Eigner soll 2/3 Minen Silber abwie­gen.“ (§ 54)5
Codex Hammu­rabi (ca. 1750 v. Chr.):
„Wenn das Rind des Bürgers stößig ist, als stößig es seine Behörde ihm bekannt gege­ben [hat], er seine Hörner aber nicht gestutzt, sein Rind nicht fest­ge­bun­den hat, und dann dieses Rind einen Bürger­sohn gesto­ßen und dadurch ums Leben gebracht hat, so gibt er eine ½ Mine Silber.“ (§ 251)
Thora (ca. 750 v. Chr.):
„Wenn der Stier schon seit zwei oder drei Tagen stößig war und das seinem Herren gemel­det wurde und er ihn nicht entfernt hat und er einen Mann oder eine Frau getö­tet hat, so soll der Stier gestei­nigt werden, und sein Herr soll auch ster­ben.“ (2. Mose 21, 29)6
Das letzte Beispiel leitet über zu einer ande­ren anti­ken Quelle des vorde­ren Orients, der Thora.
Israel: Die Thora
Die Thora, die „Bücher der Weisung“, uns besser als die „Moses­bü­cher“ oder der „Penta­teuch“ bekannt, stel­len einen Teil dessen dar, was wir Chris­ten heute als „Altes Testa­ment“ bezeich­nen. Die fünf Teile waren aber für die anti­ken Israe­li­ten die ersten und einzi­gen Normen setzen­den Heili­gen Schrif­ten (Abb. 2). Deshalb soll hier nur dieser Begriff verwen­det werden, denn als die Thora aufge­zeich­net wurde, war an ein „Altes Testa­ment“ noch lange nicht zu denken7.
Wann nun die Thora/der Penta­teuch entstan­den ist, darüber strei­ten die Gelehr­ten sehr eifrig und disku­tie­ren eine groß­zü­gige Spann­breite, die zwischen circa 1000 und 400 v. Chr. liegt. Wie auch immer, die Thora ist grob gerech­net rund 1000 Jahre jünger als der Codex Hammu­rabi.
Deshalb erstaunt die Ähnlich­keit des eben gege­ben Beispiels zwischen dem Codex von Eschnunna und dem Codex Hammu­rabi nicht wirk­lich, wohl aber die fast gleich lautende Anwei­sung in der Thora.
Hat nun Hammu­ra­bis Geset­zes­werk bei der Ausfor­mu­lie­rung welt­li­cher Belange der Thora Pate gestan­den? Viele Ähnlich­kei­ten legen es nahe, aber nach einge­hen­den Prüfun­gen sowie der archäologisch-historischen Analy­sen ist dies nicht der Fall.8 Viel­mehr muss davon ausge­gan­gen werden, dass beide Doku­mente (und viele weitere) alt-vorderorientalische Rechts­pra­xis beschrei­ben. Dabei scheint eine hohe zeit­li­che Konti­nui­tät vorhan­den gewe­sen zu sein.
Aus dieser Sach­lage ergibt sich aber ein Vorteil: Wenn beide Doku­mente nicht vonein­an­der abhän­gig sind, sondern „nur“ die allge­meine Rechts­pra­xis wider­spie­geln, sind sie stell­ver­tre­tende Zeug­nisse und die jewei­li­gen Vorschrif­ten dürfen mit einer gewis­sen Vorsicht als über­re­gio­nal gültig verstan­den werden.
