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Versagen und Versäumnisse, Lügen und Verheimlichen

Asbest – Eine tödli­che Gefahr wurde über Jahr­zehnte igno­riert

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Als Para­de­bei­spiel verhäng­nis­vol­ler Versäum­nisse und des gene­rel­len Versa­gens muss der Umgang von Unter­neh­mens­ver­ant­wort­li­chen der Asbest­in­dus­trie und verant­wort­li­chen Poli­ti­kern mit dem „Killer“-Staub Asbest in den vergan­ge­nen Jahr­zehn­ten ange­se­hen werden. Wie konnte es dazu kommen, und wer waren die Haupt­ak­teure?

Minis­te­ri­al­di­ri­gent a.D. Gerd Albracht

Bereits in den 20er Jahren entdeck­ten ameri­ka­ni­sche Medi­zi­ner, dass Asbest zu der narbi­gen Umwand­lung des Lungen­ge­we­bes bei Arbeit­neh­mern, der soge­nannte Asbes­tose führt. Die erste Berufs­krank­heit der Asbest­ar­bei­ter wurde in der umfang­rei­chen Mono­gra­phie von Hoff­man beschrie­ben (Hoff­man 1918). Doch nicht die Verant­wort­li­chen aus Unter­neh­men und Poli­tik, sondern Versi­che­rungs­ge­sell­schaf­ten zogen daraus ihre Konse­quen­zen. Die Pruden­tial Insurance Company in den Verei­nig­ten Staa­ten weigerte sich 1918 bereits, mit Asbest­ar­bei­tern Lebens­ver­si­che­run­gen abzu­schlie­ßen (Albracht 1991).
In Deutsch­land dauerte es noch bis 1936, erst dann wurde die Asbes­tose als Berufs­krank­heit aner­kannt. Anfang der 40er Jahre kam die Gewiss­heit eines erhöh­ten Lungen­krebs­ri­si­kos hinzu. In den 60er Jahren wurde schließ­lich der Zusam­men­hang zwischen Asbest und der Entste­hung von Brust- und Bauchfell-Mesotheliomen nach­ge­wie­sen. Das Bron­chi­al­kar­zi­nom in Verbin­dung mit einer Lunge­n­as­be­s­tose ist seit 1943 und das asbest­be­dingte Meso­the­liom seit 1976 aner­kannte Berufs­krank­heit in Deutsch­land.

Der Verbrauch stieg weiter an

Trotz Bekannt­sein dieser tödli­chen Gefahr verdop­pelte sich aber zwischen 1960 und 1970 der Asbest­ver­brauch in der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land. Bis 1990 wurden 18 Mio. Tonnen Baustoffe mit einem Anteil von rund 6% hoch­as­best­hal­ti­gen Bauma­te­ri­als herge­stellt und einge­setzt (IG-BSE 1991). Niemand der damals Verant­wort­li­chen kann behaup­ten, er habe von den Gesund­heits­ri­si­ken nichts gewusst. Jeder konnte in der deutsch- und englisch­spra­chi­gen Fach­presse früh­zei­tig erfah­ren, welche Zeit­bombe in den Fabri­ken und Hand­werks­be­trie­ben tickte (Selikoff 1976). Der frühere Hessi­sche Sozi­al­mi­nis­ter Clauss stellte auf dem ersten „Sympo­sium über Asbest­spät­schä­den“ 1985 fest, „dass der Arbeits­schutz in der Bundes­re­pu­blik in diesem Bereich bis weit in die 60er Jahre nahezu völlig versagt hat. Diese Kritik rich­tet sich an die Betriebe, die Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten und die staat­li­che Gewer­be­auf­sicht glei­cher­ma­ßen“ (Albracht 1985).
Völlig unver­bind­li­che erste Empfeh­lun­gen zur Redu­zie­rung der Asbestein­wir­kun­gen wurden von den Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten Anfang der 60er Jahre an die Betriebe gege­ben. Die erste Tech­ni­sche Richt­kon­zen­tra­tion (TRK-Wert) für Asbest wurde 1973 veröf­fent­licht. Durch verstärkte Anstren­gun­gen der Staat­li­chen Gewer­be­auf­sicht und der Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten in den 70er Jahren konnte dann eine wesent­li­che Redu­zie­rung der Asbest­staub­ex­po­si­tion in den Betrie­ben erreicht werden. Staat­li­che Stel­len und Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten haben erst 40 bis 50 Jahre nach Bekannt­wer­den der Gesund­heits­ge­fah­ren in nennens­wer­tem Maße reagiert. Dabei hatten Gewerk­schaf­ten und einige Wissen­schaft­ler bereits früh­zei­tig gewarnt und Maßnah­men gefor­dert. Aber auch inner­halb der Gewerk­schaf­ten gab es Wider­sprü­che in den 70er Jahren. So haben noch 1979 mehrere Betriebs­räte aus dem Bereich der Asbest- zement­in­dus­trie erfolg­reich bei der Bundes­re­gie­rung gegen ein Asbest­ver­bot und die Einstu­fung in die höchste Gefähr­dungs­klasse inter­ve­niert (Pütz 1991). Haupt­ar­gu­ment war die Sorge um den Erhalt ihrer Arbeits­plätze.

