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Einblicke in das Leben eines Sicherheitsingenieurs

Besuch am Bohr­turm

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Im folgen­den Beitrag gibt der Autor einen klei­nen Einblick in seine Tätig­keit im Ausland, wo er zurzeit für ein großes deut­sches Ener­gie­un­ter­neh­men als Sicher­heits­ko­or­di­na­tor tätig ist.

Es ist Sonn­tag, der 25. Septem­ber. Ich habe mir heute vorge­nom­men, die Crew an unse­rem Bohr­turm zu besu­chen. Dort findet heute das wöchent­li­che Team Meeting statt, bei dem zwei Kolle­gen der Bohr­mann­schaft mit einem Preis für die besten Verbes­se­rungs­vor­schläge ausge­zeich­net werden.

Der Bohr­turm befin­det sich im Rhoude Yacoub Gebiet in Alge­rien, ca. 800 km südsüd­öst­lich der Haupt­stadt Algier und 60 km west­lich der Grenze zu Libyen (s. Info­box Alge­rien). Um hier­her zu kommen, muss man den Flie­ger nehmen. Und so stehe ich jetzt, um 8.00 Uhr morgens, am Flug­ha­fen der Wüsten­stadt Hassi Messaoud und warte darauf, dass es los geht. Doch es gibt ein klei­nes Problem. Mein Wüsten­pass wurde nicht recht­zei­tig ausge­stellt, doch ohne diesen Pass darf ich nicht losflie­gen. Aber Hisham, der mich zum Flug­ha­fen gefah­ren hat, schafft es zusam­men mit der Hilfe des Operations-and Logistics-Coordinators im Büro, dass ich dann doch noch in letz­ter Minute die Erlaub­nis bekomme, die Wüste zu betre­ten. Und mit ein paar Minu­ten Verspä­tung können wir uns auf dem Weg machen.
Nach dem ich die für einen Flug übli­chen Sicher­heits­über­prü­fun­gen und Pass­kon­trol­len über mich erge­hen lassen habe, werde ich mit einem klei­nen Bus zu unse­rem Flug­zeug gefah­ren, das schon auf dem Vorfeld bereit steht. Es ist eine blau-weiße Twin-Otter DHC‑6 mit 18 Sitzen.
Die beiden Pilo­ten der Twin-Otter, Frank und Jorge, warten schon unge­dul­dig auf dem Vorfeld. Jorge ist ein klei­ner Airjun­kie, wie sie ihn nennen, und würde am liebs­ten den ganzen Tag durch die Gegend flie­gen. Er kann es kaum erwar­ten abzu­he­ben. Ich besteige den klei­nen Flie­ger.
Ich nehme vorne im Flug­zeug Platz. Hier hat man einen guten Einblick in das offene Cock­pit und ich kann die Pilo­ten während des Fluges beob­ach­ten. Für mich als Flug­zeug­be­geis­te­ter immer aufs Neue sehr inter­es­sant. Jorge schließt die Tür des Flie­gers und gibt uns eine kurze Sicher­heits­un­ter­wei­sung. Das kleine Flug­zeug hat sechs Notaus­gänge, vorne und hinten jeweils einen Feuer­lö­scher und einen Verbands­kas­ten. Wasser für unter­wegs befin­det sich in einer Kühl­box im hinte­ren Teil des Flie­gers. Rauchen und Fotos aus der Luft sind verbo­ten. Eine Toilette gibt es nicht und erst recht nicht einen On-Board-Service.
Nach der Einwei­sung nimmt Jorge auf dem Sitz vorne links Platz. Er ist heute der Flight-Pilot. Dann gehen die beiden Pilo­ten den Pre-Start-Check durch und star­ten die Moto­ren, erst den rech­ten, einige Zeit später den linken. Ich drehe mir meine Gehör­schutz­stöp­sel in die Ohren, denn die Twin Otter DHC‑6 ist nicht gerade leise. Nach ein paar Minu­ten, in denen Frank und Jorge weitere Checks durch­füh­ren, geht es los und wir rollen zur Start­bahn. Jorge posi­tio­niert die Maschine in der Mitte der Start­bahn und dreht die Moto­ren für einen letz­ten Test für kurze Zeit bis zum Anschlag auf. Die Kräfte lassen die Maschine im Stand hin und her wackeln. Dann löst Jorge die Brem­sen und wir star­ten.