Daher dürfen wir auch erwar­ten, dass z.B. im Umgang mit Zister­nen oder Gruben ein über­re­gio­na­ler altori­en­ta­li­scher „common sense“ herrschte:
„Wenn jemand eine Zisterne offen stehen lässt oder eine Zisterne aushebt und sie nicht zudeckt und es fällt ein Jung­stier oder ein Esel hinein, so soll der Herr der Zisterne dafür bezah­len.“ (2. Mose 21, 33 –34)
Hier wird also voraus­ge­setzt, dass Gruben, Zister­nen oder ähnli­che Anla­gen abge­deckt, also gegen Unfälle gesi­chert werden. Das gehört zu einer ordent­li­chen Betriebs­füh­rung genau so wie diese auch für die bäuer­li­chen Tätig­kei­ten anzu­wen­den ist, wenn z.B. Vieh zum Weiden getrie­ben und dann – fahr­läs­si­ger­weise – sich selbst über­las­sen wird: „Wenn aber jemand ein Feld oder einen Wein­gar­ten abwei­den lässt und er lässt sein Vieh ein ande­res Feld abwei­den, so soll er dessen Ertrag von seinem Feld erset­zen.“ (2. Mose 22, 4)
In ähnli­cher Weise wird bei der Benut­zung von Feuer eine Art „Betriebs­si­che­rungs­pflicht“ erwar­tet, denn: „Wenn jemand Feuer macht und es erfasst eine Dornen­he­cke und greift auf einen Garben­hau­fen über oder es vernich­tet stehen­des Getreide, dann muss er vollen Ersatz leis­ten.“ (2. Mose 22,5)
Pflich­ten bei der Erstel­lung von Gebäu­den wurden ja schon ganz am Anfang dieses Arti­kels ange­spro­chen. Trotz­dem sei das Zitat an dieser Stelle aus einem wich­ti­gen Grunde noch einmal gege­ben:
„Wenn du ein neues Haus baust, so sollst du an deinem Dach eine Brust­wehr machen, so dass du in deinem Haus keinen Totschlag begehst, wenn einer, der von ihm herun­ter­fällt, umkommt.“ (5. Mose 22,8)
Was uns hier entge­gen­tritt, ist ein völlig ande­rer Aussa­ge­typ. Die bisher genann­ten Stel­len sind ja Straf- und Ausgleichs­vor­schrif­ten, aus denen auf die Betrei­ber­pflich­ten rück­ge­schlos­sen werden musste und auch konnte.
Hier jedoch wird diese Pflicht expres­sis verbis genannt. Das Gesetz sagt uns, was zu tun ist, ist nicht Straf­an­dro­hung sondern vor allem Hand­lungs­richt­li­nie. Das moderne Gegen­stück zu 5. Mose 22,8 klingt dann so: „In, an und auf bauli­chen Anla­gen sind Flächen, die im Allge­mei­nen zum Bege­hen bestimmt sind und unmit­tel­bar an mehr als 1m tiefer liegende Flächen angren­zen, zu umweh­ren.“ (§ 41, Abs. 1 Landes­bau­ord­nung NRW) Nichts wirk­lich Neues also.
Die alten meso­po­ta­mi­schen Gesetze waren kasu­is­tisch oder kondi­tio­nal formu­liert, was sich aus den verwen­de­ten „wenn …dann“-Konstruktionen ergibt. In der Thora finden wir dage­gen sowohl kasu­is­ti­sche als auch apodik­ti­sche Rechts­for­mu­lie­run­gen. Letz­tere zeich­nen sich durch „Du sollst“-Formulierungen aus. Dabei können sie abstrakt („Du sollst nicht töten“) oder auch konkret sein („Du sollst eine Brust­wehr anbrin­gen“).
Für die Praxis gibt es bis heute das Zusam­men­spiel zwischen kasu­is­ti­scher und apodik­ti­scher Betrach­tung. Die apodik­ti­schen Aussa­gen enthal­ten nämlich keine Straf­vor­schrif­ten. Diese müssen kasu­is­tisch gere­gelt werden. Ein Blick z.B. auf die Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung gibt uns „apodik­tisch“ im § 14 zu verste­hen, dass über­wa­chungs­be­dürf­tige Anla­gen geprüft werden müssen und weist uns kasu­is­tisch im § 25 auf die mögli­cher­weise entste­hende Ordnungs­wid­rig­keit hin.
