1 Monat GRATIS testen, danach für nur 3,90€/Monat!
Startseite » Sicherheitsnews » Arbeitsschutzorganisation »

Arbeits- und Gesundheitsschutz aus ethischer Perspektive

Sozialgeschichtliche und sozialphilosophische Anmerkungen
Arbeits- und Gesundheitsschutz aus ethischer Perspektive

Im vor­liegen­den Beitrag wird, aus­ge­hend von ein­er Skizze der neuen, durch Flex­i­bil­isierung, Prekarisierung und Indi­vid­u­al­isierung gekennze­ich­neten Kul­tur der Arbeit, auf Grund-Dilem­ma­ta des Arbeits- und Gesund­heitss­chutzes – worunter Arbeitssicher­heit, Arbeitsmedi­zin, Sozial­ber­atung und weit­ere, in der betrieblichen Präven­tion und der betrieblichen Gesund­heits­förderung engagierte Prax­is­felder ver­standen wer­den – anhand eines his­torischen Rück­blicks zur Arbeitsmedi­zin einge­gan­gen. Es fol­gt ein Abriss ver­schieden­er ethis­ch­er Denkrich­tun­gen, um danach das ver­ant­wor­tungsethis­che Pos­tu­lat des Arbeits- und Gesund­heitss­chutzes und Anforderun­gen aus sozial- und pro­fes­sion­sethis­ch­er Sicht an die betriebliche Prax­is genauer zu beschreiben.

Autor: Dr. Wolf­gang Hien Forschungs­büro für Arbeit, Gesund­heit und Biogra­phie www.wolfgang-hien.de

Ver­ant­wor­tung bedeutet „Ver­ant­wor­tung für den anderen Men­schen“, auch wenn deren Wahrnehmung im Betrieb­sall­t­ag in Kon­flikt mit den Inter­essen des Auf­tragge­bers ger­at­en kann. Arbeits- und Gesund­heitss­chutz hat, so das ethis­che Plä­doy­er dieses Beitrages, Partei für die Schwachen zu ergreifen, ohne deren Schutz auch die Bas­tio­nen der noch – oder auch nur schein­bar – „Starken“ erodieren werden.
Die neue Kul­tur der Arbeit – eine große Herausforderung
Die Verän­derun­gen der Arbeitswelt, die wir seit etwa drei Jahrzehn­ten erleben, sind ähn­lich grundle­gen­der Natur wie der Über­gang vom mit­te­lal­ter­lichen Zun­ftwe­sen zur Indus­triear­beit im 19. Jahrhun­dert. Natur­wis­senschaftliche Erken­nt­nisse, in deren Gefolge die Erfind­ung und Ver­bre­itung der Dampf­mas­chine und schließlich die Pro­duk­tions­form des Kap­i­tal­is­mus änderten Arbeit und Leben der Men­schen grundle­gend. Die Arbei­t­en­den wur­den in riesi­gen Fab­rikan­la­gen zusam­mengepfer­cht. Es ent­stand eine Anhäu­fung men­schlich­er Arbeit­skraft bish­er ungeah­n­ten Aus­maßes. Arbeitswis­senschaftlich gesprochen: Es ent­standen ein­heitliche, belas­tung­shomo­gene Kollek­tive, die in Fließar­beit und Massen­pro­duk­tion tay­loris­tisch arbeit­eten und im Guten wie im Schlecht­en zusam­men waren und zusam­men­hiel­ten, zusam­men­hal­ten mussten. Dass damit ein hohes Maß an sozialer Kon­trolle ein­herg­ing – d.h. auch: Indi­vid­u­al­itäten waren schwierig zu leben –, liegt auf der Hand. Diese Arbeit­skul­tur kann aus heutiger Sicht als „altes kul­turelles Mod­ell“ beze­ich­net wer­den, welch­es die let­zten Jahrzehnte mehr und mehr von einem „neuen kul­turellen Mod­ell“ jen­seits der Kollek­tiv­ität abgelöst wird. Diesen Über­gang in ein neues Zeital­ter hat Richard Sen­nett (1998, 2005) sozi­ol­o­gisch unter­sucht; mit sein­er For­mulierung, die neue Arbeitswelt führe zu ein­er „Kor­ro­sion des Charak­ters“, fängt er die tief­greifend­en psy­chosozialen Fol­gen tre­f­fend ein. Wir erleben, aus­gelöst und getrieben von ein­er neuen Stufe der neolib­er­al­is­tisch ori­en­tierten Glob­al­isierung, einen Prozess der Dif­feren­zierung von Arbeit, der Flex­i­bil­isierung, der Frag­men­tierung, der Prekarisierung und der Indi­vid­u­al­isierung in einem bish­er nicht gekan­nten Aus­maß. Wurde noch Anfang der 80er Jahre geglaubt, dass wir an der Schwelle zu ein­er eher ganzheitlichen Arbeit ste­hen – und das glauben zeit­ver­set­zt auch viele der in der Soft­ware­branche Beschäftigten bis in unser­er Tage – so zeigt sich uns heute eine Arbeit­skul­tur, in der Tay­loris­mus herrscht ohne tay­loris­tis­che Kollek­tive, d.h. in der die Arbeit glob­al­isierungs­gerecht zer­gliedert ist und zugle­ich von jedem Arbei­t­en­den ver­langt wird, sich als Per­son ganz und gar einzubrin­gen, ohne irgendwelche Sicher­heit­en zu haben. Gefordert wird von den Arbei­t­en­den, sich psy­chisch und men­tal selb­st zu man­a­gen, zum Wohle des Unternehmens. Wer das nicht schafft oder in irgen­dein­er Weise beein­trächtigt ist, wer zufäl­lig in der falschen Betrieb­sstätte oder in der falschen Region arbeit­et, find­et sich bald auf der Ver­lier­er­seite. Der Zwang zum Selb­st­man­age­ment schim­mert auch im so sor­g­los genutzten Begriff der „Beschäf­ti­gungs­fähigkeit“ durch.