Schon nach weni­gen Metern ist die Twin Otter in der Luft. Bei so wenig Start­ge­wicht ist das auch kein Wunder. Der Flug ist ruhig und ich genieße die unend­li­che Weite der Wüste aus einer Höhe von ca. 3000 Metern. Die Sicht ist klar und ich betrachte Sand und Dünen, die sich bis zum Hori­zont erstre­cken.
Im Bann der Wüste
Der Blick in die Wüste ruft die Erin­ne­run­gen meiner ersten Reise in die Wüste hervor. Damals arbei­tete ich als Sicher­heits­in­ge­nieur für ein großes deut­sches Ener­gie­un­ter­neh­men. Ich war noch recht jung, gerade einmal 26 Jahre, und noch uner­fah­ren, was HSE in der Praxis anging. Damals flog ich in den liby­schen Teil der Sahara um ein Audit bei einer Seismik-Kampagne durch­zu­füh­ren. Es war ein Tag im Februar, als ich in der Wüste landete und der Tag war schon über­wäl­ti­gend. Doch erst in der Nacht hat mich die Wüste gänz­lich in ihren Bann gezo­gen. Frei von stören­den Licht­quel­len schaute ich in den Himmel und sah ein Meer aus tausen­den von Ster­nen. So viele Sterne hatte ich zuvor noch nie gese­hen. Es war über­wäl­ti­gend. Und dann diese Ruhe. Keine Geräu­sche einer Stadt, keine Autos, keine Stra­ßen­bahn, keine Menschen. Einfach eine unend­li­che Ruhe. Und über mir das Ster­nen­meer. Ein ganz beson­de­rer Augen­blick.
Gut eine Stunde später haben wir unser Ziel erreicht und Frank und Jorge setzen zum Lande­an­flug an. Die Landung mitten in der Wüste ist für mich immer ein span­nen­der Moment. Denn dort gibt es keine geteerte Lande­bahn. Es ist eher ein Strei­fen aus verdich­te­tem Sand mit einer Gips-Oberfläche, die sehr rau ist und manch­mal auch ein paar Löcher aufweist. Aber zum Glück ist die Twin Otter mit dicken Reifen ausge­stat­tet. Trotz­dem sind die Landun­gen immer sehr holp­rig und ich bin immer froh, wenn die Maschine an der Park­po­si­tion anhält und die Reifen noch ganz sind.
Frank öffnet die Tür der Twin-Otter und wir stei­gen über die kleine Treppe in den Wüsten­sand. Trotz der späten Jahres- und Tages­zeit ist die Tempe­ra­tur schon beacht­lich hoch, 35 Grad Celsius im Schat­ten. Ich gehe zur hinte­ren Lade­luke und nehme meine Tasche heraus, in der ich meine Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tung habe; Over­all, Helm, Schutz­brille und Sicher­heits­stie­fel. Dann verlasse ich den Airstrip und werde an der Seite von Jim empfan­gen. Jim ist unser HSE Super­vi­sor und Operations-und Logistics-Coordinator am Bohr­turm. Er kümmert sich daher nicht nur um die Sicher­heit im Feld, sondern auch um die Abwick­lung der Flüge. Jim ist ein alter Hase auf seinem Gebiet und hat schon viele Jahre Erfah­rung in Alge­rien gesam­melt.
Zunächst fahre ich mit Jim zum Bohr­turm. Dieser ist unge­fähr 40 km vom Lande­platz entfernt. Die Fahrt dauert etwa 45 Minu­ten mit dem Land­crui­ser. Zeit genug, um mit Jim ein biss­chen zu plau­dern, über Neuig­kei­ten am Bohr­turm und über seine Pläne für seine nächste Frei­schicht. Unser Gelän­de­wa­gen wird vorne und hinten von Mili­tär­fahr­zeu­gen beglei­tet. Dies ist hier so üblich, um die Sicher­heit der Mitar­bei­ter in der Wüste zu gewähr­leis­ten, obwohl, oder viel­leicht gerade deswe­gen, seit vielen Jahren in diesem Gebiet nichts passiert ist.
