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Beur­tei­lung arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tun­gen durch Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit

VDSI-Stellungnahme zu psychischen Belastungen bei der Arbeit
Beur­tei­lung arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tun­gen durch Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit

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Immer mehr Beschäf­tigte klagen über arbeits­be­dingte psychi­sche Belas­tun­gen. Was folgt daraus für die Präven­ti­ons­ar­beit und die Tätig­keit der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit?

Prof. Dr. Rainer von Kipar­ski

In Zeiten des Fach­kräf­te­man­gels und des demo­gra­fi­schen Umbruchs sind gesunde, leis­tungs­fä­hige Mitar­bei­ter das wert­vollste Kapi­tal der Unter­neh­men. Umso alar­mie­ren­der sind Meldun­gen über die hohe Anzahl der Fehl­tage wegen psychi­scher Erkran­kun­gen und Verhal­tens­stö­run­gen.
Wurden im Jahr 2008 bundes­weit noch rund 41 Millio­nen solcher Arbeits­un­fä­hig­keits­tage regis­triert, waren es im Jahr 2011 bereits 59,2 Millionen.1 Sind psychi­sche Erkran­kun­gen zum „Massenphänomen“2 gewor­den? Welche Rolle spie­len die Arbeits­be­din­gun­gen und welche Konse­quen­zen müssen für die Präven­ti­ons­ar­beit gezo­gen werden?
Sach­li­che Debatte auf empi­ri­scher Basis
Erklä­rungs­an­sätze liefern empi­ri­sche Unter­su­chun­gen; exem­pla­risch sind hier der „DAK-Gesundheitsreport 2013“ und der „Stress­re­port Deutsch­land 2012“ zu nennen. Demnach ist die Häufig­keit, mit der psychi­sche Erkran­kun­gen auftre­ten, in den vergan­ge­nen Jahren nahezu gleich geblieben.3 Ärzte und Pati­en­ten stehen jedoch psychi­schen Erkran­kun­gen mitt­ler­weile viel sensi­bler gegen­über; dies hat zu einer Verschie­bung im Diagno­se­spek­trum geführt. Die Merk­male arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tung befin­den sich nach wie vor auf hohem Niveau, haben aber, zumin­dest in der Rück­schau auf die vergan­ge­nen fünf Jahre, nicht zugenommen.4 Diese anhand von empi­ri­schen Studien gewon­nen Erkennt­nisse gilt es zu berück­sich­ti­gen, wenn über die Entste­hung psychi­scher Erkran­kun­gen und ihre Bedeu­tung für die Arbeits­welt disku­tiert wird.
Ziele des vorlie­gen­den Beitrags
Dieser Beitrag möchte zu einer weite­ren Versach­li­chung und Auswei­tung der Diskus­sion um psychi­sche Belas­tun­gen bei der Arbeit beitra­gen. Ausge­hend von der Belastungs-Beanspruchungs-Forschung werden zunächst zentrale Begriffe defi­niert und zwei Modelle zur Veran­schau­li­chung der Gesamt­the­ma­tik beschrie­ben. Darauf aufbau­end skiz­ziert der Beitrag die Aufga­ben und Gren­zen, die sich im Kontext mit der Beur­tei­lung arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tun­gen für die Tätig­keit der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit erge­ben. Damit wird auch eine erste Posi­ti­ons­be­stim­mung für den VDSI vorge­nom­men.