Für ein Asbest­ver­bot

Insbe­son­dere Gewerk­schaf­ten und unab­hän­gige Wissen­schaft­ler der Deut­schen Forschungs­ge­mein­schaft (DFG), die Anfang der 70er Jahre eine beson­dere Arbeits­gruppe Staub unter der Verant­wor­tung von Prof. Hensch­ler und der Leitung von Prof. Woito­witz grün­dete, zeig­ten immer wieder die tödli­chen Gefah­ren von Asbest bei der Herstel­lung und beim Umgang auf (Parti­kel 1980). Die Medien rück­ten in dieser Zeit das Thema Asbest mehr und mehr in den Vorder­grund. Die IG Metall berich­tete 1976 bereits inten­siv über die Asbest­ge­fah­ren und die Ergeb­nisse eines Vortra­ges von Prof. Selikoff, der auf der IMB-Konferenz in Oslo über die Asbesterkran­kun­gen in den Verei­nig­ten Staa­ten von 1918 bis 1975 berich­tete. Die zuneh­mend hefti­ge­ren Atta­cken gegen den gefähr­li­chen Werk­stoff Asbest wollte die Asbest­in­dus­trie mit einem von ihr finan­zier­ten Forschungs­in­sti­tut abweh­ren. Ziel war es, das Image von Asbest zu verbes­sern und „durch Koor­di­na­tion geeig­ne­ter Maßnah­men eine Gesund­heits­ge­fähr­dung beim Umgang mit Asbest zu vermei­den.“ Beim Start gaben die Unter­neh­men dem „Asbest-Institut für Arbeits-und Umwelt­schutz e.V.“ mit Sitz in Neuss ein Jahres­bud­get von 2,5 Millio­nen DM.
Führende Arbeits­schüt­zer und Gewerk­schaf­ter verwei­ger­ten dem Insti­tut, das in Wahr­heit den Umgang mit Asbest siche­rer machen wollte, die Unter­stüt­zung. Die Entwick­lung beim Umwelt­bun­des­amt (UBA) und den Gewerk­schaf­ten in den Folge­jah­ren stopp­ten die gewollte indus­trie­freund­li­che Wirkung des Insti­tuts umfas­send.
Noch 1980 machte der Schwei­zer Indus­tri­elle Schmidheiny, Führer des größ­ten euro­päi­schen Asbest-Kartells, immer noch 90 Prozent seines Profits mit Asbest. Deshalb schlug der Ende 1980 erschie­nene Bericht des Umwelt­bun­des­am­tes über die tödli­chen Gefah­ren des Asbests wie eine Bombe in der Asbestlobby-Zentrale der Eter­nit AG in Berlin ein (UBA 1980). Am 19. Januar 1981 verlangte der für die Umwelt zustän­dige Minis­ter Baum (FDP) den Gebrauch von Asbest einzu­schrän­ken und „in bestimm­ten Berei­chen ganz zu verbie­ten“. Inner­halb weni­ger Wochen sank der Umsatz von Eter­nit nach diesen Warn­ru­fen in zwei­stel­li­ger Größen­ord­nung. Der Konzern entließ zu Beginn der 80er Jahre über 1000 Mitar­bei­ter. Es war aus der Sicht des Unter­neh­mens wie ein Erdbe­ben, so Lehmann, der dama­lige Vorstands­vor­sit­zende der Eter­nit AG. Deshalb versuchte Schmidheiny mit aller Macht ein drohen­des Asbest­ver­bot zu verhin­dern: insbe­son­dere mit dem Ausspie­len der Arbeits­platz­ar­gu­mente gegen Umwelt und Gesund­heit und der Unwahr­heit, dass Ersatz­stoffe nicht zur Verfü­gung stün­den.
Die Arbeit der Asbest­lobby zeigte Wirkung. Bundes­um­welt­mi­nis­ter Baum wollte ein paar Monate später von einem Verbots­vor­schlag für Asbestzement-Produkte für die nächs­ten 5 bis 10 Jahre erst einmal abse­hen. Bis dahin soll­ten strenge Kenn­zeich­nungs­pflich­ten die Bundes­bür­ger vor dem Asbest­krebs schüt­zen.