Damit wird bereits zu einem so frühen Zeit­punkt wie der Thor­aab­fas­sung das Präven­ti­ons­prin­zip erkenn­bar, das apodik­tisch die Umset­zung von Lösungs­va­ri­an­ten nach Stand der Tech­nik fordert. Diese und andere Stel­len unter­schei­den sich von ihrem Charak­ter her nicht von DIN-Normen oder Tech­ni­schen Regeln.
Gera­dezu wie eine Tech­ni­sche Regel muten daher die Anwei­sun­gen aus 3. Mose 14, 34ff darüber an, wie man „Aussatz“ an Häusern behan­delt. Diese sehr lange Stelle ist inso­fern einzig­ar­tig, da sie mit hoher Wahr­schein­lich­keit eine Schim­mel­pilz­sa­nie­rung beschreibt, die in ihren Grund­zü­gen mit heuti­gen Metho­den vergleich­bar ist: Befund­auf­nahme, Sanie­rung der betrof­fe­nen Stel­len, erneute Prüfung auf Befall und im schlech­tes­ten Fall Abriss des ganzen Hauses (Abb. 3). Der Pries­ter erfüllt hier die Rolle des Sach­ver­stän­di­gen oder der „Befä­hig­ten Person“.
Dies ist – so weit wir es hier über­bli­cken können – eine höhere Entwick­lungs­stufe als sie noch bei Hammu­rabi erkenn­bar war.
Zusam­men­fas­sung
Die hier gege­ben Beispiele zeigen, dass der Gedanke einer Verkehrs­si­che­rungs­pflicht und der Betriebs­si­cher­heit im alten Orient vor circa 4000 Jahren entstan­den ist. Da sich die Vorschrif­ten meist an die Perso­nen rich­ten, die – wie wir heute sagen würden – die Sach­herr­schaft inne­hat­ten, scheint es auch den Gedan­ken des Betrei­bers als den eigent­li­chen Verant­wort­li­chen zur Umset­zung dieser Verkehrs­si­che­rungs­pflich­ten gege­ben zu haben. Ob ähnli­che Vorstel­lun­gen auch im anti­ken Ägyp­ten entwi­ckelt wurden, kann aufgrund unge­nü­gen­der Zeug­nisse nicht gesagt werden. Es scheint aber nicht der Fall zu sein.
Während dabei zunächst reak­tive Formu­lie­run­gen im Sinne von Straf­vor­schrif­ten kodi­fi­ziert wurden, kommen spätes­tens mit der Thora posi­tive, hand­lungs­lei­tende Vorschrif­ten mit präven­ti­vem Ansatz zum Tragen. Einige Stel­len weisen hohe Ähnlich­kei­ten mit heuti­gen Regel­wer­ken auf.
Dies soll nicht bedeu­ten, dass es in ande­ren altori­en­ta­li­schen Texten nicht viel­leicht auch entspre­chende Anwei­sun­gen gibt. Durch die Thora und dann auch als Bestand­teil des christ­li­chen Alten Testa­ments haben sie jedoch schon früh eine weite Verbrei­tung erfah­ren, während die altori­en­ta­li­schen Doku­mente lang­sam im Sand versan­ken und für mindes­tens 2000 Jahre der Lektüre entzo­gen waren. Ob nun aber die altori­en­ta­li­schen Vorstel­lun­gen die direk­ten Vorläu­fer unse­rer Rechts­kon­struk­tio­nen sind oder ob sich diese Gedan­ken unab­hän­gig vonein­an­der entwi­ckelt haben, ist dabei nicht von Belang.
Dennoch, wenn wir heute z.B. die Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung lesen, so schaut durch die Nebel der Vergan­gen­heit immer noch Hammu­rabi zu uns Nach­ge­bo­re­nen hinüber, oder um es mit einem Wort von Dida­cus Stella aus dem 17. Jahr­hun­dert zu sagen: „Pigmei gigan­tum hume­ris impo­siti plus­quam ipsi gigan­tes – Etwas frei über­setzt: Nur die Zwerge auf den Schul­tern von Riesen sehen weiter als die Riesen.