Einheit­li­che Termi­no­lo­gie notwen­dig
Das begriff­li­che Spek­trum im Zusam­men­hang mit psychi­schen Belas­tun­gen bei der Arbeit ist groß. Zentrale Begriffe werden zum Teil unein­heit­lich verwen­det oder sie sind unprä­zise. So ist zum Beispiel – selbst in der Fach­welt – von psychi­scher Gesund­heit die Rede, obwohl dieser Begriff impli­ziert, dass psychi­sche und physi­sche Gesund­heit getrennt vonein­an­der betrach­tet werden können.5 Viele Begriffe aus der Stress­for­schung (z.B. Eustress/Distress) sind nur schwer opera­tio­na­li­sier­bar und messbar.6
Belastung-Beanspruchungs- Forschung
Exak­ter sind die Begriffe Belas­tung und Beanspruchung.7 Den theo­re­ti­schen Hinter­grund stellt das ursprüng­lich aus der Ergo­no­mie stam­mende Belastungs-Beanspruchungs-Konzept8 dar, welches in der Folge grafisch und inhalt­lich immer weiter ausge­ar­bei­tet worden ist. So unter­schei­det das Ende der 1990er Jahre in Anleh­nung an Rohmert entwi­ckelte Trich­ter­mo­dell des Belastungs-Beanspruchungs-Konzepts (vgl. Abb. 1) zwischen der Arbeits­be­las­tung als Gesamt­heit aller erfass­ba­ren Einflüsse des Arbeits­sys­tems und der darauf folgen­den indi­vi­du­el­len Arbeits­be­an­spru­chung, die auch von persön­li­chen Eigen­schaf­ten und Fähig­kei­ten abhän­gig ist.9 Die unter­schied­li­chen Belas­tungs­fak­to­ren (z.B. Lärm, Klima, Zeit­druck) werden im Trich­ter­mo­dell durch Wasser­zu­flüsse visua­li­siert, die in Auffang­be­cken münden. Höhe und Dauer der einzel­nen Belas­tungs­fak­to­ren können dosiert werden; dies wird im Trich­ter­mo­dell durch Regu­la­to­ren (Wasser­hähne) veran­schau­licht. Steigt das Maß physi­scher und psychi­scher Bean­spru­chung so stark an, dass die Kapa­zi­tät des Auffang­be­ckens nicht mehr ausreicht, sind Erho­lungs­pha­sen notwen­dig.
Grund­an­nah­men des Trichter- modells
Das Trich­ter­mo­dell beruht auf zwei Grund­an­nah­men. Erstens beru­hen physi­sche und psychi­sche Bean­spru­chung in der Regel nicht auf einem einzi­gen Belas­tungs­fak­tor, sondern auf einem ganzen Fakto­ren­bün­del. Um Fehl­be­an­spru­chun­gen entge­gen­zu­steu­ern, sind die Belas­tun­gen zu ermit­teln, die sich in Höhe und Dauer am stärks­ten auswir­ken. Auf diese Belas­tungs­fak­to­ren ist vordring­lich einzu­wir­ken und zwar sowohl bei der Arbeit als auch bei der Gestal­tung der Erho­lungs­pha­sen. Zwei­tens werden die Begriffe Belas­tung und Bean­spru­chung – ebenso wie in der später veröf­fent­lich­ten Normen­reihe DIN EN ISO 10075 – wert­neu­tral gese­hen. Ist die Arbeit grund­sätz­lich menschen­ge­recht gestal­tet, ist das Auftre­ten von Bean­spru­chun­gen nichts Nega­ti­ves: Es gilt, mit Hilfe der zur Verfü­gung stehen­den Verfah­ren das rich­tige Bean­spru­chungs­maß heraus­zu­fin­den. Dieses ist dann gefun­den, wenn einer­seits Leis­tungs­min­de­run­gen vermie­den werden und ande­rer­seits Hand­lungs­spiel­räume zur indi­vi­du­el­len Entfal­tung vorhan­den sind.10 Arbeits­be­dingte psychi­sche Belas­tung kann dann auch posi­tive Folgen haben (z.B. Anregungs-/Übungseffekte); die Moti­va­ti­ons­psy­cho­lo­gie spricht hier von Flow- Erlebnissen.11 Psychi­sche Belas­tung führt nicht auto­ma­tisch zu einer höhe­ren Arbeits­un­fä­hig­keit oder sogar zu psychi­schen Erkran­kun­gen. Entschei­dend ist, zum Beispiel persön­li­che Eigen­schaf­ten und Fähig­kei­ten sowie das soziale Umfeld am Arbeits­platz (Ressour­cen) zu stär­ken, um arbeits­be­dingte psychi­sche Belas­tun­gen besser abfe­dern zu können (Resi­li­enz). Abbil­dung 2 veran­schau­licht in Anleh­nung an die Ergeb­nisse des „Stress­re­ports Deutsch­land 2012“12, welche Ressour­cen einer hohen arbeits­be­ding­ten psychi­schen Belas­tung entge­gen­wir­ken können.