Matuschek u.a. (2008) nen­nen die neue Form der Arbeit „sub­jek­tivierte Tay­lorisierung als Beherrschung der Arbeitsper­son“. Nach wie vor ist der arbei­t­ende Men­sch „Räd­chen im Getriebe“, doch darin befind­et er sich heute weit­ge­hend alleine, indi­vid­u­al­isiert und in vie­len Fällen auch isoliert, abgeschot­tet vom Zus­pruch und der Hil­fe ander­er, auch von deren helfend-kor­rigieren­den Ein­grif­f­en. Stattdessen wer­den Arbei­t­ende inner­halb des gle­ichen Unternehmens zu Konkur­renten, let­ztlich zu Konkur­renten um den Arbeit­platz. Die Angst, Arbeit zu ver­lieren und möglicher­weise völ­lig aus der Arbeitswelt her­ausz­u­fall­en, greift um sich und hat in der Tat auch reale gesellschaftliche Entsprechun­gen. Sen­nett beschreibt Men­schen, die trotz Zus­tim­mung zur andauern­den Mobil­ität, zum Leben aus Kof­fern fern von Fam­i­lie und Fre­un­den und trotz ihrer Bere­itschaft, sich ganz und gar auf die Unternehmenser­fordernisse einzustellen, aus dem „Sys­tem“ her­aus­fall­en und in fatale Abwärtsspi­ralen ger­at­en. Eine wach­sende Zahl von Men­schen, dur­chaus auch höher Qual­i­fizierte, ger­at­en so in eine Zone der Prekar­ität ohne feste Arbeit, d.h. eine Sit­u­a­tion der Unsicher­heit und eine Sit­u­a­tion ohne Per­spek­tive, oft­mals gezwun­gen, in Lei­har­beits­fir­men, als Zwangs-Selb­ständi­ge oder Ein-Euro-Job­ber unter teil­weise extrem inhu­ma­nen Arbeits­be­din­gun­gen (vgl. Hien u.a. 2007) „über die Run­den“ zu kom­men. Diese Gemen­ge­lage schafft eine Fülle neuer psy­chis­ch­er Anforderun­gen und Belas­tun­gen, ohne dass die physis­chen Belas­tun­gen sig­nifikant zurück­ge­gan­gen wären. Deut­lich zurück­ge­gan­gen sind freilich Unfall­ge­fahren und Belas­tun­gen durch schädliche Arbeitsstoffe, doch schaf­fen die psy­chis­chen Belas­tun­gen auch im „klas­sis­chen Gefährdungs­bere­ich“ neue Empfind­lichkeit­en und Empfänglichkeit­en, die ger­adezu eine arbeitswis­senschaftliche und arbeitsmedi­zinis­che Psy­cho­so­matik her­aus­fordern (Lax 1999). Diese Verän­derun­gen stellen alle in Präven­tion und Gesund­heits­förderung Täti­gen vor große Her­aus­forderun­gen. Im Konz­ert aller Präven­tion­sex­perten kommt der Arbeitsmedi­zin eine beson­dere Ver­ant­wor­tung zu, denn sie hat – neben der Sucht­ber­atung – qua Pro­fes­sion prinzip­iell immer den Zugang zum einzel­nen arbei­t­en­den Men­schen. Doch dabei kann und darf Arbeitsmedi­zin nicht ste­hen bleiben. Auch wenn die ein­gangs angedeutete arbeitsweltliche Gemen­ge­lage es schw­er macht, noch „Kollek­tive“ oder für Kollek­tive gel­tenden Arbeits­be­din­gun­gen auszu­machen, ist der Präven­tion­sauf­trag immer auch auf die Verbesserung der Arbeits­be­din­gun­gen im Ganzen und auf men­schen­gerechte Arbeits­gestal­tung gerichtet. Hil­fre­ich ist hier der sys­temis­che Denkansatz, wie er beispiel­sweise von Ulich/Wülser (2004) vertreten wird.
In einem Pro­jekt, das den Umgang älter wer­den­der IT-Fachkräfte mit Arbeits­be­las­tun­gen und Gesund­heit­sprob­le­men zum Gegen­stand hat­te (Hien 2008), wur­den hin­ter dem Schein der qual­i­fizierten „sauberen, selb­st­bes­timmten und kreativ­en Tätigkeit“ Kon­turen ein­er (re-)taylorisierten, unter gan­den­losen Zeit- und Qual­itäts­druck ste­hen­den und extrem gesund­heitsver­schleißen­den Arbeit sicht­bar. Es tauchen neuar­tige Hier­ar­chien auf, Konkur­ren­zen untere­inan­der wer­den gezielt ange­heizt, die Beteiligten wer­den in end­lose Macht­spiele hineinge­zo­gen, der Mark­t­druck wird nach unten durchgere­icht, Erfahrungswis­sen wird entwertet. Der Zwang, ständig „am Ball bleiben“ müssen, führt zu einem Grad der Selb­st­diszi­plin­ierung, die im alten kul­turellen Mod­ell nicht denkbar gewe­sen ist. Gefüh­le der Schwäche wer­den unter­drückt, Belas­tun­gen, kör­per­liche und seel­is­che Gren­zen nicht wahrgenom­men oder so lange ver­leugnet, bis es zum kör­per­lichen und seel­is­chen Zusam­men­bruch kommt. Nutzten Arbeit­er in der klas­sis­chen Indus­triear­beit ihren Kör­p­er noch als „ihr Kap­i­tal“, immer mit dem unver­mei­dlichen Risiko, jenen Kör­p­er frühzeit­ig zu ver­schleißen und oft­mals zu zer­stören, so erfahren wir in der neuen Arbeit­skul­tur etwas ganz Ähn­lich­es: Die Arbei­t­en­den funk­tion­al­isieren ihre Leib­lichkeit und fügen sie gle­ich­sam rest­los – „mit Haut und Haaren“ – in ihre Arbeit ein. Sicht­bar wird hier eine Struk­tur-Homolo­gie zwis­chen Branche und Indi­vidu­um. Wenn Äng­ste, Erschöp­fungs­de­pres­sio­nen und depres­sive Neu­rosen, ins­beson­dere solche mit psy­cho­so­ma­tis­chen Auswirkun­gen, vor­wiegend Men­schen mit „intellek­tuell dif­feren­ziert­er Struk­tur“ und „der Nei­gung, sich aus beson­der­er Gewis­senhaftigkeit zu über­fordern“, betr­e­f­fen, und wenn darüber hin­aus Poten­ziale des Wider­standes – gle­ich­sam „gesunde Aggres­sio­nen“ – unter­drückt und schließlich gegen sich selb­st gerichtet wer­den (Kisker et al. 1991, S. 343 sowie S. 103 f.), dann fällt ins Auge, dass genau diese Eigen­schaften in der Branche eher erwün­schte Eigen­schaften sind.