Eter­nit kaufte Wissen­schaft­ler

Schon vor der Veröf­fent­li­chung hat der UBA-Bericht wahre Sturm­läufe der Asbest­lobby unter der Feder­füh­rung von Eter­nit hervor­ge­ru­fen. Wütende Briefe an die staat­li­chen Stel­len und die Gewerk­schaf­ten waren die Folge. Der Asbest­bran­chen­füh­rer Eter­nit fand damals einen wich­ti­gen Part­ner für seine Verzö­ge­rungs­po­li­tik. Ausge­rech­net das in Berlin ansäs­sige Bundes­ge­sund­heits­amt (BGA) votierte nicht für den Schutz der Gesund­heit, sondern für die wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen der Asbest­in­dus­trie. Es lieferte sich einen harten Exper­ten­krieg mit fort­schritt­li­chen Leuten der Gewerk­schaf­ten, des Umwelt­bun­des­am­tes und eini­ger unab­hän­gi­ger Wissen­schaft­ler der Deut­schen Forschungs­ge­mein­schaft wie Prof. Woito­witz, Prof. Hensch­ler, Prof. Pott oder Prof. Norpoth. Das Umwelt­ri­siko durch Asbest entspre­che dem von „zehn Ziga­ret­ten pro Jahr“, so die unglaub­li­che Behaup­tung der obers­ten bundes­deut­schen Gesund­heits­hü­ter.
Wie die Asbest­zement­in­dus­trie ihre Inter­es­sen zu wahren wusste wird deut­lich, wenn man den Vorbe­richt des Bundes­rech­nungs­ho­fes von 1989 liest. Danach hatte die Indus­trie, beson­ders Eter­nit, dem für Unter­su­chun­gen von Asbest im Trink­was­ser zustän­di­gen Insti­tut des BGA über Jahre hinweg hohe Spen­den zukom­men lassen (DER SPIEGEL, 37/1989). Der Rech­nungs­hof stellte fest, dass in fast jedem Asbest­for­schungs­pro­jekt des BGA Geld von Eter­nit geflos­sen ist und Beweise vorlie­gen, dass die Asbest­in­dus­trie auch andere hoch­ran­gige Wissen­schaft­ler gekauft hat, die mit solchen Unter­su­chun­gen beauf­tragt wurden (Bundes­rech­nungs­hof 1989).
Die Asbest­in­dus­trie mit dem Bran­chen­füh­rer Eter­nit hat die tödli­che Gefahr Asbest jahr­zehn­te­lang igno­riert, verschwie­gen und vernied­licht. Ihre poli­ti­sche Macht erklärt sich aus der inter­na­tio­na­len Verflech­tung der Asbest­in­dus­trie. Zur Durch­set­zung ihrer Inter­es­sen hatte sie in den 70er Jahren eine schlag­kräf­tige Orga­ni­sa­tion, die Asbes­tos Inter­na­tio­nal Asso­cia­tion (A.I.A.) gegrün­det. Darin waren Förde­rer, Herstel­ler und die verar­bei­tende Indus­trie glei­cher­ma­ßen vertre­ten. Sie koor­di­nierte in mehr als 35 Ländern ihre Inter­es­sen. Haupt­ziel der A.I.A. war es, die weitere Asbest­pro­duk­tion zu sichern. Bereits 1971 fand eine Geheim­kon­fe­renz mit A.I.A.-Mitgliedern aus fast allen euro­päi­schen Staa­ten in London statt (AIA 1971). Aus dem vertrau­li­chen Proto­koll (mit Teil­neh­mern von Eter­nit und dem Asbest­ver­band) ist zu entneh­men, dass es nicht um Erkennt­nis­ge­win­nung ging, sondern ledig­lich darum, wie man drohende spätere Verwen­dungs­be­schrän­kun­gen oder Verbote verhin­dern kann, vom Schutz der betrof­fe­nen Arbei­ter oder der Bevöl­ke­rung war keine Rede. Eine zentrale Rolle spielte das Asbest­in­sti­tut im kana­di­schen Mont­real. Kern­auf­gabe war es, die Lüge des Slogans vom siche­ren Umgang mit Asbest welt­weit zu fördern und zu vertei­di­gen. Ange­sichts hundert­tau­sen­der Asbest­to­ter welt­weit klingt es gera­dezu menschen­ver­ach­tend, wenn George McCam­mon, der frühere Präsi­dent des Insti­tuts sagt: „Mit Asbest schüt­zen wir die Armen, es wäre unmo­ra­lisch, es ihnen zu verwei­gern.“
Ziel der Lobby­ar­beit in Deutsch­land war es, bei den verant­wort­li­chen Minis­tern, Behör­den und Wissen­schaft­ler ein für den weite­ren Umgang mit Asbest güns­ti­ges Klima zu schaf­fen und die Verbrei­tung kriti­scher Posi­tio­nen zu verhin­dern (Albracht 1991). Dazu zählte 1972 auch die Errich­tung eines „Unab­hän­gi­gen wissen­schaft­li­chen Beirats der Asbest­in­dus­trie“, zu dessen Vorsit­zen­den der indus­trie­nahe Arbeits­me­di­zi­ner Valen­tin von der Univer­si­tät Erlan­gen beru­fen wurde. So heißt es folge­rich­tig in einer vertrau­li­chen Proto­koll­no­tiz des Wirt­schafts­ver­ban­des Asbest aus dem Jahre 1972: „Wir können mit Sicher­heit davon ausge­hen, dass die Gruppe der Asbes­to­se­ärzte sich nicht im Gegen­satz zu den fünf inter­na­tio­na­len Auto­ri­tä­ten stel­len wird, und das von nun an aus diesem Kreis alle emotio­na­len, eigen­süch­ti­gen, über­spitz­ten und wirk­lich­keits­frem­den Akti­vi­tä­ten auf dem Gebiet der Gesundheits- und Umwelt­ge­fähr­dung durch Asbest nicht mehr zum Zuge kommen können.“
Wie die Asbest­lobby ihre Propa­ganda von einem siche­ren Umgang mit Asbest einsetzte, geht aus dem Geschäfts­be­richt 1979 des Wirt­schafts­ver­ban­des Asbest e.V hervor: „Seit­dem sind die beiden Asbest­ver­bände mit ihren Vorstän­den und für die Arbeits- und Umwelt­schutz verant­wort­li­chen Exper­ten fast pausen­los im Einsatz, um die jeweils zustän­di­gen Minis­te­rien, Gewer­be­auf­sich­ten oder Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten davon zu über­zeu­gen, dass Verbote oder kate­go­ri­sche Substi­tu­ti­ons­ge­bote nach den in Deutsch­land vorlie­gen­den epide­mio­lo­gi­schen Erfah­run­gen bei Einhal­tung der TRK-Werte nicht erfor­der­lich, für unsere Volks­wirt­schaft schäd­lich und für die Asbest­in­dus­trie exis­tenz­be­dro­hend sind.“ Weiter rühmt man sich im Entwurf des dama­li­gen Chemi­ka­li­en­ge­set­zes die Verpackungs- und Kenn­zeich­nungs­re­geln auf den Rohstoff Asbest begrenzt zu haben und Gefah­ren­sym­bole zu vermei­den. Beson­ders hervor­ge­ho­ben wird die dama­lige Verhin­de­rung der Einstu­fung von Asbest in die Risi­ko­gruppe I (sehr stark gefähr­dend) der Arbeits­stoff­ver­ord­nung sowie die Kenn­zeich­nung asbest­hal­ti­ger Produkte mit dem nega­ti­ven Hinweis „krebs­er­zeu­gend“.
Über die EU sagt die AIA 1980: „Die Gesetz­ge­bungs­me­thode der EU ist sehr realis­tisch und lang­wie­rig … die EG-Beamten sind prag­ma­tisch … und ich bin sicher, dass die Indus­trie mit den Ergeb­nis­sen leben kann.“ (AIA 1980) Diese Beein­flus­sung war mit ein entschei­den­der Grund, warum die EU zu lange an dem schein­bar siche­ren Umgang mit Asbest fest­hielt und erst 2005 ein gene­rel­les Asbest­ver­bot in der EU in Kraft trat, aber auch der Wider­stand eini­ger damals noch as-bestfördernder EU Länder wie Grie­chen­land und Italien.