Belas­tungs­ge­flecht statt Mono­kau­sa­li­tät
Auch das Drei­ebe­nen­mo­dell psychi­scher Belas­tun­gen im Beruf (vgl. Abb. 3 auf S. 5)13 durch­bricht den oftmals ange­nom­me­nen Zusam­men­hang zwischen psychi­schen Belas­tun­gen bei der Arbeit und psychi­schen Erkran­kun­gen. Im Gegen­satz zu dem noch eher auf die Arbeits­welt zentrier­ten Trich­ter­mo­dell bezieht dieses Modell auch das gesell­schaft­li­che und private Umfeld des Menschen ein. Belas­tun­gen aus diesen Lebens­be­rei­chen haben in den vergan­ge­nen Jahren deut­lich zuge­nom­men und wirken eben­falls – posi­tiv wie nega­tiv – auf den Menschen ein. Das Drei­ebe­nen­mo­dell geht damit von einem psychi­schen Belas­tungs­ge­flecht aus, dessen einzelne Fakto­ren im Beschäf­tig­ten selbst, dem Unter­neh­men und der Gesell­schaft liegen können. Ange­nom­men wird, dass sich eine ganz­heit­lich verstan­dene Präven­ti­ons­ar­beit nicht nur auf den Bereich des Unter­neh­mens bezie­hen kann. Was diese Sicht­weise für die Tätig­keit von Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit bedeu­tet, wird in den folgen­den Abschnit­ten skiz­ziert.
Gesetz­li­cher Auftrag durch ArbSchG
Die Notwen­dig­keit zur Beur­tei­lung von arbeits­be­ding­ten psychi­schen Belas­tun­gen ist grund­sätz­lich nichts Neues: Sie gehört bereits seit 1996 zum Aufga­ben­be­reich der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit und Betriebs­ärzte. Dem Arbeits­schutz­ge­setz (ArbSchG) liegt ein erwei­ter­tes Arbeits­schutz­ver­ständ­nis zugrunde, das auch den Schutz vor arbeits­be­ding­ten psychi­schen Fehl­be­las­tun­gen einschließt. Der Arbeit­ge­ber hat die Pflicht, diese zu ermit­teln und gege­be­nen­falls abzu­stel­len. Es ist davon auszu­ge­hen, dass dieser Präven­ti­ons­auf­trag durch die geplante Novel­lie­rung der §§ 4 und 5 ArbSchG weiter konkre­ti­siert wird. Das ArbSchG könnte somit in Kürze einen expli­zi­ten Hinweis darauf enthal­ten, dass arbeits­be­dingte psychi­sche Belas­tun­gen eine Gefähr­dung der Beschäf­tig­ten darstel­len, die durch eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung zu ermit­teln sind.