Anmer­kun­gen
  • 1 Die Jahres­zah­len im alten Orient sind natur­ge­mäß schwer fest­zu­stel­len. Aufgrund diver­gie­ren­der Ermitt­lungs­kri­te­rien exis­tie­ren unter den Wissen­schaft­lern derzeit vier Chro­no­lo­gie­ty­pen: Die lange, zwei sog. mitt­lere und eine kurze Chro­no­lo­gie (oder lang, mittel, kurz und ultra­kurz). Je länger die Chro­no­lo­gie, umso weiter rutscht das Ereig­nis in die Vergan­gen­heit. Die Regie­rungs­zei­ten Hammu­ra­bis wären demnach: Lang: 1848–1806 v. Chr., mittel (1): 1792–1752 v. Chr., mittel (2): 1728–1686 v. Chr., kurz: 1696–1654 v. Chr. Heute werden meist die lange und die ultra­kurze Chro­no­lo­gie als nicht zutref­fend ange­se­hen.
  • 2 Alle Zitate des Codex Hammu­rabi aus: W. Eilers: Codex Hammu­rabi. Die Geset­zes­s­tele Hammu­ra­bis. Marix­ver­lag, Wies­ba­den, 2009
  • 3 Text des Codex Ur-Nammu (in Englisch) siehe: http://realhistoryww.com/world_history/ancient/Misc/Sumer/ur_nammu_law.htm
  • 4 F. R. Steele: The Code of Lipit-Ishtar. – The Univer­sity Museum, Phil­adel­phia, 1948
  • 5 Text aus: R. Yaron: The Laws of Eshnunna. – The Magnes Press, Jeru­sa­lem, 1988; Die Eschnun­natexte geben noch ein weite­res Beispiel für die Bedeu­tung der Gefah­ren­wahr­neh­mung: „Wenn eine Mauer einzu­stür­zen droht und die Bezirks­au­to­ri­tä­ten haben den Eigner darauf hinge­wie­sen, und er verstärkt die Mauer nicht und sie bricht zusam­men und tötet den Sohn eines Menschen: [Es geht ums] Leben: Entscheid des Königs.“
  • 6 Alle Zitate der Thora aus: W. Krauss und M. Karrer: Septu­ag­inta Deutsch. – Deut­sche Bibel­ge­sell­schaft, Stutt­gart 2009
  • 7 Der Begriff „Altes Testa­ment“ stammt von christ­li­chen Theo­lo­gen, wurde erst­mals um 180 n. Chris­tus verwen­det und bezeich­net eine Samm­lung der jüdi­schen heili­gen Schrif­ten. Die zugrunde liegen­den jüdi­schen Schrif­ten entstan­den zu verschie­de­nen Zeiten im ersten vorchrist­li­chen Jahr­tau­send. Tradi­ti­ons­ge­mäß wird die Thora, d.h. die fünf Moses­bü­cher, als die ältes­ten Schrif­ten ange­se­hen. Soll­ten die sog. Früh­da­tie­run­gen stim­men, liegen zwischen der Thora und dem Alten Testa­ment rund 1000 Jahre, ggf. sogar noch deut­lich mehr. Eine erste Zusam­men­stel­lung dieser heili­gen Schrif­ten mit Über­set­zung ins Grie­chi­sche erfolgte durch jüdi­sche Gelehrte um 250 v. Chr. in Alex­an­drien. Das entstan­dene Werk trägt den Namen „Septu­ag­inta“.
  • 8 H.W.F. Saggs: Völker im Lande Baby­lon. – Theiss Verlag, 2005
Autor
Dr. Gerald Schnei­der,
B A D Gesund­heits­vor­sorge und Sicher­heits­tech­nik GmbH,
Bonn
E‑Mail: gerald.schneider
@bad-gmbh.de
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