Gewerk­schaf­ten leite­ten den Asbest­aus­stieg ein

Doch die Gewerk­schaf­ten konter­ten die Lobby-Attacken der Asbest­in­dus­trie mit konkre­ten Verbots­for­de­run­gen und einer engen Zusam­men­ar­beit der IG Chemie, der IG Metall, der IG Bau-Steine-Erden, der ÖTV, des DGB, des EGB, der Inter­na­tio­na­len Gewerk­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen, der Bundes­län­der und des Umwelt­bun­des­am­tes.
Zu diesem Zeit­punkt waren über 25.000 Arbeit­neh­mer aus dem Bereich der IG Chemie-Papier-Keramik im Bereich der Asbest­pro­duk­tion beschäf­tigt und nach Schät­zun­gen des DGB waren bis zu 1 Million Arbeit­neh­mer dauernd oder zeit­weise mit Asbest­staub expo­niert.
Die Asbest­ge­fah­ren, Skan­dale mit Penta­chlor­phe­nol oder Dioxin führ­ten beim Haupt­vor­stand der IG Chemie 1977 zu der Entschei­dung, eine neue Abtei­lung „Arbeits­um­welt“ zu grün­den und diese fach­lich, profes­sio­nell zu beset­zen. Das Thema Asbest wurde dann ein zentra­les Thema der IG Chemie und es gab ein wissenschaftlich/technisches Netz­werk von poli­tisch Verant­wort­li­chen und unab­hän­gi­gen Exper­ten aus allen rele­van­ten Berei­chen. So wurde es möglich, allen Entschei­dungs­trä­gern und Verant­wort­li­chen der Gewerk­schaft auf allen Ebenen unab­hän­gige Wissen­schafts­er­kennt­nisse darzu­le­gen und eine „Asbest­ver­bots­stra­te­gie“ zu entwi­ckeln. Bis dahin wurden nahezu alle Ebenen der Gewerk­schaf­ten – insbe­son­dere die Indus­trie­grup­pen­se­kre­täre – perma­nent mit angeb­lich neues­ten Erkennt­nis­sen wissen­schaft­li­cher Studien konfron­tiert, die fast immer von nicht unab­hän­gi­gen und meis­tens durch die Indus­trie bezahlte Wissen­schaft­ler stamm­ten.
Den Durch­bruch zu einer klaren Anti-Asbeststrategie brachte 1981 eine Konfe­renz der IG Chemie mit allen Betriebs­rä­ten der asbesther­stel­len­den und ‑verar­bei­ten­den Betriebe sowie der IG Metall, der ÖTV, der IG Bau-Steine-Erden und ande­ren. Bis dahin hatten die Betriebs­rats­vor­sit­zen­den von Eter­nit, Fulgo­rit, Wannit und ande­ren sich mehr als „Botschaf­ter“ der Unter­neh­men und weni­ger als die für den Schutz der Arbeit­neh­mer Verant­wort­li­chen gefühlt. Sie waren oft massive Fürspre­cher für einen „siche­ren Umgang mit Asbest“. Aber der Leit­ge­danke der Konfe­renz war: Wir alle, in der Herstel­lung wie im Bereich der 100.000 Arbeit­neh­me­rIn­nen, die im Betrieb und im Hand­werk stän­dig Umgang mit Asbest haben, sind vor dem Krebs­gift Nr. 1 in der Arbeits­welt zu schüt­zen.
Der dama­lige IG Chemie-Vorsitzende Hauen­schild stellte am 12.2.1981 klar, dass eine Verbes­se­rung des Gesund­heits­schut­zes nicht durch mora­li­sche Appelle an die Indus­trie zu reali­sie­ren sei, sondern nur durch gesetz­li­che Maßnah­men, Tarif­ver­träge und deren tägli­che Umset­zung vor Ort. Seine Kern­bot­schaft lautete: Krebs­er­zeu­gende Arbeits­plätze sind auch für Gewerk­schaf­ten nicht vertei­di­gungs­wür­dig! (Hauen­child 1981) Er forderte die Asbest­ge­fah­ren verstärkt zu bekämp­fen und Asbest durch unge­fähr­li­che Stoffe zu erset­zen (IG Chemie 1981).
Eine Reihe IG Chemie-Gewerkschaftler schmis­sen wütend ihre Mitglieds­bü­cher hin. DIE ZEIT titelte damals: Es ist das erste mal, dass eine Gewerk­schaft sich im Kampf um Arbeits­plätze oder Ökolo­gie eindeu­tig für „Ökolo­gie und Gesund­heits­schutz“ entschei­det. Eter­nit versuchte in der Folge zwischen der Fach­ebene und der Ebene der Haupt­vor­stände der Gewerk­schaf­ten einen Keil zu trei­ben. Dem für Asbest zustän­di­gen Haupt­vor­stands­mit­glied Liesel Winkel­strä­ter und dem Leiter der IG Chemie Umwelt­ab­tei­lung Albracht bot Eter­nit eine Studi­en­reise nach Kanada an. Ziel sei es, den exzel­len­ten Gesund­heits­schutz bei der Asbest­för­de­rung kennen zu lernen und neue Erkennt­nisse über die Unge­fähr­lich­keit des Chrysotil-Asbests mit dem kana­di­schen Asbest-Institut auszu­tau­schen. Die Reise sollte dann ausklin­gen mit außer­ge­wöhn­li­chen Natur­er­leb­nis­sen in Alaska. Natür­lich alles kosten­los: Flug, Verpfle­gung und Hotel. Die IG Chemie erwi­derte klar und deut­lich, dass sie selbst bestimme, woher die Gewerk­schaft ihre Infor­ma­tio­nen gewinne und die dazu notwen­di­gen Reisen auch selbst bezahle. Danach unter­blie­ben unmo­ra­li­sche Offer­ten dieser Art.