Aufga­ben­fel­der der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit
Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit können in Teil­be­rei­chen der Arbeits- und Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gie auf die Präven­tion arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tun­gen hinwir­ken. Die Arbeits- und Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gie befasst sich mit der „Beschrei­bung und Erklä­rung des arbeits­be­zo­ge­nen Erle­bens und Verhal­tens von Perso­nen in Organisationen“14. Darun­ter fallen auch die Unter­su­chungs­ge­gen­stände, die im Trich­ter­mo­dell als Einfluss­grö­ßen für die psychi­sche Belas­tung bei der Arbeit aufge­führt sind (Arbeits­in­halt, Arbeits­mit­tel, Arbeits­platz, Arbeits­or­ga­ni­sa­tion, Arbeits­um­ge­bung). Diese stel­len die Kern­auf­ga­ben einer Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit dar. So kann eine Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit zum Beispiel über die Arbeits­or­ga­ni­sa­tion große Belas­tungs­fak­to­ren wie Reiz­über­flu­tung durch digi­tale Mediennutzung15 oder Führungs­ver­hal­ten posi­tiv beein­flus­sen.
Inter­dis­zi­pli­näre Heran­ge­hens­weise
Auf das arbeits­be­zo­gene Erle­ben und Verhal­ten wirken außer­dem gesell­schaft­li­che und persön­li­che Fakto­ren ein (z.B. Verein­bar­keit von Fami­lie und Beruf, Sucht­ver­hal­ten). Diese werden von der Arbeits- und Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gie berück­sich­tigt, stehen aber nicht im Zentrum der Betrach­tung. Die Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit kann sich diesen Fakto­ren nur im Zusam­men­spiel mit Vertre­tern ande­rer Diszi­pli­nen (z.B. Betriebs­arzt, Perso­nal­ab­tei­lung, Sozi­al­ar­bei­ter, Psycho­lo­gen) nähern. Insbe­son­dere wenn es um indi­vi­du­elle Verhal­tens­mus­ter wie Sucht geht, ist die Koope­ra­tion mit ande­ren Fach­leu­ten wich­tig: Die Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit ist – sofern sie keine Zusatz­aus­bil­dung absol­viert hat – kein Thera­peut. Abbil­dung 4 auf Seite 6 veran­schau­licht noch­mals die direk­ten Aufga­ben­be­rei­che der Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit in der Arbeits- und Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gie.
Stel­len­wert der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung
Zur Beur­tei­lung arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tun­gen stehen eine ganze Reihe von Instru­men­ten und Hilfs­mit­teln zur Verfü­gung; exem­pla­risch können die „Check­lis­ten zur Erfas­sung von Fehl­be­an­spru­chungs­fol­gen“ (ChEF) und die „Tool­box: Instru­mente zur Erfas­sung psychi­scher Belas­tun­gen“ genannt werden.16 Dennoch führen viele Unter­neh­men keine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung unter Einbe­zug psycho­so­zia­ler Fakto­ren durch: Zum einen werden psychi­sche Belas­tun­gen oft mit psychi­schen Erkran­kun­gen gleich­ge­setzt; die daraus resul­tie­rende Stig­ma­ti­sie­rung hemmt die konse­quente Durch­füh­rung von Gefährdungsbeurteilungen.17 Zum ande­ren bestehen bei vielen Fach­leu­ten – auch bei den Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit – nach wie vor Infor­ma­ti­ons­de­fi­zite, wie psychi­sche Belas­tun­gen mit Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen erfasst werden können. Eine beson­dere Schwie­rig­keit liegt darin, aus der Viel­zahl an zur Verfü­gung stehen­den Analy­se­instru­men­ten das passende auszu­wäh­len.