Das Beispiel der IT-Branche zeigt, dass wir in Arbeitswis­senschaft und in der Auseinan­der­set­zung um eine men­schen­gerechte Arbeit immer wieder am Anfang ste­hen: Waren es vor 100 Jahren Unfälle, Vergif­tun­gen, Stäube und zer­schlis­sene Knochen, so sind es heute psy­chis­che Belas­tun­gen, Verspan­nun­gen, Verkramp­fun­gen, Äng­ste und Selb­stun­ter­drück­ung, die uns vor ganz neue Her­aus­forderun­gen stellen. Die Arbei­t­en­den vor schädlichen Ein­flüssen zu schützen und sie in ihrer Gesund­heit­skom­pe­tenz zu stärken, bedeutet heute zuerst ein­mal, sie sen­si­bler für Belas­tungser­fahrun­gen zu machen. Das heißt aber ger­ade nicht, sie zu noch mehr Leis­tung anzutreiben! Ein Gesund­heits­man­age­ment, das sich dafür einspan­nen lässt, Hochleis­tungs­belegschaften her­auszuse­lek­tieren, ver­fehlt seinen Auf­trag. Die Beschäftigten brauchen den arbeitswis­senschaftlichen und arbeitsmedi­zinis­chen Sachver­stand, wenn es um Gesund­heits- und Gestal­tungskom­pe­ten­zen geht. Die Maßlosigkeit durch­dringt auch die Mitarbeiter/innen selb­st, und oft­mals kön­nen sie nicht mehr unter­schei­den, ob der Druck von außen oder auch von innen kommt. Hier sehen wir die Kom­pe­tenz der im Arbeits- und Gesund­heitss­chutz ste­hen­den Akteure gefordert. Sie kön­nen und soll­ten dem/der unter Druck lei­den­den Mitarbeiter/in helfen, unter Beach­tung seiner/ihrer Indi­vid­u­al­ität das für ihn/sie „richtige Maß“ zu find­en. Dass hier­für die betriebliche Arbeitsmedi­zin ein unbe­d­ingtes Ver­trauensver­hält­nis zum einzel­nen Arbeit­snehmer / zur einzel­nen Arbeit­nehmerin auf­bauen muss, ver­ste­ht sich dabei von selb­st. Das Gle­iche gilt für Sozialberater/innen, aber auch für Sicher­heits­fachkräfte/-inge­nieure, an die sich einzelne Arbeitnehmer/innen in ihrer Not wenden.
Das Grund-Dilem­ma des Arbeits- und Gesundheitsschutzes
Arbeitss­chutz und Arbeitsmedi­zin waren von Anbe­ginn an mit der Frage ver­bun­den, wie und in welch­er Weise Leben und Gesund­heit der Bevölkerung hergestellt, gesichert oder verbessert wer­den kön­nen, d.h. Arbeitsmedi­zin war von Anfang an immer auch mit dem Pos­tu­lat ein­er öffentlichen Gesund­heit – mit „Pub­lic Health“ – ver­bun­den. So gese­hen hat­ten Arbeitss­chutz und Arbeitsmedi­zin immer schon einen sozialpoli­tis­chen und sozial­staatlichen Auf­trag (Müller/Milles 1984). Ein­er der großen „Väter“ und Mit­be­grün­der der mod­er­nen Arbeitsmedi­zin war der Wiener Arzt Lud­wig Teleky (Wulf 2001). Er soll im Fol­gen­den als his­torisches Beispiel für die Geschichte des mod­er­nen tech­nis­chen, sozialen und medi­zinis­chen Arbeitss­chutzes ste­hen. Teleky stammte aus ein­er Wiener jüdis­chen Fam­i­lie und baute schon als Stu­dent Ende des 19. Jahrhun­derts enge Verbindun­gen zur sozialdemokratis­chen Arbeit­er­be­we­gung auf, deren führende Fig­ur, Vik­tor Adler, selb­st Arzt war und sich schon früh mit den Krankheit­en der Arbeit­er und Arbei­t­erin­nen befasste. Teleky stellte in sein­er Antrittsvor­lesung im Jahr 1909 die Arbeitsmedi­zin als Teil ein­er sozialen Medi­zin dar, die er als Syn­these zwis­chen Sozial­wis­senschaft und Medi­zin ver­stand. Das medi­zinis­che Wis­sen wiederum bein­hal­tete für ihn auch ein emi­nentes Wis­sen über Tech­nolo­gie, Chemie, Toxikolo­gie und Hygiene. Heute würde er diesen Kanon zweifel­sohne um Psy­cholo­gie und Sozi­olo­gie erweit­ern. Teleky hat­te zwis­chen 1900 und 1909 nicht nur aus­gedehnte Stu­di­en zur Tuberku­lose durchge­führt, son­dern auch zur Phos­pho­rnekrose in der Zünd­holz­fab­rika­tion, zu Blei- und Chro­materkrankun­gen in der Far­benin­dus­trie und zu Queck­sil­ber­erkrankun­gen bei Bergar­beit­ern, Hut­mach­ern und anderen Berufen. Eine „soziale Arbeitsmedi­zin“, so Teleky, muss aus der Analyse von kollek­tiv­en Auf­fäl­ligkeit­en Präven­tionspoten­ziale, aber umgekehrt auch aus der Beobach­tung einzel­ner Erkrankun­gen und deren Ver­läufen, indem sie in einen Zusam­men­hang mit arbeits­be­zo­ge­nen und sozialen Ver­hält­nis­sen gebracht wer­den, mögliche Ursachen erken­nen und ihnen bei allen unter ähn­lichen Bedin­gun­gen arbei­t­en­den Per­so­n­en nachge­hen. Teleky stieß als Kranken­hausarzt und wis­senschaftlich arbei­t­en­der Arbeitsmedi­zin­er, später auch als preußis­ch­er Lan­des­gewer­bearzt – er hat­te diese Posi­tion in Düs­sel­dorf zwis­chen 1921 und 1933 inne – auf erhe­blichen Wider­stand der Arbeit­ge­ber. Doch nicht nur sie, son­dern auch die von den Fab­rikher­ren angestell­ten Fab­rikärzte polemisierten heftig gegen Teleky und beschimpften ihn als „Vater­landsver­räter“.