Forde­run­gen nach schritt­wei­sem Asbest­ver­bot und ‑ersatz

Zum selben Zeit­punkt hat der DGB mit dem „17 Punkte-Programm gegen Asbest­krebs“ die Poli­tik aller Gewerk­schaf­ten zum völli­gen Asbest­ver­bot beschlos­sen. Haupt­for­de­rung war dabei die Einstu­fung von Asbest in die Gruppe I der sehr stark gefähr­den­den krebs­er­zeu­gen­den Stoffe der dama­li­gen Arbeits­stoff­ver­ord­nung sowie eine Absen­kung des Grenz­wer­tes auf ein Zehn­tel des damals bestehen­den Wertes. Weitere Forde­run­gen waren ein schritt­wei­ses Verbot sowie der zwin­gende Ersatz von Asbest.
Von entschei­den­der Bedeu­tung für die Umset­zung der gemein­sa­men Gewerk­schafts­pos­tion „schritt­wei­ses Asbest­ver­bot“ war ein Gespräch am 23.7.1981 in München mit dem DGB-Bundesvorstand, dem IG Chemie Haupt­vor­stand, dem Bundes­vor­stand IG Bau-Steine-Erden, dem Wirt­schafts­ver­band Asbest­zement e.V., Vorstands­mit­glie­dern der Eter­nit AG, dem Arbeits­ring Chemie, der Bundes­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Arbeit­ge­ber­ver­bände und der Baye­ri­schen Bau-Berufsgenossenschaft zum Thema Asbestersatz-Umstellung der Indus­trie auf asbest­freie Produkte. Die Gewerk­schafts­ver­tre­ter mach­ten der Asbest­zement­in­dus­trie dabei massive Vorwürfe, in den vergan­ge­nen Jahren nicht mit genü­gen­der Schärfe und Inten­si­tät, trotz der stei­gen­den Anzahl von Asbestop­fern die Substi­tu­tion von Asbest voran­ge­trie­ben zu haben. Sie vertra­ten dabei gemein­sam die Posi­tion für ein umfas­sen­des, schritt­wei­ses Asbest­ver­bot (DGB 1981). Sie setz­ten damals die Bundes­re­gie­rung mit ihrer Forde­rung nach einem Asbest­ver­bot unter Druck. Denn Gerhart Baum (FDP), damals Innen­mi­nis­ter und für den Umwelt­schutz verant­wort­lich, wech­selte seine ursprüng­li­che Posi­tion und pfiff seine nach­ge­ord­nete Behörde zurück. Aber auch dem für den Arbeits­schutz zustän­di­gen Minis­ter Ehren­berg (SPD) war die Beschäf­ti­gung wich­ti­ger als die Gesund­heit der Arbeit­neh­mer. Er hatte Post vom Eternit-Betriebsrat bekom­men, der um den Verlust Tausen­der Arbeits­plätze fürch­tete. Der Minis­ter antwor­tete: „Ich halte ein gene­rel­les Verbot von Asbest wegen der damit verbun­de­nen Gefähr­dung von Arbeits­plät­zen nicht für vertret­bar.“
Die Posi­tion der Bundes­re­gie­rung gab der Asbest­lobby und beson­ders dem Bran­chen­füh­rer Eter­nit neuen Mut, Gewerk­schafts­vor­stände und Gewerk­schafts­funk­tio­näre auf allen regio­na­len und bezirk­li­chen Ebenen Woche für Woche mit neuen Studi­en­ergeb­nis­sen indus­trie­hö­ri­ger oder nahe­he­ste­hen­der Wissen­schaft­ler und Insti­tute zu konfron­tie­ren. Ihr Ziel war es, die Verbots­for­de­rung der Gewerk­schaf­ten, insbe­son­dere der IG Chemie, wieder rück­gän­gig zu machen oder aufzu­wei­chen. Alle Behaup­tun­gen, Vernied­li­chun­gen, Postu­late, Fest­stel­lun­gen, Thesen und Paro­len der Asbest­in­dus­trie und ihrer soge­nann­ten Wissen­schaft­ler wurden syste­ma­tisch von der IG Chemie zusam­men­ge­stellt, um die „allge­mein aner­kann­ten arbeitsmedizinisch-toxikologische Erkennt­nisse bezüg­lich Asbest“ zu klären (Woito­witz 1983).
Der Haupt­vor­stand forderte den Bundes­ar­beits­mi­nis­ter und den Ausschuss für gefähr­li­che Arbeits­stoffe auf, eine konkrete Stel­lung­nahme abzu­ge­ben. Die Fragen waren so umfas­send, dass sich eine Arbeits­gruppe unter Leitung von Prof. Woito­witz inten­siv mit der Beant­wor­tung aller Fragen beschäf­tigte. Nach Verab­schie­dung dieser Erkennt­nisse durch den Ausschuss wurden alle noch einge­hen­den Briefe auf der Basis dieser Erkennt­nisse durch den Vorsit­zen­den beant­wor­tet und die gesamte Orga­ni­sa­tion mit allen Verwal­tungs­stel­len in Kennt­nis gesetzt. Ergeb­nis war nach ein paar Wochen: Es kamen keine Alarm­schrei­ben der Asbest­in­dus­trie mehr und es gab aus Sicht der Gewerk­schaf­ten und der Betriebs­räte kein Zurück mehr aus dem Asbest­aus­stieg.