Stufen­kon­zept zur Erfas­sung psychi­scher Fakto­ren
Vor diesem Hinter­grund empfiehlt sich ein mehr­stu­fi­ges Vorgehen.18 Nach einer ersten Sensi­bi­li­sie­rung von Arbeit­ge­ber, Führungs­kräf­ten und Mitar­bei­tern kommen in der Orien­tie­rungs­phase zunächst nieder­schwel­lige Analyseinstrumente19 zum Einsatz. Mitun­ter ist schon in dieser Stufe eine Ablei­tung von Präven­ti­ons­maß­nah­men möglich. In der Vertie­fungs­phase werden bestimmte Problem­be­rei­che oder Präven­ti­ons­the­men gezielt betrach­tet. Auf dieser Stufe sind spezi­elle Fach­kennt­nisse und die Einbin­dung von weite­ren Exper­ten notwen­dig. In der Umset­zungs­phase werden Verän­de­rungs­maß­nah­men unter Einbe­zie­hung der Mitar­bei­ter getrof­fen und umge­setzt. Ziel ist es, Fehl­be­an­spru­chun­gen durch Maßnah­men in der Verhältnis- und Verhal­tensprä­ven­tion (z.B. Maßnah­men am Arbeits­platz; Ressour­cen­auf­bau der Mitar­bei­ter) vorzu­beu­gen. Auf jeder Stufe ist sicher­zu­stel­len, dass die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen den Haupt­gü­te­kri­te­rien (Objek­ti­vi­tät, Relia­bi­li­tät, Vali­di­tät) entsprechen.20
Posi­ti­ons­be­stim­mung des VDSI
Der VDSI sieht seine Haupt­auf­ga­ben erstens darin, Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit für arbeits­be­dingte psychi­sche Belas­tun­gen zu sensi­bi­li­sie­ren. Die Beur­tei­lung psycho­so­zia­ler Fakto­ren im Rahmen von Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen gehört seit 1996 zu ihrem Aufga­ben­be­reich. Nun wird in Öffent­lich­keit und Fach­welt inten­siv über dieses Thema disku­tiert; Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit soll­ten in der Lage sein, diese Diskus­sio­nen mitzu­ge­stal­ten. Zwei­tens will der VDSI dazu beitra­gen, dass Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit über das notwen­dige Metho­den­in­stru­men­ta­rium verfü­gen, um Arbeit­ge­ber, Führungs­kräfte und Beschäf­tigte im Hinblick auf arbeits­be­dingte psychi­sche Belas­tung zu bera­ten und zu unter­stüt­zen. Der VDSI arbei­tet daher mit dem Insti­tut für ange­wandte Arbeits­wis­sen­schaft (ifaa) an der Entwick­lung eines Quali­fi­zie­rungs­kon­zep­tes. Außer­dem hat der VDSI einen Arbeits­kreis Psychi­sche Belas­tun­gen und Bean­spru­chun­gen ins Leben geru­fen, der neben einem regel­mä­ßi­gen Erfah­rungs­aus­tausch und Fach­ver­öf­fent­li­chun­gen auch das Arbeits­pro­gramm „Schutz und Stär­kung der Gesund­heit bei arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tung“ der Gemein­sa­men Deut­schen Arbeits­schutz­stra­te­gie (GDA) beglei­ten wird. Die DGUV Vorschrift 2 bietet nach Auffas­sung des VDSI große Poten­ziale zur Redu­zie­rung arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tung: Unter­neh­men können im Rahmen der betriebs­spe­zi­fi­schen Betreu­ung entspre­chende Maßnah­men umset­zen. Voraus­set­zung ist aller­dings, dass die Betriebe nicht nur die Grund­be­treu­ung, sondern auch die betriebs­spe­zi­fi­sche Betreu­ung in Auftrag geben. Dies muss von den Aufsichts­per­so­nen und Aufsichts­be­hör­den entspre­chend kontrol­liert werden.