Viele Fab­rikärzte gin­gen – anders als Teleky und andere demokratisch eingestellte Ärzte – davon aus, dass gesellschaftliche Hier­ar­chien naturgegeben seien und es immer Men­schen min­der­er Wer­tigkeit gebe, für die gesund­heitsver­schleißende Arbeit gle­ich­sam „nor­mal“ sei. Viele Fab­rikärzte – später wur­den sie dann Betrieb­särzte genan­nt – unter­stell­ten den Arbeit­ern Sim­u­lanten­tum und nah­men insofern Beschw­er­den und Erkrankun­gen nicht oder nur ungenü­gend wahr. Theodor Flo­ret, Fab­rikarzt der Far­ben­fab­riken, vor­mals Friedrich Bay­er und Co. zu Elber­feld und ein­er der ersten mod­er­nen Betrieb­särzte in Deutsch­land, sah in der Kranken- und Unfal­lver­sicherung ein Übel, welch­es die Arbeit­er zu „Begehrlichkeit­en und miss­bräuch­lich­er Aus­nutzung“ ver­führe. Dem müsse der Fab­rikarzt „ener­gisch … ent­ge­gen­treten“ (Flo­ret 1913). Darüber hin­aus ver­bot sich Flo­ret jede Ein­flussnahme „von außen“, wozu er auch eine staatliche Auf­sicht zählte. Teleky begrüßte zwar die Ein­rich­tung ein­er betrieblichen Präven­tivmedi­zin aus­drück­lich, kri­tisierte aber die Auf­gaben­stel­lung der prak­tis­chen Arbeitsmedi­zin, wie sie von Flo­ret beschrieben wurde. Betrieb­särzte seien, so Teleky, durch ihre Nähe zu den konkreten Arbeitsver­hält­nis­sen wichtig und unverzicht­bar, wenn es um die konkrete Pro­phy­laxe, um Für­sorge, um Belehrung und Aufk­lärung gin­ge, doch als Angestellte des Fab­rikun­ternehmers kön­nten sie „unmöglich … im Nebe­namt als Beauf­tragte der Staatsver­wal­tung darüber wachen, dass die von Staats wegen vorgeschriebe­nen hygien­is­chen Maß­nah­men durchge­führt wer­den“ (Teleky 1913). Was die großen Fra­gen der Gewer­be­hy­giene – Forschung, Überwachung sowie Erar­beitung von Geset­zen und Vorschriften – anbe­lange, so seien diese nur „in voller Unab­hängigkeit“ zu bew­erk­stel­li­gen. Knapp 100 Jahre später haben sich manche Dinge glück­licher­weise entschärft – allein schon durch die verbesserten Voraus­set­zun­gen eines demokratis­chen gesellschaftlichen Bewusst­seins –, doch der Grund­kon­flikt beste­ht auch heute noch: Wie kann sich Arbeitsmedi­zin in einem pri­vat ver­fassten Unternehmen – und von diesem bezahlt – im Sinne von Pub­lic Health Gel­tung verschaffen?
Teleky hat immer wieder darauf hingewiesen, dass die betriebliche Arbeitsmedi­zin durch eine über­be­triebliche Gewerbe­medi­zin und Gewer­beauf­sicht ergänzt wer­den muss, gle­ich­wohl in enger Verzah­nung mit dem betrieblichen Geschehen. Teleky ging auf das häu­fig zu hören­den Argu­ment von Betrieb­särzten ein, man habe diese oder jene Krankheit „im Betrieb noch nie gese­hen“, es könne also keinen Zusam­men­hang zu den Arbeits­be­din­gun­gen geben. In seinem Beitrag „Gewer­be­hy­gien­is­ches Arbeit­en und Forschen“ (Teleky 1926) weist er ein­dringlich darauf hin, dass man Kranke oder auch nur Entkräftete, die eine bes­timmte Arbeit nicht mehr zu leis­ten ver­mö­gen, „begrei­flicher­weise nicht mehr im Betrieb antr­e­f­fen“ könne. Genau deshalb ist für die Arbeitsmedi­zin eine Zusam­me­nar­beit mit den Krankenkassen und weit­eren Sozialver­sicherungsträgern notwendig – nicht, um vere­inzelte Sim­u­lanten her­auszufind­en, son­dern um einen sta­tis­tis­chen Zusam­men­hang zwis­chen bes­timmten Erkrankun­gen und bes­timmten Arbeits­be­din­gun­gen zu prüfen. Teleky hat solche Über­prü­fun­gen vorgenom­men und auf diese Weise wertvolle Beiträge zur Äti­olo­gie arbeits­be­d­ingter Erkrankun­gen geliefert. Dass Rei­he­nun­ter­suchun­gen oft­mals keine tragfähi­gen Aus­sagen zulassen, begrün­det er mit dem Phänomen der Selb­stauslese, die mit dem Grade der Schädlichkeit der Arbeits­be­din­gun­gen zunimmt. Ein weit­er­er Punkt sei erwäh­nt: Teleky set­zte sich uner­müdlich für eine enge Koop­er­a­tion mit anderen arbeitswis­senschaftlich arbei­t­en­den Fach­leuten ein, ins­beson­dere – aus der dama­li­gen Zeit her­aus ist diese Schw­er­punk­t­set­zung ver­ständlich – mit den tech­nisch arbei­t­en­den Experten. Teleky griff mit seinen Inter­ven­tio­nen auch in die organ­isatorische Struk­tur der Betriebe ein. Das sah Franz Koelsch, der als königlich-bay­erisch­er Lan­des­gewer­bearzt anf­ing und Zeit seines Lebens seine obrigkeitsstat­tliche Ori­en­tierung nie über­wand, völ­lig anders. Koelsch wollte sich wed­er in die Organ­i­sa­tion noch in die tech­nis­chen Bedin­gun­gen der Arbeit ein­mis­chen. Der Arbeitsmedi­zin­er sei „in erster Lin­ie Arzt“, der sich mit dem einzel­nen Men­schen befassen müsse, mit sein­er erblichen Kon­sti­tu­tion, sein­er Leis­tungs­fähigkeit und seinem Leis­tungswillen. Damit kon­terkari­erte Koelsch die eigentliche Auf­gabe der Arbeitsmedi­zin, auf die men­schen­gerechte Gestal­tung der Ver­hält­nisse hinzuwirken. Koelsch war auf diese Weise bruch­los in die Nazi-Medi­zin inte­grier­bar. Dem gegenüber ent­warf Teleky mit sein­er Lebensleis­tung ein Mod­ell von arbeitsmedi­zinis­ch­er Pro­fes­sion, dessen sozialethis­ch­er Kern sich für die heuti­gen Her­aus­forderun­gen ein­er men­schen­gerecht­en Arbeits­gestal­tung als Leucht­turm erweist.