Die Antwort des Bundes­ar­beits­mi­nis­ters zeigt die zöger­li­che Haltung der dama­li­gen Bundes­re­gie­rung. Er teilt mit: „Bei einer Refe­ren­ten­be­spre­chung im Bundes­kanz­ler­amt stimm­ten die Vertre­ter sämt­li­cher Minis­ter mit Ausnahme des Beauf­trag­ten des Bundes­in­nen­mi­nis­te­ri­ums und des Präsi­den­ten des Umwelt­bun­des­am­tes gegen ein Verbot oder eine gravie­rende Einschrän­kung der indus­tri­el­len Anwen­dung von Asbest.“ (Woito­witz 1983)

Kern­pfei­ler des späte­ren Asbest­ver­bots

Die einheit­li­che Posi­tion des DGB, der IG Chemie, der IG Metall, der ÖTV und der IG Bau-Steine-Erden zu einem schritt­wei­sen Asbest­ver­bot, die schnelle Vorlage eines 10-bändigen Asbestersatz­stoff­kata­logs, der von Albracht als Vorsit­zen­der des Ersatz­stoff­aus­schus­ses im Ausschuss für gefähr­li­che Stoffe vorge­legt und vom Umwelt­bun­des­amt veröf­fent­licht wurde, sowie die Drohung der Banken, Eter­nit keine Unter­stüt­zung mehr zu geben, haben auf Eter­nit und die Asbest­zement­bran­che wie ein Damokles-Schwert gewirkt.
Anfang 1982 erklärte sich die Asbest­zement­in­dus­trie, die ca. 80 Prozent des Asbest­ver­brauchs damals inne hatte, frei­wil­lig bereit, stufen­weise den Asbest­ver­brauch zu mindern. Gefei­ert als gelun­ge­nes umwelt­po­li­ti­sches Koope­ra­ti­ons­prin­zip war das soge­nannte Inno­va­ti­ons­pro­gramm keine reine Selbst­ver­pflich­tung, sondern eine Reak­tion auf die Asbest-Ausstiegspolitik der Gewerk­schaf­ten und den UBA-Bericht sowie die asbest­kri­ti­sche Bericht­erstat­tung in den Medien. Zulange hatte Eter­nit die Stra­te­gie gefah­ren, ein Asbest­ver­bot zu verhin­dern. Dies unter­streicht auch eine vertrau­li­che, vom Vorstand der Eter­nit AG bei der Hayek Engi­nee­ring AG Zürich im Juni 1981 in Auftrag gege­bene Studie (Hayek Engi­nee­ring 1981). Die Studie kommt im wesent­li­chen zu den Ergeb­nis­sen, dass der Forschungs- und Entwick­lungs­etat von 1,1% des Umsat­zes im Jahr 1980 (6,1 Mio. DM) in keinem Falle ausrei­chend sei und Eter­nit zu lange von der Verhin­de­rung des Verbots ausge­gan­gen sei, ohne Alter­na­ti­ven zu verfol­gen. Die Studie weist den Vorstand klar und deut­lich darauf hin, dass von einem Verbot auszu­ge­hen sei. So wundert es auch nicht, dass in dieser Zeit auf Inter­ven­tion der IG Chemie und durch­ge­setzt von Schmidheiny der dama­lige Vorstands­vor­sitze der Eter­nit AG in Berlin gehen musste, weil er in den Ostblock weiter­hin asbest­hal­tige und nach West­eu­ropa asbest­freie Produkte liefern wollte.
Die eindeu­tige Haltung der Gewerk­schaf­ten zum Asbest­aus­stieg und die aktive Unter­stüt­zung tausen­der Betriebs­räte, die sich für einen besse­ren Gesund­heits­schutz enga­gier­ten und Asbest­sub­sti­tute forder­ten, haben einen immensen Druck aufge­baut. Dieser führte letzt­end­lich dazu, dass Eter­nit in Deutsch­land früher als geplant ihre gesamte Produkt­pa­lette asbest­frei herstellte.
Beispiel­haft sei der Kampf der Betriebs­rats­kol­le­gen des Bremer Vulkans zu nennen. Seit 1974 war Asbest durch die IG Metall hier ein Schwerpunkt-Thema. Schon 1968 hatte die dortige Gewer­be­auf­sicht die Unter­neh­mens­lei­tung über die Asbest­ge­fah­ren infor­miert. Über die gesamte Werft (Schiff­bau, Instand­hal­tung , Repa­ra­tur etc.) durch­fors­tete der Betriebs­rat die Verfah­ren und Produkte dahin­ge­hend, ob sie asbest­hal­tig waren. In Arbeits­krei­sen, in der Betriebs­zei­tung Echo­lot und auf Betriebs- und Vertrau­ens­leute­ver­samm­lun­gen wurde Asbest thema­ti­siert und Lösungs­vor­schläge erar­bei­tet. Trotz der Werf­ten­krise hat darauf­hin die Beleg­schaft 1983 den Umbau der asbest­ver­seuch­ten „United States“ abge­lehnt. „Wir gehen lieber zum Arbeits­amt als in den Tod!“, so die Aussa­gen der Kolle­gen damals. Der Betriebs­rats­vor­sit­zende sollte dann gekün­digt werden, mit Hilfe und Unter­stüt­zung der IG Metall gewann er anschlie­ßend aber den Prozess.