Zusam­men­fas­sung
Die Zahl psychi­scher Erkran­kun­gen ist ohne Frage hoch, zu klären bleibt aber, inwie­weit dies auf einer mögli­chen Verschie­bung im Diagno­se­spek­trum beruht. Arbeits­ver­dich­tung, Leis­tungs­druck, auch Reiz­über­flu­tung durch digi­tale Medien führen zu arbeits­be­ding­ten psychi­schen Belas­tun­gen, wobei Studien auf eine Stagna­tion der Belas­tungs­in­ten­si­tät auf hohem Level hindeu­ten. Der Schutz der Beschäf­tig­ten vor arbeits­be­ding­ter psychi­scher Belas­tung ist im ArbSchG veran­kert; dieser Präven­ti­ons­auf­trag wird voraus­sicht­lich weiter konkre­ti­siert. Die Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit kann in Teil­be­rei­chen der Arbeits- und Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gie tätig werden, um diesen Belas­tun­gen entge­gen­zu­wir­ken. Auf der Grund­lage von Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen lassen sich Maßnah­men in der Verhaltens- und Verhält­nis­prä­ven­tion ablei­ten, deren Umset­zung die Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit in Zusam­men­ar­beit mit dem Betriebs­arzt initi­ie­ren, beglei­ten und steu­ern kann. Eine ganz­heit­lich verstan­dene Präven­ti­ons­ar­beit im Hinblick auf psychi­sche Belas­tun­gen kann sich nicht nur auf den Bereich des Unter­neh­mens bezie­hen. Insbe­son­dere wenn die Belas­tungs­fak­to­ren im Beschäf­tig­ten selbst oder in der Gesell­schaft liegen, besteht für die Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit die zwin­gende Notwen­dig­keit zur Koope­ra­tion mit ande­ren Diszi­pli­nen wie Betriebs­ärz­ten, Arbeits­wis­sen­schaft­lern, Psycho­lo­gen oder Sozi­al­ar­bei­tern.
Lite­ra­tur
  • BAuA (Hrsg.): Stress­re­port Deutsch­land 2012. Die wich­tigs­ten Ergeb­nisse (Kurz­fas­sung). Dort­mund, 2013, S. 1–4.
  • BAuA (Hrsg.): Stress­re­port Deutsch­land 2012. Psychi­sche Anfor­de­run­gen, Ressour­cen und Befin­den. Dort­mund, Berlin, Dres­den, 2012, S. 178.
  • BG ETEM (Hrsg.): Psychi­sche Fakto­ren am Arbeits­platz. Eine schnelle Hilfe zur Selbst­ana­lyse für Unter­neh­me­rin­nen, Unter­neh­mer und Führungs­kräfte. Köln (ohne Jahres­an­gabe).
  • BMAS / BAuA (Hrsg.): Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit 2011. Unfall­ver­hü­tungs­be­richt Arbeit. Dort­mund, Berlin, Dres­den 2013, S. 56.
  • Böckel­mann, Irina und Rein­gard Seibt: Metho­den zur Indi­ka­tion vorwie­gend psychi­scher Berufs­be­las­tung und Bean­spru­chung – Möglich­kei­ten für die betrieb­li­che Praxis. Aus: Zeit­schrift für Arbeits­wis­sen­schaft, Jg. 65, 2011, Heft 3, S. 209.
  • Bonne­mann, Susanne: Der Stress mit dem Stress. In: etem – Maga­zin für Präven­tion, Reha­bi­li­ta­tion und Entschä­di­gung, Heft 2/2012, S. 8–11.
  • Csiks­zent­mi­ha­lyi, Mihaly: Das Flow-Erlebnis. Stutt­gart, 11. Auflage 2010.
  • DAK-Gesundheit (Hrsg.): DAK-Gesundheitsreport 2013. Hamburg, Berlin, 2013, S. 104.
  • Kipar­ski, Rainer von: Kommu­ni­ka­tion mit Augen­maß. Der Einfluss digi­ta­ler Kommu­ni­ka­ti­ons­mit­tel auf die Reiz­über­flu­tung am Arbeits­platz. In: Sicher­heits­in­ge­nieur, Ausgabe 6/2010, S. 2–5.