Betrieb­särzte dür­fen sich – auch das ist von Lud­wig Teleky zu ler­nen – nicht alleine auf medi­zinis­che Unter­suchun­gen im engeren Sinne beschränken. Der arbeitsmedi­zinis­che Sachver­stand wird drin­gend gebraucht im Konz­ert der präven­tiv­en und gesund­heits­förder­lichen Berufe, Kom­pe­ten­zen und Strate­gien. Unter­suchun­gen sind notwendig, aber sie müssen immer auf die konkreten Arbeits­bere­iche bezo­gen sein, in denen die Men­schen tätig sind. Die hier ange­sproch­ene Koop­er­a­tion aller „Präven­tions­fachkräfte“ – unter diesem dur­chaus tre­f­fend­en Begriff wer­den in Öster­re­ich auch die Arbeitsmediziner/innen gefasst – ist zugle­ich der Schlüs­sel zur ansatzweisen Lösung der Frage, wie sich eine unab­hängige Arbeitsmedi­zin betriebliche Gel­tung ver­schaf­fen kann. Sie kann es nach unser­er Auf­fas­sung nur, wenn sie sich mit den anderen Präven­tiv­fachkräften und darüber hin­aus mit den betrieblich und über­be­trieblich wirk­enden Überwachungs- und Unter­stützung­sor­ga­nen ver­bün­det. Damit sind haupt­säch­lich die Inter­essen­vertre­tun­gen der Beschäftigten und die staatlichen Gewer­beärzte und die staatlichen Gewer­beauf­sicht als Ganzes gemeint. Lei­der dün­nt der Staat seine eige­nen Organe immer weit­er aus – ein Prozess, dem alle im Arbeits- und Gesund­heitss­chutz Engagierten ener­gisch ent­ge­gen­treten müssen. Umso wichtiger ist es, dass Sicher­heitsin­ge­nieure, Betrieb­särzte und Betrieb­sräte endlich zu ein­er struk­turi­erten und ver­trauensvollen Zusam­me­nar­beit kom­men, die in vie­len Unternehmen noch nicht gegeben ist.
Ver­ant­wor­tung für den anderen Menschen
Der Sozialpsy­chi­ater und Philosoph Klaus Dörn­er begin­nt sein Buch „Der gute Arzt“ (Dörn­er 2001), das weit über die Medi­zin hin­aus als Lehrbuch für alle in sozialen Bere­ichen oder mit sozialpoli­tis­chen Auf­gaben­stel­lun­gen arbei­t­en­den Berufe genutzt wird, mit ein­er Kri­tik der Kantschen Prinzip­i­enethik. Dörn­er hat beobachtet, dass sich alle möglichen Berufe einen Ethik-Kodex geben oder Ethik-Kom­mis­sio­nen ein­richt­en und damit ihr schlecht­es Gewis­sen beruhi­gen. Schon Max Weber kri­tisierte vor 100 Jahren eine der­ar­tige Herange­hensweise als „Gesin­nungsethik“, während das prak­tis­che Leben und Han­deln davon meist weit­ge­hend unberührt bleibe. Dem schließt sich Dörn­er heute an: Prinzip­i­en oder Leitlin­ien wer­den auf eine abstrak­te, großräu­mige und all­ge­meine Ebene gehoben. Die konkrete prak­tis­che Sit­u­a­tion, das konkrete prak­tis­che Dilem­ma, der konkrete Men­sch, um den es im Augen­blick geht, wird kaum von dieser hohen Ebene abstrak­ter Sätze berührt. In gewiss­er Weise kön­nte man sagen: Die Ethik-Grund­sätze bleiben „sauber“, sie machen sich im konkreten und chao­tis­chen All­t­ag „die Hände nicht schmutzig“. Doch genau darum geht es: Wie kann im konkreten und dilem­matösen All­t­ag – in unserem Falle: eines Arbeitss­chützers, ein­er Arbeitsmedi­ziner­in, eines Gesund­heits­förder­ers – das prak­tis­che Tun ethisch ori­en­tiert und reflek­tiert wer­den? Dörn­er emp­fiehlt, sich zunächst auf die „weichen Dat­en“ der Per­so­n­en einzu­lassen, die uns anver­traut sind: Nicht Messergeb­nisse, son­dern den Sinnhor­i­zont der Per­son ernst nehmen, nicht nur danach schauen, ob die ver­füg­baren Gren­zw­erte einge­hal­ten sind, son­dern sich in den lei­den­den oder auch abwehren­den Men­schen hine­in­fühlen und ver­ste­hen, was ihn bewegt oder blockiert.
Dörn­er geht sodann einen Schritt weit­er und disku­tiert weit­ere ethis­che Ansätze wie die der Sorgeethik (nach Car­ol Gilli­gan), der Gerechtigkeit­sethik (nach John Rawls) und der Diskursethik (nach Jür­gen Haber­mas). Für­sorge ist wichtig und unverzicht­bar, bein­hal­tet jedoch die Gefahr des Pater­nal­is­mus, ganz nach dem Mot­to: „Der Experte weis, was für den Betrof­fe­nen gut ist.“ Eine solche Herange­hensweise ent­mündigt die Men­schen und stärkt die Exper­tokratie. Auch die Gerechtigkeit­sethik ist wichtig und unverzicht­bar, insofern sie eine beson­dere Zuwen­dung und Förderung beson­ders Benachteiligter fordert; die Diskursethik schließlich geht von einem part­ner­schaftlichen Ver­hält­nis und ein­er aktiv­en Ein­beziehung des Anderen aus, eine ger­ade in par­tizipa­tiv­en Gesund­heitss­chutz und in der Gesund­heits­förderung ele­men­tar wichtige Sichtweise. Doch bei­de – Gerechtigkeits- und Diskursethik – set­zen eine men­tale, sprach­liche und habituelle Beteili­gungs­fähigkeit voraus, die oft­mals gar nicht oder nur ungenü­gend vorhan­den ist. Bei­de Ethikan­sätze sehen den Men­schen als ratio­nal denk­endes und han­del­ndes Wesen – damit bleiben diese Ansätze genau­so abstrakt wie der­jenige Kants – und blenden die sozio-emo­tionalen Ebe­nen weit­ge­hend aus. Dörn­er sucht nach ein­er Möglichkeit, Gerechtigkeit, Dia­log und Für­sorge miteinan­der zu verbinden und immer wieder auf den konkreten Anderen zu beziehen, der uns anver­traut ist, der uns braucht und den wir unter­stützen kön­nen. Ohne die anderen Ethikan­sätze zu negieren, hebt er auf die Ver­ant­wor­tungsethik ab, wie sie Emmanuel Lev­inas in den 50er und 60er Jahren des let­zten Jahrhun­derts entwick­elt hat. Lev­inas, ein Philosoph jüdisch-litauis­ch­er Herkun­ft und nach dem Zweit­en Weltkrieg in Frankre­ich wirk­end, sagt sin­ngemäß, ähn­lich wie vor ihm Max Weber:
Nicht die gute Gesin­nung ist wichtig, son­dern das Han­deln, wofür ich die Ver­ant­wor­tung trage. Ver­ant­wor­tung habe ich nicht für irgen­deine Sache, son­dern immer für den anderen Men­schen. Ich kann mich nicht ein­mal entschei­den, ob ich Ver­ant­wor­tung übernehme, denn ich habe sie von vorn­here­in – ich kann sie allen­falls ignorieren.