Unsere Fahrt führt quer durch die Wüste auf präpa­rier­ten Wegen. Links und rechts wird unser Weg von hohen, rotbrau­nen Dünen gesäumt. Immer wieder tref­fen wir auf am Wegrand stehende Kamele. Nach eini­gen Kilo­me­tern kommen wir an einem unse­rer Wasser­brun­nen vorbei. Hier hat jemand eine Tränke für Kamele einge­rich­tet, die gerade von einer klei­nen Gruppe der Wüsten­tiere benutzt wird. Ein paar Meter weiter wird es eng. Einer der großen Kenworth-Trucks, die schwe­res Mate­rial durch die Wüste beför­dern, kommt uns entge­gen. Unsere Kolonne stoppt kurz, dann fahren wir ein paar Meter neben der Straße weiter bis wir den Truck passiert haben.
Nach gut einer Stunde kommen wir am Bohr­turm an. Stolz und erha­ben steht er da, inmit­ten der hohen Dünen. Für mich immer aufs Neue ein Anblick, der mir ein Lächeln abringt. Wir halten vor den Büro­con­tai­nern, die seit­lich des Bohr­tur­mes stehen. Wir stei­gen aus dem Wagen aus und Jim führt mich zu Paul, unse­rem Company-Man und Reprä­sen­tan­ten am Bohr­turm. Bei ihm muss sich jeder anmel­den, der den Bohr­turm betritt. Wir unter­hal­ten uns noch ein paar Minu­ten über dies und jenes. Dann gibt er mir den Schlüs­sel von einem der Unter­künfte. Dort mache ich mich kurz frisch und ziehe meinen Over­all, die Sicher­heits­schuhe und den Helm an. Jetzt kann’s los gehen.
HSE hat Vorrang
Mit Jim gehe ich in den Bespre­chungs­con­tai­ner, in dem die wöchent­li­che Team­be­spre­chung statt­fin­det. Die Bohr-Crew wartet schon darauf, dass es losgeht und empfängt mich auf die typisch arabi­sche herz­li­che Art. Ich begrüße die Runde und setze mich mit an den langen Tisch. Joe, der Tool­pu­sher, eröff­net das Meeting, spricht über die Arbeit der letz­ten Woche und über das, was in den nächs­ten Tagen ansteht. Auf der Tages­ord­nung stehen auch HSE-Themen wie „Arbei­ten in der Höhe“, „Allge­meine Sauber­keit“ und „Rich­ti­ger Gebrauch von Persön­li­cher Schutz­aus­rüs­tung“.
Als Joe fertig ist, stelle ich mich vor die Gruppe. Ich bedanke mich dafür, dass jeder einzelne der Crew sich dem Thema HSE annimmt und Verbes­se­rungs­vor­schläge einreicht. Ich mache der Gruppe deut­lich, dass es wich­tig ist vor der Arbeit zu über­le­gen, was even­tu­ell ein Verlet­zungs­ri­siko bergen könnte, und dass man sich unter­ein­an­der unter­stüt­zen und helfen soll, Gesund­heits­ge­fah­ren zu erken­nen und zu vermei­den. Denn wir wollen alle nach einer Schicht wieder gesund zu unse­ren Fami­lien zurück­keh­ren. Nach meiner klei­nen Anspra­che komme ich auf den eigent­li­chen Grund meiner Reise, der Vergabe des wöchent­li­chen Prei­ses für den besten Verbes­se­rungs­vor­schlag. Doch dies­mal möchte ich nicht den besten Verbes­se­rungs­vor­schlag beloh­nen, sondern eine beson­ders vorbild­li­che Verhal­tens­weise eines der Crew-Mitglieder. Dieses hatte mit einer rotie­ren­den Draht­bürste ein Metall­teil gerei­nigt, als sich ein weite­rer Kollege ohne Schutz­aus­rüs­tung neben ihn stellte und zuschauen wollte. Sofort unter­brach der Mitar­bei­ter seine Reini­gungs­ar­bei­ten und mahnte seinen Kolle­gen dazu an, doch eine Schutz­brille zu tragen. Wer die arabi­sche Kultur kennt, versteht, dass dieses Verhal­ten, einen seiner Lands­leute anzu­wei­sen etwas zu tun, heraus­ra­gend ist.