  • Normen­reihe DIN EN ISO 10075 „Ergo­no­mi­sche Grund­la­gen bezüg­lich psychi­scher Arbeits­be­las­tung“, Teil 1: Allge­mei­nes und Begriffe (Ausga­be­da­tum 11/2000), Teil 2: Gestal­tungs­grund­sätze (Ausga­be­da­tum 06/2000), Teil 3: Grund­sätze und Anfor­de­run­gen an Verfah­ren zur Messung und Erfas­sung psychi­scher Arbeits­be­las­tung (Auga­be­da­tum 2004). Erschie­nen im Beuth-Verlag, Berlin.
  • Maier, Günther W.: Arbeits- und Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gie. In: Gabler Verlag (Hrsg.): Gabler Wirt­schafts­le­xi­kon. Down­load unter: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/78096/arbeits-und-organisationspsychologie-v4.html. Rohmert, Walter: Das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept. In: Zeit­schrift für Arbeits­wis­sen­schaft, Jg. 38, 1984, Heft 4, S. 193–200.
  • Schnei­der, Gerald: Quali­täts­leit­li­nie Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung. In: die BG. Betrieb­li­che Präven­tion und Unfall­ver­si­che­rung (BPUVZ), 123. Jg., Ausgabe 10/2011, S. 450–454.
  • Psychi­sche Erkran­kun­gen werden Massen­phä­no­men“, aus: Die Welt online vom 2.5.2013. Down­load unter: http://www.welt.de/wirtschaft/article115798811/Psychische-Erkrankungen-werden-Massenphaenomen.html
  • Winde­muth, Dirk, Detlev Jung und Olaf Peter­mann: Das Drei­ebe­nen­mo­dell psychi­scher Belas­tun­gen im Betrieb. In: Winde­muth, Dirk et. al. (Hrsg.): Praxis­hand­buch psychi­sche Belas­tun­gen im Beruf. Wies­ba­den 2009, S. 13–15.
  • Winde­muth, Dirk: Psychi­sche Belas­tun­gen und Gesund­heit. In: DGUV Forum, Heft 6/2012, S. 11 f.
  • Zschie­sche, Wolf­gang: Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Fakto­ren im Betrieb. Vortrag auf dem 9. Nord­ba­di­schen Forum „Gesund­heit und Sicher­heit bei der Arbeit“ am 18./19. April 2013 in Mann­heim. Down­load unter: http://www.rg-web.de/veranstaltungen/details/78-mannheim-as-2013.
  • Zülch, Gert und Rainer von Kipar­ski (Hrsg.): Messen, Beur­tei­len und Gestal­ten von Arbeits­be­din­gun­gen (= Schrif­ten­reihe Ergo-Med, Band 4). Heidel­berg, 1999, S. 4 f.
  • 1 BMAS / BAuA (Hrsg.): Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit 2011. Unfall­ver­hü­tungs­be­richt Arbeit. Dort­mund, Berlin, Dres­den 2013, S. 56.
  • 2 „Psychi­sche Erkran­kun­gen werden Massen­phä­no­men“, aus: Die Welt online vom 2.5.2013. Down­load unter: http://www.welt.de/wirtschaft/article115798811/Psychische-Erkrankungen-werden-Massenphaenomen.html.
  • 3 DAK-Gesundheit (Hrsg.): DAK-Gesundheitsreport 2013. Hamburg, Berlin, 2013, S. 104.
  • 4 BAuA (Hrsg.): Stress­re­port Deutsch­land 2012. Psychi­sche Anfor­de­run­gen, Ressour­cen und Befin­den. Dort­mund, Berlin, Dres­den, 2012, S. 178.
  • 5 Winde­muth, Dirk: Psychi­sche Belas­tun­gen und Gesund­heit. In: DGUV Forum, Heft 6/2012, S. 11 f.
  • 6 Böckel­mann, Irina und Rein­gard Seibt: Metho­den zur Indi­ka­tion vorwie­gend psychi­scher Berufs­be­las­tung und Bean­spru­chung – Möglich­kei­ten für die betrieb­li­che Praxis. Aus: Zeit­schrift für Arbeits­wis­sen­schaft, Jg. 65, 2011, Heft 3, S. 209.