Lev­inas kri­tisiert die christliche Per­spek­tive der Inner­lichkeit – wonach der Men­sch belohnt wird für seine guten Vorsätze und seine guten Gefüh­le – und stellt dem die jüdis­che Sicht des Tuns und Han­delns gegenüber, welch­es sowohl dem konkret Anderen wie dem poli­tisch Gerecht­en verpflichtet ist. Unschw­er – und hin­sichtlich des geisti­gen Hin­ter­grun­des auch nicht ganz zufäl­lig – lassen sich in der Ver­ant­wor­tungsethik, ange­wandt auf den Arbeits- und Gesund­heitss­chutz, Ele­mente der Telekyschen Konzep­tion wiedererkennen.
Max Weber (1919) und noch pointiert­er Diet­rich Bon­ho­ef­fer (1949) brin­gen – indem sie sich kri­tisch mit dem Berufs­be­griff Luthers auseinan­der­set­zen – Beruf bzw. Pro­fes­sion und Ver­ant­wor­tung in einen engen Zusam­men­hang. Ver­ant­wor­tung beziehe sich eben ger­ade nicht, so Bon­ho­ef­fer, auf die „Dien­stpflicht­en“ gegenüber Arbeit­ge­ber oder Staat, son­dern immer auf „das Ganze der Wirk­lichkeit“. An diesem Gedanken knüpft Bay­ertz (1991) an, wenn er anmah­nt, die Fol­gen des pro­fes­sionellen Han­delns oder Nicht-Han­delns kon­se­quent durchzu­denken. Beobachte ich einen bes­timmten Vor­gang oder eine bes­timmte Entwick­lung, in die ich möglicher­weise nicht „direkt“ involviert bin, deren neg­a­tive Rich­tung aber durch meine Inter­ven­tion pos­i­tiv verän­dert wer­den kön­nte, so bin ich aus pro­fes­sions- und ver­ant­wor­tungsethis­ch­er Sicht, so Bay­ertz, ger­adezu verpflichtet einzu­greifen, auch wenn dies ein per­sön­lich­es Risiko mit sich brin­gen mag. „Es ist ein wohlbekan­ntes Merk­mal moralis­ch­er Verpflich­tun­gen, dass ihre Wahrnehmung zu per­sön­lichen Nachteilen führen kann. Der Unzu­mut­barkeit­sein­wand läuft daher darauf hin­aus, dass Moral über­haupt unzu­mut­bar sei“ (Bay­ertz 1991, S. 193), wobei hier unter Moral die prak­tisch ange­wandte Ethik ver­standen wird. Aus Lev­inass­ch­er Sicht muss ange­merkt wer­den, dass der Men­sch immer schon in sein­er Ver­ant­wor­tung ste­ht. Er kann diese nur umge­hen oder ignori­eren und damit gle­ichzeit­ig „den Ruf den anderen Men­schen“ über­hören, d.h. sich der Zwis­chen­men­schlichkeit entziehen. „Das eigentlich Zwis­chen­men­schliche liegt in ein­er Nicht-Gle­ichgültigkeit der einen für die anderen, in ein­er Ver­ant­wortlichkeit der einen für die anderen, jedoch bevor die in unper­sön­lichen Geset­zen (oder Richtlin­ien oder Codices, W.H.) fest­geschriebene Gegen­seit­igkeit diese Ver­ant­wortlichkeit … überdeck­en kann“ (Lev­inas 1995, S. 129).
Die Evi­denz der Ver­ant­wor­tungsethik im Gesund­heitswe­sen wie in Präven­tion und Gesund­heits­förderung liegt auf der Hand. Der Bedarf, die Not, der Ruf des Anderen ist nicht stan­dar­d­isier­bar. Der/die pro­fes­sionelle Berater/in oder Helfer/in hat die Auf­gabe, das im konkreten Fall jew­eils Richtige, Angemessene und Nüt­zliche zu tun. Dazu gehören ele­men­tar auch die Kri­tik an den Ver­hält­nis­sen und der Ver­such, diese zumin­d­est dort zu verän­dern, wo der/die Betrof­fene darunter lei­den. Das Gesagte gilt ins­beson­dere angesichts der­jeni­gen Men­schen, die im Sinne ökonomis­ch­er Kalküle nicht voll oder gar nicht „leis­tungs­fähig“ sind. Eine völ­lige Ver­drehung der Kat­e­gorie „Ver­ant­wor­tung“ find­en wir beispiel­sweise bei dem Ethik­er Hans-Mar­tin Sass, der die Ver­ant­wor­tung auf den zu Bera­ten­den, den zu Ver­sor­gen­den, den vielle­icht sog­ar Hil­flosen abladen will. Sass schwebt vor, dass aus­gerech­net der Bedürftige „Eigen­ver­ant­wor­tung“ übernehmen soll (zit. bei Kühn 2007, S. 83 ff.). Ver­mengt sind Sass’ Argu­mente mit util­i­taris­tis­chen Ver­satzstück­en, denn er wägt hin­sichtlich des Ver­hal­tens der Betrof­fe­nen Schaden und Nutzen für die Gemein­schaft ab. Mit Pro­fes­sions- und Beruf­sethik hat das nichts mehr zu tun. Nicht nur „vergessen“ hier Philosophen ihr anthro­pol­o­gis­ches Grund­wis­sen; sie betäti­gen sich auch als Steig­bügel­hal­ter für neolib­erale Mach­er, die unsere Gesellschaft nach Nüt­zlichkeit­skri­te­rien umgestal­ten wollen, an deren Ende erneut eugenis­che oder andere selek­tion­spoli­tis­che Konzepte zu ste­hen drohen.