Jedes Jahr Verbots­ver­zö­ge­rung – tausende Asbestop­fer mehr

In der Bundes­re­pu­blik betrug der Anteil asbest­be­ding­ter Erkran­kun­gen im Jahr 1980 nur 1,5 Prozent, im Jahr 2000 schon nahezu 20 Prozent. Drama­tisch ist auch die Bilanz bei den Todes­fäl­len: waren es 1980 noch 65 Arbeit­neh­mer, die an den Folgen einer asbest­ver­ur­sach­ten Berufs­krank­heit star­ben, stieg die Zahl 2004 auf 1.130. Damit ist Asbest bei den tödlich verlau­fen­den Berufs­krank­hei­ten die bei weitem häufigste Todes­ur­sa­che.
Derzeit ster­ben in der Bundes­re­pu­blik mehr Menschen an den Folgen von Asbest als durch Arbeits­un­fälle. Die Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten haben seit 1978 mehr als 27.000 Asbest­tote regis­triert. Exper­ten der Deut­schen Gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung (DGUV) schät­zen, dass in Deutsch­land insge­samt von ca. 190.000 Asbesterkrank­ten auszu­ge­hen sei (Breuer 2005). Die letz­ten aktu­el­len Zahlen der DGUV-Statistik verzeich­nen 1.292 Asbest­tote für das Jahr 2010, diese Angabe bezieht sich nur auf die aner­kann­ten Fälle.
Neben den zahl­rei­chen Asbest­to­ten, dem Leid der Ange­hö­ri­gen und den gesund­heit­li­chen Tragö­dien vieler Asbesterkrank­ter sind auch die sozia­len und volks­wirt­schaft­li­chen Folge­kos­ten immens. So berech­nete Albracht bereits 1991, ausge­hend von den erst­mals entschä­dig­ten Asbest­be­rufs­er­kran­kun­gen (4.974 Fälle summiert aus den Jahren 1950 bis 1989), volks­wirt­schaft­li­che Kosten von 7,5 Mrd. DM für die Bundes­re­pu­blik ohne die asbest­be­ding­ten Sanie­rungs­kos­ten.
Die Summe der Renten aufgrund asbest­ver­ur­sach­ter Berufs­er­kran­kun­gen belief sich seit 2003 für die DGUV auf über 300 Mill. Euro jähr­lich. Der DGUV sind bis 2010 für Asbest Gesamt­kos­ten von 5 Mrd. Euro entstan­den. Hinzu kommen mehr als 10 Mrd. Euro, die als Entschädigungs- und Reha­bi­li­ta­ti­ons­leis­tun­gen über einen länge­ren Zeit­raum auszu­zah­len sind. Wirt­schafts­for­scher Schulz geht nach seinen Berech­nun­gen beim Umwelt­bun­des­amt davon aus, dass die Verwen­dung von Asbest unterm Strich „ein nega­ti­ves Nutzen-Kosten-Verhältnis“ aufweist.
Ein rela­tiv aktu­el­ler Stand der Doku­men­ta­tion des Krebs­ge­sche­hens in Deutsch­land liegt mit der Veröf­fent­li­chung von Butz über beruf­lich verur­sachte Krebs­er­kran­kun­gen für den Zeit­raum von 1978 bis 2010 vor (Butz 2012). Von insge­samt 40.555 beruf­lich verur­sach­ten Krebs­er­kran­kun­gen (1978 bis 2010) entfie­len danach 30.271 auf Asbest (74,64%). Für die BK 4104 (Lungen­krebs einschließ­lich Kehl­kopf­krebs) ist die Inter­pre­ta­tion von Butz folgende: „Bei der BK 4104 ist die Entwick­lung dieser BK durch die Einfüh­rung des Faser­jah­res­mo­dells im Jahr 1993 geprägt“. Die geän­derte Rege­lung führte zu einem star­ken Anstieg der aner­kann­ten Fälle. Seit der Über­nahme der Leitung 2006 durch Frau Prof. Dr. Tann­ap­fel ist nunmehr noch ein weite­rer abfal­len­der Trend zu Lasten der Asbestop­fer zu beob­ach­ten. So stan­den 2010 den 3.765 Erkran­kungs­fäl­len ledig­lich 721 Aner­ken­nun­gen und nur 643 Renten­fälle gegen­über (BAuA 2010). Anders ausge­drückt entspricht das einer über 80 prozen­ti­gen Ableh­nungs­quote!
Unab­hän­gige Wissen­schaft­ler, Gewerk­schaf­ten, Medien und Poli­ti­ker kriti­sie­ren die Vorge­hens­weise des Meso­the­liom­re­gis­ters, das Teil des Insti­tuts für Patho­lo­gie der Ruhr-Universität Bochum am Berufs­ge­nos­sen­schaft­li­chen Univer­si­täts­kli­ni­kum Berg­manns­heil ist. Es wird jedoch maßgeb­lich von der DGUV finan­ziert . H. Otto, Dort­mund, legte sich 1984 auf 1.000 Asbest­kör­per­chen zur Defi­ni­tion einer Mini­ma­las­be­s­tose fest. Auch bei der Über­füh­rung des Regis­ters nach Bochum wurde dieser wissen­schaft­lich nie begrün­dete Grund­satz im Routi­ne­be­trieb beibe­hal­ten mit insge­samt wohl mehre­ren 10.000 berufs­ge­nos­sen­schaft­li­chen Begut­ach­tun­gen. Inzwi­schen ist die Einschal­tung des Meso­the­liom­re­gis­ters zur Über­prü­fung der Berech­ti­gung einer BK mithilfe des Ausschluss­kri­te­ri­ums „Asbest­kör­per­chen“ mono­pol­ar­tig zum Stan­dard im Bereich der Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten gewor­den, selbst dann, wenn die Diagnose gesi­chert ist und die arbeits­tech­ni­schen Voraus­set­zun­gen für die Aner­ken­nung einer Asbes­tose oder eines asbest­be­ding­ten Lungen­kreb­ses bereits durch ein tech­ni­sches Gutach­ten fest­ge­stellt worden sind.
Die Nicht­an­er­ken­nung einer Mini­ma­las­be­s­tose ist zum einen häufige Ursa­che für die Ableh­nung einer BK 4103 „Asbes­tose“ und insbe­son­dere für die Ableh­nung einer BK 4104 „Asbes­tose in Verbin­dung mit Lungen­krebs“. In Deutsch­land werden jähr­lich mindes­tens 800 bis 1.000 Fälle von asbest­be­ding­tem Lungen­krebs, gemes­sen an den medi­zi­nisch allge­mein aner­kann­ten Stan­dards, zu wenig als Berufs­krank­hei­ten aner­kannt (Woito­witz in Euro­gip 2006). Zu diesem Ergeb­nis kommt Woito­witz aufgrund einer hinrei­chend verläss­li­chen Abschät­zung der Daten. Er geht dabei davon aus, dass in der Arbeits­me­di­zin allge­mein das Verhält­nis der Zahl von Meso­the­lio­merkran­kun­gen zu den Erkran­kun­gen durch asbest­be­ding­ten Lungen­krebs in den Volks­wirt­schaf­ten mit ca. 1:2 ange­ge­ben wird, wie McDo­nald 1981 nach­ge­wie­sen hat. Die Aner­ken­nun­gen in Frank­reich und den Verei­nig­ten Staa­ten entspre­chen diesem Zahlen­ver­hält­nis. Demge­gen­über sind die Aner­ken­nun­gen in Deutsch­land durch ein Miss­ver­hält­nis geprägt. Aus Sicht des Asbestop­fers und seiner Fami­lie stellt sich das Verfah­ren zur Beur­tei­lung und Aner­ken­nung oder Ableh­nung der Berufs­krank­heit viel­fach als quälend lang­sam, ernied­ri­gend und oft enttäu­schend dar (ARD 2005).