  • 7 Zur Defi­ni­tion vgl. Normen­reihe DIN EN ISO 10075 „Ergo­no­mi­sche Grund­la­gen bezüg­lich psychi­scher Arbeits­be­las­tung“, Teil 1–3.
  • 8 Rohmert, Walter: Das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept. In: Zeit­schrift für Arbeits­wis­sen­schaft, Jg. 38, 1984, Heft 4, S. 193–200.
  • 9 Zülch, Gert und Rainer von Kipar­ski (Hrsg.): Messen, Beur­tei­len und Gestal­ten von Arbeits­be­din­gun­gen (= Schrif­ten­reihe Ergo-Med, Band 4). Heidel­berg, 1999, S. 4 f.
  • 10 Ebd., S. 32 f.
  • 11 Csiks­zent­mi­ha­lyi, Mihaly: Das Flow-Erlebnis. Stutt­gart, 11. Auflage 2010.
  • 12 BAuA (Hrsg.): Stress­re­port Deutsch­land 2012. Die wich­tigs­ten Ergeb­nisse (Kurz­fas­sung). Dort­mund, 2013, S. 1–4.
  • 13 Winde­muth, Dirk, Detlev Jung und Olaf Peter­mann: Das Drei­ebe­nen­mo­dell psychi­scher Belas­tun­gen im Betrieb. In: Winde­muth, Dirk et. al. (Hrsg.): Praxis­hand­buch psychi­sche Belas­tun­gen im Beruf. Wies­ba­den 2009, S. 13–15.
  • 14 Maier, Günther W.: Arbeits- und Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gie. In: Gabler Verlag (Hrsg.): Gabler Wirt­schafts­le­xi­kon. Down­load unter: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/78096/arbeits-und-organisationspsychologie-v4.html.
  • 15 Kipar­ski, Rainer von: Kommu­ni­ka­tion mit Augen­maß. Der Einfluss digi­ta­ler Kommu­ni­ka­ti­ons­mit­tel auf die Reiz­über­flu­tung am Arbeits­platz. In: Sicher­heits­in­ge­nieur, Ausgabe 6/2010, S. 2–5.
  • 16 Down­load unter: www.baua.de.
  • 17 Zschie­sche, Wolf­gang: Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Fakto­ren im Betrieb. Vortrag auf dem 9. Nord­ba­di­schen Forum „Gesund­heit und Sicher­heit bei der Arbeit“ am 18./19. April 2013 in Mann­heim. Down­load unter: http://www.rg-web.de/veranstaltungen/details/78-mannheim-as-2013.
  • 18 Vgl. ebd. sowie Bonne­mann, Susanne: Der Stress mit dem Stress. In: etem – Maga­zin für Präven­tion, Reha­bi­li­ta­tion und Entschä­di­gung, Heft 2/2012, S. 8–11.
  • 19 Exem­pla­risch kann der „psy.Risk©-10-Faktorentest“ genannt werden; vgl. BG ETEM (Hrsg.). 20 Schnei­der, Gerald: Quali­täts­leit­li­nie Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung. In: die BG. Betrieb­li­che Präven­tion und Unfall­ver­si­che­rung (BPUVZ), 123. Jg., Ausgabe 10/2011, S. 450–454.
Autor
Prof. Dr. Rainer von Kipar­ski ist Vorstands­vor­sit­zen­der des Verban­des Deut­scher Sicher­heits­in­ge­nieure (VDSI) und Präsi­dent der Fach­ver­ei­ni­gung Arbeits­si­cher­heit (FASI). Haupt­be­ruf­lich ist er Inha­ber der Unter­neh­mens­be­ra­tung Arbeits- und Gesund­heits­schutz. Seit vielen Jahren ist er als Hono­rar­pro­fes­sor an der Univer­si­tät Karls­ruhe tätig.
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