Abschließende Bemerkun­gen
Im Spek­trum aller in Arbeits- und Gesund­heitss­chutz sowie der betrieblichen Gesund­heits­förderung aktiv täti­gen Berufe und Pro­fes­sio­nen tut sich erfahrungs­gemäß die Arbeitsmedi­zin schw­er, für sich einen guten, tragfähi­gen und überzeu­gen­den Stan­dort zu find­en. Daher mögen zu diesem Punkt einige Anmerkun­gen ange­bracht sein. Die Arbeitsmedi­zin ver­ste­ht sich – wenn wir ihrem eige­nen aktuellen Selb­stver­ständ­nis fol­gen (Baur 2008) – als medi­zinis­ches Fachge­bi­et, das sich nicht in erster Lin­ie um Ther­a­pie, son­dern um Vor­sorge – hier: Vor­sorge in der Arbeitswelt – küm­mert. Arbeitsmedi­zin ist also ein präven­tives Fach, das in eng­ster Zusam­me­nar­beit mit Fach­leuten aus der Sicher­heit­stech­nik, Chemie, Toxikolo­gie, Ergonomie, Psy­cholo­gie und Sozial­wis­senschaft dafür sor­gen soll, dass Men­schen in der Arbeitswelt (a) nicht zu Schaden kom­men, (b), ihre Gesund­heit erhal­ten und © in der Auseinan­der­set­zung im und mit dem beru­flichen All­t­ag Kom­pe­ten­zen erwer­ben kön­nen, die für ihre Gesund­heit förder­lich sind. Zu beto­nen ist hier­bei, dass Arbeitsmedi­zin – hier fol­gen wir den Pos­tu­lat­en Telekys und Dörn­ers – immer auch „soziale Arbeitsmedi­zin“ sein muss, für welche die Ver­ant­wor­tung für den arbei­t­en­den Men­schen hand­lungslei­t­end ist. So gese­hen wirken Ter­tiär- und Sekundär­präven­tion auf die Verbesserung der Arbeits­be­din­gun­gen zurück. Eine Unter­sa­gung oder Ein­schränkung der Beschäf­ti­gung soll und muss die Aus­nahme bleiben. Das heißt: Immer muss die arbeitsmedi­zinis­che Betreu­ung auf das Ziel gerichtet sein, gemein­sam und in eng­ster Koop­er­a­tion mit den anderen Arbeitschutzex­perten/-exper­tin­nen die Primär­präven­tion zu verbessern. Arbeitsmedi­zin hat sowohl eine kollek­tive Vor­sorgeauf­gabe – also: Beteili­gung an der Beurteilung der Arbeits­be­din­gun­gen – als auch eine indi­vidu­elle Vor­sorgeauf­gabe. Indi­vidu­ell auch deshalb, weil jed­er Men­sch anders ist und jed­er Men­sch auch indi­vidu­ell berat­en wer­den will. Arbeitsmedi­zin darf, wenn sie ihren Auf­trag richtig ver­ste­ht, den Men­schen nicht als ver­w­ert­bares „Humankap­i­tal“ anse­hen. Die Arbeitsmedi­zin stellt daher die Human­ität, d.h. das Kri­teri­um der Men­schlichkeit und der men­schen­gerecht­en Bedin­gun­gen im Arbeit­sleben, in den Mit­telpunkt ihrer Arbeit. Das sehen mit­tler­weile und glück­licher­weise auch viele Betrieb­särzte/-ärztin­nen so. In einem neuen arbeitsmedi­zinis­chen Lehrbuch heißt es dazu: „Die Aus­rich­tung von Gesund­heit in der Arbeitswelt von mor­gen darf sich nicht nur auf Wet­tbe­werb­saspek­te focussieren. Human­itäre, ethis­che und soziale Bezüge stellen ins­beson­dere auch für die Arbeitsmedi­zin eine wichtige Her­aus­forderung dar“ (Weber/Hörmann 2007, S. 567). Dies wird umso wichtiger, als wir gehal­ten sind, Arbeit alterns‑, alters- und auch – bei gesund­heitlichen Ein­schränkun­gen – lei­dens­gerecht zu gestalten.
„Psy­chosoziale Gesund­heit bei der Arbeit“ wird zu ein­er zen­tralen Auf­gaben­stel­lung des Arbeits- und Gesund­heitss­chutzes. Dabei geht es um eine Verbesserung der zwis­chen­men­schlichen Beziehun­gen im Betrieb. Ger­ade in diesem Zusam­men­hang zeigt sich: Ger­ade der/die Schwächere braucht die pro­fes­sionelle Unter­stützung, und zwar nicht nur den Schutz, son­dern auch die Hil­fe zur Selb­sthil­fe, sodass auch der/die Benachteiligte Selb­st­be­wusst­sein, Selb­st­sicher­heit und damit auch Gesund­heit­skom­pe­tenz entwick­eln kann. Deshalb ist hier Weber/Hörmann unbe­d­ingt zuzus­tim­men, wenn sie fest­stellen: „Die Frage, wo ger­ing Qual­i­fizierte und/oder gesund­heitlich beein­trächtigte Men­schen ihren Platz in der neuen Arbeitswelt find­en kön­nen, … (darf) Arbeitsmedi­zin­er nicht pas­siv lassen“ (eben­da, S. 567). Hinzuzufü­gen ist hier: Dies darf keinen der in Arbeits- und Gesund­heitss­chutz sowie der betrieblichen Gesund­heits­förderung Engagierten pas­siv lassen. Zwar sei, so Weber/Hörmann, Teil­habe und Eingliederung von Schwachen in die Gesellschaft auch eine gesamt­ge­sellschaftliche Auf­gabe; zu deren Lösung jedoch kann und muss ger­ade die Arbeitsmedi­zin durch ihre Exper­tise und ihre Inter­ven­tion zur Ver­men­schlichung der Arbeit Entschei­den­des beitra­gen. Diese ethis­che Grund­hal­tung ist, so das Plä­doy­er des vor­liegen­den Beitrages, auf alle Berufe und Pro­fes­sio­nen zu über­tra­gen, deren Auf­gaben im Bere­ich „Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit“ liegen. Das in vie­len Unternehmen etablierte „Gesund­heits­man­age­ment“ muss vor diesem Hin­ter­grund sehr kri­tisch betra­chtet und bew­ertet wer­den. Nicht sel­ten wer­den näm­lich präven­tive und par­tizipa­tive Gestal­tungskonzepte umgan­gen oder gar ver­wor­fen und an deren Stelle ein konzep­tionelles Vorge­hen geset­zt, das alleine ver­hal­tenspräven­tiv und leis­tungssteigernd angelegt ist. Arbeit­splätze und Arbeits­be­din­gun­gen sollen nicht mehr im Sinne der Human­isierung verän­dert wer­den. Stattdessen wer­den Schwächere stig­ma­tisiert und let­ztlich aus­gegliedert und exterritorialisiert.