Aus der Asbest­tra­gö­die lernen

Die grau­en­vol­len Versäum­nisse beim Umgang mit Asbest und die mensch­li­che Tragö­dien sowie die Asbest­spät­scha­dens­fol­gen müssen auch zu einer kriti­sche­ren Betrach­tung der übri­gen, mehr als 100 krebs­er­zeu­gen­den Stoffe führen. Selbst von sehr gefähr­den­den krebs­er­zeu­gen­den Stof­fen, die wie Benzol in tausen­den Jahres­ton­nen produ­ziert und verar­bei­tet werden, gibt es in Deutsch­land keine entspre­chen­den Studien. Und das, obwohl die Deut­sche Forschungs­ge­mein­schaft bereits 1981 die „Berufs­krebs­stu­die“ veröf­fent­lichte, um mit neuen wissen­schaft­li­chen Metho­den das Berufskrebs-Problem anzu­ge­hen. Sie benutz­ten eine neuar­tige Analyse zur Schät­zung des Krebs­mor­ta­li­täts­ri­si­kos der Werks­an­ge­hö­ri­gen. Die Autoren kamen zu dem Ergeb­nis, „dass etwa 25% sämt­li­cher Tumo­ren, die bei Werks­an­ge­hö­ri­gen auftra­ten, beruf­li­chen Einflüs­sen zuzu­schrei­ben sind.“ (Horbach et al. 1981) Die vielen Asbest­to­ten gerade auch in Deutsch­land und das Leid tausen­der Asbesterkrank­ter sind ein Alarm­ruf, recht­zei­tig wissen­schaft­lich fundierte Studien der Krebs­stoffe durch­zu­füh­ren und in einem zügi­gen Prozess Maßnah­men wie Verwen­dungs­be­schrän­kun­gen oder Verbote zu tref­fen.
Eter­nit und die Asbest­in­dus­trie konn­ten unter der Tarn­kappe, es gibt einen siche­ren Umgang mit Asbest, jahr­zehn­te­lang die wahren Ausmaße der Kata­stro­phe und des Leids verschlei­ern. Eter­nit nutzte die Insel­lage Berlins vor dem Mauer­fall, um von Bundes- und Landes­re­gie­run­gen Zuschüsse und Kredite in Millio­nen­höhe und poli­ti­sches „Wohl­wol­len“ zu erhal­ten. Asbesterkrankte wurden häufig finan­zi­ell abge­fun­den, um so das Berufskrankheiten-Verfahren zu umge­hen.
Selbst der Skan­dal bei der Firma Rex in Baden-Württemberg, in der bis Anfang der 80er Jahre über 100 Asbest­tote zu bekla­gen waren, brachte bei vielen kein Umden­ken. Im Gegen­teil: Die Risi­ken wurden nach Südko­rea expor­tiert und unter oft schlech­te­ren Arbeits- und Gesund­heits­stan­dards dort weiter­pro­du­ziert. Die straf­recht­li­che Verant­wor­tung blieb aus, die Folgen wurden auf die Allge­mein­heit oder auf das kollek­tive Versi­che­rungs­sys­tem der Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten über­wälzt.
Auf der heuti­gen Home­page der Eter­nit AG ist von der Asbest­ver­gan­gen­heit keine Silbe mehr zu lesen. „Chemisch rein“ ist dort zu lesen, von der Prio­ri­tät des Umwelt- und Gesund­heits­schut­zes, der Nach­hal­tig­keit ihrer Produkte und von sozia­lem Enga­ge­ment. Kein Wort zu den Fehlern der Vergan­gen­heit beim Umgang mit Asbest. Glaub­wür­dig­keit sieht anders aus!
Die verant­wort­li­chen Poli­ti­ker, Behör­den, Unter­neh­men und Gewerk­schaf­ten müssen alles tun, damit die in der Asbest­sa­nie­rung Täti­gen heute und in Zukunft nicht zur zwei­ten Asbestop­fer­welle werden. Asbest­sa­nie­rungs­pro­gramme mit einem öffent­li­chen Asbest­ka­tas­ter unter Kosten­be­tei­li­gung der Verur­sa­cher sind zwin­gend notwen­dig. Die Schere zwischen ange­zeig­ten und entschä­dig­ten asbest­be­ding­ten Berufs­er­kran­kun­gen darf sich nicht weiter öffnen. Die Beweis­füh­rung darf nicht weiter­hin zu Lasten der oft todkran­ken Arbeit­neh­me­rIn­nen gehen.
„Die sanfte Abkehr vom Rohstoff Asbest dauert viel zu lange, verur­sacht zu viele gesund­heit­li­che Schä­den und Leid bei den Betrof­fe­nen und kostet zuviel Geld. Statt des sanf­ten Wandels ist eine Notbrem­sung nötig, nämlich ein gesetz­li­ches Verbot der Asbest­pro­duk­tion und ‑verwen­dung welt­weit“ (Staats­mi­nis­te­rin Pfarr in Albracht 1991).
Wich­tigste Lite­ra­tur:
  • AIA-Asbestos Inter­na­tio­nal Asso­cia­tion (1971) Vertrau­li­ches Proto­koll der Inter­na­tio­nal Confe­rence of Asbes­tos Infor­ma­tion Bodies, London, 24–25 Novem­ber 1971.
  • AIA-Asbestos Inter­na­tio­nal Asso­cia­tion (1980) The Industry´s view­point concer­ning Asbes­tos. Survey of the Asbes­tos Scene, London.
  • Albracht, G., Bolm-Audorff, U.and H.J.Woitowitz (1985) Asbest­spät­schä­den, Hrsg: Der Hessi­sche Sozi­al­mi­nis­ter.
  • Albracht, G. and O. A. Schwer­dtfe­ger (1991) Heraus­for­de­rung Asbest, Univer­sum Verlags­an­stalt, Wies­ba­den.
  • Albracht, G. (1991) Erken­nen und Bewer­ten von Asbest­pro­duk­ten in konta­mi­nier­ten Berei­chen. In: Gesund­heits­ge­fah­ren durch neue Tech­no­lo­gien, Fach­ta­gung IG Bau 28.04.1990; Tagungs­band IG Bau-Steine-Erden, Frankfurt/Main.
  • Albracht, G. (1991) Heraus­for­de­rung Asbest, Univer­sum Verlags­an­stalt, Wies­ba­den.
  • ARD-RBB (2005) Recht­los und hiflos – Wie Todge­weihte mit ihren Ansprü­chen an die Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten schei­tern, TV-Sendung vom 14. April 2005.
  • BAuA-Bundesanstalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin (2012) Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit 2010, Dort­mund.
  • Bundes­rech­nungs­hof (1989) Zwischen­be­richt vom 13. März 1989 und Fassung vom 9. Mai 1989 zur Einfluss­nahme der Indus­trie auf Entschei­dun­gen des Bundes­ge­sund­heits­am­tes. vgl. dazu :Die ertapp­ten Kontrol­leure. DIE ZEIT, 28.04.1989, Nr.18 sowie Deut­scher Bundes­tag, Druck­sa­che 11/5365 v.10.10.1989.
  • Breuer, J. (2005) Asbest – eine globale Heraus­for­de­rung, Bundes­ar­beits­blatt 10. 2005.
  • Butz, M. (2012) Beruf­lich verur­sachte Krebs­er­kran­kun­gen, eine Darstel­lung der im Zeit­raum 1978 bis 2010 aner­kann­ten Berufs­krank­hei­ten, BK-DOK, DGUV-Berlin.
  • DGB (1981) 17-Punkte-Programm gegen Asbest­krebs in der Arbeits­welt. In: DGB-Nachrichtendienst 12.02.1981.
  • EUROGIP (2006) 24/E Enquiry Report, European Forum of the Insurance against Acci­dents at Work and Occupa­tio­nal Disea­ses.
  • Hauen­schild, K. (1981) Inter­view in der DGB-Wochenzeitung Welt der Arbeit, 29.01.1981.
  • Hayek Engi­nee­ring (1981) Produkt- und unter­neh­mens­stra­te­gi­sche Studie für den Vorstand der Eter­nit AG. Zürich.
  • Hoff­man, F.L. (1918) Morta­lity from respi­ra­tory disease in dusty trades (inor­ga­nic dusts). Bulle­tin of the U.S. Bureau of Labour Statis­tics No. 231, Washing­ton, D.C. June 1918.
  • Horbach, L. and H. Loskant (1981) Berufs­krebs­stu­die der Deut­schen Forschungs­ge­mein­schaft, Harald Boldt Verlag Boppard.
  • IG CHEMIEPAPIERKERAMIK (1981) Asbest­ge­fah­ren verstärkt bekämp­fen! IG Chemie fordert Ersatz von Asbest durch unge­fähr­li­che Stoffe. Pres­se­dienst des Haupt­vor­stan­des. Vgl. Stel­lung­nahme zur Gesamt­pro­ble­ma­tik „Asbest“ des Geschäfts­füh­ren­den Haupt­vor­stan­des vom 23.02.1981
  • Parti­kel, H. (1980) Krebs­ri­siko am Arbeits­platz. Nur die „Spitze des Eisber­ges.“ In: Der Gewerk­schaf­ter 6/80.
  • Pütz, J. (ed.) (1989) Asbest-Report. Vom Wunder­stoff zur Altlast, Köln.
  • Selikoff, I.J.(1976) Asbest­krank­hei­ten in den Verei­nig­ten Staa­ten von 1918–1975, IGM-Arbeitssicherheits-Information Nr. 8/1976; Ergeb­nisse der IMB-Weltkonferenz über Gesund­heits­schutz und Arbeits­si­cher­heit in der Metall­in­dus­trie.
  • Umwelt­bun­des­amt (1980) Luft­qua­li­täts­kri­te­rien – Umwelt­be­las­tung durch Asbest und andere fase­rige Fein­stäube. UBA-Bericht 7/80.
  • Woito­witz H.J. et al. (1983) Allge­mein aner­kannte arbeitsmedizinisch-toxikologische Erkennt­nisse bezüg­lich Asbest. In: Sonder­druck aus Die BG Heft5/83, Erich Schmidt Verlag, Biele­feld.
Autor
Gerd Albracht Minis­te­ri­al­di­ri­gent a.D. Senior Advi­sor of the Inter­na­tio­nal Asso­cia­tion of Labour Inspec­tion (IALI)
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