Jim und ich holen den Mitar­bei­ter vor die Gruppe und Jim über­reicht ihm als klei­nes Danke­schön ein T‑Shirt und eine Kappe. Einen klei­nen Geld­bo­nus bekommt der Mitar­bei­ter eben­falls. Die Crew stellt mir noch einige Fragen, nennt einige Sorgen und Wünsche, die ich mir notiere, um diese im Büro mit den entspre­chen­den Kolle­gen zu disku­tie­ren. Dann been­det Joe das Meeting.
In der Zwischen­zeit ist es Mittag gewor­den und Jim und ich gehen in die Kantine etwas essen. Das Essen hier am Bohr­turm ist sehr gut, da habe ich schon ande­res erlebt. Es gibt einen Salat als Vorspeise und dann Steak mit Spaghetti und Gemüse. Dazu den Wein der Wüste, stil­les Mine­ral­was­ser.
Ich schaue auf die Uhr, 13.00 Uhr. Ich habe noch eine Stunde Zeit, dann muss ich mich auf dem Weg zurück zum Lande­platz machen, denn gegen drei Uhr hebt der Flie­ger wieder ab, Rich­tung Hassi Messaoud. Jim bietet mir an, noch eine Runde über den Bohr­platz zu gehen. Ich stimme dem zu und wir verlas­sen die Kantine. So ein Bohr­platz ist eine große Fläche, in deren Mitte der Bohr­turm steht. Um den Bohr­turm herum steht aller­lei Zube­hör, das man zum Bohren und zum Betrei­ben des Bohr­turms benö­tigt. Dazu gehö­ren riesige Pumpen, Tanks, Auffang­be­cken und Lager­flä­chen für Bohr­köpfe, Bohr­ge­stänge und Zusätze, die man beim Bohren benö­tigt. Jim und ich unter­hal­ten uns darüber, dass die Gestal­tung des Bohr­plat­zes sehr modern ist und einen hohen Sicher­heits­stan­dard aufweist. So etwas habe ich in meiner noch jungen Karriere als Sicher­heits­in­ge­nieur noch nicht gese­hen.
Als wir gerade mit unse­rem Rund­gang fertig sind, kommt auch schon der Fahrer unse­res Land­crui­sers vorge­fah­ren. Zeit zu gehen. Ich gehe noch schnell in die Unter­kunft und ziehe wieder meine private Klei­dung an. Gerade als ich in den Wagen stei­gen will, ruft mich unser Company-Man Paul, und er drückt mir noch die Tasche mit der Turm-Post in die Hand. „Vergiss nicht, die im Büro abzu­ge­ben, sonst sind hier ein paar Jungs rich­tig böse“, sagt er mit einem Lächeln. „Kein Problem“, sage ich und wir geben uns zum Abschied die Hand. Dann machen Jim und ich uns auf den Weg zurück zum Lande­platz, wieder vorbei an den Dünen und den Kame­len. Eine gute Stunde später steht die Twin-Otter am Airstrip zum Abflug bereit und Jorge gibt Voll­gas zum Start. Einige Sekun­den später heben wir ab Rich­tung Hassi Mess­aud. Und wenn wir dort landen, geht ein weite­rer inter­es­san­ter Tag zu Ende.
Autor
Patrick Krott
Senior Consul­tant / Asso­ciate
Martrick GmbH
Patrick Krott ist seit nun fast 10 Jahren als Sicher­heits­in­ge­nieur für große Unter­neh­men aus der Erdöl- und Erdgas­bran­che im Ausland tätig, davon nunmehr vier Jahre als frei­be­ruf­li­cher Sicher­heits­in­ge­nieur. Fast alle seiner Kunden sind im nord­afri­ka­ni­schen Raum tätig. Sein Einsatz­ge­biet ist in den meis­ten Fällen die Wüste. 2010 grün­dete Patrick Krott mit einem Part­ner die Martrick GmbH und berät mit seinem Team von acht Sicher­heits­in­ge­nieu­ren, Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit und Quali­täts­in­ge­nieu­ren Unter­neh­men aller Bran­chen welt­weit in jegli­chen Fragen des Arbeits- und Gesund­heits­schut­zes sowie des Quali­täts­ma­nage­ments und ‑siche­rung.
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