Entwed­er wer­den Arbeitsmediziner/innen für diese Unternehmen­spoli­tik instru­men­tal­isiert, oder sie wer­den – das ist wohl der über­wiegende Fall – über­gan­gen und her­aus­ge­hal­ten. Dieser Entwick­lung sollte drin­gend Ein­halt geboten wer­den. Es geht hier nicht darum, frei­willige Ange­bote all­ge­mein­er Präven­tion hin­sichtlich ein­er Verbesserung der Lebensweise zu kri­tisieren; es geht eher darum, diese Ange­bote nicht zu ein­er Pflichtver­anstal­tung wer­den zu lassen, welche den Arbeits- und Gesund­heitss­chutz erset­zt. Gegen diese Entwick­lung auf allen Ebe­nen – der betrieblichen wie der über­be­trieblichen – gemein­sam mit allem in der betrieblichen Präven­tion Involvierten Pro­fes­sio­nen und Experten anzuge­hen, ist ein Gebot der Ver­ant­wor­tungsethik. Die Arbeitmedi­zin und die anderen arbeits- und gesund­heitswis­senschaftlich arbei­t­en­den Beruf­sstände wie jeder/r einzelne in der präven­tiv­en Prax­is Ste­hende sollte sich dieser Ver­ant­wor­tung stellen.
Lit­er­atur
  • 1. Baur, X. (2008): Vor­bericht zur 48. wis­senschaftlichen Jahresta­gung der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedi­zin. In: Arbeitsmedi­zin – Sozialmedi­zin – Umweltmedi­zin, Band 43, S. 92–98.
  • 2. Bay­ertz, K. (1991): Wis­senschaft, Tech­nik und Ver­ant­wor­tung. In: Der­selbe (Hg.): Prak­tis­che Philoso­phie. Grun­dori­en­tierun­gen ange­wandter Ethik. Rein­beck bei Ham­burg: Rowohlt, S. 173–209.
  • 3. Bon­ho­ef­fer, D. (1949): Ethik (zusam­mengestellt und her­aus­gegeben von E. Bethge). München: Chr. Kaiser Verlag.
  • 4. Dörn­er, K. (2001): Der gute Arzt. Lehrbuch der ärztlichen Grund­hal­tung. Stuttgart: Schattauer.
  • 5. Flo­ret, Th. (1913): Das Auf­gabenge­bi­et des Fab­rikarztes. In: Zen­tral­blatt für Gewer­be­hy­giene. Band 1, S. 81–95.
  • 6. Hien, W. u.a. (2007): Ein neuer Anfang war´s am Ende nicht. Zehn Jahre Vulkan-Pleite: Was ist aus den Men­schen gewor­den? Ham­burg: VSA-Verlag.
  • 7. Hien, W. (2008): „Irgend­wann geht es nicht mehr“ – Älter­w­er­den und Gesund­heit im IT-Beruf. Ham­burg: VSA-Verlag.
  • 8. Kisker, K.P. / Frey­berg­er, H. / Rose, H.-K. / Wulff, E. (1991): Psy­chi­a­trie, Psy­cho­so­matik und Psy­chother­a­pie. 5. Auflage. Stuttgart: Thieme.
  • 9. Kühn, H. (2007): Der Ethik­be­trieb in der Medi­zin. In: Jahrbuch für Kri­tis­che Medi­zin, Bd. 44, S. 64–97.
  • 10. Lax, M.B. (1999): Vielfache Chemikalien-Unverträglichkeit­en. Die soziale Kon­struk­tion ein­er Krankheit. In: Jahrbuch für Kri­tis­che Medi­zin, Band 31. Ham­burg: Argu­ment Ver­lag, S. 87–102.
  • 11. Lev­inas, E. (1995): Zwis­chen uns. Ver­suche über das Denken an den Anderen. München: Hanser.
  • 12. Matuschek, I. / Klee­mann, F. / Voß G.G. (2008): Sub­jek­tive Tay­lorisierung als Beherrschung der Arbeitsper­son. In: PROKA 150 – Zeitschrift für kri­tis­che Sozial­wis­senschaft, S. 49–64.
  • 13. Müller, R. / Milles, D. (1984): Beiträge zur Geschichte der Arbeit­erkrankheit­en und der Arbeitsmedi­zin in Deutsch­land. Hg. von der Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz. Bre­mer­haven: NW-Verlag.
  • 14. Sen­nett, R. (1998): Der flex­i­ble Men­sch. Die Kul­tur des neuen Kap­i­tal­is­mus. Berlin: Berlin-Verlag.
  • 15. Sen­nett, R. (2005): Die Kul­tur des neuen Kap­i­tal­is­mus. Berlin: Berlin-Verlag.
  • 16. Teleky, L. (1913): Suum cuique. Eine Ent­geg­nung auf Dr. Th. Flo­ret. In: Zen­tral­blatt für Gewer­be­hy­giene. Band 1, S. 289–292.
  • 17. Ulich, E. / Wülser, M. (2004): Gesund­heits­man­age­ment in Unternehmen. Arbeit­spsy­chol­o­gis­che Per­spek­tiv­en. Wies­baden: Gabler.
  • 18. Weber, A. / Hör­mann, G. (Hg.) (2007): Psy­chosoziale Gesund­heit im Beruf – Men­sch, Arbeitswelt, Gesellschaft. Stuttgart: Gentner.
  • 19. Wulf, A. (2001): Der Sozialmedi­zin­er Lud­wig Teleky (1872–1957) und die Entwick­lung der Gewer­be­hy­giene zur Arbeitsmedi­zin. Frank­furt a.M.: Mabuse.
  • 20. Weber, M. (1919): Poli­tik als Beruf. In: Der­selbe (1973): Sozi­olo­gie, Uni­ver­salgeschichtliche Analy­sen, Poli­tik. Stuttgart: Alfred Krön­er, S. 167–185.
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Meistgelesen
Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 12
Ausgabe
12.2021
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 1
Ausgabe
1.2022
ABO

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de